Kapitel 04 - Mehr als eine Herausforderung

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Die Angst vor der Angst treibt dich der Angst in die Arme
Helga Schäferling
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Am Morgen des 30. Augusts stand Hermine erneut vor den Toren ihrer alten Schule. Jetzt war es aber etwas anderes. Diesmal würde sie als Professorin die Tore durchschreiten, nicht als Schülerin. Diese Erkenntnis war sonderbar für sie, ein komplett anderes Gefühl. War sie als Schülerin klein und vor allem ängstlich gewesen, so wie war jetzt vor allem unsicher, ob sie der Erwartung, die in sie gesetzt worden war, gerecht würde und ob sie wirklich Talent hatte, die Schüler zu unterrichten. Würde sie es schaffen, obwohl sie kaum älter war als der Abschlussjahrgang? Würde sie ernst genommen werden? Natürlich wusste Hermine, dass die meisten Professoren („Kollegen", schalt sie sich in Gedanken) erfreut waren, sie wieder zusehen. Aber besonders eine Konfrontation scheute sie, Severus Snape, ihr gefürchteter Zaubertranklehrer. Was würde er dazu sagen, dass seine ehemalige Schülerin, die ihm doch gewaltig auf den Nerv gefallen war, als Lehrerin zurück kehrte? Würde er sie akzeptieren?

Hermine wusste nicht genau warum es ihr wichtig war, aber dass Snape sie akzeptierte bedeutete ihr etwas. Wehmütig dachte sie an den beängstigenden Mann zurück. Wie oft hatte sie im Kerker gesessen, direkt vor einem Kessel und sich bemüht, durch besonders gute Leistung seine Aufmerksamkeit zu erringen. Sie hatte es nicht geschafft, ihm ein Lob zu entlocken. Vielleicht könnte sie jetzt, als erwachsene Frau, ihn dazu bringen, sie zu beachten?

Hermine konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie zum ersten Mal aus dem Hogwarts- Express stieg, und, wie jeder Erstklässler, mit den anderen in Booten über den See fuhr. Der erste Blick auf das erleuchtete, imposante Schloss war umwerfend gewesen. Sie hatte Stolz verspürt. Stolz, gepaart mit Aufregung und Nervosität. Als sie das erste Mal die Mauern von Hogwarts gesehen hatte, war es ein ganz und gar magischer Moment gewesen. Da hatte sie begriffen, dass die 'ungewöhnlichen Vorkommnisse' in der Vergangenheit nicht von Abnormalität zeugten, sondern von etwas Besonderem, Ungewöhnlichem. Sie hatte gespürt, dass sie etwas in sich trug, das viele Menschen nicht nachvollziehen konnten. Sie war dazu fähig Dinge zu tun, die anderen Menschen Angst machte. Sie war anders, sie war ein Außenseiter gewesen. Aber hier, inmitten all der anderen jungen Zauberer und Hexen war sie eine von vielen. Nicht ausgestoßen und nicht gehänselt. Der Brief von Hogwarts war unwirklich gewesen. Der Anblick dieses altehrwürdigen Schlosses dagegen die Bestätigung, nicht alles geträumt zu haben. Und in diesem Moment hatte sich Hermine Jane Granger geschworen, Hogwarts nicht zu enttäuschen. Sie hatte sich als Schülerin würdig erweisen wollen. Hogwarts sollte den gleichen Stolz auf sie empfinden, wie sie darauf, dass sie teil nahm an etwas Geheimnisvollem, Unbegreifbarem und ganz und gar Unglaublichem.

Sie lächelte bei diesem Gedanken. Wie naiv sie damals gewesen war. Sie hatte geglaubt, die Welt läge ihr zu Füssen. Sie brauchte sie nur zu betreten und alles wäre gut. Ja, sie war glücklich geworden in Hogwarts. Sie hatte ihre Bestimmung kennen gelernt und wahre Freundschaft, aber auch viel Schmerz. Nicht nur, dass sie Freunde verloren hatte, die ihr wichtig geworden waren. Nein, sie hatte in Hogwarts erfahren, dass sie bei manchen als Zweitklassig galt, weil ihre Eltern Muggel, also Nichtmagier, waren. Anfangs hatte sie geglaubt, dass alle gleich seien, bzw. als gleich angesehen wurden. Es käme nicht darauf an, wie man geboren worden wäre, sondern darauf, was man aus seinem Leben machen würde. Aber sie war ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden. Natürlich war es ihren Freunden egal, ob sie reinblütig war oder nicht. Aber eine kleine Stimme in ihrem Inneren flüsterte ihr zu, dass die Anerkennung ihrer Freunde 'natürlich' war.

Vielleicht war es ihr Fluch, aber sie wollte von denen anerkannt werden, die sie hassten und als minderwertig ansahen. Sie wollte zeigen, dass Geburt kein Talent ausmachte. Also war Hermine immer die, die härter als andere arbeitete. Zweifelsohne hatte sie Talent, aber allein darauf wollte sie sich nicht verlassen. Sie wollte zeigen, dass sie, obwohl sie für manche als 'Schlammblut' galt, ein vollwertiger Mensch war.

Hermine lachte leise auf. Manchmal hatte sie es übertrieben. Rückblickend musste sie sich eingestehen, dass ihre Art sehr… anstrengend gewesen war.

Aber nun stand sie erneut vor den Toren Hogwarts. Sie hatte einen neuen Lebensabschnitt vor sich, eine neue Herausforderung. Diesmal würde sie nicht den Fehler machen, sich von der Meinung anderer abhängig zu machen. Sie war Hermine Jane Weasley, Vertrauensschülerin, die Beste ihres Jahrgangs und eine der talentiertesten Hexen, die Hogwarts jemals hervor gebracht hatte. Sie mochte nicht reinen Blutes sein, aber deshalb war sie kein schlechterer Mensch.

Energisch hob Hermine ihr Kinn. Sie würde es Lucius Malfoy zeigen. Und letztendlich war sie es, die dir Verteidigungsprofessur innehielt, nicht er. Mit Lucius würde sie schon fertig werden, schließlich war sie kein Teenager mehr, der sich einschüchtern und rum kommandieren ließ. Lucius sollte es nur wagen. Ein Malfoy machte ihr keine Angst mehr.

Wieder trabte William auf sie zu. Wieder führte er sie durch das Schloss. Wieder brachte er sie zu Minervas Büro. Die Schulleiterin war erfreut, dass Hermine wirklich gekommen war. Fast hatte sie befürchtet, die junge Kollegin fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen, und hätte im letzten Moment abgesagt.

Fröhlich vor sich hin schnatternd führte sie Hermine zu ihren Wohnräumen, zeigte ihr das Verteidigungsbüro und schloss sie in die Arme. „Hermine, du hast mein vollstes Vertrauen. Und solltest du je einmal zweifeln, bedenke, dass du eine Gryffindor bist." Die alte Dame lächelte ihr zu. „Solltest du Probleme haben, komme zu mir. Ich bin zwar Direktorin dieses alten Kastens, aber auch deine Freundin. Vergiss das nie."

Die junge Hexe nickte und ergriff dankbar die Hände ihrer ehemaligen Lehrerin. „Ich danke dir, Minerva. Wie meine Mutter jetzt sagen würde 'Wir werden das Kind schon schaukeln'."

Minerva kicherte und versetzte Hermine für einen Moment in ihre Kindheit zurück. „Hermine", McGonagall zögerte. „Darf ich dich noch um etwas bitten?"

„Siehst du meinen misstrauischen, zweifelnden Blick?"

„Nun, wir haben hier eigentlich niemand gGescheites aus Gryffindor mehr. Und die Schüler brauchen eine Hauslehrerin. Würdest du das machen? Ich selbst kann es ja nicht mehr. Als Direktorin muss ich unparteiischen sein, auch wenn es mir zugegebenermaßen manchmal recht schwer fällt."

Hermine schluckte. „Aber ich hab doch gar keine Erfahrung. Was ist, wenn ich das nicht richtig mache? Was…"

Mcgonagall unterbrach sie. „Natürlich steh ich dir zur Seite, und helfe dir. Daran soll es nicht liegen. Außerdem, wo ist dein Sinn für Abenteuer?"

„Ja, aber was ist mit den Anderen?"

„Nun, Pomona Sprout ist natürlich noch immer die Hauslehrerin von Hufflepuff. Flitwick von Ravenclaw. Und kannst du dir Professor Sinistra als Hauslehrer von Gryffindor vorstellen? Oder Professor Vektor?"

"Nein, nicht wirklich. Für mich warst immer du die Hauslehrerin von Gryffindor."

„Siehst du, Kindchen, und ich darf nicht mehr. Im letzten Jahr war es unsere werdende Mutter, aber sie ist nun weg. Hermine, die Kinder brauchen dich."

„Du weißt genau, wie du mich rum bekommst", knurrte Hermine.

„Ja, manche Dinge ändern sich nie", flötete Minerva und hakte sich bei Hermine unter. „Komm, das Abendessen wartet auf die Lehrer, und auf dich." Sie zwinkerte.

ooooOOoooo

„Meine Lieben, ich möchte es nicht so spannend machen, und euch unsere neue Kollegin vorstellen. Sie unterrichtet Verteidigung gegen die dunklen Künste und ist zugleich Hauslehrerin von Gryffindor. Die meisten von euch kennen sie bereits, Mrs. Hermine Weasley."

Hermine hatte diesen Moment gefürchtet. Sie wusste nicht, wie sie auf die Kollegen reagieren sollte, die lange Zeit ihre Lehrer waren. Würden sie sie anstarren und ihre Bestürzung kaum verbergen können? Die Bestürzung darüber, dass es eine Schülerin wagte, in ihre Reihen vorzustoßen? Fest rechnete sie damit. Dann würde die Ablehnung nicht so wehtun. Doch ihre Sorge war unbegründet. Als erstes sprang Professor Sprout auf und stürzte auf sie zu. „Kindchen, wie schön Sie wieder begrüßen zu dürfen. Gerade letzte Woche hab ich noch zu Poppy gesagt, wie schön es wäre, wieder von den alten Hasen zu hören. Und jetzt sind Sie hier. Minerva hat es ja wirklich spannend gemacht und uns kein Wort verraten. Nur, dass sie eine kompetente Fachkraft für Verteidigung habe."

„Pomona, lass unsere junge Kollegin doch erstmal zu Wort kommen", lachte Professor Sinistra und trat auf den Neuankömmling zu. „Willkommen in unseren Reihen."

Auch die anderen Lehrer bestürmten sie, um sie willkommen zu heißen. Hermine schüttelte unzählige Hände, hörte viele Freundliche Worte und musste immer und immer wieder erzählen, was sie jetzt mache, und seit wann sie mit Ron verheiratet war.

Erschöpft sah sie sich schließlich Hilfe suchend nach Minerva um. Diese lachte übermütig und reichte ihr ein Glas Butterbier. „Kommen, setz dich, du musst ja ganz hungrig sein."

Während Hermine zum Lehrertisch ging, fielen ihr zwei Dinge auf, zum einen, dass Severus Snape fehlte und zum anderen, dass Lucius Malfoy nicht unter den Gratulanten war. Er lehnte lässig mit vor der Brust verschränkten Armen am Tisch und musterte sie freundlich. Als sie sich aus den Reihen löste, kam er auf sie zu. „Ich wollte Sie erst den Löwen zum Fraß vorwerfen, bevor ich Sie völlig selbstlos rette." Seine Augen blitzten auf. „Aber wie ich sehe war Minerva wieder einmal schneller."

„Ich danke Ihnen, Mr. Malfoy." Erschöpft sah ihn Hermine an und setzte ein Lächeln auf. Dieser Mann verunsicherte sie.

„Nun", raunte er ihr ins Ohr, „das letzte Mal waren wir schon bei Lucius." Er nahm ihre Hand und hauchte ihr sinnlich einen Kuss drauf. „Würden Sie mir die Ehre erweisen, meine Tischnachbarin zu sein?"

„Ich… Nun … ich habe schon versprochen", stammelte Hermine, wurde aber galant von Lucius Malfoy unterbrochen. „Meine Liebe, Sie haben noch viele Abende in Hogwarts vor sich. Verwehren Sie einem armen, alten Mann nicht den Wunsch, sich zumindest für einen Abend mit der Gesellschaft einer bezaubernden jungen Frau rühmen zu können." Wieder schenkte er ihr ein hintergründiges Lächeln.

„Mr. Malfoy, flirten Sie etwa mit mir?", fragte Hermine entrüstet.

„Aber nein, wo denken Sie denn hin, Hermine. Ich versuche lediglich ein wenig Eindruck bei Ihnen zu schinden."

„Und warum?", erkundigte sich die Hexe misstrauisch.

„Nun, wir sind jetzt Kollegen und wohnen sozusagen unter einem Dach. Ich möchte jegliche Spannungen vermeiden… zumindest negative." Er führte sie zu Tisch.

„Wie überaus fürsorglich von Ihnen", antwortete voller Ironie und nahm Hermine das Gespräch wieder auf.

„Vorsicht, kleine Hexe, wenn Sie mich weiter ärgern, überlege ich es mir doch noch und fange doch noch an, mit Ihnen zu flirten", spottete Lucius sanft.

In diesem Moment wurde Hermine von Poppy, die auf ihrer anderen Seite saß, abgelenkt. Sie war froh über diese Unterbrechung, spürte sie doch, dass ihr der gut aussehende Mann gefährlich werden würde. Sie hatte erwartet, dass er ihr mit Verachtung entgegentrat, und hatte sich auf bissige Bemerkungen eingestellt. Ein charmanter Lucius Malfoy, der sie als Frau sah und der versuchte sie zu umgarnen, war in ihrer Planung nicht vorgekommen. Sie musste ihn schnell wieder auf den Teppich holen, ansonsten, das wusste Hermine, würde sie ein großes Problem bekommen.