Harry wusste nicht mehr wie lange sie sich schon an den Drachen klammerten. Es mussten inzwischen Stunden seit der legendären Flucht aus Gringotts vergangen sein. Seine Hände waren blutleer und eiskalt. Seine Muskeln waren steif und der andauernde eisige Wind schüttelte ihn erbarmungslos. Dennoch konnten sie nicht loslassen. Nun war nicht der richtige Zeitpunkt für Schwäche. Er hob langsam seinen Kopf und warf einen Blick nach vorne. Severus hielt einen Kopf an den Drachen und versuchte so dem Wind und der Kälte habhaft zu werden, dennoch konnte Harry sehen wie sehr der Mann zitterte. Hermine konnte er nicht ganz erkennen, aber er glaubte zu sehen, dass es ihr die Kälte nicht halb so viel ausmachte wie ihren Gefährten. Harry durchzog ein Neidgefühl. Verdammte Werwölfe. Er schrie etwas nach vorne und hoffte somit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu können. Schließlich konnten sie nicht ewig auf den Drachen Richtung Norden fliegen. Als ob der Drache ihn erhört hatte, verlor er stetig an Höhe und flog knapp über einen See hinweg. Harry sah Severus und Hermine sich aufrichten. „Spring!" schrie Hermine und stieß sich vom Drachen ab. Severus zögerte ein wenig und tat es ihr gleich. Als Harry in die Kälte des Sees tauchte wurde ihm schwarz vor Augen. Es fühlte sich an wie tausend Nadelstiche. Seine Haut, welche von den Verbrühungen noch immer nicht geheilt war, brannte mit einer Intensität als wäre er in einen Vulkan gefallen. Auf einmal fühlte er sich fremd in seinen Körper und er sah Voldemort vor sich. Als ob er ein stiller Beobachter war, konnte er ihn in Gringotts sehen und er war wütend. Sehr sogar. Er hatte Harry durchschaut. Er wusste was sie vor hatten. Der einst edle Marmorboden war mit Blut getränkt als Vodlemort mit seiner Schlange sprach. Schnell und zischend, nur für einen Parselmund verständlich, sprach er fast zärtlich mit dem Tier und beschwor es, seine Nähe nicht zu verlassen. Das Ungeheuer musste einer der zwei letzten Horcruxe sein. Dann sah er Hogwarts und das blaue Wappen Ravenclaws. Vor seinem inneren Auge tauchte auch Severus und ein Zauberstab auf. Harry spürte den Hass und die Wut die seinen Körper konsumierten. Auf einmal fühlte er wie jemand in seinen Geist eindringen wollte und spürte einen harten Ruck der ihn in die Realität zurückbrachte. Severus stand über ihn und schüttelte ihn. Er sah zumindest so mies aus wie Harry sich fühlte. Müde und ausgelaugt, mit Schrammen und Blutergüssen übersäht sah er ihn besorgt an. Hinter ihm kramte Hermine hektisch in ihrer Tasche als sie endlich das gesuchte Fläschchen fand. Sie hirschte zu ihm herüber und tröpfelte Severus und ihm einige Tropfen über die verbrannte Haus. Sofort zeigte die Tinktur Wirkung und die Blasen verschwanden. „Es ist die Schlange, ich habs gesehen, wir müssen die Schlange vernichten. Und Hogwarts. Der andere hat etwas mit Ravenclaw zu tun!" Harry keuchte und zitterte. Trotz Severus Wärmezaubers konnte er die Kälte aus seinem Körper nicht verbannen. „Das heisst wir müssen nach Hogwarts." stellte Severus emotionslos fest. Seine Stimme betrog seine Zuhörer mit Gelassenheit und Gleichgültigkeit, denn in seinem Inneren vermochte allein die Vorstellung an Hogwarts eine Übelkeit herbeizubeschwören. Hogwarts war zwar sein zu Hause, das einzige was er kannte, jedoch brachte es unweigerlich eine Flut an schmerzhaften Erinnerungen mit sich. Von seiner Jugend an bis zu der Nacht am Fuße des Astronomieturm plagten ihn seine vergangene Taten und Erlebnisse. Er wusste er würde es nie überwinden können, dennoch hatte er es geschafft die letzten Monate mit der Hermine an seiner Seite die Vergangenheit zumindest ruhen zu lassen. Dumbledores Körper der leblos zusammensackte und in die stille Tiefe sank plagte ihn nicht mehr in seinen Träumen und auch Lilys Gesicht, trotz konstanter Erinnerung durch Harry, verblasste allmählich. Doch Hogwarts würde die heilenden Wunden wieder aufreißen und ihn nicht zu Ruhe kommen lassen. Dennoch, es war der einzige Weg. Es war einer der letzten Schritte zu Voldemorts Vernichtung. Er spürte Hermines Blick auf sich und entschied ihn zu ignorieren, das letzte was er jetzt brauchte war sie in Unruhe zu versetzen.
Als sie in Hogsmead ankamen ertönte sofort der Alarm. Wütende Schreie waren von verschiedenen Richtungen zu hören und sie mussten sich verstecken. Severus dachte daran Harry unter den Tarnumhang alleine los zu schicken und die Wachen abzulenken, doch Hermine, als ob sie genau wusste was er vorhatte hielt ihn auf. Als die Rufe lauter wurden öffnete sich eine Türe eines alt aussehenden Hauses und eine Hand deutete ihnen hineinzukommen. Harry zögerte doch Severus wusste, sie hatten keine andere Chance. Die drei liefen zur Türe und konnten sie unbemerkt verschließen. „Aberforth?" Severus keuchte als er den Mann im inneren bemerkte. Harry und Hermine sahen fragend zwischen den Männern hin und her. Aberforth stand Severus in seiner Körpergröße um nichts nach und hatte einen beachtlichen weiß gräulichen Bart. „Snape? Ich muss sagen- nun bin ich überrascht. Hätte nicht gedacht Sie ausgerechnet in der Gesellschaft zu sehen." „Aberforth ...Dumbledore?" Hermine wusste die Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Zauberer war kein Zufall. Harry starrte verdutzt auf den Mann. „Ich wusste nicht, dass Dumbledore einen Bruder hatte." „Es gibt einiges was du nicht über diesen Mann weißt." Aberforth sprach mit einer Bitterkeit die auf einen tiefgreifenden Schmerz schließen ließen. Harry konnte nicht anders als sich verletzt zu fühlen. Man könnte meinen nach allem was er mit dem Mann erlebt hatte, würde dieser etwas mehr von sich preis geben. Aber nun wurde ihm klar, wie wenig er doch von seinem Mentor wusste. Severus und Aberforth unterhielten sich über die derzeitige Situation in Hogwarts während Hermine und Harry sich in dem düsteren Raum umsahen. Severus beobachtete Harry aus dem Augenwinkel. Er wusste, dass Harry seine Rolle in dieser Geschichte allmählich in Frage stellte. Er hatte oft überlegt ob er ihm seinen Part offenbaren sollte, dennoch hatte Dumbledor ausdrücklich gesagt, er musste es im Letzt möglichen Moment erfahren, keine Sekunde früher. Und Severus musste auf Dumbledores Urteil vertrauen. Aberforth wandte sich von Severus ab und sagte einem Mädchen in einem verblichenen Portrait ein paar Worte. Als sie verschwand kam sie mit Gesellschaft einmal schwang das Portrait auf und vor ihnen stand niemand geringerer als ein ausgezehrter Neville Longbottom. Dieser strahlte Harry und Hermine an, als sein Blick jedoch auf Severus fiel versteinerte er sich. Er brachte kein Wort heraus und starrte ihn mit angsterfülltem Blick an. Severus seufzte und verdrehte die Augen, der Junge trieb ihn immer noch zur Verzweiflung. Er setzte an etwas zu sagen, spürte jedoch sofort Hermines Ellbogen in seinen Rippen. Er atmete tief durch und presste ein erzwungen freundliches „Longbottom." Nevilles Blick wechselte zwischen Severus, Harry und Hermine. Schließlich löste er sich aus seiner Starre und begrüßte seine Freunde. „Ich denke es ist das beste ihr begleitet Mister Longbottom nach Hogwarts und ich trommle den Orden zusammen." Severus Stimme blieb kalt und gleichgültig wie immer jedoch mied er Hermines stechenden Blick vehement und hoffte sie würde einlenken. „Harry geht mit Neville, ich komme mit dir." Hermines Stimme hatte eine Endgültigkeit die jegliche Diskussion zunichte machte. Neville zog seine Brauen hoch und setzte an etwas zu sagen, wurde aber von Harry unterbrochen. „Frag nicht, ich klär dich dann auf. Gehen wir." Harry drängte seinen Freund in den Tunnel und nickte Hermine und Severus zu bevor er in der Dunkelheit verschwand.
Hermine und Severus machten sich auf den Weg zum Fuchsbau. Als Hermine im Kamin stand und das Flohpulver fallen lassen wollte sah sie Aberforth mit festem Blick an. „Ich weiß, dass sie ihren Bruder aufgegeben haben. Aber wir nicht. Und wir werden kämpfen." Sie wurde von stechend grünen Flammen umschlungen und verschwand. Aberforth sah Severus lange an und sagte „Ihr glaubt ihr findet im Kampf Ruhm und Sieg, aber ihr werdet nur Dunkelheit und Tod finden. Alles was Albus anfasst verwelkt, wie zu guter Letzt er selbst." Severus ging wortlos zu dem Kamin und verschwand wie Hermine zuvor darin.
