Kapitel 37 – Die Tür schließt sich

Trauer, leise Trauer deckt die Erde zu.
Seele, liebe Seele, schweig und träum auch du.

Christian Morgenstern

Die Trauerfeier hatte bereits angekommen, als Lucius und Hermine auf dem Vorplatz apparierten. Der Herbst war eingezogen und der Vorplatz war übersäht mit buntem Laub. Ein Wind pfiff, so dass Hermine ihren, nein Narcissas Umhang, vor der Brust zusammenzog. Interessiert sah sie sich um. Friedhöfe hatten schon seit ihrer frühesten Kindheit Faszination auf sie ausgeübt. Sie hatten sowohl etwas Ruhiges, Friedliches an sich, lockten aber gleichzeitig als Ort des Verlusts und der Endgültigkeit.

Direkt vor ihrem Auge erhob sich eine eindrucksvolle Friedhofsmauer, die anzeigte, dass dieser Gedenkort ein imposantes Ausmaß besaß. Die Mauer, die diesen Ort umschloss, sah für Muggel wie ein tristloser, brüchiger Bauzaun aus. Irgendwo hing ein Schild, „Betreten verboten. Lebensgefahr", zur zusätzlichen Abschreckung. Der Ort galt als verflucht. Niemand der Nicht-Magier dachte im Traum daran, dass in den unruhigen Zeiten unter Voldemorts tatsächlich die meisten Hexen und Zauberern, die hier lagen, zu Tode geflucht worden waren. Die trostlose Umgebung und die Gerüchte verfehlten ihren Zweck nicht, Muggel hielten sich tatsächlich fern.

Für magische Lebewesen bestand die Umzäunung aus mannsgroßen, schwarzen Gitterstäben. Den Eingang säumten zwei große Steinsgebilde, die den Kopf des Gründers darstellten.

Das attraktive, vollkommen in schwarz gekleidete, Paar sah sich interessiert um. Aus weiter Ferne hörten sie eine Stimme, die die Begräbniszeremonie vollzog. „Wir sind zu spät", stellte Hermine fest.

Der Mann an ihrer Seite nickte und ergriff ihren Arm. „Dann komm."

Doch die Hexe blieb stehen. „Warum sind wir zu spät? Wir werden unnötige Aufmerksamkeit erregen."

„Das würden wir sowieso", erwiderte Lucius knapp. Natürlich wollte er ihre Ankunft nicht unbemerkt lassen.

„Luc, wir provozieren die Weasleys geradezu."

Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ja, das werden wir."

Bei ihm untergehakt schritt Hermine auf das Tor zu. „War das wirklich nötig?"

„Aber natürlich, mein Herz. Und wenn du jetzt Schwäche zeigst, hast du schon verloren." Er hob ihre Hand und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Handinnenfläche. „Ein Malfoy braucht sich nicht zu verstecken. Und du, mein Herz, hast es genauso wenig nötig."

Hermine atmete tief durch. „Auf in den Kampf."

Sein leises Lachen rief ihr eine Gänsehaut hervor. Sie mochte dieses Lachen…

Das Tor öffnete sich quietschend wie von Geisterhand. Dahinter offenbarte sich ein breiter Weg, der von Engelsfiguren in eingerahmt wurde. Keine Figur glich der anderen. Die ersten beiden hatten eine stehende Position eingenommen, die beiden folgenden knieten, die nächsten zwei saßen und die letzten beiden Figuren lagen. Den Rest des Weges säumten Putten, jede schöner als die andere, jede für sich filigran gearbeitet.

Große, kahle Bäume ragten hinter diesen Gebilden hoch hinaus. Die Äste hingen stellenweise über dem Weg, so dass den beiden manchmal nichts anderes übrig blieb, als ihnen auszuweichen. Die Atmosphäre war trostlos, kalt.

Nach mehreren Metern waren die ersten Steingräber zu sehen. Jedes einzelne Grab versuchte den Charakter des darin zur letzten Ruhe gebetteten Menschen darzustellen. Dabei war es scheinbar unerheblich, ob dieser Zauberer oder diese Hexe Reichtum besessen hatte. Im Tod waren alle gleich, daher war es auch kein Wunder, dass sich die Gräber auf eine besondere Art glichen – sie waren zeitlos und schmucklos.

Kreuze waren zu sehen, Grabsteine, vereinzelnd auch Blumen. Hermine sah nach links und nach rechts, sah, dass Kinder bei ihren Eltern begraben worden waren. Ein fünf Monate altes Baby lag im selben Grab wie seine 23jähige Mutter. Ein 172jähriger Mann lag zusammen mit seiner 182 Jahre alten Frau in einem Doppelgrab.

Hermine staunte. Natürlich hatte sie gewusst, dass Hexen und Zauberer älter wurden als Muggel, aber sie hatte nicht geahnt, dass ein 172jähirge Mann kein herausragendes Alter erreicht hatte.

Lucius machte sie auf mehrere Stufen aufmerksam und hielt Hermine unauffällig ein wenig fester, damit sie nicht stürzte. Gemeinsam durchschritten sie eine Art offenen Pavillon. Hermine richtete ihren Blick wieder geradeaus und sah die ersten Hogwartsschüler. Sie standen in ihren schwarzen Umhängen wie eingefroren da. Für die meisten von ihnen war es die erste Beerdigung dieses Ausmaßes, die sie bewusst miterleben musste. Zwar hatten viele von ihnen Angehörige durch Voldemort verloren, doch hatten die Bestattungen im engsten Familienkreis stattgefunden. Jeder Schüler hatte sich eine Schleife in der Farbe ihres Hauses um das rechte Handgelenk gebunden. Diese Idee stammte von der Direktorin, die auch darauf geachtet hatte, dass sich die Slytherins dran hielten. Ebene jene Schülerinnen und Schüler standen hinter den anderen. Die meisten waren nicht aus Sympathie mitgekommen, sondern beugten sich der Erwartung der Lehrer.

Der Weg, den Lucius und Hermine entlang schritten, mündete direkt in die Familiengruft der Familie Weasley. Schon seit jeher war dieser Klan für seine Kinderfreundlichkeit und seinen Kindersegen bekannt, weswegen ihnen ein großes Mausoleum zur Verfügung stand. Der Weg führte direkt zu den Treppenstufen. Davor war der Sarg des jungen Georges aufgebahrt. Seine Familie stand direkt links und rechts. Molly und Arthur Weasley stützten einander. Bill, Fleur und Charlie standen neben den Eltern. Ron, Percy, Ginny und Harry gegenüber.

Als nächstes reihten sich die nächsten Verwandten und Freunde um den Sarg. Dann waren Ministeriumsbeamte und Rita Kimmkorn zusehen. Den Schluss bildeten die Hogwartsschüler.

Ginny hob gerade den Kopf, als Lucius stehen blieb und ebenso Hermine anhalten musste. Ihr Blick fiel auf ihre junge Freundin, deren schwarzes, figurbetontes Spitzenkleid zwar für eine Beerdigung geschneidert wurde, dennoch eher zu dem Begräbnis eines ranghohen Ministeriumsmitarbeiter oder eines Mitglieds des Zaubereiadels passen würde. Die schwarzen Perlen und der spitzenbesetzte Saum verwandelten Hermine in eine elegante, junge Frau, nach der sich die Menschen umwandten, da sie einer Königin glich. Ein wunderschönes Kleid einer wunderschönen Frau – nicht passend zu der Beerdigung eines Mannes aus einem alten, reinblütigen, aber auch verarmten Zauberergeschlechts.

Nun hatte auch Harry die Nachzügler entdeckt. Seine Augen wurden schmal, als der die beiden Gestalten sah, die sich so deutlich vom Rest der Masse abhoben. Sie wirkten fehl am Platze, nicht zugehörig. Ein Blick in die Augen seiner Jugendfreundin verriet ihm ihre Beklommenheit, doch er war noch immer sauer auf sie. So leicht würde er es ihr nicht machen, nicht so lange sie noch mit den beiden Männern eine menage a trois unterhielt. Seine Augen wanderten weiter zu dem blonden Zauberer an Hermines Seite, der zwar ein betrübtes Gesicht machte, einer Beerdigung entsprechend, alles in allem aber sehr zufrieden wirkte. Am liebsten hätte Harry ihm einen ordentlichen Fluch auf den Hals gehetzt, so dass Lucius Malfoy einen Schnupperaufenthalt in St. Mungos erhielt. Nur ein Stoß durch den Ellenbogen von seiner Ehefrau hielt ihn davon ab, die beiden des Platzes zu verweisen.

Leider hatte dieser Stoss die Aufmerksamkeit der anderen Weasleys auf sich gezogen. Charlie zog überrascht die Augenbrauen hoch, Bill und Fleur sahen sich verständnislos an. Arthur und Molly stand Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Percy sah nur einmal kurz zu dem Pärchen hin und wandte sich dann wieder dem Priester zu. In einer halben Stunde wurde er im Ministerium erwartet.

Im Inneren war Hermine unsicher und sie hätte am liebsten die Flucht ergriffen. Ihre eigene Courage schien ihr jetzt zum Verhängnis zu werden. Sie spürte die Blicke aller auf sich. Sogar der Priester, ein alter Zauberer, unterbrach seine Predigt, nachdem er festgestellt hatte, dass leichte Unruhe unter den Angehörigen entstanden war, und sah zu ihnen. Und doch lag ihr Blick auf Ron, der als letztes aufsah. Sie registrierte, wie er eins und eins zusammen zählte und dann verblüfft die Augen aufriss. Ein paar Sekunden später zog ein verletzter Ausdruck über sein Gesicht, doch dann kam die Wut. Er starrte Lucius hasserfüllt und Hermine zornig an. Harry schaltete schnell und flüsterte seinem Freund etwas ins Ohr.

„Contenance, mein Herz", raunte Lucius ihr zu und zog Hermine langsam mit sich.

Auch Ron hatte sich soweit wieder im Griff, dass der Priester sich wieder dem Sarg zuwendete und mit seiner Rede fort fuhr. „… ein junger Mann, der keinerlei Schwierigkeiten hatte, sich im Leben zu behaupten. Seine Kindheit war von einem liebevollen Umfeld geprägt worden. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Fred vermochte er es schon früh allerlei Unsinn anzustellen, und doch nie jemanden zu verärgern. Die beiden Brüder bildeten eine Einheit. Sie glichen einander so stark, dass sie kaum zu unterscheiden waren. Stets traten sie paarweise auf, ein Satz wurde von dem anderen zu ende gebracht, wenn sie ihn nicht von vorneherein zusammen sagten… George steckte voller Lebensfreude und war vollkommen davon überzeugt, dass Richtige zu tun. Mit Fred verließ er vorzeitig die Schule, um einen eigenen Laden aufzumachen. Mit ihren ‚Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen' ärgerten sie oft Lehrer, aber brachten sie auch gleichzeitig zum Lachen… Mit dem Tod seines Zwillingsbruders beim großen Endkampf, starb auch ein Teil in George, er lachte kaum noch. Er arbeitete nur noch. Er wurde zu einem Schatten seiner selbst. Leider hatte er es nicht geschafft aus diesem Loch wieder heraus zu kommen. Von Herzen hätten wir alle ihm ein erfülltes Leben gegönnt, aber er zog es vor, viel zu früh von uns zu gehen… Auch wenn seine Wahl für die meisten von uns schwer nachzuvollziehen ist, so müssen wir seine Entscheidung doch akzeptieren… In unseren Herzen wird George Weasley weiter leben…"

Hermine blendete die weitere Rede aus. Sie mochte nicht, wie der Priester über George redete. Er war zwar ein Zwilling gewesen, aber dennoch eine eigenständige Persönlichkeit. Für ihren Geschmack legte der Priester zuviel Wert auf ein Begräbnis beider Jungen. Und doch, vielleicht war das eine Art ‚zweite Beerdigung', da es damals für Fred keine Anständige gegeben hatte.

Unbewusst drängte sie sich näher an Lucius. Der Tod von George bedrückte sie sehr, aber sie fühlte sich hier deplatziert. Sie sah, dass sich ihre Freunde langsam von ihr abwendeten. War es das wirklich wert? Unauffällig musterte Hermine den Zauberer neben ihr. Natürlich war ihr von Anfang an klar gewesen, dass er ein anderes Leben führte, als sie es gewohnt war. Er bewegte sich in Kreisen, die ihr als Schlammblut eigentlich verwehrt bleiben sollten. Er war von frühester Kindheit darauf gedrillt worden, seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Narcissa hatte gewusst, worauf sie sich eingelassen hatte, doch Hermine fühlte sich, als wäre sie kopfüber in ein Becken voller Eiswasser gestoßen worden. Anfangs reizte sie das Unbekannte, das Machtvolle. Sie wusste, an seiner Seite konnte ihr nichts passieren, aber sie hatte das Ausmaß nicht überblicken können.

Hermine fröstelte leicht. War dieser Mann es wirklich wert, dass sie sich von ihren Freunden entfernte? Sie hatte einen anderen Lucius Malfoy kennen gelernt. Sie wusste, dass er manchmal zurück in sein altes Verhaltensmuster fiel, aber er hatte ihr bisher nichts angetan. Er wollte sie schützen und ihr nicht wehtun. Und auch wenn er ihr manchmal Angst einjagte, so bedurfte es doch nur eines Blicks in seine Augen, um zu wissen, dass ihr Vertrauen in ihn nicht Gefahr lief, erschüttert zu werden. Sie vertraute ihm, und auch jetzt fühlte sie sich komischerweise geborgen. Sie fühlte sich geliebt, verstanden, gehalten, verehrt. Er tat ihr gut.

Konnte etwas, was gut tut, schlecht sein? Hermine wusste es nicht. Die Reaktion ihrer Freunde tat ihr weh. Warum konnten sie nicht akzeptieren, für wen sie sich entschieden hatte?

Lucius spürte ihre Unsicherheit. Er schob sie auf die kalte Verachtung, die ihnen entgegen schlug. Ihm machte diese Stimmung nichts aus, er war darauf vorbereitet gewesen. Außerdem gehörten die anwesenden Hexen und Zauberer nicht zu seinem normalen gesellschaftlichem Umgang. Er umschloss ihre behandschuhte Hand mit seinen Fingern und drückte sie leicht, um ihr zu zeigen, dass er ihr Halt gab. Hermine schreckte aus ihren Tagträumen hoch und spürte Harrys anklagenden Blick auf sich. Trotzig hob sie das Kinn und sah ihm fest in die Augen. Harry wandte sich als erster ab.

Charlie, Bill, Percy und Ron traten, nachdem der Priester seine Predigt beendet hatte, hervor und hoben den Sarg an. Auch wenn sie Magie hätten verwenden können, so war es persönlicher, wenn sie den Sarg ins Innere des Mausoleums trugen, er sollte neben Fred's gestellt werden.

Langsam folgten die Weasleys der Leiche des letzten Zwillings. Auch Hermine wollte sich anschließen, doch Harry trat ihr in den Weg. „Es wäre besser, wenn du nun gehst."

Hermine sah ihn überrascht an. „George ist mein Schwager. Ich habe das gleiche Recht ihn zu verabschieden wie du, Harry."

„Die Familie legt aber keinen Wert auf deine Anwesenheit", spie er leise vor ihr aus und drehte sich um.

Die junge Hexe wurde von Lucius daran gehindert, ihm trotzdem zu folgen. „Bleib, mein Herz", raunte er. „Eine Szene auf einer Beerdigung ist überaus unangebracht."

Hermine sah fast schon verzweifelt zum Mausoleum hoch, wo sich gerade die Türen hinter ihrer alten Familie schlossen…


Begriffe:
- menage a trois Dreiecksbeziehung

Frage:
Mich würde interessieren, welche Fragen bei euch noch offen sind? Ich habe mir hier auf einem DinA2 Blatt zwar „zu klären" hingeschrieben und aufgeschrieben, was noch vorkommen muss, aber ich kenne die Geschichte, und daher ist mir vieles klarer als euch. Was ist euch bislang unklar? Was möchtet ihr vertieft haben? Was wollt ihr näher wissen? Außer dem Spiegel? smile