Kapitel 36 – Im Fuchsbau

Nebel, stiller Nebel über Meer und Land.
Totenstill die Watten, totenstill der Strand.

Christian Morgenstern

Der Ort Ottery St. Catchpole war zu klein, um einen eigenen Friedhof zu besitzen. Mehrere Orte in der Grafschaft Devon, so zum Beispiel Dartmouth, Totnes, Brixham und Kingsbridge, hatten sich vor Jahrhunderten zusammengeschlossen, um einen Platz des Friedens und der Eintracht zu erschaffen, wo die sterblichen Überreste der Hexen und Zauberer zur letzten Ruhe gebettet wurden. Er war so mit Zaubern und Bannen belegt, dass Muggel ihn nicht als Friedhof erkannten, sondern als gefährliches Sumpfgebiet, welches von der Regierung abgesperrt wurde, da es giftige Schlangen enthalte. An diesem magischen Ort sollte auch George Weasley bestattet werden.

Zurzeit lag der Friedhof noch still und verlassen da. Nichts deutete darauf hin, dass in ein paar Stunden eine Beerdigung eines jungen Mannes stattfinden sollte. Die Angehörigen, also die Weasleys, hatten sich im Fuchsbauch eingefunden. Still und in schwarzer Trauerkleidung gehüllt saßen fast alle gemeinsam um den großen Küchentisch. Alle Zeiger der berühmten ‚Weasleyuhr' zeigten auf „Zu Hause" – nur einer nicht. Der von George war verschwunden. Ausgelöscht.

Molly Weasleys Blick fiel auf eben jenen Zeitanzeiger. Sie griff sich ihr mittlerweile vollkommen verweintes weißes Taschentuch und schnäuzte sie die Nase. Ihr Mann hatte den Arm um sie gelegt und starrte ins Leere. Charlie saß neben seiner Mutter und streichelte ihr etwas unbedarft über den Rücken. Bill und Fleur hielten sich betroffen an den Händen. Ron hielt seine kleine Schwester in den Armen und streichelte ihr über den Kopf. Lediglich Percy saß vollkommen allein und wirkte fehl am Platz. Alle warteten darauf, dass es Zeit zum Apparieren wurde.

„Wo bleibt Harry", fragte Charlie in die Stille.

Sämtliche Augenpaare wanderten zu Ginny. „Er müsste gleich kommen. Auch wenn er heute freibekommen hat, muss er erst noch ins Büro."

Wieder herrschte Stille.

„Wieso hat er das getan", fragte Percy schließlich leise.

„Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass George das wirklich getan hat?", begehrte Molly auf und ihr Mann musste sie zurück halten, damit sie sich nicht auf ihren Sohn stürzte.

„Er ist dort gesehen worden, Mum. Es war sein Zauberstab. Er war der einzige Zauberer weit und breit. Wer sollte es sonst gewesen sein?"

„Ich weiß es nicht, aber es war auf jeden Fall nicht George", mischte sich nun auch Arthur Weasley ein.

Percy schwieg eine Weile, bevor er wieder sprach. „Ich verabscheue die Kimmkorn. Und ich hasse ihre hetzerische Art und Weise. Aber ich glaube sie hat Recht."

„Ach, meinst du? Dass wir einen ‚psychisch gestörten' George hatten? Einen ‚durchgeknallten Irren'? Warum gibst du dich dann noch mit einer solchen Familie ab?" Mrs. Weasleys Stimme Überschlug sich.

„Nein, nein", relativierte Percy, wurde aber von Ginny unterbrochen. „Ich glaube, George wollte nicht mehr leben", sagte sie traurig. „Seid Freds Tod war er nicht mehr fröhlich. Er hat nur noch gearbeitet. Und er hat viel über den Tod nachgedacht."

„Aber warum die Dursleys? Ich kann es noch immer nicht fassen." Bill schüttelte den Kopf. „Selbst wenn George sich wirklich selbst hatte umbringen wollen, dann wäre er doch vorher nicht zum Mörder geworden."

„Aber wer sonst sollte die Dursleys umbringen?

Diskussionen wie diese waren in den vergangenen zwei Tagen fast ständig geführt worden. Im Grunde glaubte niemand an Georges Schuld, doch sie hatten keine andere Erklärung. Er musste es gewesen sein. Doch warum?

Wieso hatte er nicht vorher mit einem von ihnen geredet? Warum war er selbst zum Mörder geworden? Aber sie kannten doch alle George. Sie wussten alle, dass er keiner Fliege was zu leiden tun konnte. Oder etwa doch?

Die Zweifel zermürbten sie. Der Glaube, die Hoffnung und vor allem das vermeintliche Wissen um den Charakter des letzten Zwillings machte sie stark. Auf der anderen Seite waren die Beweise und die Zeugenaussagen…

Es waren nur noch vereinzelnde Schluchzer von Molly Weasley zu hören, als Charlie in die Runde sah und sich dann Ron zuwandte. „Sag mal, Ron. Wo ist eigentlich Hermine?"

Zum Glück sahen alle Ron an, so dass niemandem auffiel, wie blass Ginny plötzlich geworden war. Sie umklammerte Halt suchend ihren Bauch. Das Baby würde nicht mehr lange brauchen. Zuerst hatten sie und Harry überlegt, George als Paten auszuwählen. Zum einen wussten sie, dass George sich gern und vor allem gut um das Neugeborene gekümmert hätte, zum anderen hofften sie, dessen Lethargie unterbrechen zu können. Doch das hatte sich nun erledigt. Die Alternative war Hermine gewesen, aber auch das hatte sich erledigt. Sie wollte ihr Baby nicht in der Nähe von zwei Todessern wissen.

„Ich weiß es nicht", sagte Ron. „Seit Ende August habe ich sie nicht mehr gesehen und auch nicht mehr mit ihr gesprochen."

Molly warf Ginny einen Blick zu und wollte etwas sagen, als Arthur eine weitere Person in der Tür sah. „Ah, Harry."

Der Angesprochene nickte und setzte sich neben Ginny. „Sorry, es hat länger gedauert. Seit der Sache mit George…" Er verstummte und nahm Ginnys Hand.

„Minerva hat mir geschrieben, dass ganz Hogwarts kommen wird." Molly kramte in ihrer Tasche nach dem Brief.

„Sogar die Slytherins?" Charlie konnte diese Nachricht kaum glauben. „Ich glaube nicht, dass die kommen werden."

„Doch, der neue Hauslehrer hat wohl gesagt, dass sein Haus geschlossen erscheinen wird."

„Der neue Hauslehrer?" Charlie hatte wieder eine entscheidende Information verpasst.

Arthur wusste natürlich aufgrund seiner Ministeriumsarbeit, wer der neue Hauslehrer von den Slytherins war. Bislang hatte er es aber versäumt, seine Familie von den Neuerungen in Kenntnis zu setzen. „Ginny, Harry", unterbrach er seinen Sohn. „Ihr ward doch letztens in Hogwarts, da habt ihr doch Hermine besucht. Wie geht's ihr? Hat sie was zu Ron gesagt."

Harrys Mund zog sich zu einem Strich zusammen. „Ja, wir haben Hermine getroffen", antwortete er langsam. „Es scheint ihr gut zu gehen." Wieder verstummte er.

„Und was hat sie von sich erzählt? Bereut sie es, nach Hogwarts gegangen zu sein?" Mr. Weasley versuchte das Thema von George wegzubringen. Er war sich nicht bewusst, dass die nächste Katastrophe auf sich wartete.

„Ich hatte den Eindruck", fuhr Harry gedehnt fort, „dass sie es nicht bereut hat. Im Gegenteil, sie scheint sich in einigen grundlegenden Dingen ihr Leben betreffend, klarer geworden zu sein."

Niemand der Anwesenden konnte diese Anspielung verstehen, entsprechend ratlos sahen sie aus. „Was meinst du damit?", fragte jemand. „Inwiefern grundlegende Dinge?", wollte ein anderer in Erfahrung bringen.

„Nun, unser Herminchen scheint jetzt andere Prioritäten gesetzt zu haben und-"

Ginny stöhnte, sich den Bauch haltend auf.

„Was ist, Liebste?" Harry war besorgt. Es waren noch zwei Wochen bis zur Geburt. Das Kind sollte an Halloween zur Welt kommen.

„Mir ist nicht gut. Die Aufregung…", ächzte die Schwangere. „Mitte, Liebling, bring mich ins Wohnzimmer. Nach ein paar Minuten wird es bestimmt wieder besser gehen."

Natürlich sprang der werdende Vater sofort auf und brachte seine Frau vorsichtig zum Wohnzimmer.

Als die Tür hinter Ihnen ins Schloss fiel, hörte Ginny mit dem Theater spielen auf und setzte sich allein aufs Sofa. „Harry Potter, auch wenn ich genauso wütend auf Hermine bin wie du, so steht es uns nicht zu, etwas dazuzusagen. Das ist eine Angelegenheit zwischen den Beiden. Das müssen sie klären. Wir haben dazu nichts zu sagen. Außerdem, er begräbt heute seinen Bruder, da wird er wohl kaum den Kopf frei haben, um sich über seine Ehe Gedanken zu machen."

Harry wusste, dass seine Frau das Temperament ihrer Mutter geerbt hatte und hütete sich, ihr zu widersprechen. „Ja, aber wenn ganz Hogwarts aufkreuzen wird, sollte Ron lieber vorher wissen, was auf ihn zukommt. Ich finde es besser, wenn wir ihn aufklären."

„Egal was wir von Hermine halten, sie hat Anstand. Ich bezweifle, dass sie eine Beerdigung als den richtigen Zeitpunkt erachtet, ihre Eheprobleme auszudiskutieren. Sie wird sich beherrschen. Außerdem bezweifle ich, dass die Schüler bescheid wissen, dass sie was mit zwei Kollegen hat. Daher wird sie es vermeiden, Aufsehen zu erregen. Wir werden ihm nichts sagen. Das ist ihr Part. Ich hab ihr zwei Wochen gegeben. Danach reden wir mit Ron darüber."

Harry warf Ginny einen zweifelnden Blick zu. „Ich fände es trotzdem besser, wenn wir es Ron sagen, schließlich-"

„Was wollt ihr mir sagen?" Ron war ins Zimmer gekommen. „Wir wollen aufbrechen", fügte er hinzu.

„Ach nichts Besonderes." Harry half Ginny auf.

„Na, nun kommt schon. Ich kenn euch lang genug, ich weiß, dass ihr mir was sagen wollt." Erwartungsvoll sah Ron von Harry zu Ginny und wieder zurück.

Seine Schwester schaltete schnell. „Ron, setz dich… Also, wir wollten dich nicht beunruhigen. Aber es werden bei der Beerdigung Leute da sein, die du nicht wirklich magst."

Ron lachte gekünstelt. „Ich liebe Hermine."

„Von ihr reden wir nicht", warf Harry ein.

„Sondern?"

„Naja, Snape wird da sein."

„SNAPE?", rief Ron aufgebracht. „Ich denke der ist tot?"

„Nein, Bruderherz, er erfreut sich bester Gesundheit." Ginny legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm. „Aber … da wird noch einer sein, den du nicht gern sehen möchtest."

„Wer? Voldemort?" Ron grinste spöttisch.

„Lucius Malfoy."

„LUCIUS MALFOY? WAS HAT DER AUF DER BEERDIGUNG MEINES BRUDERS ZU SUCHEN?" Rons Wangen waren vor Zorn gerötet.

„Er ist der neue Hauslehrer von Slytherin." Harry sah seinen Freund von der Seite an. „Und wenn Minerva schreibt, Hogwarts wird kollektiv an der Beerdigung teilnehmen, dann wird er auch da sein."

„Na bravo", knurrte Ron. „Er soll es bloß nicht wagen, Stress zu machen. Dem werde ich es zeigen, ich-"

„Kinder, kommt ihr? Wir müssen los." Mr. Weasleys Stimme erinnerte die drei jungen Leute daran, dass sie los mussten.

„Na dann, auf in den Kampf", prophezeite Ron.


Anmerkung:

Im nächsten Kapitel gibt's wirklich die Beerdigung. Ich hatte diese Woche Uni und musste mich erst darum kümmern. Außerdem hatte ich Schwierigkeiten meine Muse zu finden. Aber ich glaube, ich wurde gerade geküsst lach

Es gibt nur ein kurzes Kapitel heute. Aber ich will euch nicht länger warten lassen

An dieser Stelle einen Gruß an Lorelei. Danke 