19. Kapitel – Die zweite Runde beginnt
Manchmal bekommt Mann mehr Frau als Mann vertragen kann
Frank Dommenz
Als Hermine erwachte, lag sie allein in dem großen Bett. Sie gönnte sich den Luxus, noch ein paar Minuten liegen zu bleiben, bevor sie herzhaft gähnte und sich dann auf die Bettkante setzte.
Es war nicht verwunderlich, dass das Schlafzimmer ebenfalls aus Marmor bestand. Ein großer Schrank nahm den Platz einer ganzen Wand ein. Dominiert wurde der Raum allerdings von dem großen Bett. Schwere rote Samtvorhänge ließen nur wenig Sonne rein. Hermine stand auf und ging zum Fenster. Mit dem Licht, das nun ins Zimmer strömte, wirkte der Raum viel heller und nicht mehr so bedrohlich wie am Abend zuvor. Die Einrichtung war spartanisch, klassisch- elegant.
Es klopfte an der Tür. Die junge Frau wurde sich bewusst, dass sie komplett nackt am Fenster stand. Aber Lucius hatte sie bereits so gesehen, also sah sie keine Veranlassung, sich etwas überzuziehen. „Ja?"
Die Tür wurde geöffnet, und das erste, was zu sehen war, war eine lange, spitze, runzlige Nase. Hermine runzelte die Stirn. Da sie erst kurz zuvor aus dem Land der Träume aufgewacht war, lief ihr Verstand auf Sparflamme, ansonsten hätte sie das kommende Unglück wohl voraussehen und verhindern können.
Der Hauself kam mit einem Tablett in den Händen, auf dem ein sehr reichhaltiges Frühstück gedeckt war, ins Zimmer. Den Kopf hatte er demütig gesenkt, blickte aber in dem Moment hoch, als Hermine ihn aus schreckensgeweiteten Augen ansah. Seine Augen weiteten sich ebenfalls. Eine junge Frau in den Räumlichkeiten seines Masters vorzufinden, war für Purple eine sehr gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Normalerweise brachte sein Master keine Frauen mit, und wenn, dann zog dieser es vor, sie direkt nach dem Aufstehen hinauszuschmeißen. Der Umstand also, dass ein weibliches Wesen länger als bis zum Morgengrauen in Master Malfoys Räumen weilte, verstörte den Hauselfen. Dass dieses Wesen auch noch nackt war, brachte seine Weltanschauung fast zu Fall. Just in dem Augenblick, als der Mensch aufschrie, ließ Purple das Tablette fallen und rannte, als wäre eine Sphinx hinter ihm her.
Die Empfindung von diesem besagten weiblichen Wesen wechselte von Überraschung, über Scham, bis hin zu Belustigung. Es drehte sich um und sah, dass seine Kleidung ordentlich über dem Teil des Bettes hing, auf dem Lucius genächtigt hatte. Sie zog sich an und wollte die Reste des heruntergefallenen Frühstücks aufräumen, als ihr ein Brief auffiel. Sie nahm ihn, ließ die Überreste mit einem passenden Zauber verschwinden und öffnete den Umschlag. Die elegante, fein geschwungene Schrift verriet den Absender.
„Guten Morgen, meine schöne Serva,
als ich gerade erwachte, stellte ich zu meiner größten Überraschung fest, dass ein wunderschönes, weibliches Geschöpf neben mir lag. Ich kann dir versichern, mein erster Gedanke zwar zweifelsohne von sehr lustvoller Natur. Leider weckte mich eine Eule, die mir von meinem Anwalt mitteilte, meine Anwesenheit sei auf Malfoy Manor unabdingbar.
Nachdem dein Freund Harry Potter meinen ehemaligen Hauselfen Dobby unter sehr zweifelhaften Absichten befreit hatte, trat Purple in meine Dienste. Dieser entzückende kleine Hauself wollte mir, auf eigenen Wunsch hin, nach Hogwarts folgen und steht mir nun auch hier zur Verfügung. Ich werde ihn anweisen, dir ein Frühstück hinaufkommen zu lassen. Er ist ein wenig schüchtern, wird aber jedem deiner Wünsche Folge leisten.
Da heute Wochenende ist, sah ich keine Veranlassung, dich zu wecken.
Bis heute Abend, wieder 20.30 Uhr
Kuss auf deinen Nacken,
Lucius
Hermine schmunzelte. Dann steckte sie den Brief ein und, nach einem Blick auf die Uhr, schlenderte in Richtung Halle, um ein verspätetes Frühstück einzunehmen.
Vom Lehrertisch winkte ihr Minerva schon entgegen. Hermine winkte zurück und deutete an, sofort zu kommen. Vorher sah sie sich aber nach Miss Blasira um. Das Mädchen hatte seine Mahlzeit gerade beendet und ging ihrer Lehrerin entgegen. „Guten Morgen, Professor." Hermine erwiderte den Gruß und erkundigte sich nach der Feder. „Ja, ich habe sie wieder. Vielen Dank, Professor. Ich soll Ihnen von Professor Snape ausrichten, Sie sollen sich nicht so sicher fühlen. Der Handschuh passe wie angegossen. Darf ich fragen, was er damit meint?"
„Das, Miss Blasira, ist eine Angelegenheit zwischen den beiden Hauslehren von Slytherin und Gryffindor." Sie zwinkerte dem Mädchen zu und wandte sich zum Lehrertisch.
„Hermine, wie schön, das du da bist. Wir haben dich bereits vermisst. Komm, setz dich zu mir." Minerva machte eine einladende Geste. „Ich wollte dich fragen, ob du Lust hast, mit Poppy, Pomona und mir heute Abend ein Gläschen Wein zu trinken."
„Ich hab für heute Abend schon etwas geplant, aber vielleicht kann ich das ja verlegen? Ich sag dir nachher endgültig Bescheid, OK?"
„Was hast du denn schönes vor?"
„Minerva, sei nicht so neugierig wie ein altes Waschweib", schimpfte Hermine gespielt streng.
Ihre Vorgesetzte lachte. „Du hast ein Date?"
„Wie kommst du denn darauf?" Hermines Ohren wurden verdächtig rot.
„Komm schon, mit wem? Ich hoffe doch nicht mit einem unserer Schüler?"
„Minerva McGonagall, was denkst du eigentlich von mir?" Hermine war wirklich empört.
„Unser Engelchen ist ja nicht da, das wäre mein nächster Tipp. Lass mich überlegen… Graf Dracula?" Minervas Augen blitzten verdächtig.
Nun schaltete sich Poppy ein, ihr Grinsen stand Minervas in nichts nach. „Das meinst du nicht ernst, seine letzte Verabredung liegt bestimmt schon zehn Jahre zurück und hieß ‚Liebestränke – richtig angewendet.'" Die Frauen lachten.
„Irrtum, liebe Kollegin, sie hieß ‚Darlingtonia, die Kobralilie', richtig erzogen befreit sie geplagte Zaubertrankprofessoren von bösartigen, kleinen Kräuterkundeprofessorinnen mit Spitzhut", erklang Snapes samtige Stimme im Hintergrund.
Hermine biss sich auf die Lippen, um sich ein Lachen zu verkneifen. „Guten Morgen, Professor Snape", flötete sie.
Dieser hatte ihre letzte Begegnung keineswegs vergessen. „Morgen", brummte er. „Essen Sie fleißig, um neue Kraft zu sammeln, damit sie weiter Handschuhe stricken können?"
„Aber Professor, Sie überschätzen mich", konterte Hermine gezielt. „Ich benutze immer den gleichen Handschuh, alles andere würde mich ins Unglück stürzen. Stellen Sie sich vor, ich verwechsele zwei Opfer miteinander. Das gäbe ein absolutes Chaos." Sie strich sich unbekümmert Marmelade auf ihren Toast.
„Opfer?", knurrte er. „Wann hat Ihnen eigentlich jemand das letzte Mal den Hintern versohlt?"
„Lassen Sie mich überlegen." Hermine legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Mit fünf?"
„Mir scheint, es wird langsam wieder Zeit." Er war ungehalten. Diese kleine freche Göre erdreistete sich tatsächlich, ihm Widerstand zu leisten.
Hermine schenkte ihm als Antwort nur ein bezauberndes Lächeln und beschäftigte sich erneut mit ihrem Toast. Doch Snape war auf Konfrontationskurs. Es wurmte ihn, dass er bei ihrer letzten Begegnung das Nachsehen hatte. „Heute nicht das letzte Wort, Miss Granger?", stichelte er.
„Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben, ich lehre in Hogwarts, daher wäre es angemessen, wenn Sie mich mit Professor ansprechen." Ihre Beherrschung wurde auf eine harte Probe gestellt.
„Meinen Sie, Sie haben die Bezeichnung Professor verdient, Miss Granger?", schnurrte er.
„Weasley, Professor Weasley." Hermine grinste über sein verblüfftes Gesicht. „Nach der Hochzeit mit Ronald habe ich seinen Namen angenommen.
„Das ist nicht Ihr Ernst."
„Sehe ich aus, als mache ich Witze?"
„Nicht, dass Sie mir in Ihrer Schulzeit schon mit dem ach so tollen goldenen Trio auf die Nerven gefallen sind, jetzt erzählen Sie mir auch noch, dass Sie diesen Nichtsnutz … diesen Tölpel … diesen Verlierer geheiratet haben?", fragte Snape ungehalten.
„Das tue ich in der Tat. Und warum regt Sie das so auf?" Sie stand ihm nun gegenüber.
„Weil Sie sich verschwenden. Sie schwimmen auf einer anderen Welle. Sie spielen in einer anderen Liga. Bei Merlin, Mädchen, habe ich Ihnen denn gar nichts beibringen können?"
In der Großen Halle herrschte Totenstille. Alle sahen gebannt zu den beiden Personen hoch, die sich jeder Zeit einen Fluch auf den Hals hetzten konnten. Es war offensichtlich, dass es in Wirklichkeit um Dinge ging, die viel tiefer in der Vergangenheit zurück lagen.
„Das ein oder andere habe ich tatsächlich von Ihnen gelernt. Wie man den Traumlostrank zubereitet zum Beispiel."
„Ich rede nicht von irgendeinem Trank."
„Ach, Sie meinen das auf den sozialen Bereich bezogen? Verzeihen Sie, Professor, aber menschlich habe ich bislang von Ihnen nichts lernen können." Ihre Stimme sank unter den Gefrierpunkt.
Snape sah aus, als wenn er der jungen Hexe am liebsten Dinge gesagt hätte, die haarscharf an der Grenze der Schicklichkeit lagen. Er beherrschte sich gerade noch und, als er sich daran erinnerte, dass sie in der Großen Halle waren, fügte er schwer atmend hinzu. „Seien Sie froh, dass Sie niemals … in den Genuss kamen. Und beten Sie, dass Sie es niemals tun werden…"
„Sonst was?" Hermine war aufgebracht, dieser Mensch schaffte es auch immer wieder sie auf die Palme zu bringen.
„Sonst könnte es Ihnen schlecht ergehen", bellte er.
„Severus, mein alter Freund, es ist nicht nötig, unsere junge Kollegin hier zu bedrohen." Lucius war von seinem Termin zurückgekehrt und hatte die letzten Worte mitbekommen. Nun stand er neben Hermine, die Hände lässig in den Taschen, und sah Snape herausfordernd an. „Wie wäre es, wenn wir uns um fünf an unserem alten Lieblingsplatz treffen, der alten Zeiten wegen? Ich habe den Eindruck, wir beide haben etwas zu klären."
Snape sah Lucius abschätzend an, dann nickte er kurz und verließ die Halle.
Lucius schlenderte zu seinem Platz und setzte sich elegant hin. Dann schüttete er sich eine Tasse Kaffee ein und fing an, sich einen Toast zu schmieren. Die anderen sahen sprachlos dem Abgang von Snape hinterher.
„Hat denn niemand Hunger?" Der Blonde sah in die Runde. Dann nickte er Hermine zu. „Hermine, setz dich doch mal bitte neben mich. Ich brauch deinen Rat bezüglich einer Frauenangelegenheit."
„Wollen Sie von Hermine wissen, welcher Nagellack gerade im Rennen ist", erkundigte sich Minerva spitz, weil der Kollege die Aufmerksamkeit ihres Kückens so selbstverständlich in Anspruch nahm.
„Aber nicht doch, Teuerste. Eine meiner Slytherins hat sich von einem Gryffindor schwängern lassen, und nun brauche ich lediglich den Rat einer jungen Kollegin, wie ich mich am effizientesten zu verhalten habe." Ungerührt nahm Lucius wieder das Bestreichen seines Toasts auf und ignorierte Minerva, die fassungslos nach Luft schnappte. „Das war ein Scherz, Teuerste. Ich wollte Hermine lediglich fragen, ob sie im Schlafanzug oder im Nachthemd schläft."
Wieder konnte Hermine sich ein Kichern nicht verkneifen. Minerva, die nun endgültig festgestellt hatte, dass Lucius sie auf den Arm nahm, wandte sich beleidigt zu Pomona Sprout um.
„Lucius, müssen Sie die arme Minerva so ärgern?", fragte Hermine glucksend.
Er zuckte jovial mit den Schultern. „Verzeih mir, mein Termin bei meinem Anwalt verlief alles andere als erfreulich. Aber lassen wir das. Ich sehe dir an, dass du etwas auf dem Herzen hast."
Hermine druckste ein wenig rum. „Minerva hat mich vorhin zu einem Gläschen Wein eingeladen. Poppy und Pomona kommen auch. Ich wollte fragen, ob wir unsere Verabredung heute Abend verschieben könnten." Sie sah ihn mit einem flehenden Ausdruck in den Augen an. „Bitte, Sir." Setzte sie leiser hinterher.
Innerlich grinste Lucius sehr zufrieden, äußerlich war er, wie so oft, äußerst gelassen. „Warum sollte ich unsere Verabredung heute Abend verschieben?"
„Bitte, Sie würden mir einen großen Gefallen tun."
Er blickte kurz zu Minerva rüber, dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und sah Hermine dann lange und unergründlich an. „Bislang hatte ich nicht den Eindruck, dass du dir einen großen Gefallen verdient hast." Lucius tupfte sich mit seinem Taschentuch die Lippen ab und erhob sich. „Wir sehen uns um halb neun. Sei pünktlich."
"Darlingtonia, die Kobralilie", (Darlingtonia californica), selten auch Draculapflanze genannt, ist eine fleischfressende Pflanze
