24. Kapitel – Schleichende Gefühle
Kreative Differenzen eignen sich hervorragend dazu,
im bestehenden Chaos erste zarte Ordnungsstrukturen zu erkennen
Christa Schyboll
Hermine beeilte sich, sich anzuziehen. Sie wollte gerade die Tür öffnen und sich auf den Weg zur Großen Halle machen, als es an ihrer Scheibe klopfte. Sie sah eine kleine Zwergohreule. „Pigwidgeon", stöhnte sie und beeilte sich, den kleinen Kerl von seiner Last zu befreien.
Dieser war stolz, den Brief überbracht zu haben und flog aufgeregt kreischend durch den Raum. Hermine reichte es schließlich und fischte nach ihm. Drei Kekse später schleuderte sie ihn zurück durchs Fenster. Sofort begab er sich auf den Weg in die Eulerei, um sich dort ein wenig auszuschlafen und um zu neuen Kräften zu kommen.
Hermine starrte auf den großen Umschlag. Letztendlich siegte ihre Neugier. Sie öffnete den Umschlag und fand zwei versiegelte Briefe vor. Der erste war von Ron, der zweite von Ginny.
„Liebe Hermine,
bitte melde dich bei mir. Ich habe lange nichts mehr von dir gehört und denke, wir haben einiges zu klären. Besonders was unsere Zukunft angeht, und ob wir überhaupt noch eine Zukunft haben. So kann es jedenfalls nicht weiter gehen.
Lieben Gruß,
Ronald"
Nachdenklich legte sie den ersten Brief zur Seite. Ron hatte Recht, so konnte es nicht mehr weiter gehen. Spätestens nachdem sie sich mit Lucius eingelassen hatte, hätte sie ihm reinen Wein einschenken müssen. Das sie es nicht tat, hatte einen einfachen Grund, sie hatte schon lange nicht mehr an Ron gedacht.
Hermine verbot sich weitere Gedanken an ihren Ehemann und öffnete stattdessen den Brief von Ginny.
„Minchen,
wie ich von Ron gehört habe, bist du nach Hogwarts zurückgekehrt - wie aufregend. Geht's McGonagall gut? Und ist die alte Fledermaus noch da? Ich find das alles wahnsinnig spannend.
Bei mir selbst läuft alles beim Alten. Der Job im St. Mungos schleppt sich voran, Harry ist ganz der liebende Vater und auch den Kids geht es gut. Aber wir machen uns Sorgen um dich. Was hältst du davon, wenn ich Freitagmachmittag vorbei schauen? Sag mir einfach, wann du fertig bist mit dem Unterricht.
Ich vermisse dich,
Ginny
P.S. Ich bring dir Besuch mit"
Hermine war der Appetit vergangen. Sie schnappte sich ihre Jacke und machte einen Spaziergang über die Ländereien.
ooOoo
Als sie zwei Mal den See umrundet hatte, sah sie zum Schloss hoch und bemerkte eine Gestalt, die gerade aus der Tür getreten war und auf sie zu steuerte. Hermine seufzte auf, überlegte einen Moment und drehte sich um. Mit zielsicheren Schritten ging sie auf den Verbotenen Wald zu. Auf ein Gespräch dieser Art hatte sie nun wirklich keine Lust.
Zehn Minuten später sah sie sich um und war erleichtert, den Mann abgehängt zu haben. „Gott sei dank", seufzte Hermine und drehte sich um, um noch ein paar Schritte in den Wald zu machen. Sie war neugierig, da sie eine Hütte gesehen hatte. Mitten in der Bewegung erstarte sie. Direkt vor ihr stand Professor Snape. Er stand nicht nur direkt vor ihr, er stand so nah bei ihr, dass ihre Nasenspitze fast seine Robe berührte. „
„Haben Sie in den sieben Jahren Ihrer Schulzeit nicht gelernt, sich vom Verbotenen Wald fern zu halten, Miss Granger?" Seine Stimme klang sanft und fürsorglich. Hermine war auf der Hut. „Ich kann nicht immer da sein, und Ihnen Ihren hübschen Hals retten", fuhr er nachdenklich fort. „Wobei es wirklich schade wäre, wenn Sie auf einmal spurlos verschwinden würden."
„Das wäre Ihnen doch gerade recht", fauchte Sie.
„ich kann nicht leugnen, dass ich diesen Gedanken als äußerst verlockend empfinde", kommentierte er glatt.
„Na los, hier haben Sie die Möglichkeit mich endlich los zu werden." Hermine starrte ihn angriffslustig an.
„Aber nicht doch", winkte Snape ab. „Das wäre viel zu einfach." Die wütende Hermine begann ihn zu amüsieren.
„Was wäre zu einfach? Mich umzubringen?", fauchte sie.
„Aber, aber, liebe Kollegin, wer will denn da so drastisch sein? Ich sprach nie von umbringen. Ich gehe doch nicht freiwillig wegen Ihnen nach Askaban. Wobei", überlegte er, „ein wenig mehr Wahnsinn würde Ihnen bestimmt gut stehen."
Hermine atmete tief durch, trat einen Schritt zurück. Zu präsent war ihr noch die Erinnerung vom letzten Mal im Kerker, als er sie erst willig gemacht und dann zurück gestoßen hatte. Noch einmal sah sie ihn an und wollte wortlos zum Schloss zurückgehen. Snape streckte einen Arm aus und hielt sie am Oberarm fest. „Wollen Sie etwa schon aufgeben?"
„Warum sollte ich aufgeben?" Sie versteifte sich, wendete sich ihm aber nicht zu.
„Ich weiß nicht", er zuckte betont unwissend mit den Schultern, „warum geben Menschen auf?"
Sie schnaubte.
„Vielleicht", erklang seine Stimme plötzlich ganz nah an ihrem Ohr, „vielleicht, weil sie Angst haben. Angst vor dem Unbekannten. Angst zu versagen. Angst der Wahrheit ins Gesicht sehen zu müssen. Ja, ich glaube, das sind die häufigsten Gründe, warum Menschen aufgeben."
Hermine drehte ihren Kopf ein wenig zur Seite, so dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. „Ich sagte Ihnen bereits, dass Sie mir keine Angst mehr machen, Severus Snape."
„Aus Ihrem Mund klingt mein Name fast wie eine verbotene Frucht, die es zu pflücken gilt", lachte er rau.
Snape konnte es sich nicht erklären. Hermine war keine Schönheit, sie bot ihm kaum Angriffsfläche und, zu allem Überfluss, schien sie etwas mit Lucius angefangen zu haben. Sie sollte ihm egal sein. Komischerweise sah sein Körper dies vollkommen anders. Er reagierte, sobald Hermine in seiner Nähe war.
„Die meisten verbotenen Früchte sind giftig", antwortete sie bissig und beeilte sich zwei Schritte von ihm weg zu machen, bevor sie sich ihm zuwandte.
„Sie wollen mich doch nicht mit einem Ricinus communis vergleichen?" Belustigt hob er eine Augenbraue und machte einen Schritt vor.
„Womit?" Sie ging einen Schritt zurück.
„Einem Wunderbaum", amüsierte er sich.
Hermine fauchte. „Wunder sind Ereignisse, dessen Zustandekommen unerklärbar ist. Das Ereignis Ihres Zustandekommens ist definitiv nicht unerklärbar, da Lust und Geilheit seit Menschengedenken bekannt sind. Dieses Zustandekommen verdient wohl ebenfalls nicht die Bezeichnung ‚außergewöhnlich'. Und da Sie ebenso wenig Ähnlichkeit mit einem Baum haben, wie ich mit einem Lama, wäre es wohl unpassend, Sie mit einem Wunderbaum zu vergleichen." Wieder trat sie einen Schritt zurück, und erlebte zum ersten Mal im Leben, dass Snape lachte. Nicht spöttisch, abfällig oder gar berechnend, sondern aus tiefster Brust. Er legte den Kopf in den Nacken und lachte, bis ihm die Tränen kamen.
„Schön, dass Sie Ihren Spaß haben", kommentierte sie und ging drei Schritte rückwärts.
Sofort holte er mit zwei Schritten auf. „Es ist in der Tat eine neue Erfahrung…", grinste er.
„Was, dass Sie zum Lachen fähig sind?" Sie ging einen Schritt zurück.
„Nein", amüsiert funkelten seine Augen, „dass SIE fähig sind, mich zum Lachen zu bringen." Er trat einen Schritt vor.
„Wunderbar", seufzte Hermine. „Etwas, was ich schon immer können wollte. Der Grund meiner schlaflosen Nächte." Erneut ging sie einen Schritt zurück.
„Sie können ja richtig ironisch sein", grinste Snape. „Ich sollte besser aufpassen, nachher laufen Sie mir den Rang ab. Ich habe zu lange an meinem Ruf gearbeitet, um ihn mir von einem Teeny wegnehmen zu lassen." Wieder trat er einen vor.
„Ich bin kein Teeny mehr", erwiderte sie erbost und trat zurück.
„Das habe ich neulich im Keller bemerkt." Seine Stimme klang seltsam belegt. Und, während er ihr auf eine bestimmte Stelle auf ihrer Bluse starrte, fuhr er fort, „und ich sehe es auch jetzt."
„Warum behaupten Sie dann so etwas?" Sein Verhalten irritierte Hermine.
„Reine Schutzmaßnahme. Wobei, eigentlich funktioniert es nicht", grinste er und trat einen Schritt vor.
„Wollen Sie damit sagen, dass…" Weiter kam sie nicht. Als sie den anstehenden Schritt zurück machte, fiel sie, wie sollte es auch anders sein, der Länge nach über eine Baumwurzel.
Snape ging zu ihr und hielt ihr die Hand hin. Hermine beäugte sie misstrauisch wie eine Schlange. „Nun lassen Sie sich schon aufhelfen." Sie ergriff die ihr angebotene Hand und rappelte sich mühsam auf. Aber, anstatt sie loszulassen, hielt Snape ihre Hand fest und sah sie unergründlich an.
„Habe ich einen Pickel auf der Nase?" Nervös fuhr sich Hermine mit einem Finger ihrer anderen Hand durchs Gesicht.
„Nein, ich habe nur gerade den Gedanken zugelassen, dass Sie sich verändert haben."
„Verändert? Wie meinen Sie das?" Überrascht von seiner plötzlichen Offenheit, sah sie ihm direkt in die Augen.
„Sie sind erwachsener geworden, nicht mehr so, wie ich Sie als Schülerin kennen gelernt habe." Nachdenklich sah er auf sie herab.
„Und was genau bedeutet das jetzt?"
„Es bedeutet wohl, dass ich aufhören sollte, Sie in das Schema zu pressen, welches mir am liebsten ist." Seine Stimme klang gepresst, und Hermine wunderte sich zum ersten Mal, dass er so ehrlich, und vor allem selbstkritisch, mit ihr sprach.
„Was für ein Schema?"
„Das des besserwisserischen, nervenden Löwenbabies." Er grinste schief.
„Und welches wäre nun angebracht?"
„Angebracht oder mir am liebsten?"
„Beides." Hermine wagte es zu lächeln.
„Angebracht wäre das Schema, der ernstzunehmenden, sympathischen, jungen Kollegin. Mit am liebsten dagegen das des hässlichen, kleinen Entleins."
Verblüfft starrte Hermine ihn an. Nach einer Weile, als sie diese Worte verdaut hatte, stieß sie ein unsicheres Lachen hervor. „Aus dem hässlichen, kleinen Entlein wird einmal ein stolzer Schwan."
Snape seufzte tief. „Ich weiß." Er ließ ihre Hand los. „Eigentlich wäre an dieser Stelle ein Friedensangebot fällig, aber ich befürchte, dazu sind sowohl Sie als auch ich nicht fähig. Ein Scheinfrieden ist zudem eine langweilige Sache." Er sah sie lächeln. „Außerdem", fügte er mit samtiger Stimme hinzu, „genießen wir es doch beide."
„Aber natürlich genieße ich es bis aufs Blut gereizt, fast zur Besinnungslosigkeit verführt und dann abgestoßen zu werden. Wie ich schon sagte, der Grund meiner schlaflosen Nächte. Ein erstrebenswertes Ziel. Um genau zu sein, mein Lebensziel." Bitterkeit lag in Hermines Stimme. „Warum reagieren Sie so?"
„Selbstschutz", meinte Snape lapidar, zuckte mit den Schultern und drehte sich um. Ein Schlenker mit seinem Zauberstab bewirkte, dass sich ein Tischtuch über einen Baumstamm legte und zwei Tassen darauf erschienen. Eine große Kanne goss Tee in die Tassen und stellte sich von selbst neben dem Stamm ab.
„Setzen Sie sich", lud er Hermine mit einer ausladenden Geste ein und schwang sich selbst auf eine Seite des Baumstammes.
Die junge Hexe starrte ihn verblüfft an. „Mir ist nicht nach Tee, danke."
„Ich habe mit Ihnen zu reden. Also setzen Sie sich."
Der Moment des Friedens, der eben noch da war, machte einer ungeduldigen Atmosphäre platz.
Widerwillig hockte sie sich ihm gegenüber und führte die Tasse vorsichtig zu ihren Lippen. Sie pustete sanft in den Tee, um sich nicht zu verbrennen.
Snape murmelte einen Zauberspruch. „Er ist jetzt genießbar", und trank selbst einen großzügigen Schluck.
„Miss Granger…", fing er an und wurde durch ihr Räuspern unterbrochen, „Mrs. Weasley."
Ein giftiger Seitenblick seinerseits erfolgte. „Hermine…" Diese verschluckte sich an ihrem Tee. „Mir ist aufgefallen, dass Sie in letzter Zeit einen besondere Vorliebe zu Lucius entwickelt haben."
Hermine ging auf Abwehrhaltung. „Woher wollen Sie das wissen?"
„Das ist irrelevant. Ich weiß es eben. Und jetzt halten Sie den Mund", sprach er in seinem Professorenton. „Was ich Ihnen zu sagen habe, fällt mir sowieso schon schwer genug." Er trank einen Schluck. „Sie kennen Lucius nicht so wie ich. Er ist mein ältester Freund und ich weiß, dass er sowohl hilfsbereit, als auch freundlich sein kann. Für seine wahren Freunde tut er, was immer ihm nur möglich ist, und ich muss gestehen, dass er mir, besonders zu Zeiten des Dunklen Lords, das eine oder andere Mal das Leben gerettet hat."
Dieses ernste Gespräch überraschte, und verunsicherte Hermine gleichermaßen. Überraschung, weil sie ihm nie zugetraut hatte, zu einem persönlichen Gespräch überhaupt fähig zu sein. Verunsicherung, weil er ihr damit symbolisierte, dass er sie ernst nahm. Hermine hatte sich im Laufe der Jahre an seine überhebliche, arrogante, ewig distanzierte Art dermaßen gewöhnt, dass sie mit diesem Verhalten umzugehen wusste. So, wie er sich jetzt ihr gegenüber benahm, eröffnete sich ihr ein völlig neuer, unbekannter, aber auch faszinierender Charakterzug. Unabhängig davon, dass es ihr gefiel, von ihm wie seinesgleichen behandelt zu werden, so war sie doch ständig auf der Hut und darauf vorbereitet, wieder auf den ‚alten' Snape zu treffen. „Professor Snape", wagte sie sich vorsichtig vor. „Ich weiß nicht genau, warum Sie ausgerechnet mir das erzählen. Ich freue mich, dass Sie beide eine gemeinsame Ebene gefunden haben, aber was hat das mit mir zu tun?"
„Ich befürchte, Sie sind ebenfalls auf dieser Ebene angelangt."
„Heißt das, Sie beide hatten … ein intimes Verhältnis?" Sie war regelrecht schockiert. Natürlich hatte auch Hermine schon gehört, dass es Männer gab, die Männer liebten. Persönlich war sie davon bislang nicht betroffen, und hatte sich daher keine Gedanken gemacht, was für eine Einstellung sie zu diesem, in der Zauberwelt recht verbreiteten, Thema hatte. Dennoch empfand sie ein komisches Gefühl in der Magengegend.
„Nun, wenigstens haben Sie mir nun eine Antwort auf meine Frage gegeben", äußerte Snape trocken.
„Antwort? Welche Frage?" Sie war verwirrt.
„Ich weiß nun, dass Sie mindestens einmal miteinander geschlafen haben."
Hermine sprang auf. „Professor Snape", rief sie konsterniert.
„Setzen Sie sich." Die ruhige Arroganz, mit der er diesen kurzen Befehl äußerte, brachte Hermine zur Weißglut, aber trotzdem setzte sie sich. „Ich wüsste nicht, das Sie das was angeht."
„Es geht mich eine Menge an, wenn ich ein problemloses Leben weiterführen mag", er grinste schief.
„Und das heißt?"
„Nichts von Bedeutung, außer, Lucius teilt nicht gern."
„Mit wem soll er mich denn teilen wollen? Zumal ich nicht zu teilen bin", sagte sie pikiert.
„Mädchen." Snape war sichtlich genervt. „Sie sind jung, schön, intelligent und eine Gryffindor, natürlich macht Sie das begehrenswert."
„Sie haben verheiratet vergessen", fügte sie boshaft hinzu, wohlweißlich vergessend, dass sie ihr Ehegelübte gebrochen hatte.
„Das, Miss Granger, ist nicht mein, sondern Ihr Problem." Er stand ihr in Sachen Boshaftigkeit in nichts nach. „Wie dem auch sei… Ich kenne Lucius, und ich kenne Sie."
„Woher?", fauchte Hermine ihn unterbrechend.
Er überging diesen Einwurf. „Ich vermute, Sie langweilen sich, oder haben ein anderes, sich meiner Erkenntnis entziehendes, Problem in Ihrer Ehe. Vermutlich haben Sie viel zu früh geheiratet und jetzt festgestellt, das Mr. Weasley Ihnen nicht das bieten kann, was Sie suchen: Herausforderung. Daher nehmen Sie die Gelegenheit beim Schopf und probieren etwas, Ihrer Meinung nach, Aufregenderes aus. Aber, Hermine, ich bitte Sie. Schlagen Sie meine Warnung nicht in den Wind. Lucius scheint seine Ansichten in gewissen Dingen vielleicht geändert zu haben, aber im Wesen ist er immer noch der Gleiche. Sie spielen ein Spiel, dessen Regeln Sie nicht kennen. Er ist zu mächtig für Sie, Sie sind ihm nicht gewachsen."
„Wie ich schon sagte, ich weiß nicht, dass Sie das was angeht." Es machte Hermine Angst, mit welcher Treffsicherheit er ihr Eheleben analysiert hatte. Daher versuchte sie sich mit einer Abwehrhaltung zu schützen.
Er griff über den Tisch und nahm ihre Hand in seine. „Hermine, Sie sind 21 Jahre alt, gerade drei Jahre aus Hogwarts weg. Auch wenn Sie sich, wie ich selbst gesehen habe, hervorragend im Endkampf geschlagen und Potter den Weg zu Voldemort erst mit ermöglicht haben, so sind Sie im Vergleich zu Lucius ganz unten in der Nahrungskette. Er ist doppelt so alt wie Sie und verfügt entsprechen über wesentlich mehr Erfahrung. Er praktiziert seit über zwanzig Jahren die schwarze Magie und kennt Sprüche, von denen Sie noch nie gehört haben. Sie mögen einen der besten Abschlüsse haben, die Hogwarts je gesehen hat, aber er ist Ihnen intellektuell gewachsen. Ich kenne ihn, Hermine, hören Sie auf, bevor es zu spät ist."
„Warum sagen Sie mir das alles?", fragte sie müde.
„Ich weiß nicht." Zum ersten Mal war Unsicherheit in seinem Blick zu erkennen. „Vielleicht, weil Minerva mir das Fell über die Ohren ziehen würde, wenn sie herausbekäme, ich hätte sie nicht gewarnt", versuchte er die Angelegenheit ins Lächerliche zu ziehen. „Vielleicht aber auch nur, weil Sie, trotz Ihrer Fehler, nicht ganz so schlimm sind, wie ich ursprünglich befürchtet hatte und mit Abstand die angenehmste Kollegin. Zumal Sie sich trauen, sich mit mir die Klingen zu kreuzen."
Hermine sah ihn sprachlos an. Dies war das allererste Kompliment, das er ihr je gemacht hatte. Zumindest sah sie es als Kompliment an, für seine Verhältnisse waren diese Worte mit einem Lob gleichzusetzen. „Sie mögen mich?"
„Nun übertreiben Sie mal nicht gleich so schamlos", knurrte Snape. „Lassen Sie uns zurück ins Schloss gehen, suchen Sie ihn und sagen Sie ihm, dass es ein Ende hat. Meinetwegen nehmen Sie den Dummkopf Weasley als Vorwand, dafür sollte er herhalten können. Wenn Sie wollen, halte ich auch Ihr Händchen. Aber um Himmels Willen, Hermine, machen Sie Schluss."
Hermine hatte ihm mit wachsender Bestürzung zu gehört. Bilder zogen an ihr vorbei. Lucius, wie er sie geküsst und sie aus warmen Augen angesehen hatte. Lucius, wie er ihre Hand genommen und ihr zugehört hatte. Lucius, wie er sie tröstend in den Arm genommen hatte, als sie vom Tod Krummbeins berichtete. Lucius, wie er sich fürsorglich um sie gekümmert hatte, als sie mit Bauchkrämpfen unfähig war, auch nur einen Schritt zu machen. Lucius, der sie mit Stolz im Blick angesehen hatte, als sie ihren Bund besiegelten. Und schließlich, wie er ihr von seiner Zeit mit Voldemort berichtet hatte und von der Angst um Narcissa und Draco.
Nein, dieser Mann war nicht so böse, wie ihn alle darstellten. Er hatte manchmal Probleme, sich zu beherrschen, aber das waren mit Sicherheit die Spätfolgen aus der Zeit mit Voldemort.
„Er ist ein guter Mensch", beharrte Hermine.
„Zweifelsohne", kommentierte er trocken, „solange es ihm einen Vorteil verschafft."
„Sie haben selbst gesagt, er habe Ihnen das Leben gerettet."
„Und ich ihm."
„Sind Sie neidisch?", rief die junge Hexe aufgebracht.
„Worauf sollte ich neidisch sein?" Sein Ton lag gefährlich nah an der Erfrierungsgrenze. Seine Augen sahen sie warnend an, einen Schritt weiter, und sie würde bereuen. Doch Hermine war so aufgewühlt, dass sie die warnenden Zeichen nicht wahrnahm. „Weil er das bekommt, worauf Sie seit Jahren hoffen. Er bekommt eine zweite Chance."
Snape zuckte zusammen wie ein geprügelter Hund. Ohne es zu wissen hatte sie einen wunden Punkt getroffen. Er hatte im Leben, als unbesonnener Jugendlicher, einen fatalen Fehler gemacht, für den er ein Leben lang bezahlen würde. Er konnte die Menschen nicht wieder lebendig machen, die er, im Auftrag des Dunklen Lords, ermordet hatte. Nie wieder konnte er den Frauen, die er, im Auftrag des Dunklen Lords, vergewaltigen musste, ihren Stolz wieder geben, wenn sie es denn überlebt hatten. Dumbledore hatte ihm eine zweite Chance gegeben, für den Rest der Welt war er widerlicher Abschaum. Ein Todesser.
Auch wenn Snape es niemals zugeben würde, so hatte er sich anfangs oft gewünscht, wieder als gleichwertig akzeptiert zu werden, ja sogar gemocht zu werden. Schnell hatte er erkannt, dass dies ein hoffnungsloser Trugschluss war. Die Menschen sahen seine Vergangenheit und das, wozu er zu handeln verpflichtet war. Sie wollten es nicht anders. Niemals sahen sie den Schmerz, die Qual und vor allem den Widerwillen, mit denen er täglich leben musste. Hätte er eine zweite Wahl gehabt, er hätte vor Voldemort die Flucht ergriffen, aber niemand entkam dem Dunkeln Lord.
Er hatte für den Orden spioniert und täglich sein Leben aufs Spiel gesetzt, um die winzige Möglichkeit, Menschenleben zu retten, zu finden und weiter zu geben. Er hatte jeden Tag mit der Gefahr gelebt, entdeckt zu werden. Er hatte sich kein Glück erlaubt, keine Liebe, keine Zuneigung, nichts, was ihn angreifbar gegenüber dem Dunklen Lord gemacht hätte.
All die Jahre hatte er sein Privatleben hinten angestellt, um wenigstens einen Teil der Schuld wieder gut zu machen, die er damals auf sich geladen hatte, als er in Voldemorts Reihen übergewechselt war. Dennoch, vergeben hatte ihm nur ein einziger, Albus Dumbledore. Alle anderen hatten ihn verurteilt – und er selbst war sein schärfster Kläger.
Ja, er hatte sich eine zweite Chance gewünscht, aber niemand hatte sie ihm gegeben. Niemand, außer Dumbledore, der jetzt tot war. Gestorben, durch Snapes eigenen Zauberstab. Es war Mord auf Verlangen gewesen, aber es war mehr als nur der größte Zauberer aller Zeiten gestorben. Mit Dumbledores Tod war auch Severus Snape ein wenig gestorben. Sein einziger Freund und Mentor war tot, die Hoffnung und Sehnsucht in ihm ebenfalls.
Und plötzlich tauchte Hermine Weasley, geborene Granger auf, und weckte ein kleines bisschen Sehnsucht in ihm wieder zum Leben. Sie war mit Abstand die Intelligenteste vom Goldenen Trio gewesen. Sie war es, die er am ehesten ‚gemocht hatte'. Als er sie am Tag des Endkampfes kurz gesehen hatte, wusste er, dass Potter es schaffen würde, Voldemort zu besiegen. Warum war ihm unklar, er wusste es einfach.
Als er sie in Hogwarts, nach drei endlosen Jahren, wieder getroffen hatte, war ihm sofort klar, dass sie ihm gefährlich werden konnte. Die Hoffnung und Sehnsucht waren tief in ihm begraben. Er wollte nicht riskieren, sie hervorzuholen und dann den anklagenden Blick in ihren Augen zu lesen.
Ja, er hatte sie wie ein verzogenes Gehör behandelt, aber das war die einzige Möglichkeit gewesen, sich emotional von ihr abzuschotten.
Dann hatte er gesehen, wie sie nachts zu Lucius wollte. Lucius, sein ältester Freund und zugleich größter Feind, Vertrauter und Rivale, sein Beschützer und Angreifer.
All diese Gedanken stürzten über Snape zusammen. Er war unfähig, sie, wie es sonst seine art war, praktisch zu analysieren und im Geist in Schubladen zu verstauen, um sie danach wegzuschließen. Er war überfordert von der Erkenntnis, dass Hermine ihm nicht egal war, so wie er es sich glauben lassen wollte. Abrupt drehte er sich um, damit sie nicht sehen konnte, in welchem Gefühlschaos er gerade steckte – und damit er ihren Blick voller Verachtung nicht sehen musste.
Snape atmete ein paar Mal tief durch. Dann hatte er sich soweit gefangen, dass er all diese Gedanken im Geiste sammelte und in eine riesengroße Gedankenschublade packte, einschließlich die Sympathie für Hermine.
Als er sich schließlich umdrehte, war sein Blick kalt. Er wirkte so unnahbar wie eh und je. Er sah zu Hermine hinüber und registrierte erleichtert, dass weder sein Herz, noch sein Körper auf ihren Anblick reagierte. Er hatte sich wieder soweit unter Kontrolle, um ihr gegenüber treten zu können.
Überheblich zog er eine Augenbraue hoch. „Sie haben Recht, Kollegin, er bekommt eine zweite Chance - von Ihnen. Und wenn Sie so dumm sind, in Ihr eigenes Verderben zu laufen, bleibt es mir hinterher hoffentlich erspart, Ihre Überreste vom Boden aufzusammeln. Und, sollte ich, wider Erwarten, doch zu diesem zweifelhaften Vergnügen kommen, so seien Sie gewiss, dass ich mit dem nötigen Respekt trauere." Er spuckte ihr vor die Füße. „Sie sollten anfangen Ihre Rettungsweste zu stricken, fürs Schwimmenlernen ist es zu spät."
Mit aufbauschendem Umhang verschwand er im Unterholz und ließ die aufgewühlte Hermine zurück.
Sie hatte das Gefühl, einen lebenswichtigen Rettungsanker verloren zu haben.
A/N: lillie1980, danke für dein Review, ich habe mich sehr gefreut und hoffe, du liest fleissig weiter.
Ein spezieller Dank an Gipsy - ein wahrer Traum jedes Schreiberlings. Danke :-)
