Heute ein kürzeres Kapitel

Kapitel 42 – Wohlige Vertrautheit

Der Engel der Sehnsucht und der Engel des Mitgefühls brachten uns zusammen
und zeigten uns die Kraft und Schönheit unserer Liebesfähigkeit

Irina Rauthmann

Klopf klopf

Es war in den frühen Morgenstunden als Hermine von diesem leisen Klopfen geweckt wurde.

Sie reckte sich und streckte sich. Langsam schlug sie ein Auge auf und sah in dem, vom ausglimmenden Kamin noch ein wenig erhellten, Raum umher. Ihr Blick fiel auf den blonden Zauberer, der neben ihr lag und sich auf unerklärliche Art und Weise in den seidenen Laken gewühlt hatte. Sie lächelte und beugte sich vor, um ihm sanft einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. Er lächelte im Schlaf.

Klopf klopf

Irritiert hob Hermine den Kopf und schließlich fiel ihr Blick auf das Fenster. Draußen saß eine zerzauste Eule und versuchte sich mühevoll auf dem Fenstersims zu halten und nicht vom Wind weg gepustet zu werden.

Hermine griff Lucius Bademantel, der noch vom Morgen neben dem Bett auf einem Sessel lag und hüllte sich in den kuscheligen Stoff. Er roch noch immer nach dem typisch eigenen Geruch des Magiers, süßlich-herb und unsagbar männlich. Jedes Mal verspürte sie den Drang, ihn anzufallen, so sehr betörte sie dieser Duft.

Hermine schlüpfte in ihre Schuhe und eilte zum Fenster. Die Eule sprang ihr sofort auf den Arm und schüttelte sich. Hermine lachte leise, dann befreite sie das kleine Tierchen von ihrem Brief. „Ich hab hier leider nichts für dich, aber in der Eulerei kannst du dich bestimmt ausruhen und den einen oder anderen Leckerbissen finden. Warte, ich schreibe noch eben eine Antwort, dann kannst du dich ja in der Eulerei stärken und dann zurück fliegen", flüsterte sie. Die Eule schuhute und setzte sich auf ihren Arm.

Ein Blick zu Lucius zeigt ihr, dass dieser nicht aufgewacht war. Sie lächelte und nahm den Brief mit ins Wohnzimmer, um ihn dort auf der Couch zu lesen. Sie zog die Beine an und machte es sich gemütlich, bevor sie das Siegel brach und zu lesen anfing, während die Eule am anderen Ende des Sofas saß und wartete.

Liebe Hermine,
wahrscheinlich wunderst du dich von mir zu lesen, nach allem was gestern auf der Beerdigung passierte.
Ich bin mir bewusst, dass wir nie einen besonders engen Kontakt zueinander hatten, aber das hat nichts damit zu tun, dass ich dich als Mensch nicht schätze. Im Gegenteil, ich war immer der Ansicht, dass du eine besondere Persönlichkeit hast und ich habe dich immer gerne gemocht.
Natürlich war es auch für mich ein Schock euch beide zusammen auf der Beerdigung zusehen, zumal ich nicht mitbekommen hatte, dass es zwischen dir und Ron kriselte. Das war für uns alle ein Schock.
Aber das ist eine Angelegenheit zwischen euch beiden, es steht mir nicht zu dir oder Ron Vorwürfe zu machen und über eure Ehe zu urteilen, darum tue ich es auch nicht.
Auch wenn ich dich nicht verstehen kann, so weiß ich, dass du dich nicht grundlos für diesen Mann entschieden hast. Ich würde dich gerne verstehen, einfach, weil du mir wie eine kleine Schwester ans Herz gewachsen bist.
Auf der Beerdigung habe ich Neville getroffen, der mir von seinen neuesten Forschungen erzählt hat. Wie du weißt studiert er Pflanzenkunde und hat gerade eine unglaubliche Neuentdeckung gemacht: Eine Pflanze, deren Saft ein Wirkstoff enthält, der, eingerieben, eine Schutzhaut gegen Drachenfeuer liefert. Nun will er die Pflanze züchten und seine Forschungen präzisieren. Er hat allerdings keine Ahnung von Drachenfeuer und fragte sowohl Professor Sprout als auch mich um Rat. Wir wollen uns zu dritt morgen in einer Woche, der Samstag an Halloween, treffen. Du weißt ja, dass Hogsmeadewochenende ist, und so haben wir alle genügend Zeit. Minerva hat Neville und mich für die Feier am Abend eingeladen, aber wahrscheinlich werden wir nicht dabei sein.
Hermine, ich weiß, dass du eine sehr kluge Hexe bist und daher hat sich dir wahrscheinlich seit Beginn meines Briefes eine Frage gestellt – ja, Ron hat mit mir gesprochen und mich gefragt, ob ich mit dir reden könnte. Ich möchte dich nicht anlügen, daher sage ich dir das ganz ehrlich. Aber unabhängig von Ron würde ich dich gern wieder sehen und mit dir sprechen. Ich hoffe du glaubst mir das.
Ich erwarte deine Antwort,
Charlie

Hermine rieb sich die Hände, sie waren eiskalt und trotz des Bademantels fror sie. Gerade wollte sie aufstehen, um sich eine Feder zu holen, als ihr von hinten eine Decke über die Schulter gelegt wurde. „Erkälte dich nicht, mein Herz", hörte sie Lucius liebevoll sagen. Sie lächelte ihn an. „Danke."

Er setzte sich zu der Eule und streichelte ihr Gefieder. „Von wem ist der Brief?"

„Von Charlie."

„Charlie Weasley? Was will der denn?"

Hermine lachte. „Ron hat ihn vorgeschickt, um mit mir zu reden."

„Was für ein Hasenfuß", brummte er und gähnte. „Was wirst du jetzt mit deinem Ehemann machen?"

„Ich weiß nicht", sagte Hermine unsicher. „Am liebsten würde ich ihn zur Rede stellen, aber ich weiß nicht, ob das sinnvoll wäre."

„Warte ab, bis er sich beruhigt hat und sich von sich aus bei dir meldet."

Hermine nickte und kuschelte sich wieder an ihn.

Nach einer Weile fragte Lucius: „Und?"

„Was und?"

„Willst du dich mit ihm treffen?"

Hermine drehte sich auf dem Sofa und kuschelte sich an Lucius. „Ja, eigentlich schon."

„Warum?", fragte er.

„Er scheint der Einzige der Weasleys zu sein, der noch bereit ist mit mir zu sprechen."

Lucius begann ihr sanft den Nacken zu massieren. „Ist dir das so wichtig, mein Herz?"

Sie lehnte ihren Kopf nach vorne und genoss seine kreisenden Bewegungen. „Ja, schon irgendwie. Ich habe Charlie immer geschätzt. Alle Weasleys sind irgendwie Brüder und Ginny meine Schwester. Es war, als wäre ich Teil einer riesengroßen Familie."

Er nickte nachdenklich. „Wann will er kommen?"

„Nächsten Samstag. Minerva hat ihn und Neville für das Halloweenfest am Abend eingeladen."

„Neville Longbottom? Der Sohn von Frank und Alice?"

„Ja, hast du da ein Problem mit?"

Er antwortete nicht, so dass Hermine sich umdrehte. „Was?"

„Ich war dabei, als seine Eltern gefoltert wurden."

In Hermines Augen spiegelte sich Entsetzen wieder. „Was? Du hast nicht eingegriffen?"

Lucius schnaubte. „Ich war damals in der Maschinerie Voldemort integriert. Ich habe an seine Ideale und seine Ideologie geglaubt. Natürlich habe ich nicht eingegriffen." Er sah Hermine direkt an. „Verabschiede dich von der Vorstellung, ich sei Opfer meiner Erziehung geworden, Hermine. Auch ich hatte die Wahl, doch ich habe mich für Voldemort entschieden und Schreckliches getan habe. Heute bereue ich es, aber es gehört zu meiner Vergangenheit. Ich kann es nicht leugnen. Heute fiele meine Entscheidung anders aus."

„Aber … du hattest doch gar nicht die Chance etwas anderes zu werden, du-"

„Man hat immer eine Wahl, mein Herz. Ich habe mich geweigert selbstständig zu denken und bin dem bequemen Weg gefolgt, indem ich mich von meiner Familie habe einlullen lassen."

„Luc, du hattest doch keinerlei Vergleichsmöglichkeiten. Selbst wenn du gewollt hättest, du hattest niemanden gehabt, der dich da rausholen konnte."

Er zog sie an sich. „Meister Bazil wollte es…"

„Ja, aber da warst du schon so geprägt, dass-"

Wieder unterbrach er sie. „Lass gut sein, Hermine. Ich muss mit meiner Vergangenheit leben und da gibt es nichts schön zu diskutieren. Komm, schreib Charlie, dass du dich freust ihn zu treffen."

Mit großen Augen sah sie ihn an. „Du hast nichts dagegen, dass ich mich mit ihm treffe?"

Sein Lachen erregte sie, wie nur er es schaffte. „Warum sollte ich etwas dagegen haben, mein Herz? Du hast selbst gesagt, er sei wie ein Bruder für dich." Lucius gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. „Und, Hand auf's Herz, ein Charlie Weasley hat keinerlei Chancen gegen mich", fügte er arrogant hinzu.

Hermine lachte. „Du bist ein unmöglicher Mann, Lucius Malfoy." Eine Handbewegung und eben jener unmögliche Mann reichte ihr eine Feder.

Schnell kritzelte Hermine eine Antwort und verabredete sich mit Charlie auf fünfzehn Uhr am Samstag in einer Woche. Die Eule schuhute und flog aus dem Fenster, welches Lucius noch schnell magisch geöffnet hatte, bevor der kleine Kauz dagegen fliegen konnte.

„Was hältst du davon, wenn wir Tee bestellen und im Bett frühstücken?", fragte Lucius.

Hermine grinste. „Sehr viel, aber vorher…"

Der Weg zurück zum Bett war innerhalb von wenigen Sekunden zurückgelegt worden…….

Später lag Lucius auf dem Rücken und hatte Hermine an sich gezogen. Sanft streichelte er sie und spielte mit einer Haarsträhne. „Wir sind heute Abend auf eine Gesellschaft eingeladen, mein Herz."

Hermine hob den Kopf. „Wohin?"

„Ein entfernter Verwandter von mir gib eine Gesellschaft anlässlich seines 100. Geburtstages. Alle wichtigen Leute werden da sein."

Hermine wurde nervös. „Aber… dafür bin ich nicht bereit. Das schaff ich nicht."

„Du bist bereit, mein Herz. Vertrau mir."

Hermine nickte. „Luc?"

„Ja, mein Herz?"

„Als du mich vor Rosier als deine Frau vorgestellt hast … Ich hab mich da ein wenig übergangen gefühlt. Ich … also, irgendwie … es geht mir ein wenig zu schnell."

Er seufzte und zog sie noch enger an sich. Dann legte er sie so, dass er ihr in die Augen sehen konnte. „Es tut mir leid, mein Herz. Es erschien mir in dem Moment als einzig richtige Lösung."

„Wofür?"

„Rosier gehörte zu den engsten Vertrauten Voldemorts. Er wurde nicht gefasst, genauso wie unzählige andere Todesser. Sie alle laufen frei herum und warten darauf, dass sich einer von ihnen zum neuen Dunklen Lord erhebt, um sie wieder zu leiten und ihnen ihren Lebenssinn wieder zu geben. Ich habe mich während der dunklen Zeit viele Feinde gemacht. Die meisten neideten mir die Stelle als Ersten Todesser. Ich habe einfach Angst um dich, Liebste. Dich als meine Frau vorzustellen gewährt dir einen gewissen Schutz, denn die meisten haben Angst, sich meinen Unmut zuzuziehen. Wenn klar ist, dass du unter meinen Schutz stehst, dann werden sie es sich mehrfach überlegen dich anzugreifen. Gerade als Potters Freundin stehst du auf ihrer Liste ganz oben." Er drückte sie an sich. „Ich will dich doch nur schützen. Du bist mein Leben." Wieder küsste er sie und diesmal erwiderte Hermine den Kuss mit dem Bewusstsein, dass Lucius ein sehr mächtiger Beschützer sein konnte…


Anmerkung:

Ich möchte gern noch einen Auszug aus einer Antwort auf eine Review zitieren. Vielleicht versteht der eine oder andere Lucius dann etwas besser

LM sagt zu HG "...denk nicht an die Menschen, die versuchen dich zu verändern..."
HAHA Du kennst meine Meinung zu LM. Ich glaube, der dürfte mir nicht über den Weg laufen.

Primär betrachtet hast du Recht, da klingt dieser Satz für den Leser wie blanker Hohn. Aber wenn du tiefer blickst, dann macht der Satz schon Sinn. Harry, Ron und Ginny können Luc nicht akzeptieren, sie sagen noch nicht einmal ‚entweder er oder wir', sie nehmen Hermine die Entscheidung komplett aus der Hand, indem sie sich von sich aus abwenden. Sie versuchen Hermine also massiv zu verändern, unabhängig von dem, was sie will.
Lucius verändert sie natürlich auch (hat er ja auch zu gegeben), aber er lässt ihr eine Wahl. Entweder, sie geht den Weg mit ihm oder ihre Wege trennen sich. Näher betrachtet ist das natürlich auch ziemlich fies g, aber in seinem Weltbild denkt er halt: 'Sie hat die Wahl, sie kann jederzeit aussteigen'. Das heißt, jede Veränderung an und mit ihr geschieht mit Hermines Zustimmung, ansonsten würde sie sagen "ich steige aus". Und wenn es mit ihrer Zustimmung passiert, ist sie einverstanden.
Genauso wie z.B. jeder von uns würde sagen: "Hey, ich liebe Hermine. Harry, Ron und Ginny haben ein Problem mit mir, also suche ich das Gespräch mit ihnen und versuche sie von mir zu überzeugen, damit Hermine nicht unter dem Verlust der Freunde leidet." Lucius dagegen hat ein komplett anderes Denken. Er glaubt, dass Harry, Ron und Ginny ihn niemals akzeptieren werden, also unterstützt er Hermine jetzt in der Loslösung von ihren Freunden, damit sie das Ende der Freundschaft möglichst schnell und möglichst schmerzarm überwinden kann und es nicht mehr jedes Mal wehtun wird, wenn sie einen der dreien trifft.
Das ist keine böser Absicht oder um Hermine zu schaden, er glaubt dass das der richtige Weg ist, nur ist niemand da, ihm einen anderen Weg aufzuzeigen, denn in Wirklichkeit ist er alleine. Der einzige Mensch, den er hat, ist Hermine….

Ein Kleiner Exkurs in Lucius' Gedanken:)

Danke:
- sepsis : danke fürs Revwink :-)