03. Kapitel – Ein unangenehmes Gespräch

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Verlassen wir den rechten Weg, wenn der linke der richtige ist
Walter Ludin
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Das Gespräch mit Ron war schwierig verlaufen. Auch ihm war langsam bewusst geworden, dass sich Hermine immer weiter von ihm entfernte hatte. Er saß zwischen zwei Stühlen. Auf der einen Seite stand Hermine, die er zwar liebte und mit der ihn mehr verband als mit seinen Mitmenschen, außer vielleicht Harry und Ginny. Auf der anderen Seite befand sich seine Arbeit, die er ebenfalls liebte, und die ihm die Gelegenheit gab, vor den Schatten der Vergangenheit zu fliehen. Er war zu jung gewesen, als ‚das' alles passierte. Er hatte zu viele Menschen sterben sehen, selbst zu viele Menschen verloren. Er wollte nur noch vergessen.

Hermine war ihm damals eine Stütze gewesen, sie hatte mit ihm geredet und ihn dabei gehalten. So dass er schließlich die Schreie auf dem Schlachtfeld vergessen konnte. Er hatte ihr einen Antrag gemacht. Natürlich aus Liebe, aber eigentlich hatte er noch warten wollen. Er hatte sich erst darüber klar werden wollen, ob Hermine wirklich die richtige Frau für ihn war. Nun, drei Jahre später konnte Ron sagen, dass er seine Frau aufrichtig liebte, aber dennoch war das Feuer nicht mehr vorhanden. Er fühlte sich alt, so unsagbar alt. Manchmal hatte er das Gefühl, es wäre besser gewesen, wenn sie nicht geheiratet hätten.

Hermine hatte sich verändert, sie war nicht mehr die Frau, in die er sich verliebt hatte. Sie ließ sich gehen und vor allem wollte sie immer und immer wieder über die Vergangenheit reden. Er blockte es ab, in dem er seiner Arbeit immer mehr und mehr den Vorzug gab. Hermine war zwar seine Gegenwart und seine Zukunft, aber auch seine Vergangenheit, eben jene wollte er vergessen. Er wollte aufhören zu denken, aufhören erinnert zu werden, er wollte einfach leben, als ob nie etwas passiert wäre. Auch wenn er Hermine liebte, so konnte ihm seine Ehefrau nicht das bieten, was er brauchte: Verständnis und Ablenkung. Zu sehr war sie selbst beteiligt.

Aber Helena war es nicht. Bei Helena konnte er das finden, was er so dringend suchte. Und auch wenn er seine hübsche Kollegin lediglich sympathisch fand, wie er Hermine versicherte, so verband die beiden doch wesentlich mehr, als nur Freundschaft. Davon wusste die Ehefrau natürlich nichts.

Trotz allem war er vollkommen überrascht, als Hermine ihm eröffnete, dass sie sich eine Auszeit nehmen und als Lehrerin nach Hogwarts gehen wolle. Von Lucius Malfoy hatte sie ihm vorsichtshalber nichts erzählt.

Während des Gesprächs saß Hermine gesittet auf dem Sofa und hatte die Hände im Schoss gefaltet. Ron lief auf und ab. „Warum, Hermine?" Das Unverständnis war deutlich aus seinen Worten herauszuhören. „Du hast hier doch genug zu tun. Mach dein Studium zu Ende. Du brauchst Hogwarts nicht. Hogwarts ist Vergangenheit. Wir haben beschlossen, dass die Vergangenheit abgeschlossen ist." Er war vor ihr stehen geblieben. „Oder lass uns gleich eine Familie gründen. Du weißt doch, dass ich Kinder mit dir möchte..."

Panik wallte sich in Hermine auf. Sie wusste genau, wie wichtig die Familie für Ron war. Er hatte ja selbst genügend Geschwister, Nichten und Neffen, Tanten und Onkel. Doch die Geschehnisse der Vergangenheit hatten ihr gezeigt, wie vergänglich die Zeit war. Sie wollte sich noch nicht festlegen. Sie hatte Angst einen Fehler zu machen. Sie hatte Angst, sich einzugestehen, dass die Hochzeit mit Ron ein Fehler war.

„…Und dann kaufen wir uns irgendwo ein hübsches Häuschen, mit viel Garten, vielleicht sogar irgendwo am Meer. Du hütest die Kinder, und ich bringe das Geld heim." Das Leuchten in Rons Augen wurde immer größer bei der Vorstellung.

„Dieses Thema hatten wir doch schon", fauchte Hermine unwirsch. Sie wollte Kinder, ja, aber nicht jetzt, und schon gar nicht wollte sie sich in das ‚Mann-Haus-Kinder-Hund-weiße Spitzenhandschuhe' – Schema pressen lassen. Sie wollte Familie, aber sie wollte keine Hausfrau sein. Sie wollte ihr Wissen fördern, und arbeiten gehen. Sie wollte jemanden, der sie, ihren Geist, forderte. Und das konnte Ron nicht.

Die junge Frau spürte, dass sie und Ron sich in verschiedene Richtungen entwickelt hatten. Sie war nicht mehr die Hermine, die damals den rothaarigen Jungen im Zug darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er Dreck an der Nase habe. Sie war nicht mehr die Hermine, die mit Harry und Ron gegen einen Troll gekämpft hatte. Sie war nicht mehr die Hermine, die den entscheidenden Hinweis auf den Basilisken gegeben hatte. Sie war auch nicht mehr die Hermine, die gesehen hatte, wie Harry Voldemort umbrachte.

Ihre Gedanken kreisten unablässig um den Endkampf. Voldemort war tot. Er konnte nie wieder Schrecken verbreiten. Doch viele Todesser haben überlebt. Lucius Malfoy zum Beispiel. Er stellte sich in letzter Sekunde auf die Seite der Guten. Doch war er wirklich gut? Oder war er nur ein Fähnchen im Wind? Severus Snape, ihr ehemaliger Zaubertranklehrer, war von allen Anklagepunkten freigesprochen worden. Der Mord an Dumbledore wurde mit seiner Spionagetätigkeit für den Orden aufgewogen. Er war rehabilitiert. Bellatrix Lestrange, Walden MacNair und Yaxley waren entkommen. Schwer verletzt, mittlerweile vielleicht tot. Nie hatte jemand wieder etwas von ihnen gehört. Was, wenn sie wieder kamen? Wie gerne hätte sie mit Ron über ihre Angst gesprochen, dass die Todesser zurückkehrten, doch davon wollte er nichts hören, für ihn war ‚die Sache' erledigt.

Ron trat auf sie zu und legte den Arm um sie. „Hermine, Hogwarts war ne schöne Zeit, aber wir sind erwachsen. Das kommt nicht mehr wieder. Schließ mit der Vergangenheit ab. Hey, ich liebe dich. Lass uns die Gegenwart genießen." Er verstand sie einfach nicht.

„Nein, Ron. Ich werde nicht die Rolle übernehmen, in der du mich gern sehen würdest. Ich werde morgen nach Hogwarts gehen. Entweder mit deiner Unterstützung, oder eben ohne sie." Entschlossen funkelte Hermine ihren Mann an. „Entscheide dich, für oder gegen mich."

Ron sah sie lange an. Vielleicht hatte er endlich verstanden, dass in seiner Beziehung zu Hermine doch nicht alles so lief, wie es laufen sollte. Er hatte sich im Laufe der Zeit ein Bild von seiner Zukunft gemacht, und ganz selbstverständlich angenommen, dass das die gleiche Zukunft war, die Hermine wollte. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde ihm klar, dass man manchmal im Leben um Dinge kämpfen musste, die einem als selbstverständlich erschienen. Dass sich Manches änderte und nichts so blieb, wie man es kannte und wollte. Ihm wurde klar, dass sich Menschen weiter entwickelten und somit auch die Beziehungen zu ihnen. Er hatte angenommen, dass Hermine und er die gleichen Ziele und Wünsche hatten. Dabei hatte er vergessen, sich mit ihr gemeinsam weiter zu entwickeln. Dabei hatte er vergessen zu reden.

Diese Reihe von Erkenntnissen stürzte wie eine Flut auf ihn ein. Er war unfähig irgendwas zu sagen, überhaupt etwas zu begreifen. Es war, als wenn diese Erkenntnisse wie kleine Lichtspots in seinem Hirn auftauchten, aber sofort wieder verschwanden. Gern hätte er die Zeit zurück gedreht, doch er wusste, dass das nicht ging. Er konnte Hermine nun weiter Vorwürfe machen, und damit riskieren, alles zu vernichten, was noch da war. Aber er konnte sich auch eingestehen, dass eine Auszeit wirklich besser wäre und sie ziehen lassen. Vielleicht wäre dann noch etwas zu retten. Schließlich liebte er sie doch…

Gleich morgen würde er Helena in ein gutes Restaurant führen. Hermine sollte sich erstmal beruhigen. Dann war immer noch Zeit, sich um seine Ehe zu kümmern.

Die gewonnenen Erkenntnisse waren in seinem Unterbewusstsein verschwunden.