Ich hatte ihn ewig nicht gesehen. Ich sah seinen Sohn, wenn mein Sohn ihn zu sich einlud, heimlich natürlich und unter der Annahme, dass ich es nicht bemerken würde. Als wäre es überhaupt möglich, dass mir irgendetwas entginge, dass unter meinem Dach vor sich geht. Ich bin ein Slytherin und ein Meister des Versteckspiels – vermutlich wusste ich sogar vor Scorpius, was sein Interesse an dem Potter-Jungen bedeutete. Ich hatte es schließlich selbst erlebt.
Albus ähnelte ihm, ähnelte ihm sogar so sehr, dass es mich schmerzte, ihn auch nur anzusehen. Das war wohl auch der Grund, weswegen ich die Beziehung der beiden bisher nicht anerkannt habe. Undenkbar, ihm während eines legeren Abendessens gegenüber zu sitzen, in diese bekannten grünen Augen zu blicken, dieses Lachen zu hören und dabei zu verbergen, was ich fühle. Ich habe meinen Sohn nie beneidet, schließlich wollte ich, dass er die Möglichkeiten hat, die mir verwehrt blieben. Trotzdem schmerzte es mich, sie zu sehen, und so ignorierte ich es einfach, auch wenn ich Scorpius damit vermutlich mehr weh tat, als es unter anderen Umständen nötig gewesen wäre.
Mit Lilly war das anders. Sie hatte mehr etwas von Ginevra – ich könnte mich nie dazu durchringen, sie Ginny zu nennen, schließlich waren Kosenamen etwas für Leute, die man mochte und es gab wohl niemanden, den ich mehr hasste – mal abgesehen von den Augen. Von dem, was ich über seine Mutter wusste, war sie vermutlich ein Ebenbild von Lilly Evans, sehr passenderweise, wenn man die Auswahl ihres Namens bedachte.
Ich dachte, dass ich damit klar kommen würde. Außerdem hatte sie mich am Haken, als sie so beiläufig erwähnte, dass ihr Vater mich empfohlen hatte. Der Gedanke, dass er vielleicht noch ab und an an mich dachte, erfüllte mich mit einer ungeheuren Spannung.
Ihre Augen allerdings machten es mir schwerer, als ich erwartet hatte. Ich war merkwürdig erleichtert und gleichzeitig enttäuscht, wenn sie nervös von mir wegsah und rote Haarsträhnen das Grün verdeckten und mich daran erinnerten, dass das hier nicht er war. Alles in allem hatte ich mich aber besser unter Kontrolle, als ich es mir selbst zugetraut hatte. Ich war zynisch, kühl und arrogant. Ich war das Bild, dass ich selbst von mir hatte entstehen lassen.
Aber jetzt stand er hier, klopfte sich lässig den Staub von seinem Umhang, und stieg aus dem Kamin als würde er hier dauernd ein und aus spazieren. Als wäre es nicht schon Jahre her, dass er das das letzte Mal getan hatte und als würde ihm nicht einmal auffallen, dass ich die Flohpulver-Leitung zwischen meinem und dem Riddle-Kamin aufrecht erhalten hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir gar nicht richtig klar gewesen, weswegen ich diesen Weg völlig meinem sonstigen Sicherheitswahn widersprechend nicht verschlossen hatte, sowie ich den Rest meines Hauses versiegelt hatte. Alles, jedes Fenster, jeder Quadratzentimeter Rasen, selbst die Luft über meinem Dach bis zu einer gewissen Höhe war mehrfach gesichert – nur dieser Gang direkt in mein Schlafzimmer hinein war noch geöffnet. Und das auch nur für einen Kamin und für eine Person. Ich hätte über meine Besessenheit gelacht, wenn es nicht so abgrundtief traurig gewesen wäre.
„Potter", sagte ich dann leise, nachdem ich ihm ein paar Sekunden emotionslos bei seiner Tätigkeit zugesehen hatte, und umfasste mein Scotch-Glas so fest, dass ich fast überrascht war, dass es nicht in meiner Hand zerbarst, „was tust du hier?"
„Draco", erwiderte er, und seine Stimme klang atemlos, seine Augen voller Emotionen, die ich schon viel zu lange nicht gesehen hatte, „du musst… du musst…"
„Was?" fragte ich, und meine Stimme klang ungewollt kühler als ich es beabsichtigt hatte. Aber ich hatte es noch nie gut vertragen, wenn jemand mir Befehle geben wollte, und er war anscheinend auf dem besten Weg dorthin.
„Du musst aufhören, sie zu sehen", sagte er dann, und ich runzelte leicht die Stirn, einen Augenblick lang nicht wissend, von wem er sprach. Dann dämmerte es mir und meine Verwirrung verstärkte sich.
„Wie bitte?" hakte ich nach und stellte mein Glas vorsichtig auf den Tisch, einen Schritt auf ihn zu machend, woraufhin er um den gleichen Abstand zurückwich, was ich mit einem unwirklich heftigen Schmerz registrierte – nach all den Jahren hatte sich anscheinend nicht viel geändert, „sie hat mich darum gebeten. Es wäre sehr unhöflich von mir, das Ganze jetzt abzublasen."
„Du bist unhöflich", erinnerte er mich mit einem kleinen Lächeln, und ich hätte es nur zu gerne erwidert. Stattdessen blieb ich ernst und legte leicht meinen Kopf schief.
„Du weichst mir aus, Potter", stellte ich fest, und er seufzte.
„Du hast keine Ahnung, was du ihr… und mir… antust", sagte er dann, und ich gestattete mir ein spöttisches Lachen.
„Und wieso sollte mich das kümmern?" fragte ich kalt und registrierte mit einem gewissen Grad an perverser Befriedigung, wie er zusammen zuckte, „dich hat es auch nicht geschert, was mit mir war, oder? Wieso sollte es jetzt anders sein? Ich bin kein Märtyrer, Potter. Schon lange nicht mehr. Du hast mich davon geheilt."
Er biss sich auf die Unterlippe, so fest, dass ich befürchtete, er würde gleich zu bluten anfangen. „Ich bitte dich darum", flüsterte er leise, und seine Verzweiflung stachelte mich nur noch weiter an.
„Zieh dir nicht die Opfer-Rolle an", sagte ich und verengte meine Augen, „dir steht die Aufmachung des tapferen Helden viel besser." Mein Sarkasmus traf ihn, das konnte ich sehen, und er wandte den Blick ab. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass er sich verändert hatte. Die Jahre waren an ihm nicht so spurlos vorübergegangen wie an mir, und ich dankte kurz meinen Eltern für ihre Gene, die das Alter so sacht mit mir umgehen ließen. Sein einst pechschwarzes Haar wies einige Fäden von Silber auf, und er hatte kleine Falten um die Augen, die früher nicht da gewesen waren. Dann hob er den Kopf, und mein Blick begegnete seinem. Seine Augen waren noch immer von diesem Grün, dass ich unlängst wieder in dem Gesicht seiner Tochter gesehen hatte, und ich schluckte unwillkürlich, mich wieder unsäglich jung fühlend.
„Du siehst noch genauso aus wie früher", meinte er plötzlich völlig zusammenhangslos und hob die Hand, um sanft die Narbe an meinem Hals zu berühren – eine Narbe, die er selbst mir zugefügt hatte, „bis auf das."
Ich schluckte erneut, und schob sanft seine Hand beiseite. „Das letzte Mal, als du mich gesehen hast, hat sie auch geblutet", erwiderte ich ruhig, und er nickte bloß und beugte sich dann so unerwartet vor, dass ich keine Chance hatte, zu reagieren, ehe sich seine Lippen sanft auf meinen Hals legten, genau auf den Schnitt, den er mir vor so langer Zeit zugefügt hatte und den ich einfach nicht magisch verschwinden lassen wollte sowie die anderen Narben, die ich während des Krieges abbekommen hatte. Ich erschauerte und schloss meine Augen, schon fast bereit, mich wieder fallen zu lassen, als mir langsam bewusst wurde, was ich erneut bereit war, zu riskieren. Aber dieses Mal nicht.
Ich riss meine Augen wieder auf, stieß ihn in die Flammen und griff geistesgegenwärtig in das Töpfchen Flohpulver neben dem Kamin. Sein Blick hob sich, offenbarte diesen Ausdruck von verschleierter Lust und Verständnislosigkeit, die so typisch für ihn waren, dass meine Kehle sich viel enger und trockener anfühlte, als es mir recht war.
„Riddle Haus", rief ich heiser, und er verschwand in einem Aufwallen grüner Flammen. Das letzte, was ich von ihm sah, war eine unpassende Miene umfassender Trauer, ehe das Feuer ihn verschluckte.
Ich sackte kraftlos auf dem Boden zusammen und verfluchte mich nicht zum ersten Mal für meine eigene Schwäche.
XXX
Das nächste Mal war es viel einfacher. Sie hatte schlecht geschlafen, hatte vor Aufregung nur völligen Schwachsinn geträumt und war so gerädert aufgewacht, dass sie einen Moment lang fürchtete, zum allerersten Mal in ihrem jungen Leben – und dann auch noch zum denkbar unpassensten Zeitpunkt – Augenringe zu haben. Diese Angst stellte sich jedoch als unbegründet heraus, ihr Gesicht war so frisch und makellos wie eh und je, und nachdem sie sich ein wenig an dem Make-Up bediente, dass sie eigentlich für besondere Gelegenheiten beiseite gestellt hatte, unterstrich sie diesen Fakt auch noch weiter. Sie entschied sich für ein leichtes, weißes Sommerkleid, dass ihre jugendlichen Kurven unterstrich, und steckte sich die Haare hoch. Als sie so die Treppe heruntergekommen war, hatte ihr Vater fragend eine Braue gehoben, und nachdem sie ihm mit einem Lächeln erklärt hatte, dass sie heute wieder zu Draco gehen würde, war für einen kurzen Moment so etwas wie Panik über seine Züge geflattert. Dann jedoch hatte er bloß gelächelt, an seinem Kaffee genippt und leichthin gemeint, dass sie bloß aufpassen sollte – der Slytherin habe schon in Hogwarts Dutzende von Herzen gebrochen. Sie war schlagartig rot geworden, hatte beteuert, dass ihr Interesse an Malfoy rein auf ihre Arbeit bezogen war, und war dann schnellstmöglich aus der Küche geflüchtet. Sie konnte die Blicke ihres Vaters noch auf sich spüren, als sie schon längst im Garten war und sich wegapparierte.
Als sie aber nun endlich vor der schon bekannten Tür der Malfoys stand, brauchte sie keine extra Minuten, um sich Mut anzusammeln. Sie klopfte augenblicklich an, innerlich schon voller Ungeduld darauf, ihn wiederzusehen, und nur Augenblicke später schwang die Tür auch schon auf und gab den Blick auf Draco Malfoy frei, heute ganz in schwarz – schwarze Hose, schwarze Schuhe, schwarzes Hemd, schwarzer Gürtel und ein kleines, schwarzes Lederband um seinen Hals, das seine ganze Erscheinung viel jünger wirken ließ. Ihr stockte der Atem, und sein breites Lächeln machte das auch nicht viel besser.
„Auf die Minute pünktlich", begrüßte er sie, nahm ihre Hand und setzte spielerisch einen formvollendeten Handkuss darauf. Ihr Herz setzte für einen Schlag aus und sie bekam kaum mit, wie er sie in das Haus zog. „Sie sehen übrigens blendend aus, Miss Potter", meinte er dann, während er sich galant ihre Hand auf den Unterarm legte und sie durch die Villa führte.
„Lilly", verbesserte sie, allmählich ihren Verstand wieder zum Arbeiten bewegen könnend, und hing dann in Anbetracht des Kommentars ihres Vaters an: „…und ich wette, solche Komplimente machen Sie jeder Frau."
Er lächelte und drückte ihre Hand, ehe er eine Tür zu seiner rechten aufstieß und einen weiteren ihr bislang unbekannten Raum offenbarte. „Nur den schönen, Miss… Lilly. Und wenn wir schon soweit sind, nennen Sie mich doch Draco."
Sie errötete wieder und nickte dann, von der lockeren Art ihres Gastgebers gleichzeitig begeistert und überrascht. „Wir haben heute leider nicht viel Zeit, aber dieses Mal warne ich Sie vor. Ich habe noch einen Termin", meinte er dann, und sie konnte nur schwerlich ihre Enttäuschung überspielen.
„Oh", machte sie nur, und er ließ sich in einen riesigen grünen Ohrensessel fallen und überschlug so locker die Beine, dass sie sich erneut fast gewaltsam daran erinnern musste, dass er über vierzig und sie noch nicht einmal zwanzig war.
„Ja, es ist ein Jammer. Morgen könnte ich allerdings, sagen wir gegen Eins? Sie können zum Lunch dableiben und gleich meinen Sohn etwas näher kennen lernen. Scorpius, Sie erinnern sich?"
Sie nickte stumm, zu überwältigt von der Vorstellung, mit diesem Mann zu essen, als eine Antwort formulieren zu können. Vermutlich würde sie keinen einzigen Bissen runterbringen. Noch dazu war sie nicht gerade von der Idee entzückt, dass Scorpius auch anwesend sein würde – sie wollte Draco nicht teilen, nicht einmal mit seinem Sohn, so ungerechtfertigt das auch sein mochte.
„Sehr schön. Na dann, legen Sie ruhig los. Ich bin bereit." Er lächelte erneut auf diese jungenhafte Weise, die ihr Herz zu einem Stakkato anregte, und ihr fiel erst jetzt auf, dass sie noch immer in der Tür stand anstatt auf einer der restlichen Sitzmöglichkeiten Platz zu nehmen. Hastig ließ sie sich in einem kleinen, schwarzen Sessel nieder und holte ihre Notizen hervor.
„Was war für Sie das Schlimmste, was Sie unter Lord Voldemort tun mussten?" fragte sie dann ohne weiteres Vorgeplänkel und hob den Blick, auf seine Reaktion gespannt.
Seine Brauen zogen sich zusammen und er faltete die Hände vor seinem Bauch, während er kurz auf seine Unterlippe biss, eine unschuldige Geste, die seine Lippen noch röter als gewöhnlich hervor treten ließ und sie in einer komischen Kopie das gleiche tun ließ. Seine Augen flackerten kurz zu ihr herüber, und zum ersten Mal seit ihrer Begegnung sah sie Unsicherheit in seinen Augen. „Sind Sie sicher, dass Sie das hören wollen?"
Sie schluckte und rang einen Moment mit sich selbst. Wollte sie das wirklich? Es war keine Frage, ob es für ihre Arbeit wichtig war – für ihr Projekt war diese Frage sogar eine der Kernpunkte – aber die Möglichkeit, dass all ihre jüngst für den Malfoy entwickelten Gefühle vielleicht verschwinden könnten, wenn er unerwartete Greueltaten offenbarte, berührte sie mehr, als es ihr lieb war. Wie hatte sich Draco Malfoy innerhalb von nur zwei Gesprächen so tief in ihr Innerstes fortbewegt? „Ja", erwiderte sie dann irgendwann, und er nickte nur.
„Gut", sagte er, sah kurz auf seine Fingernägel und polierte sie dann unnötigerweise an seinem Revers, „das Schlimmste, was ich je getan habe, war der Mord an Alastor Moody."
Sie schnappte scharf nach Luft und starrte ihn wild an. „Sie haben…?" flüsterte sie leise, und er nickte nur, sein Gesicht eine Maske.
„Wir haben Potter... Ihren Vater… gejagt. Ich gehörte zu den Bodentruppen. Das Hauptfeld befand sich in der Luft. Moody wurde von Voldemort getroffen, mitten ins Gesicht. Keine Ahnung, was für ein Fluch es war – dort, wo seine Haut von dem Fluch berührt wurde, schien sein Fleisch einfach zu verdampfen. Er fiel direkt vor meine Füße. Ich konnte ihn nur anstarren, konnte nur zusehen, wie allmählich seine Wangenknochen sichtbar wurden und mir der ekelerregende Geruch verbrennender Haut in die Nase stieg." Sein Blick wanderte zum Fenster. „Er… er hat gelächelt. Hat mich ‚Frettchen' genannt und meine Hand genommen und sie auf seine Brust gerichtet. Hat mir gesagt, dass ich einmal im Leben Mut beweisen soll und es einfach tun soll. Und dann hat er…" Er schluckte, schnippte abwesend in die Finger und hielt kurz darauf ein Glas Wasser in der Hand, woraufhin er einen großen Schluck trank. „… hat er sich dafür entschuldigt, dass er mir diese Aufgabe gibt. Ich habe immer noch nichts getan, sah ihn nur an, und sein zerstörtes Gesicht hat sich wütend verzerrt." Er schloss kurz die Augen, während er diese Erinnerungen wieder heraufbeschwor, und für ein paar Augenblicke sah sie einen tiefsitzenden Schmerz auf seinen Zügen. „‚Avada Kedavra', hat er mich angeschrieen, ‚ich bin mir sicher, dass du die Worte noch kennst, Malfoy!' Und dann habe ich es getan. Habe ihn umgebracht. Avada Kedavra. Eines der ersten Opfer des Krieges, einer der besten Auroren, gestorben durch…", er lachte bitter und humorlos auf, „…die Hand eines verängstigten 17jährigen."
Sie schluckte ebenfalls und biss sich auf die Zunge, um nichts Tröstendes zu sagen. Trost, so wusste sie, hatte er weder verdient noch wollte er ihn, dazu war er viel zu stolz. Trotzdem konnte sie nichts gegen die Welle warmen Mitleids tun, die sie überrollte. Sowohl für Moody als auch für ihn selbst, der allem Anschein nach eine Kindheit und Jugend verbracht hatte, deren Schrecken sie sich nicht einmal vorzustellen begann.
„Was hat Voldemort dazu gesagt?" fragte sie schließlich, woraufhin er trocken schnaubte und ihr wieder seinen Blick zuwandte. Alle Lockerheit war von ihm abgefallen und sie sah erneut in das perfekt beherrschte Gesicht von kühler Emotionslosigkeit, das sie bei ihrem ersten Besuch so verunsichert hatte.
„Er hat gelacht", antwortete er ruhig, „hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt, dass er nicht glaubt, dass ich es in mir hätte."
Sie runzelte verwirrt die Stirn, und er verzog leicht die Mundwinkel. „Ach richtig, Scorpius erzählte bereits, dass ihr in Hogwarts längst nicht mehr das Gleiche lernt wie wir damals. Was auch verständlich ist, schließlich droht euch – hoffentlich – kein Krieg wie der unsere." Er lächelte dünn und völlig freudlos, und sie unterdrückte ein Schaudern. „Die Worte allein, mit oder ohne Zauberstab, bringen nicht viel. Man muss es wollen. Sowie man jeden Unverzeihlichen wollen muss, auch den Imperius oder den Cruciatus. Noch dazu muss man die magische Kapazität dazu haben. Kein 12jähriger, egal, wie sehr er es will, wird jemals jemanden töten können. Zumindest nicht durch Magie." Seine Augen begannen gefährlich zu leuchten. „Ich konnte es, und anscheinend wollte ich es auch. Das hat er damit gemeint, dass ich es in mir habe. Das Töten liegt nicht jedem, aber ich konnte es. Kann es noch." Ein bösartiges Lächeln erschien auf seinen Zügen. „Ich schätze, manche Sachen verlernt man nicht."
Sie wand sich sacht in ihrem Stuhl und fragte sich dumpf, wie der gleiche Mann, der ihr vor wenigen Minuten einen Handkuss gegeben hatte auch nur entfernt mit diesem etwas zu tun haben konnte, der mit so wenig Aufwand ein solches Unwohlsein in ihr hervorrief. „Wollen Sie mir Angst machen, Mr Malfoy?"
„Draco", verbesserte er und grinste wie ein Wolf, „wieso? Tue ich das?"
Sie sah ihn prüfend an wie er da saß, der dunkelgrüne Ohrensessel wie ein dunkler Thron hinter seiner Gestalt, ganz in schwarz gekleidet mit dieser unwirklich hellen Haarfarbe, den durchdringenden Augen und diesem so völlig uncharmanten Lächeln, das trotzdem nichts an seiner düsteren Anziehung lindern konnte. Ihr ging ein Licht auf. „Sie machen das extra", sagte sie und klang ungewollt leicht tadelnd, „Sie setzen sich perfekt in Positur, ordnen jedes Stück an sich und in Ihrem Zimmer so an, dass man eingeschüchtert sein muss, und Sie genießen es!"
Nun war es an ihm, die Stirn zu runzeln, ehe er unerwartet laut auflachte und in einer neuerlichen Geste plötzlich erwachter jugendlicher Lockerheit durch seine Haare fuhr und somit effektiv seine Frisur ruinierte. Nicht, dass es ihm weniger gut stand, wenn ihm seine Haare mehr wie die seines Sohnes leicht wild vom Kopf abstanden. „Lilly", meinte er dann, als er sich beruhigt hatte, „ich weiß ja nicht, für was für eine Art von Psychopath Sie mich halten, aber Sie irren sich!" Er fuhr sich noch einmal durch sein Haar, dieses Mal in dem recht fruchtlosen Versuch, es wieder zu glätten, und schüttelte den Kopf. „Was Sie sich da ausmalen, mag für Sie sehr logisch klingen – ich aber bin ein Malfoy." Seine Augen blitzten. „Ich habe es nicht nötig, mich in Positur zu setzen oder darauf zu achten, dass man von mir eingeschüchtert ist. Diese Dinge passieren, und ich tue nichts dagegen, um es zu ändern. Ich mag manipulativ sein – aber das, was Sie mir vorwerfen, habe ich nicht nötig."
Sie schluckte und schalt sich innerlich selbst einen Narren. Natürlich hatte er Recht. Er brauchte sich wirklich nicht zu bemühen, um diese Aura des Mysteriösen und Undurchschaubaren um sich aufzubauen, und sie war vermutlich selber Schuld, wenn sie sich davon so sehr beeindrucken ließ. Wieso passierte ihr das eigentlich? Auf Hogwarts hatte sie niemand auch nur ansatzweise so angezogen wie dieser blonde Mann vor ihr, der mühelos dem Alter zu trotzen schien, gleichzeitig unhöflich, bedrohlich, erotisch und witzig sein konnte – und der mit Sicherheit nicht im Geringsten an ihr interessiert war, wie sie sich dumpf ins Gedächtnis rief. Er sah gut aus – sehr gut sogar – er wurde mit Aufmerksamkeit, Macht und Ruhm schier überschüttet, und er hatte mehr Geld als sie es sich vermutlich vorstellen konnte. Was konnte sie ihm also bieten?
Er unterbrach diesen trostlosen Gedankengang, indem er auf seine Uhr sah und dann fragend den Kopf schief legte. „Nun? Haben Sie noch eine Frage? Ich glaube, viel Zeit für mehr haben wir nämlich nicht."
Sie hob den Kopf und blinzelte ein paar Mal, ehe sich ihre Gedanken wieder geklärt hatten. „Sicher, entschuldigen Sie", meinte sie konfus und verfluchte sich dafür, dass sie in seiner Gegenwart ihre vielgerühmte Ruhe verlor und sich so benahm, wie sie eigentlich genau von ihm nicht gesehen werden wollte – wie ein kleines Schulmädchen. „In wie weit hat Ihre Erziehung mit in die Entscheidung reingespielt, Todesser zu werden – und wie hat dies die Erziehung Ihres Sohnes beeinflusst?"
Er lupfte eine Augenbraue und sah sie amüsiert an. „Nun, ich denke, jeder der Scorpius gesehen hat, ist sich darüber im Klaren, dass ich ihn nicht so behandelt habe wie meine Eltern mich", begann er dann mit einem kleinen Funkeln in den Augen, und sie musste erneut dagegen ankämpfen, nicht rot zu werden. Diesmal verfluchte sie allerdings ihn, schließlich musste er längst wissen, welche Wirkung er auf sie hatte. „Ich habe ihm Freiheiten gewährt. Habe ihn Entscheidungen treffen lassen. Natürlich nicht alle, aber doch einige. Habe ihn an das glauben lassen, was er will." Er verzog seine Lippen. „Alles Dinge, die ich so nicht kannte. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Eltern. Und ich bin mir sicher, dass sie mich genauso lieben." Wie könnten sie nicht, schoss es ihr durch den Kopf, und sie war fast von sich selbst genervt für ihre völlig unbegründete und hoffnungslose Verliebtheit, in die sie sich so kopfüber gestürzt hatte. Und das ausgerechnet bei Draco Malfoy. Mein Vater wäre entzückt. „Aber ich wuchs mit mehr… Druck auf. Einiges war richtig, einiges war falsch, und es gab nichts dazwischen. Muggel waren minderwertig. Genauso alle Magier nicht reinen Blutes. In der Art gab es viele Regeln und Leitsätze – die ich inzwischen überdacht habe, keine Sorge, auch ich bin schließlich lernfähig – und das hat mich sicherlich beeinflusst. Noch dazu", ein reuiges Lächeln huschte über seine Züge, das sie mehr berührte als jede Regung von ihm zuvor, „habe ich nie die Anerkennung meines Vaters bekommen, nach der ich mich gesehnt habe. Er war nie zufrieden, oder zumindest gab er mir das Gefühl, es nicht zu sein. Es war… schwierig. Und ich schätze, auch das hat mich dazu gebracht, Todesser zu werden. Zu wissen, dass er keinen anderen Weg jemals akzeptieren würde und dass ich nur so je seine Zustimmung finden würde. Außerdem", sein Lächeln wurde wieder spöttischer, „war da noch die unbedeutende Tatsache, dass Voldemort mir gedroht hat, meine Mutter umzubringen, wenn ich mich ihm nicht anschließe. Und Dumbledore umbringe, was, wie wir alle wissen, mir nicht gelang."
Sie nickte, ebenfalls schief lächelnd. Auch wenn das gegen das sprach, was sie bisher von Draco Malfoy gehört hatte – seine Kindheit war nicht das Zuckerschlecken gewesen, dass sich alle ausgemalt hatten. Wie hätte sich wohl ihr Vater unter diesen Umständen entwickelt? Wäre er trotzdem der „Retter der magischen Welt" geworden, oder hätte er sich Voldemort angeschlossen?
„Ich wollte das nicht für Scorpius. Ich wollte ihn nicht ewig meiner Anerkennung hinterher hecheln lassen. Ich wollte nicht, dass er, um mir zu gefallen, einen Weg einschlagen muss, der ihm viele Möglichkeiten verwehrt. Ich habe es ihm überlassen, rauszufinden, was er will. Diesen seltsamen Kleidungsstil beispielsweise habe ich ihm bestimmt nicht vorgeschlagen."
Sie lachte überrascht auf und erinnerte sich dunkel an die stets abgewetzten Jeans und wildbedruckten T-Shirts, in die sich Scorpius so gern kleidete. Es stand ihm, soviel stand fest, aber kein Vater wäre vermutlich sonderlich begeistert von dieser Aufmachung, die das Wort „REBELL" schier in die Gegend hinaus posaunte. Vor allem kein Vater wie Draco Malfoy, für den das äußere Erscheinungsbild anscheinend sehr wichtig war.
„Und nun würde ich, so angenehm es auch ist, hier mit Ihnen zu sitzen, dieses Gespräch gerne abbrechen. Ich habe noch Termine, und ich schätze, auch Sie haben sicherlich Besseres zu tun als mit mir hier zu sitzen und über meine Erziehung zu philosophieren." Er stand auf und hielt ihr seine Hand hin, und sie ergriff sie, die Worte herunterschluckend, dass sie sich – ehrlich gesagt – derzeit keine angenehmere Beschäftigung vorstellen konnte. Wie zuvor so durchfuhr sie auch dieses Mal ein kleiner, angenehmer Schauer als sich ihre Hände berührten, und sie wünschte sich plötzlich, dass alles anders war – dass er jünger war, sie älter, und ihr Vater nicht sein Schulrivale gewesen wäre.
„Scorpius!" rief er dann, ließ abrupt ihre Hand los und ging zu einem Wandschrank, um zweimal mit dem Fingerknöchel dagegen zu klopfen, woraufhin dieser aufschwang und er einen schwarzen Umhang hervorholte und diesen elegant um seine Schultern warf. Das Kleidungsstück rief ihr ins Gedächtnis zurück, dass er ein Todesser war, und sie erinnerte sich dumpf daran, was er ihr zu Beginn erzählt hatte. Das Töten liegt nicht jedem, aber ich konnte es.
Die Tür schwang auf, und Scorpius erschien im Türrahmen. Heute trug er ein rotes T-Shirt und eine dunkelgrün-verwaschene Jeans, die sie ans Militär denken ließ, und er wirkte relativ überrascht, sie erneut hier zu sehen. „Lilly!"
Draco knotete seinen Umhang zu und trat auf den Kamin zu. „Bringst du sie bitte zur Tür? Ich muss weg. Bis morgen, Lilly." Er warf ihr ein kurzes, durch und durch atemberaubendes Lächeln zu, das ihre Knie weich werden ließ, ehe Scorpius ihren Arm ergriff und sie sanft aber bestimmt aus dem Zimmer führte und die Tür zufallen ließ, ehe sie hören konnte, wohin Draco ging. Aus einem schwer zu beschreibenden Grund hätte sie es gerne gewusst.
„Ich hab dich gewarnt, Lilly", meinte Scorpius dann, seufzte und schüttelte seinen Kopf, sodass sein Haar noch etwas wilder abstand, „tu das nicht."
„Was?" fragte sie unschuldig zurück und ließ sich von ihm die Tür öffnen – in diesem Haus wurde anscheinend viel auf solch simple Höflichkeiten gegeben, ganz anders als bei ihr zu Hause, wo ihre Brüder vermutlich nicht einmal auf die Idee gekommen wären, ihr die Tür aufzuhalten. Die Geste wirkte an Scorpius angesichts seiner Kleidung fast komisch.
„Du weißt, was ich meine." Er lächelte schief. „Ich weiß, wie er ist. Ich kenne ihn lange genug. Aber soweit ich weiß, war er nur einmal in seinem Leben verliebt, und er hat nicht vor, diese Erfahrung zu wiederholen."
Ihre Augen wurden groß und sie bekam unwillkürlich schweißnasse Hände. „Er war verliebt? In wen?"
Er zuckte mit den Schultern. „Selbst die schlimmste Folter würde das nicht aus ihm herausbekommen. Ich kann nur sicher sagen, dass es nicht meine Mutter war. Deswegen haben sie sich wohl auch getrennt – sie hat ihn geliebt, aber er sie nicht. So ist er eben."
Sie sah kurz zu Boden, ehe sie wieder seinem Blick begegnete, der dem seines Vaters so ähnlich war und doch ganz anders. „Er liebt dich."
Scorpius grinste. „Klar tut er das. Ich bin sein Sohn, und sein wir mal ehrlich – wer könnte mich nicht lieben?" Damit ließ er die Tür zufallen, und ihre Antwort („Jeder, der deinen Vater vorher kennengelernt hat") blieb ungesagt auf ihrer Zunge liegen.
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OK, und weiter geht's... Hab meinen PC wieder zum Laufen gebracht und bin tatsächlich seit ca einem Jahr wieder mit meinem eigenen Laptop online – ein sehr ungewöhnliches Gefühl!! xD
Zur Belohnung gibt es für euch den nächsten Teil von „Unvergessen" - ich hab mir hier ein wenig künstlerische Freiheit genommen und dem lieben Dray einfach mal den Mord an Moody angehängt. Tjaja. Und, wie man sieht, es ist definitiv eine HPDM-FF und keine LPDM-Story... Auch wenn das Pairing durchaus einen gewissen Charme besitzen würde...
Naja, hinterlasst einen Review, bitte!!
