Kapitel 8

Ein lauter Schrei ertönte, und eine Sekunde später war Hermine über und über mit Resten des Frühstücks bedeckt. Verblüfft starrte sie auf die Eule, die vor ihr in die Milchschale gefallen war.

"Ratzeputz", murmelte Poppy und grinste.

Die Eule war sehr klein und sah mitleidserregend aus. Aufgeregt hoppste sie vor Hermine auf und ab und bedeutete ihr, dass sie einen Brief überbrachte. Nachdem sie von ihrer Last befreit worden war, flog sie kreischend über dem Tisch hin und her - zu aufgeregt, weil sie die Lange Reise aus London erfolgreich überstanden hatte.
"Pigwidgeon", stöhnte Hermine auf. Ihr war klar, dass sie einen Brief von Ron erhalten hatte. Mit einem entschuldigenden Lächeln stand sie auf und verschwand, um den Brief in Ruhe lesen zu können.

"Meine geliebte Hermine,
einen Tag bist du nun schon weg, und ich vermisse dich schrecklich. Unsere letzte Begegnung bereue ich zu tiefst.
Ich hoffe, du hast mir verziehen und bist mir berei eine neue Chance zu geben. Ich weiß, dass ich dich sehr verletzt habe. Bitte, komm zurück, das Haus ist so einsam ohne dich.
In Liebe,
Dein Ron"

Die junge Hexe schloss die Augen und lehnte sich an den Baumstamm. Wie früher hatte es sie an den See gezogen, um dort, in der Sommersonne, den Brief ungestört lesen zu können.
"Er hat nichts, aber auch gar nichts verstanden", fauchte sie. "Er glaubt, er müsse sich entschuldigen und alles wird wieder gut."
Sie sprang auf und fing an, auf und ab zu tigern.

"Probleme?", erklang eine sanfte Stimme hinter ihr.

"SIE!", bellte Hermine. "Habe ich einen Unwiderstehlichkeitszauber an mir, oder warum lauern Sie mir ständig auf?" Die wütende Hexe wirbelte zu Lucius herum und funkelte ihn aus wütenden Augen an.

Der Mann lehnte an einem großen Felsen, die Füße lässig übereinander geschlagen, und hob beschwichtigend die Hände. "Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, verzeihen Sie mir. Aber als sie die Eule erkannten, verdüsterte sich ihr Gesicht, so dass ich mir Sorgen machte. Ich bin Ihnen nicht gefolgt, um Ihnen meine Aufmerksamkeit aufzuzwingen. Vielmehr trieb mich Sorge und Mitgefühl dazu, Ihnen zu folgen. Nie lag es in meiner Absicht, Sie zu belästigen, Hermine."

Hin und her laufend überging sie die Vertrautheit. Sie war wütend auf Ron, auf sich selbst, aber nicht auf Lucius. "Verzeihen Sie, ich wollte Ihnen nichts unterstellen. Ihre Aufrichtigkeit ehrt Sie."

"Darf ich Sie zu einem Spatziergang um den See einladen? Wenn Sie möchten, können Sie sich gern an mir abreagieren. Ich stehe Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung." Er verbeugte sich vor ihr.

'Musst du immer so geschraubt reden? Ein einfaches Ich-mache-mir-Sorgen-um-Sie hätte gereicht.'
Lucius ignorierte die Stimme und bot Hermine seinen Arm.

Nach ein paar Sekunden, die ihm endlos erschienen, nahm sie ihn schließlich und ließ sich von ihm in Richtung See führen. Sie schwiegen lange Zeit. Sehr langsam begann sich die Hexe zu entspannen. Sie konnte es nicht glauben, aber sie genoss die Gesellschaft des Mannes, der sie noch bis vor einigen Jahren als Schlammblut betitelt und somit als Mensch zweiter Klasse degradiert hatte.
Einerseits war sie misstrauisch und rechnete jederzeit mit einem Angriff seinerseits. Aber dennoch gab es einen kleinen Teil in ihr, der daran glauben wollte, dass Lucius Malfoy tatsächlich die Seiten gewechselt hatte.
Der Mann hat Böses getan, das vergaß sie nicht, aber dennoch kämpfte er am Ende an der Seite des Guten. Er hatte eine Chance verdient.

Die Person ihrer Gedankengänge ahnte nichts von diesen Überlegungen, sondern wanderte weiter an der Seite der jungen Frau, und wartete darauf, dass sie das Wort ergriff.
Lucius wollte sie nicht bedrängen. Im Gegenteil, er war sogar überrascht, dass sie seinem Vorschlag folgte. Die Tatsache, dass sie seinen angebotenen Arm angenommen hatte, erschien ihm fast unglaublich.

"Der Brief stammt von Ron. Er ... Nun er war nicht sonderlich begeistert davon, dass ich nach Hogwarts zurückkehren und diese Professur übernehmen wollte. Genauer gesagt, er plante eine andere Zukunft." Es fiel ihr schwer sich ausgerechnet dem Mann gegenüber anzuvertrauen, von dem sie soviel Negatives gehört hatte. "Ich möchte Sie auch gar nicht mit meinem Geschwätz langweilen."

"Würde die Gefahr auch nur ansatzweise bestehen, dass Sie mich mit Ihrem Geschwätz, wie Sie es auszudrücken pflegen, langweilen würden, liebe Kollegin", unterbrach Lucius sie sanft, "wäre ich Ihnen nicht freiwillig wie ein kleiner Schoßhund gefolgt." Er lächelte.

Hermine erwiderte das Lächeln. "Wie dem auch sei, im Endeffekt haben mein Ehemann und ich uns auf eine Auszeit geeinigt, als wir uns voneinander verabschiedeten. Nun schrieb er mir einen Brief, indem deutlich wurde, dass er kein Wort von dem verstanden hat, was ich sagte. Das hat mich ziemlich verletzt."

"Die Ehe ist eine Herausforderung, ich weiß wovon ich rede." Er legte seine Hand über ihre. "Besonders zwischenmenschliche Beziehungen verlangen oft höchste Aufmerksamkeit und Sensibilität. Ich kann mir vorstellen, dass Sie beide emotional, sagen wir überfordert sind. Eine Auszeit ist nicht gleichbedeutend mit einer Aufgabe. Nutzen Sie die Chance, erkennen Sie wo Sie beide stehen, und überdenken Sie die Möglichkeit. Ich bin sicher, Sie werden die richtige Entscheidung treffen."

Verblüfft starrte Hermine ihn an. "Wer sind Sie? Und wo haben Sie den Lucius Malfoy eingesperrt, der mir noch vor ein paar Jahren mit eiskalter Verachtung das Wort 'Schlammblut' ins Gesicht schleuderte?"

Sein Lachen war warm und angenehm. Nachdem er eine Weile überlegt hatte, nahm er den Spaziergang wieder auf, nicht ohne sie loszulassen, und starrte auf einen Punkt in der Ferne. "Ich habe mich bereits bei Ihnen entschuldigt, und verrenne mich in der Hoffnung, dass Sie nicht nachtragend sind."
'Sei ehrlich, mein Junge.'
"Wie Sie wissen entstamme ich aus einer sehr alten Familie. Wir haben immer darauf geachtet, reinblütig zu bleiben. Letzten Endes heirateten wir untereinander. Den Stolz auf diese 'Besonderheit' wurde von Familie zu Familie weiter gegeben. Seit meinem frühesten Lebensjahr lernte ich nichts anderen. Und als Sie-wissen-schon-wer auftauchte, bestätigte er mein Weltbild. Ich kam gar nicht auf die Idee darüber nachzudenken, ob es falsch oder richig war.
Im Nachhinein weiß ich, dass es schwach und feige von mir war, doch, Hermine, wenn Sie in einem Umfeld aufwachsen, wo immer nur eins als wahr hingestellt wird, glauben auch Sie irgendwann daran. Der Mensch ist schwach." Er schluckte. "Ich habe nach seinem Fall viel erlebt und durchmachen müssen. Glauben Sie mir, ich habe begriffen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Es tut mir sehr leid, ausgerechnet Sie so tief verletzt zu haben. Manchmal muss man erst tief fallen, um zu merken, dass man nicht in Seidenkissen, sondern auf Nägeln gefallen ist." Er blieb stehen und sah Hermine an. "Ich kann nicht verlangen, dass Sie mir verzeihen. Ich kann noch nicht mal darauf hoffen, dass Sie mir eine zweite Chance geben. Ich kann Ihnen lediglich versichern, dass ich Sie als außergewöhnliche Hexe kennen und schätzen gelernt habe."

'Sie wird dem verlorenen Sohn aus der Hand fressen', spottete der Spiegel.

Nun war es an Hermine auf einen imaginären Punkt zu starren. "Mr. Malfoy, Lucius, ich kann nicht beurteilen, ob Sie sich wirklich geändert haben. Ich kann nur sagen, dass Sie mir viele Jahre lang sehr viel Ängst gemacht haben. Innerlich warte ich auch immer noch auf den, bildlich gesprochen, Vorschlaghammer, der mich wieder zu Boden reißt. Aber Sie haben Recht, Sie haben Furchtbares getan und es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen." Wieder überlegte sie lange. "Ich würde lügen, wenn ich sage, ich vergesse, wie Sie sich mir gegenüber benommen haben. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich versuchen werde, Ihnen eine zweite Chance zu geben. Ich traue Ihnen nicht, Lucius."

Sein wohlklingendes Lachen jagte ihr Schauer über den Rücken. "Sie sind wirklich eine sehr kluge Frau, Hermine. Wäre ich jemand anderes, würde ich Ihnen zur Vorsicht raten. Ich kann für nichts garantieren. Ich kann nur versprechen, es zu versuchen. Aber, ich habe nichts mehr zu verlieren. Warum also sollte ich Sie anlügen?"

'Lucius, mein aalglatter Freund', meldete sich die Stimme wieder.