22. Kapitel – Zwei sonderbare Verhalten
Es steckt oft mehr Geist und Scharfsinn in einem Irrtum als in einer Entdeckung.
Joseph Joubert,
Severus Snape stand starr in der Nische und beobachtete, wie Hermine an Lucius Tür klopfte. Er war überrascht sie an diesem Ort zu sehen, schließlich konnte er sich noch daran erinnern, dass Luc ‚Miss Neunmalklug' mehr oder weniger von oben herab begegnet war. Was also wollte sie mitten in der Nacht bei ihm?
Miss Granger, in Gedanken nannte er sie immer so und weigerte sich Hermine anders zu nennen, war ihm am liebsten, wenn sie sich möglichst weit weg befand, am besten in einem anderen Raum. Wenn sich ein gemeinsamer Aufenthalt nicht vermeiden lassen konnte, hatte sie still und in der Ecke zu sitzen.
Als Hermine es aufgab an die Tür zu klopfen und sich umwandte, um zu gehen, verfolgte Snape sie mit seinen Augen. Warum reagierte er dermaßen bei ihr? Es war eine Frage, die er sich nicht beantworten konnte. Während ihrer Schulzeit war sie ihm meistens auf die Nerven gegangen. Verstärkt wurde es durch ihre Freundschaft zu Harry Potter. Aber während der damaligen Schulzeit ging sie ihm nur auf die Nerven, wenn sie in seiner Nähe war. Heute dagegen war es ihm nicht Recht, wenn sie anwesend war. Aber genauso störte es ihn, wenn sie nicht da war.
Snape war ein intelligenter Mann, ansonsten wäre er nie zu dem Ruf gekommen, brillant in seinem Fach Zaubertränke zu sein. Er hielt auch wenig davon, sich selbst etwas vor zu machen. Das wäre einer (gedanklichen) Flucht gleichgekommen, und ein Severus Snape flüchtete nicht. Aus diesem Grund war ihm natürlich der Gedanke gekommen, er könne sich in Miss Granger verliebt haben. Ein Umstand, der vollkommen überflüssig wäre und nicht zu seinen Plänen passte. Also hatte er sich einen Abend hin gesetzt und über Miss Granger nachgedacht.
Ihm wurde seid eh und je her Gefühlskälte nachgesagt. Das stimmte nicht, er war nur rational und zielstrebig. Er gab sich keiner unnötigen Träumerei hin, das kostete nur Zeit und war gefährlich. Gefährlich zumindest in seiner Zeit als Doppelagent. Aber auch anschließend ließ er von dieser Angewohnheit nicht ab. Zielstrebigkeit hatte er sich ebenfalls zu Zeiten des Dunklen Lords angewöhnt gehabt. Es war überlebenswichtig gewesen Voldemort genau sagen zu können, was das Ziel war und wie er es möglichst schnell und möglichst effektiv erreichen konnte. Er war ein Meister in Zielstrebigkeit geworden.
Eben mit diesem Realismus und der genauen Zielstrebigkeit hatte er auch das ‚Problem Granger' analysiert. Er hatte also auf der Couch gesessen, und hatte sie sich vorgestellt. Ihre langen lockigen Haare wurden in seinen Gedanken vom Wind umspielt, die Augen hatte sie sinnlich geschlossen und der Mund war einladend geöffnet. Sie reckte ihm ihre Brüste entgegen und lud ihn offensichtlich ein, ihr näher zu kommen. Snape hatte diesen Gedanken auf sich einwirken lassen und verspürte nicht das, was er erwartet hatte. Er hatte geglaubt, entweder absolut gar nichts empfinden, wenn er sie sich nackt vorstellte, oder er wäre abgestoßen und angeekelt. Während sein Geist diese Phantasie von Hermine formte, stellte er überrascht fest, dass ihn dieses Trugbild weder anekelte, noch gefühlskalt ließ. Er spürte Begierde.
Es war ein kleiner Schlag gewesen sich selbst eingestehen zu müssen, Begierde und Lust zu empfinden – hervorgerufen durch eine ehemalige Schülerin von ihm. Jetzt war sie allerdings keine Schülerin mehr, sondern eine erwachsene junge Frau. Den Status ‚verheiratet' verdrängte er dezent.
Mit dem Hintergrundwissen, dass ihn seine Vorstellung ihres Körper erregte, resultierte er, dass er sie auch in Wirklichkeit anziehend fand. Snape war kein Kind von Traurigkeit und stillte seine Bedürfnisse bei passender Gelegenheit. Vorzugsweise mit Frauen, die von vorneherein nicht mehr als eine Nacht erwarteten. Aus Erwartungen wurden zu schnell Probleme. Wäre Hermine nun keine Kollegin, die er auf unbestimmte Zeit jeden Tag zu ertragen hätte, hätte er ihr mit Sicherheit schon längst Avancen gemacht. Aber sie war nun einmal seine Kollegin, daher erübrigte es sich, weiter darüber nachzudenken.
Snape hatte also festgestellt, dass er Hermine sexuell begehrte. Das war keine Neuigkeit, die ihn völlig aus dem Konzept gebracht hatte. Mit reiner, sexueller Lust konnte er umgehen, war er doch ein Meister in Selbstbeherrschung (dass eine bestimmte junge Hexe an seiner Selbstbeherrschung rüttelte, wurde gedanklich zur Seite geschoben). Diese Information bewirkte, dass Snape beschloss, in den nächsten Tagen in der Nokturngasse Sally zu besuchen.
Erneut horchte er in sich und versuchte Gefühle zu entdecken, die er für Miss Granger entwickelt hatte. Das Gefühl des ewig genervt seins war verschwunden. Ob sie noch mit Harry Potter befreundet war oder nicht, war ebenfalls eine Frage, die ihn nicht mehr beschäftigte. Gelegentlich ärgerte er sich über sie, aber das war alles. Er entdeckte keine unterdrückte Sehnsucht und keine verborgenen, geheimen Wünsche. Genau genommen war sie ihm vollkommen egal. Sie war eine Frau – genauso wie jede andere Kollegin.
Die gelegentlichen Neckereien waren eine Erholung für ihn, so flüchteten doch die Meisten vor einer direkten Konfrontation. Snape seufzte leise. Es war wirklich eine neue Erfahrung, jemanden gefunden zu haben, der sich nicht umgehend unterordnete – neu, aber nicht uninteressant.
An dem Abend dieser Erkenntnisse war er zufrieden eingeschlafen.
Nun, als er sich versteckt hielt, kamen ihm diese Überlegungen wieder in den Sinn. Snape runzelte die Stirn. Er kannte Lucius, besser als ihm lieb war. Er kannte seinen Ruf und er wusste wie Lucius wirklich war. Er wusste um die Gerüchte, und er wusste um die Tatsachen. Snape wusste, dass Lucius Malfoy jemanden an seiner Seite brauchte, der ihm helfen konnte, wirklich das zu sein, was er irgendwann als Jugendlicher abgelegt hatte – ein anständiger, liebender Mann. Aber Snape war sich nicht sicher, ob Hermine dieser ‚jemand' war. Er war sich nicht sicher, ob sie die Kraft dazu hatte, denn erst müsste sie die Hölle durchqueren. Und er war sich nicht sicher, ob er wollte, dass Hermine diese Hölle durchquerte. Schnell schob er diesen Gedanken zur Seite und wandte sich mit seiner Aufmerksamkeit wieder der Realität zu.
Während Hermine an ihm vorbei ging, machte sein Herz keinen Aussetzer, seine Knie drohten ihm nicht nachzugeben und die Schmetterlinge im Bauch waren wohl am Schlafen. Befriedigt zählte er, sobald sie aus seinem Sichtfeld verschwunden war, langsam bis zwanzig und war gerade im Begriff einen Schritt aus seinem Versteck heraus zu machen, als sich die Tür zu Lucius' Räumen öffnete. Der Wohnherr steckte den Kopf raus und sah sich mit unbeteiligter Miene um. Als er niemanden mehr sah, sondern nur noch Hermines schlurfende Schritte aus weiter Ferne vernahm, stahl sich ein überlegenes Lächeln auf seine Lippen. Snape hätte schwören können, er stünde in unmittelbarer Nähe zu einem, sich in Angriffsstellung befindenden, Puma.
Nachdem die Tür zugeknallt war, zählte Snape erneut bis zwanzig und wollte wieder gerade aus der Nische treten, als er erneut Schritte hörte. Würde dieses dumme Mädchen tatsächlich wieder zurückkommen?
Nein, die Schritte waren energischer. Diesmal bog Minerva McGonagall um die Ecke und pochte entsprechend kraftvoll an die Tür. Wieder öffnete sie sich nicht. Die Direktorin wartete noch eine kleine Weile, dann seufzte sie auf und murmelte ihr Direktorenpasswort, mit dem sie überall hinein konnte. Die Tür schwang auf und Minerva setzte einen Schritt über die Schwelle als sie aufkeuchte.
„Würden Sie mir bitte die Möglichkeit geben, mich erst anzuziehen, Teuerste?" Lucius' Stimme klang einschmeichelnd, aber nicht unfreundlich. Mit einem gemurmelten „Natürlich" drehte sich Minerva um und wartete bis sie hereingebeten wurde.
Snape verbiss sich ein Grinsen und wartete geraume Zeit, bis er sich erneut aus seinem Versteck zu bewegen wagte. Diesmal schaffte er es unbehelligt zu entkommen und ging schnellen Schrittes zu den Kerkern. Energisch stieß er die Tür auf und eilte durch sein Büro direkt in sein Labor. Dort riss er die Schränke auf und kramte nach bestimmten Zutaten.
Anschließend eilte er zurück zu einer Feuerstelle und begann einen Kessel aus Glas zu erhitzen. Dann ging er raschen Schrittes in die Küche und holte eine Flasche seines besten Rotweines, um ihn gedankenlos in den Kessel zu kippen. Als nächstes schnitt er Lamafirst klein und rührte ihn bedächtig in den brodelnden Wein. Anschließend folgten noch weitere Zutaten. Snape roch kurz an dem Gebräu und beglückwünschte sich, dass er auf die Idee mit dem Rotwein gekommen war. So war dieser Trank kaum zu schmecken, jeder würde ihn als Rotwein identifizieren und ohne Vorbehalt trinken. Genau, wie es seine Absicht war.
Er schnupperte und ließ den Trank fünf Minuten köcheln, nur um dann Rosenblätter hinzuzufügen und einen Rosenquarz hinein zu werfen. Wieder köchelte der Tran fünf Minuten und stand kurz vor seiner Vollendung. Nur eine Zutat fehlte, um den gesamten Trank umkippen zu lassen. Snape griff nach dem Messer und schnitt sich in den Ringfinger seiner rechten Hand. Sieben Tropfen Blut wurden dem Trank bei gemischt. Und dann war dieser fertig.
Mit einem zufriedenen Lächeln holte der Zaubertrankmeister eine Phiole und goss den Inhalt des Kessels sorgfältig hinein. Er verkorkte die Phiole dann und steckte sie ein. „Ratzeputz", murmelte er und sofort war sein Labor so sauber und aufgeräumt, wie sonst auch.
Snape ging in sein Wohnzimmer. „Incendio." Im Kamin brannte nun ein angenehmes Feuer. „Accio Rotwein, accio Glas." Ein Glas und eine Flasche Rotwein kamen auf ihn zugeflogen. Mit einem Seufzer ließ er sich zurück in die Kissen fallen und nippte nachdenklich an seinem Glas. Erst einmal in seinem Leben zuvor hatte er diesen an sich einfachen, in seiner Wirkung aber erschreckend intensiven, Trank gebraut. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, ihn Hermine irgendwann eventuell verabreichen zu müssen...
ooOoo
Zur gleichen Zeit, als der Trank gebraut wurde, rauschte Minerva McGonagall in Lucius Malfoys Wohnzimmer und erinnerte eher an einen wütenden Hornschwanz, als an eine sonst so beherrschte Direktorin. „Warum haben Sie es mir niemals gesagt?", rief sie aufgebracht.
Lässig und ruhig setzte sich Lucius in einen Sessel und schlug die Beine übereinander. „Warum habe ich Ihnen niemals was gesagt, Teuerste?"
„Dass Sie zauberstablose Magie beherrschen." Sie blickte ihm direkt in die Augen.
„Ah, ich sehe, mein Geheimnis ist gelüftet worden." Lächelnd hob er entschuldigend beide Hände. „Und deswegen tauchen Sie mitten in der Nacht bei mir auf, Teuerste? Ist es wirklich das, was Sie so aufregt, oder steckt vielleicht ein anderer Grund hinter Ihrer, zweifelsohne fragwürdigen, Wut?" Langsam kehrte er zurück in seine Rolle als blasierter Schönling.
„Sie wissen genau, was ich meine."
„Nein, tut mir Leid."
„Ich kenne genau drei Personen, die … ohne Zauberstab … Sie wissen was ich meine", zischte Minerva. „Harry Potter und Dumbledore, sowie Voldemort."
Der Mann tat ihr nicht den Gefallen, beim Klang des unheilvollen Namens zusammen zu zucken. „Dumbledore und Voldemort sind beide tot", entgegneter er und weidete sich insgeheim an der Überraschung seines Gegenübers.
„Dann sollten Sie besser auf sich aufpassen", zischte die Direktorin boshaft. „Ich warne Sie. Sollten Sie sich als Voldemorts Nachfolger ansehen, dann werde ich den Orden ein weiteres Mal gründen und, auch wenn es zwanzig Jahre gedauert hat, wir haben den ersten Lord besiegt, also schaffen wir es auch ein zweites Mal."
Lucius legte seinen Kopf in den Nacken und lachte herzhaft auf. Dann blickte er ihr in die Augen und zwinkerte. Er hob eine Hand und malte mit dem Zeigefinger ein Dreieck in die Luft. Sofort kam eine Schachtel Pralinen auf ihn zugeflogen. Er nahm die Schachtel und reichte sie McGonagall. „Sie sind nicht vergiftet, Teuerste. Nehmen Sie eine Praline und freuen Sie sich daran, mich zum Freund zu haben." Er spreizte Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand, zielte auf Minerva und drehte seine Hand blitzschnell um. „Obliviate temperate", sagte er ruhig.
Minerva sah ihn irritiert an. „Was mache ich hier?" Sie war gänzlich verwirrt.
Lucius stand auf und reichte ihr die Hand, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. „Sie wollten mich daran erinnern, dass wir morgen früh eine Lehrerkonferenz haben. Sie hatten vergessen, mich einzuladen." Er lächelte aufrichtig. „Aber nun gehen Sie ins Bett, es ist schon reichlich spät."
Fünf Minuten später stand sie in ihrem Schlafzimmer. Die Pralinen hatte sie immer noch in der Hand. Sie ließ sich aufs Bett sinken, öffnete die Schachtel und probierte wahllos eine dieser süßen Naschereien. „Hm, Brandweingeschmack", war ihr letzter Gedanke, bevor sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf sank.
