4. Leben
Ich wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, seit Edward weg war. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, vor lauter Druck zu zerspringen, wie ein Glas. Vor allem hatte ich dies Alice zu verdanken. Ohne sie wäre ich nicht in der Lage gewesen, wieder aufzustehen. Sie hatte mich nicht aufgefangen, ich fiel immer noch, aber sie hatte meinen Fall gebremst, ihn ein wenig abgeschwächt. Auch wenn ihre Nähe mich ständig an Edward erinnerte, so schien es mir erträglicher als alleine zu sein. Immer wieder schweiften meine Gedanken an den Abend, an dem ich den Brief fand. Mein Leben schien vorbei, er hatte sich entschieden. Und für eine Sekunde hatte ich das auch. Ich wollte zu ihm, war aus dem Haus gestürmt, völlig aufgelöst, unter Tränen und war in den Wald gestürmt. Charlie hatte von alldem nichts mitbekommen, worüber ich mehr als dankbar war. Doch Alice hatte meinen verzweifelten Versuch gesehen und war bereits da, um mich von meiner Tat abzuhalten.
„Tu das nicht Bella", hatte sie in ihrer engelsgleichen Stimme gesagt. „Edward würde das nicht wollen, das weißt du."
Auch wenn sie ruhig gesprochen hatte, so konnte ich ihr nicht glauben. Ich schrie sie an, wollte an ihr vorbei, ich musste zu ihm, wo auch immer er war, und wenn es mich umbringen würde. Sie ließ mich nicht durch in jener Nacht, wofür ich ihr eigentlich hätte dankbar sein sollen. Stattdessen hatte ich weiter auf sie eingeschrien.
„Er ist weg, was soll ich noch hier? Lass mich gehen, Alice."
Ich spürte die Spannung noch immer, das Gefühl das mich gedrängt hatte, zu rennen, ihn endlich wieder zu sehen, oder aber das Gefühl verloren zu haben – ihn und mein Leben. Alice hatte mich nicht gehen gelassen und obwohl sie nicht dazu verpflichtet wäre, war sie die ganze Nacht geblieben und auch am Morgen nicht von meiner Seite gewichen. Sie hatte mich kaum noch alleine gelassen, etwas was ich ihr hoch anrechne. Im Gegensatz zu anderen Menschen, die sich Freunde genannt hatten.
„Musst du nicht langsam los?"
Charlies dunkle Stimme riss mich aus den Gedanken. Schule. Heute würde ich allem ein weiteres Mal ins Gesicht blicken. Ein Mittagessen ohne ihn – Biologie ohne ihn – alles würde ich ohne ihn tun müssen. Ich schluckte laut, dann nickte ich ohne weiter darauf einzugehen, was mich erwarten würde. Wussten die restlichen Schüler Bescheid? Und wenn ja, was wussten sie? Dass Edward Cullen seine Bella Swan verlassen hat, weil er als Vampir nicht für ihre Sicherheit sorgen kann? Wohl kaum… Ich war lange nicht mehr dort, vermutlich hatte sich einiges herumgesprochen. Ich beschloss, den Tag einfach auf mich zukommen zu lassen, immerhin musste ich leben. Auch wenn ich lieber gestorben wäre, als ohne ihn zu Leben, meinen Edward.
„Du siehst wirklich nicht gut aus, möchtest du nicht doch lieber noch eine Weile zu Hause bleiben?"
Ich traf Charlies Blick, er strahlte seine Sorge, seine Zweifel gerade so aus. Ich schüttelte schnell den Kopf und stopfte mir die letzten Überreste eines Brötchens in den Mund, ehe ich nach meiner Tasche schnappte und Charlie einen Kuss auf die Wange aufdrückte.
„Mach dir keine Sorgen, ich passe auf mich auf. Wir sehen uns später"
Und schon fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Ich marschierte wie automatisch zur Auffahrt, doch es war kein silberner Volvo zu sehen. Wie auch, Edward war nicht mehr hier. Ich seufzte, es war alles so schmerzhaft und real. Es war kein schrecklicher Albtraum, aus dem man wieder erwachen könnte. Als ich in meinen Transporter stieg, lehnte ich mich kurz zurück, ehe ich den Schlüssel ins Schloss steckte und den Motor aufheulen ließ. Ein grässliches Geräusch, zu vertraut, ich verband zu viel mit ihm. Der Schmerz war immer noch da, doch ich hatte geschafft ihn im Zaum zu halten, sobald ich nicht alleine war. Heute würde mir der schwierigste Tag bevorstehen.
Kaum war ich an der Forks High School angekommen, wandten sich alle Blicke zu mir. Es war wie am ersten Tag, den ich in Forks verbracht hatte. Ich fühlte, wie alle Augen auf mich gerichtet waren, dieses mal nicht aus Neugier, sondern eher aus Mitleid. Ich spürte ihren traurigen Ausdruck, sie wussten Bescheid. Was sie wussten kümmerte mich nicht, ich hätte am liebsten Kehrt gemacht und wäre einfach nach Hause gefahren. Nach Phoenix. Aber da musste ich nun durch. Ich stieg also aus und wurde von Angela und Jessica empfangen. In Angelas Blick lag Verlegenheit, Mitgefühl und Angst, mich zu verletzten. Doch Jessica zeigte mal wieder, dass sie nur Fakten wollte.
„Wer hat Schluss gemacht?"
Die Frage hatte nicht nur mich wie ein Schlag ins Gesicht getroffen, auch Angela blickte Jessica ungläubig an. Ich schüttelte schnell den Kopf. Umdrehen, einfach wenden und davon fahren. Es wäre so einfach, doch meine Beine bewegten sich keinen Meter.
„Jess! Wie kannst du nur so taktlos sein. Bella … ist alles okay?"
Sie griff mit ihrer Hand nach meinem Arm und ich zuckte zusammen, mit einer solch warmen Hand hatte ich lange nicht mehr gerechnet. Ich nickte nur sanft, blickte sie dankbar an und würdigte Jessica keines Blickes. Vielleicht war ich gemein, aber ich hatte jetzt keine Zeit für ihre Besessenheit nach Neuigkeiten.
„Es geht schon, Angela. Danke."
Das war meine Standartantwort auf die Frage, wie es mir denn gehe oder ob alles okay wäre. Ich hatte sie mittlerweile mindestens 100 Mal gebrauchen müssen, immer war jeder darauf bedacht, mich nicht zu kränken, auf mein Wohl zu achten. Vor einiger Zeit hätte ich anders reagiert, wäre in Tränen ausgebrochen oder weggelaufen. Doch nun war ich stark genug, diese Tortur durchzustehen. Ich kehrte den beiden den Rücken zu und verschwand zur ersten Stunde. Nichts war okay, ich spürte den Schmerz, nach wie vor, doch ich konnte verdrängen. Es war eine extreme Erleichterung, Alice endlich zu sehen. Ich fiel ihr beinahe zu stürmisch um den Hals. Ich wünschte, ich könnte sie überraschen, ihr eine Freude machen, aber das war bei ihr unmöglich, sie würde es wissen.
„Dir geht es aber gut. Das freut mich wirklich Bella."
Sie lächelte mich fröhlich an, sie hatte sehr viel mitmachen müssen in den letzten Wochen, Monaten, in denen er nicht da war. Wie würde das nur weitergehen? Doch in ihrer Stimme hörte ich, das etwas ganz und gar nicht stimmte. Ich wollte sie nicht darauf ansprechen, ich hatte genug von den ständigen Problemen, die es meistens wegen mir gegeben hatte. Edward war weg und mit ihm doch auch die Probleme der Cullens.
„Tut mir Leid, aber ich muss los Bella, wir gehen am Wochenende wandern."
Alice warf mir einen viel sagenden Blick zu. Wandern. Das hatte er früher immer gesagt, wenn er jagen war, um meine Nähe zu ertragen. Er hatte sehr viele Opfer gebracht, nur um bei mir sein zu können. Und plötzlich verstand ich sein Verhalten, zumindest ein wenig. Alice verabschiedete sich schnell von mir, sie verstand ich momentan eher selten, sie war so abgelenkt, so hektisch, aber die Zeit würde vergehen, sagte ich mir. Nun müsste ich erst einmal dafür sorgen, den Tag zu überleben.
