Kapitel 6
Lucius Malfoy wusste nicht, dass er beobachtet worden war, als er aus dem Verbotenen Wald zurückkehrte.
Er trug etwas großes, sperriges unter seinem Arm.

Sein Versuch, den Gegenstand zu vernichten, war kläglich gescheitert. Kein Zauberspruch half, und selbst auf Muggleart, konnte der Gegenstand nicht vernichtet werden.
"Reducio", murmelte Lucius, aber auch dagegen war es resistent.

Das Licht, was Hermine vom Fenster ihres Zimmers aus gesehen hatte, schien von diesem Gegenstand auszugehen. Bei jedem Zauberspruch schossen Lichtpfeile in die Höhe.

Um sich nicht zu verraten, beendete Lucius sämtliche Versuche, zog sich seinen Umhang fester um und ging zurück zum Schloss.
Auf dem Weg begegnete er niemandem, so dass er 'es' ungesehen in sein Zimmer bringen konnte.

Dort angekommen stöhnte er auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Ein letztes Mal schlug er mit der Faust gegen den Spiegel, doch das Einzige, was passierte, war, dass seine Hand zu schmerzen anfing.

"Verdammt!"

Er fing an wie ein Tiger auf und ab zu laufen.
Den Fehler, erneut gegen das Glas zu schlagen, machte er nicht.

Nach fünf Minuten seufzte er auf und hängte das Objekt seines Missfallens wieder an den Platz neben seinem Kleiderschrank.

"Buh!"

Lucius erschrak.

"Wer ist denn da so schreckhaft? Ich sagte dir bereits, dass du mich nicht loswerden kannst."

Lucius schnaubte wie ein ungarischer Hornschwanz Drache und griff nach einem Glas.

"Es täte dir gut daran ab und an auf andere zu hören."

Das Glas verfehlte den Spiegel um Millimeter.

"Mäßige dich, Lucius, mäßige dich."

Der Angesprochene schloss kurz die Augen und starrte dann in den Spiegel. Er sah sich selbst, und jede Bewegung, die er machte, reflektierte das Spiegelbild. Doch plötzlich hörte es auf und er sah sich seinem Alter Ego gegenüber.

Es fing an zu Lachen. "Ach Lucius, du solltest mich kennen. Einst erschuf mich Meister Bazil für dich. Ein Zauberer, der mächtiger war als du. Und du glaubst ernsthaft mich vernichten zu können?" Wieder lachte es.

"Lass mich endlich in Ruhe."

"Nein, das kann ich nicht. Ich bin deine Vergangenheit, deine Gegenwart und deine Zukunft. Ich bin du."

Lucius nahm erneut ein Glas und griff nach der Macallan- Flasche. Er trank das Glas in einem Zug aus. Seine Kehle brannte und er keuchte auf.

"Das nützt auch nichts", lachte das Spiegelbild amüsiert auf.

"Du nervst", fauchte Lucius ungehalten und aggressiv.

"Was soll ich machen? Du redest ja nicht mehr mit mir. Mir ist langweilig." Es winkte ab. "Seitdem du mich nicht mehr mit Geschichten über den Voldemort unterhältst, ist mein Leben recht eintönig geworden."

Beim Klang des unheilvollen Namens zuckte Lucius sichtlich zusammen.

"Was ist? Angst vor seinem Namen?", höhnte der Spiegel.

"Der Dunkle Lord ist fort."

"Bereust du's?" Es wirkte auf einmal sehr interessiert.

"Was geht es dich an, ob ich seinen Untergang bereue."

"Nichts."

"Siehst du, also sei ruhig und geh mir nicht auf die Nerven."

"Du hast dich verändert, Lucius. Wo ist die kalte Arroganz?"

"Ich weiß nicht was du meinst."

"Wie heißt sie?"

Lucius sah äußerst pikiert aus. "Wer?"

"Na, die Frau."

"Es gibt keine Frau."

"Es gibt Millionen Frauen", lachte der Spiegel auf. "Lucius, jedes Mal wenn du dich veränderst steckt eine Frau dahinter. Das letzte Mal passierte es bei Narzissa."

"Lass Narzissa aus dem Spiel."

"Ich habe also Recht."

"Nein."

"Doch."

"Nein."

"Doch."

'Bei Merlin, jetzt streite ich mich schon mit meinem Spiegelbild.' Er schüttete sich das Glas zum zweiten Mal voll. 'Vielleicht sollte ich Madame Pomfrey doch aufsuchen.'

Das Spiegelbild lachte leise. "Ich frage dich jeden Tag", drohte es.

"Ach verdammt, sie ist seit heute meine Kollegin."

"Gehe ich Recht in der Annahme, dass du mir den Rest nicht erzählst?"

"Wie überaus scharfsinnig..."

"Du hast keine Chance."

"Das weiß ich auch."

"Außer..."

Lucius drehe sich abrupt zu seinem Spiegel um. "Außer was?", fragte er lauernd.

"Außer du änderst dich."

"Was soll das heißen?"

"Nun ja, Frauen stehen auf gutaussehende Männer..."

Ein Schauben erklan.

"... die charmant sind ... "

Ein Weiteres folgte.

"... und gute Manieren haben..."

Erneut ein Schauben.

"... gewand und edel in Geist und Gesinnung..."

"Was willst du?" Lucius konnte sich nur mühsam beherrschen.

"Kurz: Keinen adonishaften, reizbaren, jähzornigen Todesser."

"Ich BIN kein Todesser mehr."

"Dazu aufbrausend, cholerisch, furchterregend und böse."

"Sei ruhig, oder ich vergrab dich im Wald." Lucius' Augen glühten vor Zorn.

"Mal davon abgesehen, dass ich morgen wieder hier hängen würde", erwiderte das Spiegelbild gelangweilt, "solltest du dich lieber von dem 'gute Mädchen stehen auf böse Buben'- Klische verabschieden."

Verzweifelung machte sich in Lucius breit. "Ich bin kein 'böser Bube'."

Wieder wirkte der Spiegel äußerst interessiert. "Nicht?"

"Nein!"

"Ich glaube dir nicht."

"Dann lass es bleiben."

Der Spiegel schwieg. Misstrauisch beäugte Lucius ihn noch einmal, wandte sich dann um, zog sich eine Schlafanzughose über und legte sich, die Arme hinter seinem Kopf verschränkt, ins Bett.

Eine ganze Weile später regte sich der Spiegel wieder. "Du glaubst wirklich, dich geändert zu haben?"

"Ich glaube es nicht, ich weiß es."

"Ich könnte dir helfen..."

"Was willst du?"

"Du kennst den Preis."

"Niemals werde ich darauf eingehen."

"Glaubst du wirklich, dass du mit deiner Vergangenheit glücklich sein wirst?"

"Wer braucht schon Glück."

"Gehe rauf in den Astronomieturm und spring."

Der blonde Zauberer sah voller Abscheu auf sein Spiegelbild. "Und warum?"

"Du scheinst nichts mehr im Leben zu sehen. Du siehst kein lohnendes Ziel. Da kannst du dich ebenso gut umbringen."

"Der Dunkle Lord hat Selbstmörder verachtet."

"Aber natürlich", spöttelte das Alter Ego. "Du willst ein guter Junge sein, weil du bemerkt hast, dass es bequemer ist, zu den Guten zu zählen. Sieh mich an Lucius, du bist nicht gut. Du bist ein elender Versager, der einen Meister braucht, um ihm folgen zu können. Gut zu sein bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Und das kannst du nicht. Es ist so einfach einer Person blind zu folgen..."

Mit unterdrücktem Zorn funkelte Lucius den Spiegel an. "Sei verdammt noch mal ruhig. RUHE!", brüllte er.

Der Spiegel lachte höhnisch.

"ICH KANN ES SCHAFFEN!"

"Aber natürlich."

"ICH BIN EIN GUTER MENSCH!"

"Feigling."

"ICH BIN NICHT IMMER NETT, ABER ICH BIN EIN GUTER MENSCH!"

"Versager."

Lucius riss seinen Zauberstab an sich und wirbelte zum Spiegel herum. Ein wahnsinniger Ausdruck loderte in seinen Augen. Er hob den Zauberstab und schrie: "MORSCORDIS!"


Macallan Schottischer Single-Malt-Whiskey