Kapitel 10

Er musste wieder eingeschlafen sein. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel, der Nebel war gänzlich verschwunden und der Fisch verkohlt.

Severus Snape wischte sich über die Augen und gähnte herzhaft. Es waren die ersten Stunden seit der finalen Schlacht gewesen, in denen er traumlos geschlafen hatte. Es war erholsam gewesen. Wieder hatte er Hoffnung, dass er das Erlebte nun endgültig verarbeitet hatte. Weitere Träume dieser Art würde er nicht mehr aushalten.

Immer wieder blickte er in die Augen des Dunklen Lords, wie er schreckliche Dinge von ihm verlangte. Jede Nacht träumte er von den Schreien, der Angst und der Verzweifelung der Opfer. Aber am schlimmsten war es, gewesen, wenn Kinder beteiligt waren.
'Schluss!' Er zwang sich an etwas anderes zu denken.

Seine Zukunft zum Beispiel. Drei Jahre lang hauste er nun schon in den schottischen Highlands. Es war ein Leben der Flucht. Doch vor was flüchtete er? Voldemort war tot, und er war frei. Niemand mehr, dem er etwas vorspielen musste.

In den fast zwanzig Jahren, in denen er an Voldemorts Seite kämpfte, hatte er sich oft ausgemalt, wie sein Leben verlaufen würde, wenn der Dunkle Lord nicht mehr war. Er hatte sich meistens als Lehrer in Hogwarts gesehen, ganz selten als liebender Vater. Nein, diese Hoffnung hatte er endgültig begraben. So ein Leben war für ihn nicht vorgesehen. Diese Tatsache musste er endlich akzeptieren, so wahr er Severus Snape hieße.

Doch was sollte er machen? Dieses Leben konnte er nicht weiter führen. Drei Jahre in Wäldern zu leben, war nicht gerade sein Traum. Nicht, dass er besonders anspruchsvoll war, aber sein Geist litt. Ihm fehlte die Forschung. Ihm fehlte das Brauen von Zaubertränken. Und, er hätte nie gedacht, dass einmal zugeben zu müssen, ihm fehlten die Schüler von Hogwarts.

Er könnte Lucius Malfoy fragen, der wüsste bestimmt eine Hilfe. Aber diese saß wahrscheinlich in Askaban.

Er könnte sich dem Ministerium anvertrauen. Aber sein Vertrauen zum Ministerium war vollkommen erschöpft.

Er könnte zurück nach Hogwarts gehen. Aber Dumbledore war tot. Der einzige Mann, der es wirklich gut mit ihm gemeint hatte, war tot.

Aber in den Wäldern war er auch allein. Für Hogwarts sprach, dass er dort nicht nur körperlich, sondern auch geistig beschäftigt sein würde. Er würde ein richtiges Dach überm Kopf haben, geregelte Mahlzeiten, und er könnte den Gryffindors endlich wieder Punkte abziehen.

Aber Severus Snape galt seit drei Jahre als verschollen. Bestimmt würden die meisten glauben, er wäre tot. Und die Zaubertrankprofessur war wieder vergeben. Es war ein Pflichtfach in Hogwarts, natürlich war ein Ersatz gefunden worden. Dennoch, Hogwarts war seine einzige Anlaufstelle. Etwas anderes hatte er nicht.

Diese Gedanken beschäftigten ihn vollauf. Auch wenn er alles verloren hatte, was ihm jemals etwas bedeutete, er sah ein, dass es so nicht weiter ginge.

Snape schenkte diesen Gedanken seine ganze Aufmerksamkeit. So entging ihm, dass sich eine Person an ihn heranschlich, die ihn schon eine ganze Weile beobachtet hatte.

Wie aus dem Nichts tauchte sie vor ihm auf und er hatte keine Chance, nach seinem Zauberstab zu greifen.
"Elender Verräter, du hast den Dunklen Lord im Stich gelassen. Büßen sollst du. Bezahlen sollst du. Ich werde in seinem Namen Rache an dir nehmen, du hast es nicht länger verdient, am Leben zu sein."
Diese Person riss den Zauberstab in die Höhe, zielte auf Snape und stieß einen der Unverzeihlichen Flüche aus.

"Crucio."

Der Schmerz traf den Zauberer mit ganzer Wucht. Er riss die Augen auf, fiel hinten rüber und spürte den Schmerz in sich ausbrechen. Ihm wurde schwarz vor Augen. Das letzte, was er wahrnahm, war ein hysterisches Lachen ...