2. Erkenntnis
„Oh Gott, Bella!"
Mit schmerzverzerrtem Gesicht erschien Charlie auf der Auffahrt des Hauses, blickte starr zu Alice, die mich wie eine Marionette zur Tür brachte. Er legte unruhig die Arme um mich, zitterte er? Oder war das bloß mein Körper, der vor Ermüdung bebte? Ich sah die sorgenvollen Blicke von Alice und meinem Vater auf mir ruhen, doch ich sackte zusammen, ich hatte nicht die Kraft um mich noch länger auf den Beinen halten zu können, und auch nicht den Willen. Glücklicherweise war Alice zur Stelle und brachte mich bis in die Küche, wo sie mich auf einem Stuhl niederließ. Ich fragte mich wie viel Zeit vergangen war, seit ich das letzte Mal hier gesessen hatte. Er war dabei gewesen, wieder holte mich der Schmerz ein, doch ich vergieße keine Träne. Ein Schockzustand.
„Glaubst du, es wird wieder?"
Ich hörte nur die brüchige Stimme meines Dads, die Augen hatte ich bereits wieder geschlossen. Ich spürte trotzdem die Blicke aller Anwesenden auf mir. Ich wusste nicht, welche Geste Alice gemacht hatte, doch ich hörte Charlie leise stocken. Es schmerzte mich, ihn so zu sehen und zu wissen, dass ich der Grund für sein Leid war.
„Du solltest vielleicht eine Runde schlafen, Charlie. Ich kümmere mich um Bella."
Alice war eine zu freundliche Person, als dass sie Charlie hätte die Wahrheit sagen können. Sie wusste, ich bräuchte jetzt jeden Menschen mehr als sonst, doch womöglich hatte er ebenso wenig geschlafen wie ich. Ich hörte ihn leise seufzten, ehe er sich zu mir bewegte und in die Knie ging, um mir in die Augen sehen zu können. Verschwommen entdeckte ich sein Gesicht, nur wenige von meinem entfernt.
„Versuch du auch zu schlafen, Kleines. Und pass auf dich auf … ich liebe dich Bella."
Das hatte er auch zu mir gesagt. Augenblicklich durchdringt mich ein Gefühl, das dem Schmerz glich, doch ihn in seinem Selbst übertrumpfte. Meine Organe verkrampften sich, ich hatte das Gefühl von innen zu verätzen. Ich zuckte unruhig, was auch Charlie auffiel, doch er ging auf Abstand. Er war kein Mensch der gerne seine Gefühle zeigte, für ihn war die Sache genauso schwierig. Ich hörte, wie er rasch die Treppen hochging und verschwand. Nun war ich alleine, oder etwa nicht? Ich hörte Alice kaum, sie war so leise und graziös wie eine Fee, doch ich spürte wie rasch sie etwas zu tun schien, und blickte erst auf als ich eine Tasse Tee auf dem Tisch vor mir auffand. Ich wollte nichts, doch sie drängte mich dazu. Ich konnte nur an ihn denken und ich wünschte es wäre nicht so.
„Nimm bitte einen Schluck, es kann dir nicht schaden…"
Ich blickte auf. Wieso hatte sie Recht? Nichts mehr könnte mir nun noch schaden. Ich war bereits im Endstadium, nichts mehr würde meinen Schmerz vergrößern können, außer den Gedanken an ihn. Aber eben diese Erinnerungen an seinen Klang, seinen Geruch, seine harte, kalte Haut … es wurde zu viel, ich sackte erneut zusammen. Und augenblicklich spürte ich den festen Griff von Alice. Sie war so eine unfassbar gute Freundin, das hatte ich wirklich nicht verdient. Ich sah sie an, sah mein Spiegelbild in ihren hellen, braunen Augen und erschrak. Ich hatte niemals so schrecklich ausgesehen, so leblos, so völlig ohne Emotion. Das würde er nicht aushalten, wenn er wüsste wie schlecht es mir ging, es würde ihn zerstören. Ich musste endlich aufhören, zu fallen. Mit zitternder Hand nahm ich die Tasse und trank einen Schluck der warmen Flüssigkeit.
„Ich möchte schlafen, Alice.",
hörte ich mich sagen, ihr verwunderter Blick verwandelte sich schnell in Freude, ein erstes Anzeichen von Hoffnung. Kaum merklich half sie mir auf und navigierte mich zur Treppe. Alles erinnerte mich an ihn, wie wir auf dem Sofa saßen, Romeo und Julia schauten oder er mich einfach küsste. Es war kein Schmerz, den man aushalten konnte ohne Folgen, viel mehr schien er einen Menschen immer mehr zu erfassen um ihn dann nach einiger Zeit zu zerfetzen. Ich spürte kaum wie ich in mein Zimmer kam, Alice musste mich getragen haben, denn plötzlich befand ich mich auf meinem Bett, daneben meine Schlafsachen. Ich blickte zu Alice, ich vernahm ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen, auch sie litt, wie alle Menschen – oder Vampire - in meiner Umgebung.
„Ich vertraue darauf, dass du dich jetzt umziehst und dann schläfst. Es wird dir helfen, also bitte! Ich werde morgen nach dir sehen, wen du möchtest."
Sie wartete keine Antwort ab, lächelte bloß sanft und da war sie schon aus meinem Zimmer verschwunden. Ich spürte die erdrückende Leere und ich zog mich vollständig zusammen. Ich presste meine Lippen aufeinander um nicht los zu schreien. Er hätte hier sein müssen, so wie jede Nacht. Ich brauchte ihn, das wusste er doch immer und trotzdem …
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Kommentare hierzu? Vielleicht Meinung darüber wies weitergeht etc? :o
Freut euch auf den nächsten Teil!
xoxoxo Ena :]
