1. Verlassen

„Du … willst mich nicht?"

„Nein."

Er war fort … gegangen. Ich war alleine. Die Tage kamen mir vor wie Stunden, ich fragte mich wie lange ich schon hier lag. Im feuchten Gras, den dunklen Himmel über mir – alleine. Edward war weg, und das für immer. Er hatte gesagt, es würde so sein als hätte er niemals existiert. Er konnte das so leicht … aber ich würde niemals so tun können, als hätte es ihn nicht gegeben, als hätte es uns nicht gegeben. Ich liebte ihn wie am ersten Tag. Und nun hatte er mich zurückgelassen. Ich öffnete die Augen, ich blickte in den klaren Sternenhimmel, was er wohl gerade tat? Ob er auch irgendwo in die Sterne sah? Oder ob er mich längst vergessen hatte? Alles vergessen hatte, was in den letzten Monaten geschehen war? Der Gedanke schmerzte. Als ich mich verwundert umblickte, bemerkte ich erst wo ich mich befand. Es war unsere Lichtung – ein weiteres Mal traf mich die Wahrheit wie ein Schlag und Schmerz breitete sich in mir aus. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, ich wollte dem Schmerz entkommen, doch er zerfraß mich innerlich. Ich kümmerte mich nicht darum, ob man mich suchte oder wie viel Zeit vergangen war. Alles was ich spürte war der Verlust, die Liebe, die man mir genommen hatte. Ich hatte das Gefühl zu fallen, aber ich konnte einfach nicht ankommen. Ich fragte mich, wie lange ich noch fallen würde und ob es jemals aufhören könnte. Ich schloss erneut die Augen, versuchte zu Atmen, ohne Schmerz, ich wünschte ich wäre stark genug gewesen, einfach aufzustehen und zu gehen. Charlie würde sich Sorgen machen. Aber das war ich nicht, nur er könnte mich auffangen und vor dem Verderben retten.

Plötzlich berührte mich eine eiskalte Hand, ich kannte diese Kälte, ich wusste es wäre nicht er – aber ich versuchte zu träumen. Ich konnte die Augen nicht öffnen, ich wollte es nicht, ich würde sein Gesicht niemals vergessen, ich wollte es immer vor mir sehen. Sein Lächeln, welches mir jegliche Trauer nahm. Ich spürte, wie sich jemand neben mir ins Gras fallen lies.

„Bella?"

Ich antwortete nicht, obwohl ich wusste wer da nach mir rief – doch er war es nicht, wieso sollte es mich eigentlich kümmern? Wie hatte sie mich finden können – die Frage hätte ich mir sparen können, Alice Cullen würde mich überall finden. Ich öffnete langsam die Augen, ohne meinen Kopf zu ihr zu wenden. Ihre unnatürliche, grazile Art erinnerte mich an ihn und ich zuckte zusammen, Alices Hand glitt sanft von meiner Schulter zu meiner Hand.

„Er wollte das nicht, Bella … aber er hat keine andere Möglichkeit gesehen, dich in Sicherheit zu wiegen und –„

„Sei still."

Ich hörte wie meine leise, zitternde Stimme Alice unterbrach und wandte meinen Kopf in sekundenschnelle von ihr ab. Es kümmerte mich nicht, ob ich nun sicherer war. Ich fühlte mich bereits leblos, wieso dann Angst vor dem Tod haben? Ich wollte nicht über ihn nachdenken, nicht von ihm träumen, aber wiederum nur sein Gesicht vor meinen Augen sehen. Nur seine Kälte auf meiner Haut spüren.

„Du solltest nach Hause gehen, Bella. Charlie macht sich wahnsinnige Sorgen."

Sie hatte Recht, aber das würde ich nicht zugeben können. Ich wollte mich nur ihm nahe fühlen, nicht von unserer Lichtung weichen. Doch ich spürte wie Alice meine Hand nahm und diese in ihrer eigene einschloss. Dann zog sie mich ruckartig hoch. So zierlich sie auch war, ihre Kraft dürfte man nicht unterschätzen. Ich taumelte einige Schritte nach vorne, ich hatte nicht mit einer solchen Wucht gerechnet, aber es war mir egal ob ich wieder hinfiel oder nicht. Meine Beine konnten mich nicht tragen, ich hatte vergessen wie es sich anfühlte, wie ein Mensch seinen Gewohnheiten nachzugehen. Das Einzige was ich noch tat war atmen. Es war alles was ich noch tun konnte. Alice musste mich stützen, was ihr merklich schwer fiel, doch sie tat es. Meine Nähe und mein Geruch schien auch ihr eindeutig mehr zu gefallen, als es uns beiden lieb war.

„Ich bringe dich jetzt nach Hause …"

Ich erinnerte mich kaum noch an den Klang von seiner Stimme. Er war weg, wegen mir verließ er seine ganze Familie, ließ sein Leben hinter sich, ließ mich zurück. Dabei hatte ich erst begonnen, mich vollkommen zu fühlen, an seiner Seite, in seinem Leben. Er war mein Leben gewesen und nun war er fort.