12. Kapitel

Zwei Wochen waren nun seit dem Beginn des Schuljahres vergangen. Der Alltag war in Hogwarts eingekehrt, und Hermine erschien es, als wäre sie schon ihr ganzes Leben lang Professorin gewesen. Das Unterrichten machte ihr Spaß, da die Schüler sie respektierten, und fleißig mitarbeiteten.

Hermine wusste, wie viel Stress sie damals in ihrer Schulzeit gehabt hatte, und war noch idealistisch genug, sich darauf einzustellen und den Schülern ab und an entgegen zu kommen.

Natürlich gab es auch die ein oder andere Situation, in denen sie nicht weiter wusste, aber sie scheute sich innerlich, Minervas Hilfsangebot anzunehmen. Sie wollte beweisen, dass sie die Dinge auch allein regeln konnte. Vielleicht wollte sie auch nicht, dass die Direktorin es bereute, Hermine als Professorin eingestellt zu haben.

Abends ging sie gern zum See hinunter, um auf andere Gedanken zu kommen. Manchmal verbrachte sie die Stunden auch mit den anderen Kollegen. Mit Poppy, Minerva und Professor Sprout, die ihr sehr schnell das 'du' angeboten hatte, verband sie mittlerweile etwas, das man wohl als Freundschaft bezeichnen konnte.
Die vier Frauen wurden mit der Zeit zu einem eingespielten Team, so dass oft nur ein Blick genügte, um sich zu verständigen.Insgesamt war Hermine mit der Situation sehr zufrieden.

Sie vermisste Ron nicht, auch wenn sie am Anfang einen kleinen Kampf mit sich austragen musste. Ihr Gewissen schrieb ihr vor, Ron vermissen zu müssen. Ihr Herz bedeutete ihr, die Auszeit zu genieъen, und die Entscheidung über eine Zukunft nach hinten raus zu schieben.

Der Gedanke an Ron brachte sie unweigerlich zu einer anderen Person. Lucius verhielt sich sehr zurück haltend. Er suchte kaum Kontakt zum Kollegium, da er begriffen hatte, dass die anderen Professoren nicht bereit waren, ihm so schnell eine zweite Chance zu geben.

Hermines Gewissen bestärkte sie in diesem Gedanken, doch sie hatte schon immer ein großes Herz. Mit Wehmut erinnerte sie sich an die Zeit zurück, als sie den Bund für Elfenrechte gegründet hatte.
Mittlerweile war ihr bewusst, dass sie keine Chance gehabt hatte, die Elfen zu 'befreien'. Doch so ganz hatte sie es nicht aufgeben können. Jetzt hatten sich die Elfen scheinbar dran gewöhnt und nahmen Hermines halbherzige Befreiungsversuche nicht mehr all zu ernst.
Vielleicht lag das auch an einem Gespräch mit Professor McGonagall, die ihnen versicherte, dass die junge Kollegin keinen der Elfen befreien konnte. Schließlich war sie Angestellte im Schloss, aber nicht die direkte Vorgesetzte der Elfen, der es zustand, Kleidung zu verschenken.
Von diesem Gespräch wusste diese 'junge Kollegin' nichts, es wäre ihr mit Sicherheit unangenehm gewesen, dass sich die Direktorin eingemischt hatte.
Sie startete nur noch ab und an einen Versuch, und die Elfen behandelten sie wie alle anderen, mit Hilfsbereitschaft und Respekt. Es war für beide Seiten ein angenehmes Miteinanderauskommen.

Wieder schweiften ihre Gedanken zu dem blonden Mann ab. Er faszinierte sie, zweifelsohne. Dennoch fragte sie sich oft, warum er so freundlich und entgegenkommend ihr gegenüber war. Einerseits war sie misstrauisch, andererseits genoss sie seine Nähe, konnte sie mit ihm Gespräche führen, die sie sonst vermisste.

Minerva war eine sehr liebe Freundin geworden, dennoch war es für Hermine undenkbar, mit ihr über ihre Streiche in der Schulzeit zu reden.

Poppy half ihr, wann immer sie konnte, aber alles, was über ihren Beruf hinausging, betrachtete sie äußerst misstrauisch. Sie war nicht gerade das, was man eine 'offene Persönlichkeit' nannte.

Pomona war so, wie sie aussah, freundlich, lieb, nett. Wenn sie über ihre Pflanzen sprach, strotzte sie nur so vor Fachwissen. In allen anderen Bereichen legte sie aber eine solche Naivität auf, dass Hermine sich oftmals fragte, wie sie so gut durchs Leben gekommen war. Wahrscheinlich hatte Albus Dumbledore der quirligen Frau das ein oder andere Mal heimlich die Steine aus dem Weg geräumt.

Mit Lucius, sie hatte ihn nie wieder Mr. Malfoy genannt, konnte sie über all das sprechen, was sie bewegte. Natürlich ließ sie den einen oder anderen Bereich in ihrem Leben dezent aus, zum Beispiel ihr Liebesleben, da war sie noch zu kritisch, ob sie ihm vertrauen konnte.

Sie lachte leise, als sie sich daran erinnerte, wie sie mit Harry und Ron über 'den blonden Teufel' geredet hatte. Es erschien ihr, als wären das zwei verschiedene Personen. Den heutigen Lucius Malfoy mochte sie. Er war ein hochintelligenter Mann, der Zusammenhänge schnell begriff und weiter entwickelte. Es hatte Hermine nicht überrascht, als er ihr anvertraute, dass er Vertrauensschüler gewesen war.

Sie genoss die Diskussionen mit ihm, und dass er ihr oftmals Wege zeigte, die sie noch nie bedacht hatte.
Er nahm sie ernst. Das gefiel ihr.
Er begehrte sie. Das machte sie Stolz.
'Er sieht den Menschen in mir, die Frau, das Weib', sinnierte Hermine. 'Seine Blicke tun mir gut. Sein Lachen verschafft mir eine Gänsehaut. Sein Charme lässt mich einen Moment alles vergessen.'

Lucius benahm sich wie ein Gentleman, niemals trat er ihr zu nahe, immer behandelte er sie wie eine Königin. Das gefiel ihr, sehr sogar. Für Ron war sie selbstverständlich geworden, er umwarb sie nicht mehr. Er konnte ihr nicht mehr das Gefühl vermitteln, etwas Besonderes zu sein.

Hermine gewöhnte sich an Lucius' Aufmerksamkeiten, an seine Blicke, seine charmanten Komplimente.
Sie dachte an die Worte des Sprechenden Huts.

"Der schlaue Slytherin, ein Reinblut mal acht". Lange hatten sie darüber diskutiert. Lucius gab offen zu, dass er "noch das ein oder andere Problem mit Muggeln" habe, aber in den drei Jahren nach dem Fall des Dunklen Lords hab er nachgedacht. Nach dem Tod von seiner Familie sei ihm klar geworden, dass er Narcissa als Frau liebte, und nicht das Blut in ihr. Er habe verstanden, dass das Blut den Menschen am Leben erhält, aber keine Auswirkung darauf habe, wie sich der Mensch verhalte.
Hermine glaubte ihm.

"Sein Tier war die Schlange, die Seele das Blut." Von den oftmals grausamen Verbrechen hatte er ihr nicht erzählt, er hatte es lediglich angedeutet. Sie drängte auch nicht weiter in ihn, weil sie ihm die Chance geben wollte, selbst zu bestimmen, wann er sich öffnete. Sie sah den Abscheu, wenn er davon sprach. Sie sah die versteckten Tränen. Er beteuerte ihr, dass er mittlerweile Selbsthass empfände.
Hermine glaubte ihm.

"Besonders listig und schlau, das war für ihn gut." Ja, Lucius Malfoy war schlau. Sie musste bei dem Gedanken lachen. Er war schlau vorgegangen, als er sie dazu überredet hatte, mit ihm auswärts essen und anschließend tanzen zu gehen. Er hatte ihr gesagt, habe nur Gutes im Sinn.
Hermine glaubte ihm.

"Nun lernet im Kerker das Wissen der Macht." Offen hatte er zugegeben, dass ihn die Macht fasziniere. Allerdings anders, als sie es glauben würde. Auf ihren fragenden Blick, hatte er sinnlich gelacht. "Das, meine liebe Hermine, erkläre ich Ihnen, wenn Se soweit sind. Aber ich versichere Ihnen, die Macht, die ich meine, ist eine andere, als sie annehmen. Ich mag die Macht beim Kampf mit einer Frau, meiner Königin. Ich mag es sie zu besitzen, zu beherrschen, während mein Herz ihr gehört." Sie hatte es nicht verstanden, aber,
Hermine glaubte ihm.

Sie legte den Kopf in den Nacken und lies die Sonne auf ihr Gesicht strahlen. 'Bei Gott, ich will dieses Spiel', dachte sie. 'Es ist gefährlich, aber es reizt mich.' Sie lachte leise auf.

"Sie sind schön, wenn Sie lachen." Lucius Malfoy hatte sich ihr langsam genähert. "Darf ich mich zu Ihnen setzen?" Auf ihr Nicken hin setzte er sich. "Woran haben Sie gerade gedacht?"

"An Sie", antwortete sie ihm forsch.

Mit soviel Offenheit hatte er nicht gerechnet. "Über mich? Ich hoffe, nur positiv."

"Vielleicht, vielleicht auch nicht." Sie sah ihn aus halbgeschlossenen Augen an.

"Vorsicht, Hermine, Sie spielen ein gefährliches Spiel", knurrte er.

Hermine drehte sich auf die Seite, so dass sie ihm in die Augen blicken konnte. "Vielleicht reizt es mich."

Lange sah er sie an. Dann strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und beugte sich vor. "Es ist ein Spiel mit dem Feuer."

"Ich mag es heiß." Ihr Atem ging schwer.

"Dann pass auf, dass du dich nicht verbrennst." Lucius beugte sich vor und küsste sie mit einer Zärtlichkeit, die sie ihm nicht zugetraut hatte. Langsam begann er, ihre Lippen zu erforschen und ihren Geschmack zu kosten.

"Traust du mir das zu?", hauchte sie atemlos.

Mit einem unglaublich schnellen Griff legte er seine Hand in ihren Nacken und zog ihren Kopf an den Haaren nach hinten. "Ich habe dir nicht erlaubt, mich zu duzen, oder?"

Ein Prickeln durchfuhr Hermine. Sie sah ihm tief in die Augen. Ein Teil in ihr wollte aufspringen und wegrennen. Der andere Teil wollte sich auf dieses Spiel einlassen. Sie sehnte sich danach, alles abzuwerfen und sich fallen zu lassen. Aber konnte sie das ausgerechnet bei dem Mann, der sie in der Vergangenheit so verletzt hatte?
Nein, darüber wollte sie nicht nachdenken. Sie verdrängte alle Zweifel und wollte sich ihrer Lust hingeben.
"Sie haben sich klar und deutlich ausgedrückt, Lucius."

Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen. "Braves Mädchen." Wieder küsste er sie. "Die Situation ist eingetreten."

Verwirrt sah sie ihn an. "Welche?"

"Dass du schon bald vor mir Knien wirst", lachte Luc rau.
"Es gibt gleich Abendessen. Du solltest dich frisch machen." Er nahm ihre Hand und hauchte ihr einen Kuss auf die Finger. "Ich freu mich auf dich."

Verwirrt sah Hermine ihm hinterher, als er zurück zum Schloss ging. Dann stand sie auf, klopfte sich das Gras ab, sprach einen Reinigungszauber und ging ebenfalls zurück zum Schloss.

Tief in Gedanken öffnete sie die große, schwere Tür. 'Worauf habe ich mich nur eingelassen? Ist es richtig? Kann etwas falsch sein, wenn es sich gut anfühlt?' Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf umher. Sie waren nicht zu fassen. Kaum wurde der eine klarer, wurde er durch einen anderen verdrängt. Selten war sie so verwirrt, wie eben da.

Völlig in Gedanken versunken steuerte Hermine auf die Große Halle zu und übersah die Person, die ihren Weg kreuzte und ebenfalls, wenn auch gänzlich anderen, Gedanken nachhing. Der Zusammenstoss brachte beide zurück in die Wirklichkeit. Sie blickten auf und starrten einander an.

"Miss Granger, werde ich Sie denn nie los? 50 Punkte Abzug für lästige Anhänglichkeit", fand Severus Snape als erstes die Sprache wieder.