Kapitel
44 – Willkommen zurück, Euer Gnaden
Aber die
Gesellschaft, die Gesellschaft!
Wie verhärtet
sie das Herz, wie frivol macht sie den Geist!
Wie macht sie uns nur
dafür leben, was man von uns sagen wird!
Anne Louise Germaine de
Staël,
Die Gesellschaft begann um 21 Uhr am Abend. Bereits um 21.30 Uhr drängelten sich die Damen und Herren der Gesellschaft in dem großen Ballsaal des Baron of Rever's und seiner Gattin, der ehrenwerten Baroness of Rever.
Der Gastgeber hatte seinen 100. Geburtstag zum Anlass genommen ein rauschendes Fest zu feiern, und stand noch immer neben den großen Flügeltüren, die den Zugang zu dem riesigen Saal boten.
Alles was Rang und Namen hatte war versammelt. Niemand wollte es verpassen, wenn der legendäre Schwarze Fürst die Rückkehr in den Schoß des magischen Hochadels vollzog.
Lucius Malfoy hatte viele Namen. Vom Blonden Engel, über eben jenen Schwarzen Fürst oder Prinz der Nacht, bis hin zu Vater Tod. Die eine oder andere Dame nannte ihn allerdings auch „Geliebter der Sünde", doch das geschah nur im Verborgenen. Offen hatte sie eine Lady nie zu einer Affäre mit dem Blonden Toxikum bekannt.
Seitdem sein Erscheinen bekannt geworden war, waren die Zusagen zu dieser Festlichkeit in die Höhe geschnellt. Niemand wollte sich den Augenblick entgehen lassen, indem diese Legende erneut auf die Gesellschaft stieß.
Um 21.59 Uhr war es schließlich so weit. Der Zeremonienmeister klopfte mit seinem Stock drei Mal laut auf den Boden und kündigte den Skandalumwobenen Schwarzen Fürst an. „Wehrte Lords, wehrte Lady, der Ehrenwehrte Lucius Malfoy, Duke of Wiltshire, und die Ehrenwerte", für einen Moment stutzte er, als er den Namen auf der Karte las. Diese Vorstellung war absolut unbrittisch. Dennoch verkündete er dann, ohne eine Miene zu verziehen: „Lady Hermine."
Im Saal war es mit einem Schlage ruhig geworden. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Sämtliche Augenpaare sahen zu den großen Flügeltüren. Es schien, als hätte jeder im Raum en Atem angehalten, denn, als Lucius und Hermine im Türrahmen erschienen, stießen sämtliche Anwesenden den Atem mit einem Mal aus.
Hermines Arm lag in Lucius' Ellenbeuge, beschützend hatte er seine Hand über ihre gelegt. Auf der Schwelle blieben sie stehen. Fünf, sechs, vielleicht auch zehn Sekunden war der Saal wie erstarrt. Die beiden Neuankömmlinge fühlten den Blick von jedem aus sich. Hermines Lächeln wirkte ein wenig steif, das von Lucius dagegen gelassen. Er war wieder zurück auf dem Parkett, wo Köpfe rollten. Doch er dachte nicht daran, selbst sein Haupt hergeben zu müssen. Er gedachte, die Fäden im Hintergrund zu ziehen und zu entscheiden, wer gehen musste und wer bleiben durfte.
Kühl blickte er von der einen Seite zur anderen, nur um seinen Blick darauf zu Hermine schweifen zu lassen und ich aufmunternd zuzulächeln. Sie verstanden sich ohne Worte. Lucius gab die Richtung vor, Hermine folgte.
Die lange Treppe meisterten sie beide in vollendeter Anmut. Kein Stolpern, kein Fallen. Hermine seufzte erleichtert. Davor hatte sie am meisten Angst gehabt.
Am Fuße der Treppe wartete ein Lakai mit einem Tablett. Er bot den neuen Gästen ein Glas mit Champagner an. Lucius ergriff eins, dann nahm Hermine ein weiteres.
„Lucius, wie schön, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind."
Der Angesprochene drehte sich um. „Henry, meinen ergebensten Dank für Ihre Einladung." Das Lächeln, das seine Lippen umspielte, war genauso falsch wie das des Gastgebers. „Die Freude, mich wieder in Ihrem Kreise bewegen zu dürfen steigt ins Unermessliche, wenn Sie auch meine Frau auf dieser Gesellschaft willkommen heißen."
Hermine trat einen Schritt auf die Gastgeber zu und wollte gerade einen tiefen Knicks machen (sie hatte ihn vor dem Spiegel in Hogwarts geübt), als Lucius sie zurück hielt. „Nicht, mein Herz. Du bist ranghöher."
„Lucius, ich bin ein Schlammblut."
Ein diabolisches Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Aber das wissen sie doch nicht."
„Lady Hermine, gestatten Sie mir die Freude, Ihnen als erstes zu sagen, wie erfreut wir alle sind, Sie auf unserer Gesellschaft begrüßen zu dürfen." Die Baroness ergriff ihre Hände. „Bitte nennen Sie mich Penelopè. Ich bin zuversichtlich, dass wir gute Freundinnen sein werden. Bitte, lassen Sie mich Ihnen ein paar weitere einflussreiche Frauen vorstellen."
Die Baroness wollte Hermine mit sich ziehen, doch Lucius legte ihr seine Hand auf die Schulter. „Liebste Penelopè, Sie sind doch eine schöne (Hermine bekam insgeheim einen Lachanfall ob dieser Übertreibung) und intelligente Frau. Sie wissen mit Sicherheit, dass ich Hermine an diesem überaus wichtigen Abend, dank Ihrer Gesellschaft, nur ungern aus den Augen lasse." Er blickte zum Baron. „Sie wissen, Henry, schöne Frauen sollte man nie aus den Augen lassen." Dann glitt sein Blick zu Hermine und sein Gesicht nahm einen verliebten Ausdruck an. Ein jeder im Saal konnte seine Zuneigung sehen. Ebenso das raubtierhafte Lächeln, als sich Lucius erneut zum Baron umdrehte. „Alles Gute zu Ihrem einhundertsten Geburtstag, lieber Henry."
Hermine konnte sich die vielen Namen nicht merken. Ein Zauberer glich dem nächsten. Eine Hexe sah einer anderen ähnlich. „Lady Blackwood", wurde ihr vorgestellt. Oder war es die Duchess of Klingsey? Lord Dashlike machte einen formvollendeten Diener vor ihr. Oder hieß er Lord Mashwistle? Ihr tat der Kopf weh, was mit Sicherheit auch von der stickigen Luft kam. Sie riskierte einen Seitenblick zu ihrem gut aussehenden Begleiter. Lucius schien das alles nichts auszumachen. Er lächelte, nickte, verbeugte sich. Der einen Lady küsste er die Hand, der anderen machte er ein charmantes Kompliment. Er war zu Hause angekommen. Dies war seine Welt…
Sie fühlte die vielen Blicke auf sich. Die meisten waren neugierig, doch es gab auch feindselige. Verstohlen sah sie sich um. Wahrscheinlich waren hier mehr ehemalige Todesser vorhanden, als sie ursprünglich vermutet hatte. Lucius war mittlerweile von einem großen Kreis umringt und machte einen charmanten Witz, worüber die Gattin des derzeit amtierenden Zaubereiministers herzhaft lachte. Sie flirtete ungeniert mit dem blonden Teufel, doch dieser ging nur bedingt darauf ein. Es war gerade intensiv genug, um nicht als unhöflich empfunden und nicht extrem genug, um als schamlos zu gelten.
Lucius sah aus den Augenwinkeln, wie sich Hermine sichtlich unwohl fühlte. Er legte ihr mit einer elegant anmutenden Geste den Arm um die Hüfte und zog sie nah an sich heran. „Du machst das wundervoll, mein Herz", raunte er ihr mit verführerischer Stimme ins Ohr. „Ich bin stolz, die schönste und eleganteste Frau des Abends an meiner Seite haben zu dürfen."
„Alter Charmeur", lachte sie.
„Nein, mein Herz, nur verliebt." Seine ganze Zuneigung spiegelte sich in seiner Haltung wieder. Jedem Anwesenden raubte die Intensität dieses Blicks den Atem. Die Luft zwischen diesem Paar schien zu knistern und zu vibrieren. Niemand zweifelte daran, dass sie sich nicht nahe standen.
Er lächelte sie an, neigte sich zu ihr hinab und hauchte ihr einen Kuss auf die Schläfe. „Wir bleiben nicht allzu lange. Lange halte ich es nicht mehr aus, zu sehr sehne ich mich danach, von deinen schlanken Beinen umklammert zu werden, während mich du mich nass und willig empfängt und-"
Sie unterbrach ihn mit einem leichten Schlag auf den Oberarm. „Luc, sei in Merlins Namen still." Hermine lief rot an. Doch er brach in schallendes Gelächter aus.
Wieder hatten sie die Aufmerksamkeit der umstehenden, und Lucius betrieb gekonnt Konversation.
Hermine suchte ein paar Minuten später wieder seine Aufmerksamkeit. „Ich werde für eine kleine Weile auf den Balkon gehen. Es ist mir zu heiß und zu stickig hier drin", wisperte sie ihm zu.
Besorgt war Lucius ihr einen Blick zu. „Soll ich mitkommen?"
„Nein, nein, bleib du ruhig hier. Ich bin in ein paar Augenblicken wieder da." Sie lächelte ihm zu, löste sich von ihm und ging, mit einem eingefrorenem Lächeln auf den Lippen, auf die Balkontüren zu.
Draußen atmete Hermine tief ein und genoss die frische Nachtluft. Ihr Blick schweifte über den erleuchteten Garten, und sie beschloss, sich ein wenig die Füße zu vertreten.
Auf dem Rückweg, es trennte sie nur noch eine große Statue von der Terrasse, hörte sie die Stimmen zweier Frauen, die sich angeregt unterhielten. „…Blick war einfach skandalös. Was will er nur von dieser Frau?", war eine helle Stimme zu hören.
Die zweite, tiefere, Stimme antwortete auch umgehend. „Sie ist die Freundin des Potterjungen. Vielleicht versucht er auf diesem Wege seine Vergangenheit auszuradieren?"
„Hast du gesehen, wie verboten gut er aussieht? Er scheint wirklich nichts von seiner Jugend eingebüsst zu haben. So unglaublich attraktiv und dieses betörende Lächeln… Wäre ich nur zehn Jahre jünger…"
„Ja, er sieht noch besser aus als vor drei Jahren. Daher verstehe ich einfach nicht, was er von diesem Mauerblümchen will. Wobei ich zugeben muss, dass sie einen wirklich eleganten Kleidergeschmack besitzt. Dieses lange, figurbetonte dunkelgrüne Kleid mit den langen weißen Handschuhen sieht wirklich umwerfend aus."
Die zweite Frau lachte meckernd. „Glaubst du wirklich, dass sie diesen Geschmack besitzt? Wahrscheinlich hat er ihr das Kleid ausgesucht, um sich nicht vollkommen vor uns zu blamieren. Ich frage mich wirklich, was er an ihr findet. Er kann so viel schönere, bessere und vor allem reinblütigere Frauen haben."
„Ja, Meredith, stell dir vor, sie soll ein Schlammblut sein."
„Nein." Die Frau namens Meredith schien wirklich schockiert. „Jane, das kann nicht stimmen. So tief würde der Schwarze Fürst nicht sinken. Das glaube ich nicht."
Hermine lehnte sich zitternd an die Statue. Sie war leichenblass und verspürte den Wunsch nur noch nach Hogwarts zurückzukehren. Die Worte der beiden Frauen hatten sie tief verletzt, und sie wusste, egal wie sehr sie sich anstrengte, sie würde nie als ihresgleichen akzeptiert werden.
Die junge Hexe blickte sich durch einen Tränenschleier um und sah in ein paar Metern Abstand eine Bank stehen. Sie taumelte auf diese hinzu und schluchzte hemmungslos.
Im Nachhinein konnte Hermine nicht sagen, wie lange sie draußen gesessen hatte. Sie zitterte vor Kälte, ihre Augen waren verquollen und das Make-up wohl verlaufen.
„Machen Sie sich nichts aus diesem Geschwätz dummer Frauen", ertönte eine Stimme aus der Dunkelheit.
Rasch zog die junge Frau ihren Zauberstab aus ihrem Ridikül und sprach sowohl einen Reinigungszauber, als auch einen Abschwellzauber.
„Sie sehen bezaubernd aus, meine Liebe." Die Gestalt löste sich von der Statue und trat langsam auf sie hinzu.
Hermine keuchte auf, als sie Orion Rosier erkannte. Schnell hob sie ihren Zauberstab. „Bleiben sie von mir fern." Ihre Stimme zitterte.
„Keine Sorge, Mrs. Malfoy. Die Warnung ihres Mannes ist mir gut im Gedächtnis geblieben. Sie brauche keine Angst zu haben, dass ich ihn verärgern werde. Ich weiß wozu er fähig ist." Rosier bot ihr den Arm. „Darf ich Sie zurück in den Saal führen?"
Hermine nickte und stand auf.
Lucius war von einer inneren Unruhe erfüllt. Hermine war schon zu lange unterwegs. Sie wollte auf den Balkon, doch als er nachgesehen hatte, hatte er sie nicht entdecken können. Er sah sich im Saal umher, konnte seine junge Hexe aber nirgends entdecken. Als sein Blick zufällig wieder zur Balkontür glitt, sah er sie am Arm von Orion Rosier eintreten. Sie sah zwar makellos aus, aber dennoch konnte er sehen, dass etwas vorgefallen sein musste. Rosier hatte es doch nicht gewagt sie zu beleidigen oder gar einzuschüchtern?
Im Geiste bereits eine mögliche Rache vorbereitend ging er mit zügigen Schritten auf Hermine zu. „Ich hab mir schon Sorgen gemacht, Liebste", raunte er ihr zu. Dann sah er forschend Rosier an. „Orion?" Die Männer nickten sich zu.
„Ich habe die kleine Lady völlig aufgelöst im Garten gefunden, Lucius." Orion drehte sich noch einmal verbeugend um und ging ins angrenzende Kartenzimmer.
Sofort zog Lucius Hermine in eine innige Umarmung. „Was ist passiert, mein Herz?"
Sie schluckte. „Bring mich von hier fort, Luc. Bitte."
Er nickte. „Natürlich, wir müssen uns nur von Henry verabschieden."
Keine fünf Minuten später standen sie bereits in der Halle. Henry täuschte Verständnis für Hermines angebliche Kopfschmerzen vor. „Aber natürlich, meine Liebe. Es ist Ihre erste Gesellschaft gewesen. Mit der Zeit werden sie sich daran gewöhnen. Ich danke Ihnen, dass Sie überhaupt gekommen sind."
Auch jetzt nickten sich die Männer respektvoll zu. Dann traten Lucius und Hermine auf den Apparierpunkt. Er umschlang sie mit seinen Armen und eine Sekunde später tauchte das Tor Hogwarts vor ihnen auf.
Engumschlungen eilten sie über die Ländereien bis zu seinen Räumlichkeiten. Lucius zog sie sofort aufs Sofa. „Was ist denn passiert, Liebling?" Er strich ihr eine Haarsträhne, die sich aus ihrem eleganten Knoten gelöst hatte, aus dem Gesicht und küsste sie sanft auf die Stirn. Dann zog er sie eng an sich heran und wiegte sie langsam hin und her.
Hermine erzählte ihm von der Begegnung mit den beiden Frauen und wie sehr sie die Worte verletzt hatten.
Als sie geendet hatte umfasste Lucius ihr Gesicht und hob es an, so dass er ihr in die Augen sehen konnte. „Versuch dieses Geschwätz zu vergessen. Es interessiert mich nicht. Ich liebe dich."
Hermine schlang die Arme um ihn und zog ihn an sich. Hungrig fanden sich ihre Lippen und sie begannen sich wild und leidenschaftlich zu küssen.
Seine Hand fuhr unter ihr Kleid, während sie ihm ungeduldig das dunkle Hemd aufriss. Knöpfe fielen zu Boden, doch es interessierte sie nicht. Es zählte der nur Augenblick und ihre Liebe zueinander….
Begriffe:
-
Toxikum: Gift
-
Ridikül: kleine Handtasche mit langen Trägern gegen Ende
des 19. Jahrhunderts
