13. Kapitel

Sprachlos starrte Hermine den großen Mann an. "Was?" Drei Jahre lang war dieser Kerl verschwunden, tauchte urplötzlich wieder auf und meinte allen ernstes, ihr als erstes Hauspunkte abziehen zu können.
Eingehend betrachtete sie den Mann vor sich. Er sah müde aus, aber strotzte dennoch Vitalität. Der gehetzte Ausdruck, den er zur Zeit Voldemorts in den Augen hatte, war weg. Er sah regelrecht entspannt aus. Und unglaublich attraktiv. Hermine bemerkte, dass er nicht mehr so blass war und auch nicht mehr hager. Egal was er in den vergangenen drei Jahren getan hatte, er schien ihm gut zu gehen. Sein altes Wesen schien er behalten zu haben. Er war überheblich, arrogant und wie immer unnahbar. Dass er sie wie eine Schülerin behandelt hatte, obwohl er wusste, dass sie längst keine mehr war, trieb ihr das Blut in die Wangen.
Wütend starrte sie ihren Gegenüber an und war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, ihn zu ignorieren und dem, ihn zu ohrfeigen.

"Wenn Sie langsam ihre Sprache wieder gefunden haben sollten, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir den Weg frei machen würden, indem Sie einfach zur Seite gehen." Snape gab seiner Stimme einen gelangweilten Unterton.

Hermine entschied sich für die erste Variante. Unbewusst zog sie beide Augenbrauen hoch, Snape registrierte sehr wohl diese Provokation, und starrte ihn spöttisch an. "Danke, es geht mir wirklich gut. Ich freue mich über Ihr aufrichtiges Interesse. Nicht jeder verfolgt den Werdegang seiner Schüler so intensiv wie Sie es tun. Aber Sie waren ja schon immer ein sehr engagierte und vor allem aufmerksamer Professor."

Snape kniff beide Augen zusammen und setzte gerade zu einer entsprechenden Antwort an, als Hermine, die innere Unsicherheit überspielend, den Kopf in den Nacken legte und ihm direkt in die Augen sah. "Die Eingangshalle ist groß genug, warum gehen Sie nicht einfach um mich herum, Sir?" Das letzte Wort dehnte sie so lang, dass es fast schon unverschämt klang.

"Weil ich es gewohnt bin, dass man mir aus dem Weg geht." Sein Blick wurde finsterer.

"Dann sollten Sie anfangen alte Gewohnheiten abzulegen", fauchte Hermine und wollte zu einer flammenden Rede ansetzen, als ihr ein Gedanke kam. Nein, sie wollte ihm nicht die Macht über sich geben, die er zu ihrer Schulzeit hatte. Sie wollte ihm nicht zeigen, wie sehr er sie mit seinem Verhalten verletzt hatte.
Sie schluckte, sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an und erwiderte betont ruhig: "Fahren Sie zur Hölle."

"Da komme ich gerade her", presste er hervor und funkelte sie an, nicht bereit, auch nur einen Schritt nachzugeben.

"Sie haben mein vollstes Mitgefühl." Hermines Stimme tropfte vor Ironie. "Guten Tag, Sir."

Snape sah, wie sich seine ehemalige Schülerin umdrehte und geradewegs zur Großen Halle ging. "Dieses Weib ist noch genauso unerträglich, wie zu ihrer Schulzeit", knurrte er und folgte ihr langsam.

Die Große Halle war unverändert. Für einen Augenblick war er geblendet von dem hellen Licht der vielen Kerzen. Aufmerksam sah er sich um. Alles war beim Alten belassen worden. Die Tische standen noch genau so, wie zu seiner Lehrzeit, und auch der Lehrertisch war unverändert.
Sein Blick fiel zurück zur Eingangshalle, direkt auf die Gläser mit den Hauspunkten. Slytherin lag gefährlich weit zurück.
Dann ließ Snape den Blick zur Decke gleiten. Noch immer war sie verzaubert und ein sternenklarer Nachhimmel gab den Bewohnern Hogwarts das Gefühl, direkt unter freiem Himmel zu Abend zu essen. Wäre Severus Snape ein einfühlsamer Mann, was er natürlich nicht war und auch immer wieder betonte, würde er die ganze Atmosphäre als romantisch empfinden. "Ich hoffe, Minerva hat sich Albus nicht als Vorbild genommen", knurrte er und zog damit die Aufmerksamkeit der Schüler auf sich.

Die Lehrlinge drehten sich neugierig zu ihm um. Diejenigen, die ihn noch kannten, hielten entsetzt den Atem an, was wollte ihr ehemaliger Zaubertrankprofessor? Diejenigen, die bislang nicht das zweifelhafte Vergnügen gehabt hatten, ihn im Unterricht erleben zu können, hatten natürlich von ihm gehört, und jeder wusste umgehend, wer er war. Seine Beschreibungen waren nicht untertrieben gewesen. Sie hofften, dass die ehemalige 'Fledermaus des Kerkers' nur zu Besuch in Hogwarts verweilte.

Mit einem typischen 'Wer-es-wagt-mich-anzustarren-wird-erbarmungslos-herunter-geputzt'- Blick ging Snape langsam zum Lehrertisch. Er sah, wie Pomona Sprout einen kleinen Schrei ausstieß, wie sich Unglauben auf Professor Flitwicks Gesicht ausbreitete und wie sich Professor Sinistra an ihrem Stuhl festkrallte.
Professor McGonagall sah gelassen von ihrem Teller auf und bedeutete ihm sich neben sie zu setzen. "Severus, wie schön, dass Sie zum Essen gekommen sind. Ich habe extra gewartet, den anderen diese kleine Sensation mitzuteilen, um Ihnen nicht den Spaß zu verderben. Ich weiß doch, dass Sie gern den Überraschungsmoment auf Ihrer Seite haben."

Wenn er sie nicht so gut gekannt hätte, hätte er nicht an ihren Worten gezweifelt. Im Gegenteil, dann hätte er angenommen, Minerva wäre nur um sein Wohlergehen besorgt. Doch mit dem Hinblick auf über ein Jahrzehnt gemeinsamer Lehrtätigkeiten erkannte er das kleine, boshafte Funkeln in ihren Augen. "Danke, Minerva. Wie überaus fürsorglich von Ihnen." Er setzte sich neben sie, genau auf den Stuhl, auf den sie gezeigt hatte.
"Miss Granger." Snape nickte zu seiner linken. "Wie ich sehe, ist es mir mittlerweile nicht mehr vergönnt, Ihnen weiter Hauspunkte abzuziehen."

"Oh, ihr habt euch schon getroffen?" Minerva beugte sich interessiert vor. "Hermine ist die neue Lehrerin in Verteidigung gegen die dunklen Künste. Eine sehr engagierte junge Frau, die frischen Wind in unsere alten Gemäuer bringt."

"Davon bin ich überzeugt." Snape heuchelte Begeistertung.

"Severus, ich bin überrascht, Sie zu sehen." Professor Flitwick wandte sich an den Angesprochenen. "Bitte, erzählen Sie uns doch, was Ihnen in den vergangenen drei Jahren widerfahren ist." Allgemeine Zustimmung folgte.

Er hatte damit gerechnet und war sich im Klaren darüber, den anderen Rede und Antwort stehen zu müssen. Dennoch hasste er es dermaßen im Mittelpunkt zu stehen. "Minerva kennt meine Geschichte, das muss reichen."

"Oh, aber ich glaube, jeder der hier Anwesenden hat sich bereits Gedanken über Sie gemacht, und würde nur zu gerne wissen, wie Sie die letzten drei Jahre verbracht haben. Vergeben Sie uns unsere Neugierde." Flitwick sah ekelerregend ernsthaft interessiert aus.
Wieder folgte allgemeine Zustimmung.

Snape trank einen Schluck Kürbissaft und überlegte. Er erkannte, dass die anderen nicht locker lassen würden und fügte sich seufzend seinem Schicksal. "Der Dunkle Lord hetzte in seinem letzten Kampf die Schlange Nagini auf mich. Ihr Gift sollte mich töten. Genug hatte dieses Vieh auch verspritzt, aber ich konnte Potter noch einen Teil meiner Erinnerung gegeben. Ich verlor ich die Besinnung und wachte er später wieder auf, als sich einer der Hauselfen über mich gebeugt hatte. Er hatte einen Bezoar in der Hand und damit mir wohl das Leben gerettet. Er versorgte mich und ich nahm ihm das Versprechen ab, meinen Zustand geheim zu halten. Als ich wieder einigermaßen gesund war, ging ich zu den Grenzen von Hogwarts und apparierte nach Halifax. Spinner's End existierte nicht mehr.
Die folgenden Nächte verbrachte ich im Tropfenden Kessel in der Winkelgasse. Leider traf ich zu viele Menschen, die mich erkennen konnten, so dass ich Highlands flüchtete.
Um Abstand zu gewinnen und meine weitere Zukunft zu überdenken verbrachte ich ein halbes Jahr dort, ehe ich von einem Rudel Wölfen angegriffen wurde. Ich konnte ihnen entkommen und traf auf zwei Einhörner, die ebenfalls angegriffen wurden. Eines konnte ich leider nicht mehr retten, das andere schaffte es zu überleben." Er sah ihn die Runde und registrierte, dass er die ungeteilte Aufmerksamkeit der Lehrer hatte.
"Leider kehrten die Wölfe zurück. Selbst mit meinem Zauberstab konnte ich nicht alle vertreiben. So dass mir nur die Flucht blieb. Auf einer morschen Brücke holten sie mich ein. Während des Kampfes, bei dem ich die meisten ausschalten konnte, verlor ich den Stand und stürzte ins Wasser. Als ich erneut aufwachte, fand ich mich in einer Hütte wieder. Ein alter Mann hatte mich aus dem Wasser gezogen und mir ein das Leben gerettet. Durch einen Schlag eines Astes im Wasser hatte ich mein Gedächtnis verloren, so dass ich dem Mann nicht mehr sagen konnte, wer ich war und was mein Ziel war. Mit meinem Zauberstab konnte ich nichts anfangen, und so begann ich, nach meiner Genesung, dem Mann bei seiner Arbeit zu helfen.
Der alte Mann starb schließlich eines Tages beim Jagen, so dass ich alleine im Wald blieb. Irgendwann erlangte ich meine Erinnerung und damit mein Gedächtnis zurück. Ich wusste nicht mehr, wie viel Zeit vergangen und was in der Welt mittlerweile geschehen war. Ich konnte mich nicht entscheiden, wie meine Zukunft aussehen sollte. Verwandte, zu denen ich zurückkehren konnte, hatte ich nicht. Albus Dumbledore ist tot. Wie die Menschen mit meiner Vergangenheit als Todesser umgingen, war mir ebenfalls nicht klar. Ich entschied ich mich, vorerst im Wald zu bleiben.
Ein paar Tage später wurde ich wieder angegriffen. Diesmal allerdings nicht von Wölfen, sondern einem ehemaligen Todesser. Wer genau mir den Cruciatus- Fluch auf den Hals gehetzt hat, ist mir bis heute unklar. Er oder sie stand im Schutz der Sonne, so dass ich das Gesicht nicht erkennen konnte. Der Cruciato war sehr stark, da die Person ihren ganzen Hass hinein gelegt hat. Dass ich noch lebe überrascht mich selbst. Als ich wieder aufwachte war die Person verschwunden, und ich lag inmitten einer Einhorngruppe. Eines davon war das, welches ich retten konnte. Es hatte diesmal mich vor dem Tod bewahrt. Ich vermute, sie haben die Person in die Flucht geschlagen und mich von den Folgen des Cruciatus befreit."Er bemerkte die ungläubigen Blicke.
"Es klingt unglaubwürdig, und ob ihr mir das abnehmt ist mir vollkommen egal. Ich kann nur sagen, wie es war", raunzte er die anderen an. "Ich vermute, dass zwischen dem geretteten Einhorn und mir eine Art Pakt besteht. Wenn ein Zauber dem anderen sein Leben schenkt, steht dieser auch in der Schuld des ersten. Vielleicht gilt das auch für magische Wesen wie Einhörner? Anschließend kehrte ich in die Winkelgasse zurück und klärte meine Angelegenheiten. Heute suchte ich Minerva auf und jetzt bin ich hier." Er blickte in aufmerksame und gespannte Gesichter.

"Wie rührend, Severus. Wir hatten schon mit Bedauern befürchtet, du würdest uns nie wieder mit deinem bedeutsamen Besuch beehren können. Dein unsagbar freundliches Wesen und dein zweifelsohne humorvoller Charakter wäre ein gänzlicher Verlust für die Zauberwelt." Lucius Malfoy hatte das Talent plötzlich unbemerkt aufzutauchen und jedem einen Schrecken einzujagen. Nun schlenderte er lässig zu seinem freien Platz am Ende des Tisches und lächelte unschuldig.

Das Kollegium hielt den Atem an. Jeder hatte angenommen, dass die beiden unterschiedlichen Männer befreundet gewesen waren. Schließlich hatte Sirius Black den verhassten Snape als "Malfoys Schosshündchen" bezeichnet. Die Rivalität der beiden war offensichtlich.

Für einen Moment war Snapes überrascht, hatte sich jedoch sofort wieder im Griff und durchbohrte seinen ehemaligen Freund mit Blicken. "Lucius, welch unangenehme Freude."

Dieser lachte. "Severus Snape, charmant wie eh und je. Ich freue mich wirklich, dich gesund und munter wieder zu sehen. Lässt du uns an deinen Zukunftsplänen teilhaben?"

Nun war es Minerva, die sich einschaltete. "Severus und ich hatten vorhin ein langes Gespräch. Er wird wieder als Lehrer zur Verfügung stehen und erneut den Zaubertrankunterricht übernehmen. Professor Slughorn hatte seinen Rückzug ja bereits angekündigt, und war froh, als er hörte, dass wir ihn ab sofort angemessen ersetzen können. Ich soll euch alle Grüßen, er ist bereits auf dem Weg in seinen wohlverdienten Urlaub."

"Na dann, willkommen in Hogwarts, Severus Snape." Lucius prostete ihm zu und lächelte betont entspannt.

oOo

Hermine ließ sich viel Zeit. Sie wollte erst einmal den Schock verdauen, dass Professor Snape wieder unter den Lebenden weilte. Sie sah, wie er die Halle verließ und wandte sich an die Direktorin, um noch ein Anliegen, ihre Klasse betreffend, zu besprechen.

Als sie sich schließlich erhob, um in ihre Räume zu gehen, fiel ihr Blick auf Lucius. Er sah sie entspannt und abwartend an. Sie lächelte und ging schnell weiter, um nicht mit ihm sprechen zu müssen. Sie war sich eine Närrin, weil sie es ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, sich mit DIESEM Mann einzulassen.

In der Eingangsahlle sah sie Snape am Fuß der Treppe stehen. Offensichtlich hatte er auf sie gewartet, denn als er sie sah, schlenderte er langsam zu ihr. "So so, Miss Granger ist nun also Professorin in Hogwarts. Wer hätte das gedacht?" Abfällig betrachtete er sie von oben bis unten. "Wie ich sehe, haben Sie sich nicht nur beruflich weiter entwickelt."

"Was wollen Sie?", fauchte Hermine ungehalten.

"Ihnen klar machen, dass Sie Ihre alte Gewohnheit Ihre Nase in Dinge zu stecken, die Sie nichts angehen, ablegen sollten."

"Ich hab doch gar nichts gemacht." Sie war nun vollends verwirrt.

"Und das sollte auch so bleiben." Grußlos wandte sich Snape um und verschwand in Richtung Kerker.

Hermine starrte ihm hinterher.

"Gib ihm Zeit sich dran zu gewöhnen, Hermine." Poppy legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Er kannte dich als Schülerin. Da hatte er die Oberhand, indem er dich unter Kontrolle behalten konnte. Du warst von ihm abhängig. Jetzt bist du seine Kollegin und ihm somit gleich gestellt. Damit hat der gute Severus ein Problem."

Hermine atmete tief durch. "Ich werde gleich zu seinem Problem", fauchte sie und folgte ihm in die Kerker.


A/N: YvettePlasma, danke für dein Review. Leider kann ich dir nicht antworten, da du keine Emailadresse hinterlassen hast. Ich hab mich aber sehr gefreut. Lucius' Sprache wird sich ändern ;-)