Kapitel 9

Der Angesprochene zuckte so heftig zusammen, dass Hermine ihn fragend ansah. Er schüttelte nur den Kopf und zog sie weiter. Wieder verbrachten sie eine zeitlang schweigend, während sie weiter um den See schritten.

"Mr. Malfoy...", zögerte Hermine.

Wieder wurde sie sehr sanft unterbrochen. "Hermine, Sie haben doch meinen Vornamen schon das ein oder andere Mal verwendet. Im Alter sind Wiederholungen mühselig, daher bitte ich Sie, nehmen Sie Rücksicht auf meinen baldigen Greisenstatus, und lassen mich Sie nicht dauernd daran erinnern, wie gern ich es höre, wenn Sie meinen Namen mit Ihrer sanften Stimme formen."

"Was?" Sie hatte kein Wort verstanden.

"Nennen Sie mich doch einfach Lucius, niemals wieder Mr. Malfoy."

Wieder dieses erregend sinnliche Lachen, dass Gänsehaut erzeugte. Er war gefährlich, das wusste sie, und doch konnte sie sich nicht seiner Wirkung entziehen.
Hätte ihr jemand vor einigen Wochen noch weiß gemacht, dass sie eine Welle der Erregung verspürten, wenn Lucius Malfoy ihr tief in die Augen gucken und sein erotisches Lachen erklingen lassen würde, Hermine hätte diese Person verhext. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, um zu einer Antwort anzusetzen.
Doch dazu kam sie nicht. Sie spürte seine Nähe, und dass er viel zu nah hinter ihr stand. Als er sich vorbeugte und sie seine Brust an ihrem Rücken fühlte, fuhr sie leise zusammen. Sein Atem schien ihren Nacken zu streicheln. Sie war vollkommen elektrisiert.

"Sie können ... in bestimmten Situationen ... auch Luc zu mir sagen, meine liebste Hermine. Zum Beispiel ... wenn Sie vor mir knien."

Mit aufgerissenem Mund wirbelte die Hexe herum und prallte zurück. Er stand viel näher, als sie dachte.

Lucius lachte herzhaft auf, nahm wieder ihren Arm und zog sie weiter auf dem Spaziergang um den See herum. Als wäre nichts geschehen, plauderte er mit ihr. So als würde er mit übereinander geschlagenen Beinen bei der Queen am Teetisch sitzen und eine vergnügliche Geschichte einer Fuchsjagd zum Besten geben.

'Was führt dieser Mann im Schilde? Warum verhält er sich so? Sein ganzes Leben lang war er Leuten wie mir gegenüber gefährlich und brutal. Warum sollte es für ihn jetzt keine Rolle mehr spielen, dass ich von Muggeln abstamme?'
Hermine war verwirrt. Der ganze Mann verwirrte sie.

Dieser Mann war ausgesprochen guter Laune, schließlich hatte er die Verwirrung, in die er die junge Hexe stürzte, durchaus bemerkt. Genauso wie seine Wirkung.
Er war sich im Klaren darüber, dass sie ihn anziehend fand - und darüber war sie bestürzt.
Lucius genoss es von Herzen und nahm sich vor, noch mehr von der reizenden jungen Frau zu kosten.

Als sie das Portal erreichten, wurde die große Schlosstür aufgestoßen und eine wütende Minerva McGonagall schoss heraus. "LUCIUS MALFOY!"

Der angesprochene verharrte kurz in seiner Bewegung, fing sich innerlich und ging dann, scheinbar unbesorgt, auf die vor Zorn bebende Direktorin zu. "Minerva, womit habe ich mir Ihren Unmut zugezogen?"

Der Blick der Direktorin fiel auf die Stelle seines Arms, an der noch immer Hermines Hand lag. Mit einem bedauernden Seufzen trennte er sich von seiner Begleitung, hauchte ihr einen Handkuss auf die Finger und sah ihr tief in die Augen. "Ich danke Ihnen für Ihre bezaubernde Gesellschaft, liebste Hermine. Aber nun muss ich mich mit Bedauern verabschieden und ein wenig Übung für meinen anderen Beruf sammeln." Mit einem Zwinkern wandte er sich von Hermine ab.

"Ihren ANDEREN Beruf?", fragte Minerva aufgebracht. "Was für einen anderen Beruf?"

"Erwähnte ich nicht, dass ich mich für ein Praktikum bei Charlie Weasley in Rumänien beworben habe?" Sein Blick fiel auf die aufgebrachte Direktorin. "Ich vermute, Sie werden mir nun helfen die ersten Erfahrungen zu sammeln, die unablässig für diesen Beruf sind."

Beide Frauen starrten ihn ungläubig an und Hermine biss sich auf die Lippen, um nicht laut lachen zu müssen. Bevor sie sich den Unmut ihrer Vorgesetzten zuziehen konnte, verabschiedete sich und rannte in ihr Büro.

"Mr. Malfoy, in mein Büro. SOFORT!"


Lässig saß Mr. Malfoy wenig später im Büro der Direktorin, die Fingerspitzen aneinander tippend, und wartete darauf, dass 'der Drache' anfing Feuer zuspucken.

"Wie können Sie es wagen? Was erlauben Sie sich?" Minerva war außer sich, so das ihr die Worte fehlen.

"Wie könne ich was wagen?" Seine Stimme klang gefährlich ruhig.

"Sie sind doppelt so alt wie Hermine!"

"Mir war nicht bewusst, dass ausgerechnet Sie ein Problem mit dem Alter haben, Teuerste. Zumal ich bezweifle, dass das der Hauptgrund Ihrer Ablehnung ist."

"Ich habe Sie von Anfang an gewarnt, Mr. Malfoy, lassen Sie die Finger von den Kolleginnen."

"Mir scheint, ein wichtiges Detail ist meiner Aufmerksamkeit entgangen, gerade eben ging es noch um eine Kollegin. Wem bin ich noch zu nahe getreten? Der Kräuterkundlerin? Oder gar Ihnen?" Lucius sah mit Spannung zu, wie Minerva wieder im Kreis zu laufen begann. Er fragte sich, ob der Teppich am Ende des Gesprächs Spuren aufweisen würde.

"Hermine steht unter meinem Schutz, ich lasse nicht zu, dass ein Mann wie Sie ..."

"Ein ehemaliger Todesser", half Lucius weiter.

Minerva überging den Einwurf, "... sich an meiner Schülerin vergreift und sich ihr aufdrängt."

"Ich bitte Sie, Teuerste, sie ist nicht mehr Ihre Schülerin. Außerdem hatte ich bislang nicht den Eindruck, mich ihr aufzudrängen. Im Gegenteil, meines Wissens nach genoss sie meine ... Gegenwart."

"Sie ist jung, sie kann die Gefahr noch nicht abschätzen."

Ein böses Lächeln umspielte seine Lippen. "So, Sie sehen mich als eine Gefahr an?" Er sprang auf und näherte sich McGonagall bis auf ein paar Zentimeter. "Jetzt hören Sie mir mal zu. Hermine ist eine erwachsene Frau, die durchaus fähig ist für sich selbst zu sprechen. Und solange sie mir nicht sagt, dass ich mich von ihr fern halten soll, sehe ich nicht ein, auf ihre angenehme Unterhaltung verzichten zu müssen. Kümmern Sie sich um die Angelegenheiten, die Sie etwas angehen und lernen Sie endlich los zu lassen." Erneut setzte er sich in den Sessel und blickte seine Vorgesetzte treuherzig an.

"Was wollen Sie von Hermine?"

"Welcher Mann genießt nicht die Gesellschaft einer hübschen, jungen und besonders intelligenten Lady?"

"Wenn Sie ihr auch nur ein Haar krümmen..."

"Was dann?", spöttelte Lucius. "Werfen Sie mich lebenslang in die Kammer des Schreckens?"

"Nein, aber dann werden Sie mich kennen lernen." Minerva betrachtete ihren Gegenüber, der sich einen Kommentar verkniff, lange und intensiv, dann drehte sie sich um und ging zurück zum Schreibtisch.

Dabei entging ihr, wie Lucius die Augen zusammen kniff und tief durchatmete. "Minerva, ich will ihrem Schützling nichts Böses. Ich genieße lediglich ihre erfrischende Art."

'Deswegen hättest du sie vorhin auch fast geküsst', frohlockte der Spiegel.

Er seufzte auf, ging zu Minerva und nahm ihre Hand. "Minerva, ich habe Fehler in meiner Vergangenheit gemacht, die leider nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Hätte ich die Wahl, ich würde heute viele Entscheidungen anders treffen." Er sah ihr tief in die Augen. "Wie ich vorhin schon zu Hermine sagte, kann ich nicht erwarten, dass Sie mir verzeihen. Aber ich bitte Sie, mir eine zweite Chance zu geben - so wie es Ihre junge Kollegin tat."

Sie sagte lange Zeit nichts. "Warum Hermine?"

"Sie ist Harry Potters Freundin. Er gilt als der Junge-der-lebt, der Auserwählte. Er ist das Synonym für das Gute, steht für die richtige Seite, ebenso wie Hermine. Weiße Magie." Sein Blick wurde beschwörender. "Ich dagegen stehe für die Dunkle Seite. Ich war, leider, die rechte Hand des Dunklen Lords. Sie könnte Licht in meinen Schatten bringen. Wie soll ich je den Absprung zurück schaffen, ohne Licht, ohne das Gute an meiner Seite? Wie soll ich sonst jemals eine Chance bekommen?"

"Sie benutzen sie", keuchte Minerva auf.

"Ja, und nein. Ich benutze sie, um den Weg zurück zu finden. Sie ist meine Lehrerin, mein Mentor."

Die alte Dame war von der Ehrlichkeit überrascht. "Weiß Hermine das?"

"Noch nicht."

Wieder schwieg sie lange. Dann sah sie Lucius an und bekam einen stechenden Blick, der dem seinen in nichts nach stand. "Ein Wort von ihr, Lucius, und du kannst dich selbst im Verbotenen Wald zusammensuchen."


Nach dieser anstrengenden Unterredung ging Lucius Malfoy umgehend zurück in seine Räume. Dort setzte er sich in einen Sessel vor dem Kamin und schüttete sich einen Whiskey ein. Müde starrte er aus dem Fenster.

'Brava, brava, bravissima', sang der Spiegel leise.

'Könntest du nicht einmal ruhe geben?', fragte der Mann müde

'Ich dachte, die alte McGonagall wäre schwieriger zu knacken. Du scheinst langsam wieder zu Höchstformen aufzulaufen. Kompliment, mein Junge.'

'Wie angenehm es doch ist, nach Hause zu kommen und von einem freundlichen, wohlwollenden und gut gelaunten Spiegel empfangen zu werden.' Er seufzte auf.

'McGonagall wird dir aus der Hand fressen.'

'Das hoffe ich doch.'

Der Spiegel schien zu überlegen. 'Du siehst müde aus, verbraucht.'

'Mag daran liegen, dass ich ein alter Mann bin, der nicht mehr die volle Kraft darauf aufbringen kann, sich andauernd mit einem launischen Spiegel auseinander zu setzen.'

Der Spiegel, oder besser sein Spiegelbild, lachte auf. 'Deine Haare beginnen zu ergrauen. Die ersten Fältchen sehe ich auch schon. Pass auf, mein blonder Engel, du stehst bald mit einem Bein im Grab.'

Das Glas verfehlte den Spiegel knapp.