Nacht
Shizune holte tief Luft. Dann zog sie langsam das grüne Tuch von Inos Gesicht und Oberkörper. Sie sah ganz ruhig und zufrieden aus als würde sie nur schlafen. Aber an ihrer unnatürlich blassen Haut erkannte man den Tod, der in ihrem Körper ausgebreitet hatte.
„Dann wollen wir mal", murmelte Shizune mehr zu sich selbst und betrachtete sich Ino etwas näher.
Sie scheint wirklich nicht das Geringste von ihm bemerkt zu haben. Wenn sie aufgewacht wäre, hätte sie geschrieen oder versucht sich zu wehren. Angenommen, sie hätte sich gewehrt und versucht ihn loszuwerden, hätte sie wahrscheinlich gekratzt oder gebissen. Unter den Fingernägeln und auch in ihrer Mundhöhle ist nichts Auffälliges. Ach, was denke ich mir zusammen, wenn sie wach geworden wäre, hätten auch ihre Eltern etwas bemerkt. Da das jedoch nicht so ist, kann ich diese These vergessen.
Shizune klappte Ino den Mund wieder zu und rollte den Obduktionstisch zum Waschbecken. Nach und nach löste sie die verkrustete Blutschicht von der kalten Haut. Wieder rollte sie den Tisch zurück und richtete die Lampe aus. Der Schnitt an Inos Hals war ca. fünf Zentimeter lang und zwei Zentimeter tief und hatte die Luftröhre vom Kehlkopf getrennt.
Interessant, so einen präzisen Schnitt bekommen nicht viele auf die Reihe. Entweder war es nur Zufall oder er versteht etwas von diesem „Handwerk" überlegte Shizune weiter. Am Schnitt selbst ist noch eine ovale Rötung. Fast wie der Knutschfleck am Hals … Shizune wich zurück. Was für ein Perverser ist das denn? fragte sie sich angewidert.
„Muss ja sehr schlimm sein, wenn du dermaßen vom Obduziertisch springst", zerrisse eine Stimme die kalte Stille in der Halle. Shizune wirbelte erschrocken herum. Hinter, nun vor ihr, stand Tsunade.
„Musst du mich so erschrecken?", fragte Shizune empört. „Du hast wichtigeres zu tun, als hier in der Pathologie herumzustreunen!"
„Ach was, ich muss das auch mal genießen, wenn ich nicht die ganze Zeit zum Arbeiten gezwungen werde. Wirklich eine gute Idee von dir den Fall zu übernehmen", erwiderte Tsunade amüsiert. „So, was hast du denn gefunden?"
Shizune wandte sich um und deutete auf den Schnitt. „Dieser Typ muss förmlich Blut gesaugt haben, sonst würde man nicht solche Abdrücke erkennen können", sagte Shizune noch dazu.
„Also im wahrsten Sinne des Wortes ein Blutsauger. Wir hätten in Batman oder so ähnlich taufen sollen."
„In so einer Situation kannst auch nur du solche Witze reißen …", murmelte Shizune.
„Hast du sonst noch irgendetwas finden können?", erkundigte sich die Hokage weiter. Shizune schüttelte nur den Kopf. Tsunade wandte sich zum Gehen. „Ich werde nun erstmal das Dorf schocken und den Leuten erzählen, dass sie ihre Fenster und Türen verbarrikadieren sollen und dann können wir eigentlich nur hoffen, dass es diese Nacht keine Toten geben wird."
„Warum sprichst du in der Mehrzahl?"
„Unsere Fledermaus hat Blut geleckt und glaub mir, wenn er die Möglichkeit hat mehrere Mädchen zu töten, dann wird er es auch tun." Damit verschwand die Blonde.
Shizune biss sich auf die Lippe. Irgendwie muss man ihn aufhalten. Es hat sicher nicht sehr viel Sinn, wenn die Mädchen unbewacht in Zimmern mit zugerammelten Fenstern schlafen. Ich muss mir etwas einfallen lassen.
Unterdessen sorgte Tsunade dafür, dass jede Familie in Konoha von der erneuten Anwesenheit der Mask of Death unterrichtet wurde. Auf dem Marktplatz verkündete sie die Nachricht und später wurden noch Flugzettel ausgeteilt. Eine merkwürdige Spannung lag in der Luft. Ganz Konoha schien zu zittern. Wer würde der Nächste sein? Würden die Sicherheitsvorkehrungen nützen oder nur ein kleines Hindernis für den unbekannten Wahnsinnigen darstellen?
Schon früh am Abend leerten sich die Straßen und die Türen wurden fest verschlossen. Die Fenster in den Zimmern wurden aufs Beste zugestellt und verbarrikadiert. Wer die Möglichkeit hatte, ließ seine Tochter in einem fensterlosen, abgeriegelten Raum schlafen. Andere beteten noch stundenlang vor dem Schlafengehen oder schoben auf eigene Kosten Wache. Sondereinheiten durchzogen das Dorf auf der ständigen Suche nach einer verdächtigen Person. Die Nacht brach herein und verschlang das Dorf in tiefster Dunkelheit. Der Mond hing wie ein stummer Beobachter über den Häusern und strich mit seinem silbernen Licht über die Dächer.
In dieser Nacht waren sogar weniger Katzen als gewöhnlich unterwegs, da die meisten ihre Schützlinge nach den Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr aus dem Haus lassen wollten. In der ferne schrie dennoch eines der eleganten Tiere. Jeder Einzelne der noch wach war, hielt für einen kurzen Moment den Atem an. Nichts geschah. Nichts war zu hören, nichts zu sehen. Die Nacht blieb stumm und kalt.
„Schlaf gut, mein Engel. Wenn du deine Augen öffnest, wirst du an einem besseren Ort sein", hauchte eine leise, angenehme Stimme. Die Vorhänge flatterten im kühlen Wind und ein Schatten huschte von Haus zu Haus, von Baum zu Baum, auf der Jagd nach Blut.
