Ich habe versucht die ein oder andere Frage zu beantworten. Herausgekommen ist ein wahnsinnig langes Kapitel. Ich hoffe es ist euch nicht zu abgedreht. smile. Ich bin unsicher, ob es euch gefällt. Natürlich hoffe ich es - und ich habe mich bemüht, nicht allzu offtopic zu werden...
Ist es mir gelungen?
23. Kapitel – Der Erste Todesser
Etwas verschlingt mich, ich werde zerdrückt.
Etwas zerreißt mich und frisst mich und macht mich verrückt!
Die Verwandlung, Jekyll & Hyde
Das erste, was Hermine am folgenden Tag tat, war einen Anti-Katertrank zu sich zu nehmen. Es dauerte noch etwa zehn Minuten, dann fühlte sie sich frisch und munter. Sie legte sich zurück auf ihr Bett und begann, über den gestrigen Abend nachzudenken. Ganz besonders beschäftigte sie Minervas Verdacht, Lucius Malfoy könne ein Nachfolger Voldemorts sein. Sie konnte es sich nicht vorstellen. In der vergangenen Zeit hatten sie viel geredet und das, was er ihr in den Gesprächen anvertraut hatte, klang alles andere als nach einem zweiten Voldemort.
Hermine erinnerte sich an ein bestimmtes Gespräch, dass sie geführt hatten, als sie den See umrundeten. „Ich bin es gewöhnt, dass allein der Name Malfoy für Respekt sorgt", hatte er gesagt. „Egal wo ich auftrete, ich muss nur erwähnen, wie ich heiße, und sofort öffnen sich mir alle Türen. Aber das tun sie nicht, weil mich die Menschen mögen oder gar lieben, sondern weil sie Angst haben. Angst vor etwas, was ein anderer tat, der genau den gleichen Namen trug. Ich muss gestehen, dass das Gefühl, gefürchtet zu werden, durchaus berauschend sein kann." Er hatte sie nachdenklich angesehen. „Aber egal was mein Gegenüber fühlt, er fühlt es nicht meinetwegen. Nicht ich erwecke Freude, Angst, Sympathie, Antipathie, Lust, Abscheu, irgendwas, sondern das, was mein Vater oder Großvater, Onkel oder Cousin oder noch jemand anderes getan hat." Er hatte den Eindruck gemacht, als hätte er sie nicht mehr wahrgenommen und zu sich selbst gesprochen.
„Natürlich, als ich mich dann dem Dunklen Lord anschloss, änderte sich das. Man erwartete Dinge von mir, also tat ich sie. Ein Malfoy sei skrupellos, hatten die Leute gesagt. Also war ich skrupellos. Schließlich war es irrelevant, die Menschen verurteilten mich im Vorfeld – aufgrund meines Namens. Solange ich tat, was andere von einem Malfoy erwarteten, solange war es ein bequemes Leben. Meine Familie lebte unbehelligt und Draco konnte in Ruhe zur Schule gehen. Ich muss Ihnen gestehen, Hermine, das ich schwach war. Es ist einfacher, den bequemen und oftmals friedlicheren Weg zu gehen. Ach, was war ich damals naiv."
Es hatte ihr Angst gemacht, als er von Voldemorts Zeiten zu sprechen begann, aber sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. „Waren Sie wirklich naiv?"
„Ich weiß es nicht… Früher hätte ich mir nicht vorstellen können, mit einer Mugglegeborenen mehr als fünf Sätze zu sprechen. Aber mittlerweile habe ich gemerkt, dass es ebenfalls Menschen sind, und zum Teil sogar sehr Intelligente." Er hatte ihr zugezwinkert. „Wirklich wichtig ist doch nur das, was man sein will. DieVergangenheit ist nicht von Bedeutung, nicht die Herkunft ist wirklich wichtig, oder?" Hermine hatte es geschmeichelt, dass er sie so in seine Gedanken einbezog. „Ich meine, ich war Todesser, und ich war die zweite Hand von dem, dessen Name nicht genannt werden durfte. Aber das ist Vergangenheit. Jetzt, heute und hier, will ich diese Zeit, wo ich Angst um meine Familie haben musste, nicht noch einmal erleben. Ich will ein guter Mensch sein. Ist das verwerflich?"
Sie hatte ihm die Hand auf den Arm gelegt. „Der Wille ist wichtig."
„Ich will ein guter Mensch sein. Und das werde ich." Seine Stimme hatte fest entschlossen geklungen.
Hermine konnte nicht anders, sie musste den Mann, der neben ihr ging, einfach unterstützen. „Vielleicht könnte ich Ihnen ja auch ein wenig helfen?" Sie hatte gesehen wie er stehen geblieben war und sich ihr zugewandt hatte. Ein zufriedener Ausdruck war über sein Gesicht geglitten, als er ihre Hand ergriffen hatte. „Das wäre in der Tat eine … große Hilfe."
So waren sie schweigend weiter gegangen und jeder war seinen Gedanken nachgehangen.
Schließlich hatte Hermine wieder das Wort ergriffen. „Mr. Malfoy, ich fühle mich wohl bei Ihnen, das sollten Sie wissen. Ich vertraue Ihnen nicht so sehr, wie ich es gerne würde, dazu sind noch viel zu viele Fragen in Ihrer Vergangenheit ungeklärt." Er wollte etwas sagen, doch Hermine fuhr schnell fort. „Ich hoffe, Sie verzeihen mir meine Offenheit, aber als ich Sie als Vater kennen gelernt hatte, hatten Sie mir Angst gemacht. Sie wirkten so völlig gefühlskalt und arrogant. Von Ihrer Ansicht über Muggelgeborene will ich gar nicht erst sprechen, Sie wissen, dass ich das verurteile. Aber … Es fällt mir schwer die richtigen Worte zu finden."
Er hatte seinen Gang unterbrochen und sah ihr tief in die Augen. „Hermine, ich kann Sie verstehen. Ich würde mir an Ihrer Stelle wohl auch kaum vertrauen. Ich kann nur durch Offenheit und Ehrlichkeit versuchen zu zeigen, dass ich mich geändert habe. Sprechen Sie bitte das aus, was Ihnen in den Kopf kommt."
Sie hatte geschluckt und war weiter gegangen. Augenblicklich hatte er sie eingeholt und wieder ihren Arm genommen. „Sie wissen, dass Sie verdammt attraktiv sind… Hören Sie auf zu Grinsen, das war kein Kompliment, sondern eine Tatsache", schimpfte sie spielerisch. „Und Sie üben eine starke Faszination auf Frauen aus, wenn Sie es drauf anlegen. Natürlich konnte ich mich schon damals nicht ganz Ihrem Charme erwehren... Oh, Sie schlimmer Mann, bitte, hören Sie auf zu Lachen, ich fühle schon wie ich rot werde." Er hatte sich ernsthaft bemüht nicht weiter zu Grinsen. „Nun, Ihr Verhalten war meist überheblich und arrogant, spöttisch und bedrohlich. Und ich hatte oft den Eindruck, dass Sie sich überhaupt nichts aus Draco machten. Im Gegenteil, Sie drangsalierten ihn und er drangsalierte uns Schüler. Ich habe Sie gehasst. Ich habe Sie wirklich nicht nur gefürchtet, sondern gehasst." Jetzt hatte er betroffen ausgesehen. „Und jetzt gehe ich hier mit Ihnen spazieren, als wären wir die besten Freunde. Sie sind nett und zuvorkommend, charmant und hilfsbereit, humorvoll und einfach nur liebenswürdig. Jetzt muss ich gestehen, dass ich Sie mag." Das Lausbubengrinsen kehrte zurück in sein Gesicht. „Sie verunsichern mich. Alleine wie Sie reden, wenn wir zusammen sind. Offiziell geben Sie sich immer unnahbar und überheblich, so sprechen Sie auch. Aber jetzt ist es, als würde ich mich nicht mit einem Mann aus dem magischen Hochadel unterhalten, sondern mit meinesgleichen." Er hatte den Kopf schief gelegt und sie nachdenklich angesehen. Hermine musste den Impuls unterdrücken, ihn zu umarmen, er sah verletzlich aus. „Aber da ist eben diese Vergangenheit und da ist jetzt die Gegenwart. Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich habe das Gefühl, einer Schlange vertrauen zu wollen."
„Meinen Sie ernsthaft, nur weil ich ein Slytherin bin, sei ich nicht fähig zu fühlen und sogar zu lieben?"
„Nein, das meine ich nicht. Wahrscheinlich rede ich mich gerade um Kopf und Kragen, aber eigentlich will ich Ihnen nur eins sagen, Mr. Malfoy, Sie verunsichern mich."
„Wie kann ich Ihnen die Unsicherheit nehmen? Fragen Sie, was immer Sie wissen wollen."
„Wer waren Sie bei Voldemort."
Er hatte tief geseufzt. „Und gleich schon die erste Frage, die ich hinten anstellen muss. Hermine, dies ist eine Frage, die mir, wie sagen die Muggle?, das Genick brechen könnte. Sie reden von Vertrauen, das Sie zu mir aufbauen wollen (Hermine hatte das Gefühl, dass sie wirklich Vertrauen zu ihm aufbauen wollte), aber wenn ich Ihnen auf so eine Frage eine Antwort geben soll, dann muss ich auch Ihnen vertrauen (Hermine hatte das natürlich eingesehen und es war ihr innerstes Bestreben ihm zu beweisen, wie sehr er ihr vertrauen konnte). Ich werde Ihnen die Frage beantworten, aber erst später, wenn ich mir Ihrer Loyalität sicher bin (sie würde ihm zeigen, wie loyal sie war)."
Dieses Gespräch war sehr aufschlussreich gewesen. Hermine hatte verstanden, dass er mit seiner Vergangenheit und vor allem dem Tod seiner Familie zu kämpfen hatte. Aber sie hatte gespürt, und das war ein wenig beängstigend für sie gewesen, dass er sie in eine bestimmte Richtung lenken konnte. Sie hatte vermutlich genau so reagiert, wie er es wollte. Aber es hatte sich gut angefühlt.
Hermine blickte zur Uhr, das Frühstück hatte sie verpasst, aber bis zum Mittagessen war noch genug Zeit, zum Glück war Sonntag. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und begann einen Brief zu schreiben.
ooOoo
Während Hermine ihren Brief schrieb, saß Lucius in seinem Sessel, die Beine elegant übereinander geschlagen und hielt eine Tasse Tee in den Händen. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen.
Er war sehr früh aufgestanden und direkt zu Pomonas Wohnräumen gegangen. Das Portrait, was die Tür bewachte war äußerst lästig, da es ständig versuchte, alles und jeden auszufragen. Für seine Zwecke war dies aber von Vorteil. Die anderen Portraits mieden die ältere Frau im Bild, so dass sie kaum jemandem sagen können würde, wann er aufgetaucht war. Außerdem, vielleicht wäre es an der Zeit, sein Alter Ego durch die Galerien Hogwarts streifen zu lassen, damit dieser der Dame („Ich heiße Pancalotta") einen Besuch abstatten konnte.
Es dauerte eine geraume Zeit bis Pomona schließlich die Tür öffnete. Ein Bademantel verdeckte das grasgrüne Nachthemd. Lucius biss sich belustigt auf die Lippen. „Guten Morgen, Werteste, dürfte ich einen Moment herein kommen?"
„Iswspassit?", murmelte die Überraschte.
Lucius drängte sich elegant an ihr vorbei und sah sich neugierig in der Wohnung um. Es verwunderte ihn nicht sonderlich auf eine Grüne Einrichtung zu treffen und überall irgendwelche Pflanzen stehen zu sehen.
Mit einem lässigen Schlenker zauberte er zwei Tassen Tee herbei und bedeutete Pomona doch Platz zu nehmen. Verblüfft ob seiner lässigen Arroganz, sie in ihrer eigenen Wohnung wie einen Gast zu behandeln, starrte die Kräuterkundlerin ihn an.
„Nun trinken Sie schon, Werteste, der Tee ist nicht vergiftet", lächelte der Blonde.
Verunsichert nippte die Professorin am Tee und wartete, dass er sein Anliegen zur Sprache brachte.
„Ich habe gehört, Sie hatten gestern ein kleines Treffen im Kreise einiger Freundinnen?"
„Ja, aber woher wissen Sie…?"
„Hermine war so freundlich, mich darauf hinzuweisen." Sein Lächeln war wirklich unwiderstehlich. Pomona entspannte sich daraufhin ein klein wenig. „Zu meinem Erstaunten musste ich allerdings hören, Sie haben gestern einen ungeheuren Verdacht besprochen." Seine Stimme war angenehm, einschmeichelnd.
„Verdacht? Was meinen Sie?"
„Ich sei der Erbe Voldemorts." Diesmal hatte die Stimme seine Schönheit verloren und klang eiskalt.
„Ja, Minerva äußerte so etwas, wobei, eigentlich war Hermine…"
„Hermine hat gesagt, ich sei Voldemorts Nachfolger?" Er kniff beide Augen ein Stückweit zusammen.
„Nein, also erst hat Minerva so etwas gesagt und Hermine hat es dann ausgesprochen", stammelte Pomona hilflos. Sie war Lucius Malfoy um keinen Sickel gewachsen.
Er merkte es und rollte mit den Augen. Dann spreizte er Daumen und Zeigefinger, zielte auf Professor Sprout und, „Obliviate temperate", nahm auch ihr zeitweilig das Gedächtnis.
Er lehnte sich zurück und lächelte Pomona warmherzig an. „Möchten Sie eine Praline? Ich weiß doch, wie sehr Sie Pralinen mögen." Völlig irritiert griff die Professorin in die Schachtel und aß eine Praline. „Oh, Obstbrandgeschmack."
Poppy hatte er nicht angetroffen. Sie war in den frühen Morgenstunden zu ihrer Familie gerufen worden, und wurde erste gegen Mittag zurück erwartet.
ooOoo
Hermine gestattete sich wieder in eine Erinnerung einzutauchen. Sie hatte den Brief von Ron erhalten, in dem er sie um eine neue Chance bat. Lucius Malfoy duzte sie, doch sie siezte ihn weiter hin. Warum bestand Lucius darauf? Aber es war für sie in Ordnung, vielleicht brauchte sie dieses bisschen Distanz, das diese Anrede schuf. Gleichzeitig merkte sie, dass das eine Illusion war. Sie hatte begonnen Lucius Malfoy, Vater ihres ehemaligen Erzfeindes, zu vertrauen – unabhängig davon, ob sie ihn duzte oder siezte.
Das nächste Gespräch, das ihr in den Sinn kam, fand wieder am See statt. Es war doch erstaunlich, wie oft sie die Möglichkeiten nutzten, im Freien ungestört in zu reden. Lucius hatte gemeint, die Wände in Hogwarts hätten Ohren.
Wieder hatte sie sich bei ihm eingehakt. Wieder waren sie spazieren gegangen. „Wer waren Sie bei Sie-wissen-schon-wem, Lucius? Ich weiß, diese Frage ist schwer für Sie, aber ich muss die Antwort kennen, um Ihnen zu Vertrauen."
„Ich weiß nicht, ob du mir danach noch vertrauen kannst, Hermine." Er seufzte auf. „Ich habe entsetzliche Fehler gemacht."
„Versuchen Sie es, Lucius. Sie sagten mir, die Vergangenheit sei Vergangenheit, was wichtig ist, sei die Zukunft. Ich sehe, Sie bereuen Ihre Vergangenheit. Vielleicht kann ich Ihnen bei Ihrer Zukunft helfen?"
„Ich kam gerade frisch aus Hogwarts und sollte einen Beruf erlernen. Mein Vater, Abraxas, bestand darauf. Er hatte gemeint, die Zeiten hätten sich geändert, es sei zu unsicher darauf zu bauen, das Vermögen vermehre sich von selbst. Der Schulfreund meines Vater, Anstonin Dolohow, hatte sich bereit erklärt, sich meiner anzunehmen. Er leitete ein großes Unternehmen und war schon zu Voldemorts Hogwartszeit mit ihm in einer Clique. Dolohow beobachtete mich tagtäglich und empfahl mich schließlich an Voldemort weiter.
Eines Abends saß ich allein in meiner Wohnung, als es plötzlich an der Tür klopfte. Ich öffnete und war überrascht einen blassen Mann zu erkennen, der in seiner Jugend wohl sehr hübsch gewesen sein muss, aber damals heruntergekommen wirkte. Vielleicht war das ein Teil seiner Faszination? Er wirkte distanziert, kühl, ein wenig nostalgisch, aber wenn er einem in die Augen sah, spürte man förmlich die Luft vibrieren. Er war sehr charismatisch und sprach genau die Dinge an, die mich damals bewegten. Er sprach lange mit mir, und ich konnte mich nicht mehr aus seinem Bann ziehen. Er war freundlich und verständlich. Er sprach mit mir über seine Ideen, seine Zukunftsansichten und die Todesser. Er beschrieb sie mir als Familie, die zusammenhielten, um ein Ziel zu verfolgen. Innerhalb dieser Familie würde ich die Anerkennung bekommen, die mir mein Vater oftmals verwehrte." Er sah Hermine an und seine, sonst wie Eis wirkende, graue Augen strahlten eine betörende Wärme aus.
„Um es kurz zu machen, ich schloss mich Voldemort an… Warum siehst du mich aus deinen großen Augen so entsetzt an? Weil ich seinen Namen ausspreche? Voldemort ist tot. Wir alle sollten uns langsam wieder daran gewöhnen, dass er seinen Schrecken verloren hat… Nun, ich schloss mich Voldemort an und wurde so etwas wie sein Sprecher. Die erste Generation der Todesser waren die, die mit dem Dunklen Lord zur Schule gegangen sind, ich gehörte der zweiten Generation an. Meine Aufgabe war es, die neuen Todesser aufzuklären und einzuweisen. Natürlich agierten wir alle im Verborgenen, aber dennoch war es mir möglich die neuen Todesser in Wohnungen zu versammeln und zu beeindrucken.
Einmal waren wir nicht vorsichtig genug. Mitglieder vom Orden des Phoenix der ersten Generation stürmten die Wohnung und es kam zu einem Kampf zwischen ihnen und den Todessern. Der Tagesprophet berichtete am nächsten Tag. Das war meine Chance. Ich schrieb einen offenen Brief. Indem ich dem Orden frevelhaftes Verhalten vorwarf und stellte uns Todesser als Opfer da, die verleumdet und beschimpft worden wären, und dadurch noch stärker wurden. Voldemort lobte mich für diese Worte und ließ mich innerhalb der Hierarchie aufsteigen.
Du musst dir das wie eine Pyramide vorstellen. Ganz unten befanden sich die Todesser, alle in Regionen gegliedert. Immer zehn Gruppen hatten einen direkten Vorsteher, den Zehnervorsteher. Wiederum zehn Vorsteher hatten einen Berater. Diese wurde wieder vertreten, diesmal durch Repräsentanten. Zehn Vorsteher unterstanden einem Repräsentanten. Die nächste Stufe war der äußere Zirkel. Diese Männer waren für jeweils sieben Repräsentanten zuständig. Die letzte Stufe war der Innere Zirkel, bestehend aus vier Männern. Höher konnte man nicht aufsteigen, danach gab es nur noch Voldemort.
Ich wurde in den Äußeren Zirkel aufgenommen. Meine Aufgabe war nicht zu morden, dafür gab es die Todesser. Nur selten befahl Voldemort mir zu der Zeit den Avada auszusprechen. Ich war dafür zuständig, verschiedene Leute zu beeinflussen, vorzugsweise im Ministerium, und Geld zu beschaffen. Wichtige Mugglegeborene bezahlten Geld, um sich vor den Todessern und damit auch vor Voldemort zu schützen.
Severus brauchten wir damals, damit er verschiedene Tränke braute, die Leute ein Glücksgefühl vorgaukelten, ähnlich dem Felix Felicis. Sie machten hochgradig abhängig, also brauchten sie mehr. In Mugglesprache nennt man so etwas wohl Drogen. Damit wurden die Todesser weitesgehend finanziert. Wir hatten zwar Mitglieder, die, wie ich, reich und adelig waren, aber deren Geld allein hätte nicht ausgereicht.
Nach Voldemorts Vertreibung 1981 durch Harry löste sich alles auf. Einige gingen nach Askaban, so wie die Lestranges, andere verleugneten die Vergangenheit, so wie ich.
Als der Dunkle Lord wieder kam und mein Todesserzeichen brannte, folgte ich umgehend seinem Ruf. Ich befand mich in einer Runde aus Todessern der ehemaligen Zirkel, sowohl des Inneren als auch des Äußeren. Voldemort organisierte sein ganzes System neu und ich stieg in den Inneren Zirkel auf.
Mit der Zeit bemerkte ich, wie Voldemort schwächer wurde. Damit meine ich nicht seine Magie, die war immer noch unvergleichbar, aber er wurde, soweit man das sagen konnte, fahriger. Die Todessertreffen strengten ihn mehr und mehr an. Er war überzeugt, krank zu sein und irgendwann musste er eingesehen haben, dass er sein Ziel niemals allein verfolgen konnte. Dazu musst du wissen, dass er nie jemandem wirklich vertraut hat. Freundschaft kannte er nicht. Er wollte die Kontrolle alleine behalten. Dennoch, und den wahren Grund könnte wohl nur er verraten, kam er zu der Auffassung, einen Stellvertreter zu brauchen. Ab da fing er an, mich in Einzelstunden in verschiedenen Dingen zu unterrichten.
Wurmschwanz, bekannt als Peter Pettigrew, war der perfekte handelnde Todesser, mehr nicht. Daher fiel seine Wahl Natürlich hatte ich wenig Funktion als Stellvertreter, diese Position war nur für den Notfall gedacht. Ich bekleidete sie also theoretisch.
Heute wissen wir, dass diese Schwäche durch die Vernichtung der Horkruxe auftrat, die es Harry Potter letztendlich ermöglichte, Voldemort zu besiegen." Er warf Hermine einen Seitenblick zu. „Es versteht sich von selbst, dass das, was ich dir hier erzählt habe, unter uns bleibt, nicht wahr?" Hermine nickte.
Lange Zeit waren sie schweigend nebeneinander hergelaufen. Hermine hatte über das Gehörte nachdenken müssen. Tief im inneren hatte sie Angst empfunden. Ihr erster Impuls war es, weg zu rennen, aber irgendetwas hielt sie davon ab. Sie hatte nicht genau sagen können was, aber sie blieb. „In was für Dinge unterrichtete Sie der Dunkle Lord, Lucius?"
„Das möchtest du nicht wissen." Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Und was geschah danach? Was haben Sie nach dem Sturz des Dunklen Lords getan?"
„Das, meine liebste Hermine, erzähle ich dir beim nächsten Mal."
Sie hatten bislang nicht wieder über dieses Thema gesprochen. Es machte Hermine Angst.
ooOoo
Ein Klopfen ließ sie aus ihren Tagträumen hoch schrecken. Verwirrt warf sie sich einen Bademantel über und schlurfte zur Tür. Kaum dass sie die Tür aufgemacht hatte, stürmte Poppy schon in ihr Wohnzimmer. „Guten Morgen Minchen, hast du gut geschlafen?" Besagte gähnte demonstrativ.
„Ich wurde heut morgen zu meinem Neffen gerufen. Der kleine Schatz hatte doch tatsächlich eine Schnecke verschluckt." Sie ließ sich aufs Sofa fallen. „Bist du grad erst aufgestanden? Ich bin putzmunter, brauchst du einen Anti-Katertrank? Nein? Ach, du hast schon. Sehr gut. Ich wollte dich auch gar nicht lange stören. Eigentlich wollte ich fragen, was du von gestern Abend hältst."
Hermine seufzte, zauberte zwei Tassen Tee und ließ sich Poppy gegenüber fallen. „Wovon redest du, Poppy?"
„Na, davon, dass unser schönes Engelchen der Nachfolger von du-weißt-schon-wem ist."
„Poppy, niemand hat gesagt, dass er es ist. Minerva hat es lediglich vermutet."
„Na, eigentlich hat sie etwas gesagt und du hast es ausgesprochen."
Die junge Hexe rieb sich die Schläfe. „Und warum bist du jetzt genau hier?"
„Mir ist nicht ganz klar, wie ihr darauf kommt, dass er der Erbe sein soll."
„Poppy, Minerva hat Lucius schon als Schüler unterrichtet. Offensichtlich konnte er zu dem Zeitpunkt keine zauberstablose Magie, ansonsten hätte sie es nicht verwundert." Die Krankenschwester lauschte andächtig. „Bis zu Voldemorts Sturz schien er es auch nicht zu können, andererseits hätte Minerva es ebenfalls durch Dumbledore erfahren." Poppy nickte verstehend. „Vierzehn Jahrelang hatte Lucius keinen Kontakt zu Voldemort. Erst 1995 trafen sie sich nach dem Trimagischen Turnier wieder, als Voldemort vollständig zurückkehrte. In dieser Zeit hat er Lucius die zauberstablose Magie beigebracht."
„Und woher wisst ihr, dass er es von du-weißt-schon-wem hat?"
„Harry beherrscht diese Form der Magie nur, wenn er besonders starke Gefühle hat. So zum Beispiel vor seiner Einschulung in Hogwarts, als er in einem Zoo eine Schlange befreit hat. Durch den Todesfluch Voldemorts kann Harry Parsel sprechen, scheinbar hat er auch die Fähigkeit ohne Zauberstab zaubern zu können übertragen bekommen, aber sich nie wirklich darum gekümmert. Ich denke, du stimmst mir zu, dass Harry unmöglich Lucius' Mentor sein kann. Ebenso wenig wie Dumbledore. Lucius war Todesser, Dumbledore wird wohl kaum jemand in einer der mächtigsten Zauberformen unterrichtet haben. Also bleibt nur noch Voldemort übrig." Wieder nickte Poppy verstehend.
„Die Fähigkeit Magie ohne Zauberstab anwenden zu können, kann nicht vererbt werden. Sie ist unglaublich schwierig, weil sich der Zauberer sehr stark konzentrieren muss. Wir beide könnten wohl die Grundzüge lernen, so dass wir zum Beispiel ein Accio- Zauber problemlos hinbekommen. Aber dazu müssten wir uns sehr konzentrieren und es ginge schneller, nach dem Zauberstab zu greifen. Das, was Lucius kann, schafft nur ein sehr mächtiger Zauberer. Und das auch nur, wenn er von einem Meister unterrichtet wurde, da nur ein Meister bestimmte Kniffe und Tricks kennt. Kannst du mir folgen?" Erneut ein Nicken von Poppy. „Voldemort war niemand, der aus reiner Nächstenliebe einen Schüler aufnimmt. Er verfolgte eine bestimmte Absicht und brachte Lucius scheinbar auch die zauberstablose Magie bei. Minerva war absolut entsetzt, als ich euch davon erzählte. Sie hält es für ‚bedenklich', also schloss ich daraus, dass sie Lucius böse Absichten unterstellt oder sich zumindest vorstellen kann. Warum hat Lucius nie erzählt, dass er diese Magieform beherrscht, sondern immer seinen Zauberstab benutzt. Wer nichts zu verbergen hat, braucht nichts zu verschweigen. Er versucht aber seine Fähigkeit zu verstecken. Warum, wenn er nichts Böses im Schilde führt?"
Poppys Gesicht erhellte sich. „Und daher kam Minerva auf den Gedanken, Lucius wolle die Nachfolge von du-weißt-schon-wem antreten?"
Hermine nickte. „Genau."
„Aber warum hat er es dich dann merken lassen?"
„Nachlässigkeit, vermute ich", überlegte die junge Hexe.
„Und was meinst du?"
„Ich glaube das nicht", antwortete Hermine prompt.
„Wieso nicht?"
„Das kann ich dir nicht sagen, tut mir Leid. Lucius hat mir das Versprechen abgenommen, über das, was er mir erzählt, zu schweigen."
Poppy sah ihre junge Freundin nachdenklich an. „Ich hoffe, du weißt was du tust."
Unbewusst strich sich die junge Hexe über den Unterarm. „Das bin ich", lächelte sie.
Poppy stellte ihre Teetasse weg und stand auf. „Es ist Zeit fürs Mittagessen, Minchen. Kommst du?"
„Ich ziehe mich noch schnell an, dann komme ich."
„ich halte dir einen Platz frei", lachte Poppy und verschwand.
ooOoo
Als die Krankenschwester die Eingangshalle betrat, lehnte besagter Magier an der Wand und lächelte ihr zu. „Hallo Poppy, haben Sie einen Moment Zeit für mich?"
Er hatte sie bislang noch nie so direkt angesprochen, es verunsicherte Poppy. Schließlich nickte sie und ließ sich von ihm nach draußen führen. Kein Mensch war zu sehen.
„Ich wollte Ihnen lediglich danken, Poppy."
Verwirrt sah sie ihn an. „Wofür?"
„Sie tun so viel für die Schüler und uns Lehrer. Ich denke, zumindest ein ‚danke' haben Sie verdient." Wieder lächelte er charmant und hob seine Hand. Auch diesmal spreizte er Daumen und Zeigefinger und zielte auf Poppy. „Obliviate temperate." Er zog eine Pralinenschachtel hervor. „Darf ich Ihnen eine anbieten? Ich habe sie gestern selbst gemacht. Aber bitte verraten Sie das niemandem, es könnte meinem Ruf schaden, wenn bekannt wird, dass ich eine Schwäche für Süßigkeiten habe." Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Aber jetzt, wo wir Freunde sind, denke ich, mein süßes Geheimnis ist gut bei Ihnen aufgehoben."
Poppy hatte das Bedürfnis zurück zuzwinkern. „Natürlich bleibt ihr süßes Geheimnis bei mir." Sie nahm eine Praline und steckte sie sich in den Mund. „Oh, Kirschwasser."
Lucius nahm Poppys Hand und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. „Wir sehen uns bei Tisch."
Sie nickte verwirrt und ging wieder ins Gebäude. In der Eingangshalle traf sie auf Pomona und Minerva. Die drei Frauen umarmten sich und Pomona deutete auf Lucius, der unbeteiligt wieder an der Wand lehnte und auf etwas zu warten schien. „Ich finde es immer noch unglaublich, dass er zauberstablose Magie beherrscht."
„Aber noch unglaublicher ist doch, dass er es von Albus gelernt hat", stimmte Poppy hinzu.
Minerva senkte verschwörerisch die Stimme. „Albus hat mir kurz vor seinem Tod verraten, dass Severus Gefahr lief aufzufliegen und er schon länger mit dem Gedanken spielte, Lucius als zweiten Spion anzuwerben, weil er und Severus doch Freunde sind."
„Ich erinnere mich auch, das mitbekommen zu haben", stimmte Pomona ein.
„Wahrscheinlich hat er ihn deshalb in dieser Magieform unterrichtet, um ihn besser vor dem Dunklen Lord schützen zu können", schlussfolgerte Poppy.
„So etwas habe ich mir auch überlegt", spann Minerva den Gedankengang fort. „Und weil Lucius vermutet hat, dass ihn jeder als Nachfolger von Voldemort ansehen würde, hat er es versucht zu verbergen."
Die beiden anderen Frauen nickten. „Aber das ist absoluter Quatsch, Lucius war Todesser, aber wenn Albus ihn als zweiten Spion ausgebildet hat, dann können wir ihm vertrauen." Poppy guckte in die Runde.
„Wir sollten ihn unterstützen."
„Und ihm helfen."
„Er ist wirklich so ein charmanter Mann."
Die Frauen betraten schnatternd die Große Halle und achteten nicht weiter auf Lucius.
Dieser sah wie ein Kater aus, der eine große Schüssel voll Milch ausgeleckt hatte. Er hatte gewusst, dass er die Fähigkeit nicht hätte vollständig verbergen können. Irgendwann musste sie entdeckt werden, und natürlich wäre dann klar gewesen, dass er als Erbe des Dunklen Lords angesehen werden würde. Ein Umstand, der ihm nicht passte. Er bemühte sich krampfhaft ein guter Mensch zu sein und die Schatten seiner Vergangenheit los zu werden. Wie sollte er zurück in den Schoss der Gesellschaft finden, wenn er als „Erbe Voldemorts" verschrien wäre?
Also hatte er sich bereits im Vorfeld eine Erklärung überlegt, er sollte Albus zweiter Spion werden und wurde von ihm persönlich unterrichtet. Diese Erinnerung zog er sich aus seinem Kopf und legte sie in eine Schale. Es funktionierte ähnlich wie ein Denkarium. Ein paar Zaubertrankzutaten waren leicht aus Snapes Vorratsschrank gestohlen. Es war fast zu einfach gewesen. Genauso wieder Trank, der ebenfalls fast zu einfach vorzubereiten war, aber zu den Dunkelsten zählte. Er vermischte den Gedanken mit den Zutaten. Zusätzlich löste er fünf Pralinen auf und formte aus der Masse Neue. Jeder, der eine dieser Pralinen aß, glaubte nun daran, er wäre Albus' zweiter Spion gewesen und von ihm persönlich unterrichtet worden.
Ein nützlicher Trank.
Für ihn machte alles Sinn, dabei erkannte er nicht, dass er ‚Böses' tat, um ‚Gut' zu sein.
Es machte Lucius wütend, dass dieses ‚Geheimnis' ausgerechnet durch Hermine aufgedeckt werden würde, aber damit würde er sich später befassen. Für den Moment sah er die Gefahr, für immer dazu verbannt ein ehemaliger Todesser zu sein, gebannt und betrat hochzufrieden die Große Halle.
