Kapitel 45 – Morscordis

Das Gewissen ist die Stimme der Seele. Die Leidenschaften sind die Stimmen des Körpers
Jean Jacques Rousseau

Rückblickanfang, 1974

Er klopfte an der Tür, die zu den Privatgemächern des jungen Lucius Malfoy. Doch der Besucher erhielt keine Antwort. Erneut klopfte er, diesmal ungeduldiger und kraftvoller. „Luc?", rief eine Dinge Stimme leiser. „Mach die Tür auf."

Ein paar Sekunden später sprang selbige tatsächlich auf und der alte Mann humpelte ins Wohnzimmer. Suchend sah er sich um, nur um den blonden jungen Mann vor einem beeindruckend großen Spiegel stehen zu sehen, wo er sich nachdenklich eine seiner langen platinblonden Haarsträhnen hinters Ohr schob.

„Vielleicht sollte ich die Haare heute lieber zusammenbinden. In Anbetracht der Tatsache, dass ich heute Nacht nicht alleine zu schlafen gedenke, wäre es vielleicht von Vorteil, sich bei einer gewissen körperlichen Betätigung nicht andauernd die Haare zurückstreichen zu müssen. Andererseits sagt mir meine Erfahrung, dass die Frauen es sexy finden wenn mir die Haare ins Gesicht fallen, während ich ihnen gerade den phantastischsten Fick ihres Lebens beschere." Unverhohlene Arroganz sprach aus seinen Augen, als er sich abschätzend im Spiegel betrachtete. „Wahrscheinlich ist diese Frage sekundär. Ich sehe in jeder Lebenslage gut aus."

Abschließend lächelte er charmant dem Spiegel zu und drehte sich zu seinem Besucher um. „Meister Bazil, wie schön, Sie zu sehen." Mit einer ausschweifenden Handbewegung lud er seinen Gast ein auf dem Sofa Platz zu nehmen. „Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten? Oder doch lieber ein Glas Whiskey?"

Bazil Ardwhall warf seinem Schützling einen bitterbösen Blick zu, als er sich in den angebotenen Sessel fallen ließ. „Irgendwann wird dir deine Arroganz noch einmal den Hals brechen, mein Junge."

Besagter Junge lächelte selbstsicher. „Aber dann bitte erst, nachdem ich die wunderschönen Sorya nachts bei mir hatte. Ein lupenreiner Diamant, geradezu dafür geschaffen, von mir geschliffen zu werden", geriet er ins Schwärmen.

Meister Bazil schloss die Augen und atmete tief durch. „Ich muss mit dir reden, Junge… Würdest du bitte deine Gedanken von weiblichen Kurven und nächtlichen Vergnügungen zurück ins ernsthafte Leben lenken?"

Sofort verschwand das Lächeln aus dem aristokratisch geschwungenen, schönen Gesicht des Jüngeren. „Was kann ich für Sie tun, Meister?"

„Komm mit mir, mein Junge. Ich werde auf den Kontinent gehen."

Lucius schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht, und das wissen Sie. Morgen ist es soweit."

„Genau das macht mir Angst, Junge. Ich bin selbst Teil dieser gigantischen Maschinerie gewesen. Ich selbst bin Mitglied in seiner Organisation." Bazil schob seinen linken Arm hoch und hielt seinem Schüler den Arm hin. Das Todessermal leuchtete blutrot. „Ich komme gerade von einem Treffen. Die letzten Vorbereitungen für deine Aufnahme. Junge, das ist kein Zuckerschlecken. Das wirst du nicht mit deinem charmanten Lächeln hinter dich bringen. Tom Riddle bedeutet dein Untergang." Er hatte sich in Rage geredet, so dass er jetzt schwer keuchend in seinem Sessel hing.

Lucius ließ seinen Blick über den geschundenen Körper seines Gegenübers gleiten. „Wir hatten diese Diskussion bereits, Meister. Ich habe keine Wahl, selbst wenn ich wollte. Alea iacta est, wie die Lateiner sagen."

Bazil warf ihm einen gequälten Blick zu. „Man hat immer eine Wahl, Junge. Entweder man tut etwas, oder man lässt es. Entweder man geht an einer Kreuzung links oder rechts. Entweder man lebt oder man stirbt. Ich weiß, dass bei dir noch nicht alles verloren ist. Du bist über Shiva in diesem Sog drin. Du hast nie etwas anderes kennen gelernt. Ich kann dir die Welt zeigen, Luc. Begleite mich und lerne die Schönheiten kennen."

Ein kalter Ausdruck legte sich in Lucius Augen. „Sie meinen, ich soll auf das hier", er zeigte kurz im Raum umher, „verzichten. Ich soll die Aussicht auf Reichtum, Macht und Ansehen ausschlagen, nur weil Sie es sich plötzlich anders überlegt haben? Sie vergessen, Bazil, das meine Großmutter die mächtigste Frau an der Seite des Dunklen Lords ist. Seine Schwarze Dame. Die Frau, die Dumbledore nicht kennt. Der Gegenpart zu McGonagall. Nichts wird den Lord aufhalten können, Bazil. Und irgendwann wird meine Großmutter zu alt sein. Sie ist 131 Jahre alt. Irgendwann wird sie zurücktreten und dann werde ich zur Stelle sein und ihren Platz einnehmen. Seit jener schicksalhaften Begegnung zwischen dem Jungen Tom Riddle und der Frau Shiva Malfoy sind unsere Schicksale zwangsläufig aneinander gekettet. Ich kann hier nicht fort. Es ist meine Bestimmung meine Position auf dem Schachbrett der Zaubereigesellschaft einzunehmen. Morgen werde ich ein Bauer, doch schon mal werde ich der Ersten Garde unseres Lords angehören. Und dann, Bazil, wird jeder mit Ehrfurcht den Namen Malfoy erwähnen. Die Malfoys werden die englischen Medicis sein."

Ein loderndes Feuer brannte in seinen Augen, als er nach dieser leidenschaftlichen Rede den anderen Mann anblickte. „Sie mögen mein Pate sein. Und Sie waren mein Meister, Bazil. Sie haben mich gelehrt, mich auf dem Parkett der Gesellschaft bewegen zu können. Von Ihnen lernte ich es, Intrigen zu spinnen und dem Fall in eine Schlangengrube zu entgehen. Sie brachten mir die Dunklen Künste näher und ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich die Lust am Spiel mit der Psyche gelehrt haben. Das allein, nur aus diesem Grund, werde ich unsere Gespräche bezüglich Ihrer Flucht vergessen und Ihnen eine Chance geben, sich wie ein feiger Hund aus dem Staub zu machen."

Meister Bazil sah ihn mit unendlicher Trauer an. „Vielleicht wirst du irgendwann einmal lernen, dass es weitaus mehr Mut bedeutet, sich einen Fehler einzugestehen und zu flüchten, wie du es sagst, als die Augen zu verschließen und blindlings einer Sehnsucht zu folgen, von der man ahnt, dass sie tödlich enden wird."

„Sie sind ein alter Mann, Bazil. Seien Sie sich meines Danks gewiss. Gehen Sie. Flüchten Sie in eine Traumwelt ohne den Dunklen Lord. Aber glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass man ihm nicht entfliehen kann. Heute werde ich Sie unbehelligt ziehen lassen. Wenn wir uns das nächste Mal gegenüber stehen, dann als Feinde."

Lange sah ihn der ältere Mann an. Sein Blick war nachdenklich, frei von jeder Trauer. Schließlich nickte er. „Ich danke dir, Lucius. Dann werden wir uns heute das letzte Mal sehen. Ich gedenke nicht zum Kanonenfutter Tom Riddles zu werden."

Sein Blick fiel zu dem Spiegel, indem sich sein Schützling vorher ausgiebig betrachtet hatte. „Ich werde dir zum Abschluss deiner Lehre ein Geschenk machen, dass dich letztendlich davor bewahren soll, dich selbst zu verlieren." Mit überraschender Vitalität stand er auf und ging zu dem imposanten Spiegel. Geradezu liebevoll ließ er seine Hand über das kalte Glas wandern. Zuerst waren es unkontrollierte, kreisförmige Bewegungen, doch schnell entstand ein Muster. Es sah aus, als male Meister Bazil unbekannte Zeichen in einer fremdartig geschriebenen Sprach auf die kalte Oberfläche.

Schließlich legte er seine Handfläche auf einen Punkt oberhalb der Mitte auf den Spiegel, die andere Hand eine Elle darunter. Er begann mit der oberen Hand einen Kreis zu malen, während er die untere Hand genauso langsam nach oben schob, so dass eine Senkrechte den Kreis halbierte. Dabei murmelte er unablässig Worte in einer fremdklingenden Sprache, die Lucius nicht verstand. Als sich seine Hände wieder berührten, zog er die Handflächen von dem Spiegel ab.

„Ein weises Wesen, innig und zart, ein jeder von uns in seiner Brust hat". Bazil trat drei Schritte zurück, die Handflächen aufeinander gepresst vor seiner Brust.

„Ein gutes Wesen, klug und mächtig, ein jeder von uns an seiner Seite braucht." Er führte seine Hände langsam nach unten und hielt sie so neben seinem Körper, als trüge er zwei Krüge Wasser.

„Ein liebendes Wesen, rein und unverbraucht, ein jeder von uns versteht." Nun ließ er seine Hände an seinem Körper entlang gleiten und streckte sie zum Spiegel aus. Eine Feuerspur, so schien es, begann sich langsam dort in den Spiegel zu fressen, wo der mächtige Zauberer vorher seine Spur gezogen hatte.

Als das Zeichen auf dem Spiegel brannte, schob Bazil seine Handflächen übereinander und krümmte sie, so als würde er Wasser schöpfen wollen. Das Feuer verblasste im Spiegel und begann in seiner Hand neu aufzulodern. Sobald dieser Vorgang beendet war drehte sich der Mann zu Lucius um. „Dieses Wesen, sei dir auf immer und ewig ein Freund." Mit diesen Worten ‚schleuderte' er das Feuer auf den blonden Jungen zu, der zu überrascht war, um sich zu wehren. Das Feuer brannte sich in den Körper des Jungens ein. Und als er komplett in Flammen zu stehen schien, bildete sich in dem Spiegel langsam ein Bild von Lucius Malfoy. Der Junge brach schließlich keuchend zusammen.

Meister Bazil kniete sich neben ihn. „Ich vermag nicht länger an deiner Seite weilen und dich schützen, Junge, doch der Spiegel soll dir ein Gefährte werden. Er ist ein Teil deines Selbst und soll dich immer wieder auf den richtigen, den friedvollen, den weißen Weg zurückführen. Mehr kann ich nicht mehr für dich tun. Pass auf dich auf mein Junge." Mit diesen Worten verschwand Bazil Ardwhall aus dem Leben von Lucius Malfoy…

Zeitsprung, 27 Jahre später

Obwohl es noch Sommer war brannte der Kamin in der Wohnung von Lucius Malfoy. Sein Hauself hatte ihm zuvor das Feuer entzündet und war nun vor seinem Herrn, der wieder einmal furchtbarer Laune war, geflohen.

Seine Vergangenheit ließ ihn nicht los. Immer und immer wieder traten Bilder vor sein Augen, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließen.

Lucius wischte mit der Hand energisch durch die Luft, ganz so, als könne er damit seine Gedanken wegwischen.

„Genug", sprach er zu sich selbst und starrte erbost in die Flammen.

„Wer im Licht der Gegenwart lebt, braucht sich um die Schatten seiner Vergangenheit keine Sorgen zu machen", war eine gut bekannte Stimme zu hören.[Anm.: Ernst Festl

„Würdest du mich bitte mit deinen altklugen Ratschlägen verschonen?", fauchte er genervt.

Das Portrait im Spiegel verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Warum sollte ich das tun, mein Engel?"

Lucius rollte genervt mit den Augen. „Weil du mich auf die Nerven fällst. Ich wäre dir verbunden, wenn du dich in Zukunft auf deine ursprüngliche Rolle besinnen und Ekel erregend nett sein könntest. Dazu zähle ich im Übrigen auch, dass du dich an meine Anweisungen hältst."

Für einen Moment starrte der Mann im Portrait den Mann, der davor stand, verblüfft an und brach dann in schallendes Gelächter aus.

„Wenn du dich irgendwann einmal beruhigen könntest…"

„Zukunft… ursprüngliche Rolle… Ekel erregend nett", jappste das Spiegelportrait.

Lucius setzte sich in einen Sessel und trommelte genervt mit den Fingern auf die Lehne. „Was hat sich Bazil nur dabei gedacht, dich mir zu schenken", murrte er.

Der Spiegel wurde ruhiger, bevor er gelassen antwortete. „Er wollte jemanden, der dir die Schönheit der weißen Magie vor Augen hält. Und ich hab in all den Jahren doch gute Arbeit geleistet, nicht wahr, mein Engel?"

„Allerdings", knurrte Lucius. „Noch ein Wort mehr über Dumbledore und ich hätte dir den Hals umgedreht."

Wieder lachte der Spiegel. „Nun, mein Engel, Zeiten ändern sich. Dumbledore war nichts weiter als ein alter Narr, der geglaubt hatte, die Welt ändernd zu können und den Lauf der Geschichte aufhalten zu können."

„Immerhin hat dieser alte Narr erfolgreich das Geheimnis Voldemorts lüften können, nicht wahr? Wer wäre schon auf die Idee gekommen, seine Seele zu spalten."

„Einfach, aber zugegeben genial", sinnierte der Spiegel. „Wobei wir wieder bei DEM Thema angelangt wären. Bist du immer noch davon überzeugt deinen brillanten Verstand und deine Begabungen der guten Seite zur Verfügung zu stellen?"

„Mehr denn je. Was beschwerst du dich? Ist es nicht all die Jahre genau das, was du mir immer und immer wieder vorgeschlagen hast?"

„Zeiten ändern sich, mein Engel."

„Definitiv."

„Was bringt dich eigentlich zu dieser unglaublich dreisten Annahme, die weiße Seite könnte dir das geben, wonach du begehrst? Hast du es nicht unter dem Dunklen Lord zu viel gebracht? Ehre, Rum, Reichtum, Macht?"

„Tod, Hass, Schrecken, Angst", zählte Lucius dagegen.

„Ein geringer Preis für die angenehmen Freuden des Lebens, mein Engel." Das Portrait machte eine wegwischende Handbewegung. „Liebe ist vergänglich. Vielleicht kannst du Frauen im ersten Moment bieten, was sie suchen. Faszination, Einfluss, einen Platz in der Gesellschaft, Wohlstand… Doch reicht das aus, mein Engel? Hat dich die Frau nicht hintergangen, irgendwann, weil du sie zwar versorgen kannst, tiefergehend aber nicht dazu fähig bist, ihr dein Herz zu schenken?"

Lucius war bei diesen Worten aufgesprungen. Jeder einzelne Buchstabe schien sich wie ein Messerstich in sein Herz zu bohren. „Ruhe", donnerte er erbost. „Ich will davon nichts hören."

„Unsere Schicksäle sind miteinander verwoben, mein Freund. Bazil hat dafür gesorgt, dass du nicht mehr ohne mich sein wirst."

„Irgendwann, werde ich dich los sein. Und dieser Tag wird der glücklichste in meinem Leben sein."

„Und solange feilst du an deinem Ruf des reuevollen Verlierers?", spöttelte der Spiegel.

„Ich bin ein guter Mensch", fauchte Lucius. „Tief in mir ist etwas Gutes und das werde ich hervorholen. Koste es was es wolle."

„Würdest du wirklich alles dafür zahlen?" Die Stimme des Spiegels hatte etwas Lauerndes an sich. „Ich könnte dir helfen, mein Engel."

Lucius horchte auf. „Du bist lediglich ein Portrait."

„Ich bin deine gute Seite, dein Gewissen, natürlich kann ich dir helfen."

„Das warst du einmal…"

„Auch in mir steckt etwas Gutes, mein Engel. Und wenn es nur die Absicht war, die mich hat entstehen lassen. Ich kann dir helfen, doch der Preis ist hoch. Du wirst mir etwas geben müssen, ein Teil von dir und du wirst von mir jegliche Unterstützung bekommen…"

„Was willst du?" In Lucius regte sich eine unbekannte Hoffnung.

„Ich will ein Teil deiner Seele, mein Engel… Sie macht mich lebendig. Gib sie mir…"

„Welchen Teil?"

„Einerlei. Welchen auch immer du mir geben willst. Ich bin ein eigenständig denkendes Wesen, doch mit einem Teil deiner Seele werde ich fühlen können."

„Und was versprichst du dir davon?"

„Gib mir einen Körper mein Freund, und ich werde das Gefängnis hier verlassen können. Gib mir jemanden, dessen Körper ich übernehmen kann."

Lucius Mundwinkel zog sich spöttisch hoch. „Filch konnte ich noch nie leiden."

Nun sah das Portrait erbost aus. „Filch ist ein Narr. Ich kann Narren nicht ausstehen. Sorge dafür, dass ich mit dem Blut eines Mannes in Berührung komme, und ich werde ihn in den Wahnsinn treiben, so dass sein einziger Weg die Flucht aus diesem Leben ist. Dann kann ich endlich in die Welt der Lebenden eintauchen und endlich atmen, fühlen, leben, das erleben, wovon ich die anderen Portraits immer schwärmen höre…"

Lucius ließ ein Glas Whiskey erscheinen und trank es in einem Zuge leer. „Und du glaubst ernsthaft, ich würde wirklich auf diesen Handel eingehen? Dann bist du dümmer als ich dachte." Er sah den Spiegel verächtlich an.

Dieser rollte genervt mit den Augen. „Es tut dir nicht weh, mein Engel. Du wirst nichts merken. Auch der Dunkle Lord hat keinen Schmerz verspürt."

„Ich fürchte nicht den Schmerz? Du bist es, der mir Sorge bereitet…"

Wieder lächelte das Bild spöttisch. Es hatte im Laufe der Jahre seine eigenen Pläne gemacht. Eines Tages würde er die Welt erleben. Doch dazu brauchte er diesen, zum Weichei mutierten, Lucius Malfoy. Es wurde ungeduldig. Es hatte Blut geleckt und es wollte mehr. Es wollte nicht mehr durch die Portraits im Schloss geistern und sich die illusionistischen Träume seines blonden Gegenübers antun. Es wollte endlich den Platz einnehmen, der ihm zustand.

In dem realen Lucius Malfoy brodelte es. Er sollte seine Seele spalten. Doch wohin das geführt hat, hatte er an Voldemort erkennen können. Er wollte nicht auf diesen Handel eingehen. Es wäre zwangsläufig der einfache Weg gewesen, doch er war stark und mächtig genug, den schwierigeren, besseren, beschreiten zu können. Noch nie hatte er sich Schwäche erlaubt, er wollte nicht zu diesem Zeitpunkt anfangen. Dennoch, er ahnte, dass der Spiegel ihm über kurz oder lang Schwierigkeiten bereiten würde. Er musste ihn loswerden. Unbedingt.

Lucius stand auf und nahm den Spiegel von der Wand.

„Was machst du da", zischte es. Doch den Zauberer kümmerte es nicht. Er versuchte den Gegenstand schrumpfen zu lassen. Doch nichts passierte. Er versuchte den Spiegel zu zerbrechen, doch auch das gelang nicht. Bestimmt eine Stunde probierte er verschiedenste Zauber und Flüche aus, dabei die schimpfende Stimme seines besseren Ichs ignorierend, doch er versagte. Nichts schien den Spiegel zerstören zu können.

Auf Muggelart schleppte er ihn letztendlich in den Verbotenen Wald. Dort war es ihm möglich noch mächtigere Flüche zu sprechen. Keiner war erfolgreich. Jeglicher Versuch, den Gegenstand zu zerstören, wurde im Keim erstickt. Lucius fluchte laut und ordinär. Seine Laune sank auf den Nullpunkt. Er wurde gereizt, ein Umstand, der für andere sehr gefährlich, wenn nicht sogar tödlich, enden könnte.

Funken stoben, wenn ein Fluch auf die eiskalte Oberfläche des Glases prallte. Je mächtiger der Fluch, desto gewaltiger die Lichtblitze. Der Zeiger auf der Turmuhr kroch unablässig und erbarmungslos weiter. Lucius hoffte, dass jeder im Schloss schlafen würde, so dass niemand ihn bei dieser Tätigkeit beobachtete. Zu viele Fragen würde es nach sich ziehen. Er schien Glück gehabt zu haben. Das Schloss lag noch immer ruhig da. Niemand kam auf ihn zu, um ihn zur Rede zu stellen.

Schließlich gab Lucius Schweißnass geschwitzt auf. Er sprach mehrere Reinigungszauber und schließlich einen Mobiliarbus auf den Spiegel. Sanft und unschuldig ließ sich dieser mächtige Gegenstand zurück ins Schloss geben. Scheinbar so, als hätte es jeglichen Widerstand aufgegeben.

In Gedanken schallte sich Lucius einen Narren. Der Spiegel war zwar ein eigenständig denkendes Wesen, doch es konnte keinen Widerstand leisten.

Erneut im Wohnzimmer angekommen hängte sich der Gegenstand seiner Alpträume wie von selbst an seinen ursprünglichen Platz auf.

„Buh!"

Der blonde Zauberer erschrak. Scheinbar war der Spiegel bester Laune. Verärgert drehte er sich zu selbigem um. Kein Kratzer war zu sehen. Nichts deutete auf die vergangene, vergebliche, Zerstörungswut hin.

„Wer ist denn da so schreckhaft? Ich sagte dir bereits, dass du mich nicht loswerden kannst", hörte Lucius sein Alter Ego spotten. Er schnaubte, einem Drachen nicht unähnlich, und leerte erneut ein Glas Whiskey in einem Zuge.

„Es täte dir gut, ab und an auf andere zu hören, mein Engel."

Das Glas krachte gegen die glatte Oberfläche. Doch, natürlich, auch hiernach war kein Kratzer zu sehen.

„Mäßige dich, Lucius, mäßige dich", mahnte das Portrait. Sein Lachen klang grauenvoll. „Ach Lucius, du solltest mich kennen. Einst erschuf mich Meister Bazil. Ein Zauberer, der mächtiger war als du. Und du glaubst ernsthaft mich vernichten zu können?" Wieder lachte es.

„Lass mich endlich in Ruhe." Er war sich im Klaren darüber, dass dies ein vergeblicher Wunsch war.

Und schon bestätigte ihm der Spiegel dieses Trugbild. „Nein, das kann ich nicht. Ich bin deine Vergangenheit, deine Gegenwart und deine Zukunft. Ich bin du."

Erneut wurde ein Glas des überaus teuren Whiskeys gelehrt. Vielleicht half eine größere Menge Alkohol den Spiegel zu ignorieren?

„Das nützt auch nichts." Es klang unüberhörbar belustigt.

„Du nervst." Von Sekunde zu Sekunde steigerte sich Lucius' Wut und er begann, unbeherrscht und aggressiv zu werden. Vielleicht hätte das folgende vermieden werden können, hätte er an dieser Stelle einfach den Raum verlassen.

„Was soll ich machen? Du redest ja nicht mehr mit mir. Mir ist langweilig. Seitdem du mich nicht mehr mit Geschichten über den Dunklen Lord unterhältst ist mein Leben recht eintönig geworden."

„Der Dunkle Lord ist fort." Er konnte es nicht lassen, er ging auf das Spiel des Spiegels ein.

„Bereust du's?"

„Was geht es dich an, ob ich seinen Untergang bereue." Natürlich kannte der Spiegel die Wahrheit. Seitdem ‚es' mit seinem Blut in Berührung gekommen war, waren sie endgültig miteinander verbunden.

„Nichts."

„Siehst du, also sei ruhig und geh mir nicht auf die Nerven." Vielleicht verschwand der stechende Schmerz in seinem Kopf, wenn er aufhörte, den Spiegel anzusehen?

„Du hast dich verändert, Lucius. Wo ist die kalte Arroganz?" Es war reine Provokation, das wussten beide.

„Ich weiß nicht was du meinst." Natürlich wusste er es, doch vielleicht war der Spiegel, sein Gewissen, gnädig und ließ sich auf das Spiel ein.

„Wie heißt sie?" Natürlich war dem nicht so.

Lucius tat unschuldig. „Wer?"

„Na, die Frau."

„Es gibt keine Frau." Würde ‚es' ihm glauben?

„Lucius, jedes Mal wenn du dich veränderst steckt eine Frau dahinter. Das letzte Mal passierte es bei Narzissa." Natürlich war die Hoffnung vergeblich gewesen.

„Lass Narzissa aus dem Spiel."

„Ich habe also Recht."

„Nein."

„Doch."

„Nein."

„Doch."

„Bei Merlin, jetzt streite ich mich schon mit meinem Spiegelbild." Fassungslos schüttelte Lucius Malfoy den Kopf. Das alles musste ein böser Traum sein. „Vielleicht sollte ich Madame Pomfrey doch aufsuchen."

Das Spiegelbild lachte leise. „Ich frage dich jeden Tag", drohte es vergnügt.

„Ich dreh dir jeden Tag den Hals um", versprach der lebendige Mann. Der Schmerz in seinem Kopf steigerte sich ins Unermessliche.

„Komm doch her", grinste ‚es'.

„Ach verdammt, sie ist seit heute meine Kollegin." Manchmal war der einfache Weg doch der angenehmere. Sein Alter Ego würde es sowieso erfahren.

„Gehe ich Recht in der Annahme, dass du mir den Rest nicht erzählen wirst?"

„Wie überaus scharfsinnig von dir." Lucius legte seinen ganzen Spott in seine Stimme.

„Du hast keine Chance."

„Das weiß ich auch."

„Außer …."

Lucius drehe sich abrupt zu seinem Spiegel um. „Außer …. was?", fragte er lauernd, das Gespräch von vorher fast völlig vergessen.

„Außer du änderst dich."

„Was soll das heißen?"

„Nun ja, Frauen stehen auf gut aussehende Männer…."

Er schnaubte und rollte mit den Augen.

„… die charmant sind…"

Der Kopfschmerz schien von kleinen Messern her zu rühren, die sich unablässig und in steigender Geschwindigkeit in seinen Kopf bohrten.

„… und gute Manieren haben…"

Der Whiskey tat langsam seine Wirkung. Lucius musste blinzeln.

„… gewand und edel in Geist und Gesinnung..."

„Was willst du?" Die Beherrschung des Mannes war aufs äußerste gespannt.

„Kurz: Keinen adonishaften, reizbaren, jähzornigen Todesser."

„Ich BIN kein Todesser mehr."

„Dafür aufbrausend, cholerisch, Furcht erregend und böse."

„Sei ruhig, oder ich vergrab dich im Wald."

„Mal davon abgesehen, dass ich morgen wieder hier hängen würde", erwiderte das Spiegelbild gelangweilt, „solltest du dich lieber von dem gute-Mädchen-stehen-auf-böse-Buben-Klischee verabschieden.

Verzweifelung machte sich in Lucius breit. „Ich bin kein 'böser Bube'."

Wieder wirkte der Spiegel äußerst interessiert. „Nicht?"

„Nein!"

„Ich glaube dir nicht."

„Dann lass es bleiben."

Der Spiegel schwieg.

Misstrauisch beäugte Lucius ihn noch einmal, wandte sich dann um, und starrte aus dem Fenster. Er überlegte, wie er den Spiegel wohl loswerden könnte, nachdem die Zerstörung nicht geklappt hatte.

Eine ganze Weile später regte sich der Spiegel wieder.

„Du glaubst wirklich, dich geändert zu haben?"

„Ich glaube es nicht, ich weiß es."

„Ich könnte dir helfen…"

„Was willst du?"

„Du kennst den Preis."

„Niemals werde ich auf dein Angebot eingehen."

„Glaubst du wirklich, dass du mit deiner Vergangenheit glücklich sein wirst?"

„Wer braucht schon Glück."

„Gehe rauf in den Astronomieturm und spring."

Der blonde Zauberer sah voller Abscheu auf sein Spiegelbild. „Und warum?"

„Du scheinst nichts mehr im Leben zu sehen. Du siehst kein lohnendes Ziel. Da kannst du dich ebenso gut umbringen."

„Der Dunkle Lord hat Selbstmörder verachtet.

„Aber natürlich", spöttelte das Alter Ego. „Du willst ein guter Junge sein, weil du bemerkt hast, dass es einfacher ist, zu den guten zu zählen. Aber, sieh mich an Lucius, du bist nicht gut. Du bist ein elender Versager, der einen Meister braucht, um ihm folgen zu können. Gut zu sein bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Und das kannst du nicht. Es ist so einfach einer Person blind zu folgen…"

Zorn und Hass machten sich in Lucius' Brust breit. Unkontrolliert zuckte er zusammen. Er sollte sich umdrehen und davon gehen, doch es war zu spät. Wie der der junge Lucius schon festgestellt hatte, so waren die Würfel gefallen. Das Folgende unvermeidlich. „Sei verdammt noch mal ruhig. RUHE!", brüllte er.

Der Spiegel lachte höhnisch.

„ICH KANN ES SCHAFFEN!"

„Aber natürlich."

„ICH BIN EIN GUTER MENSCH!"

„Feigling."

„ICH BIN NICHT IMMER NETT, ABER ICH BIN EIN GUTER MENSCH!"

„Versager."

Lucius riss seinen Zauberstab an sich und wirbelte zum Spiegel herum. Ein wahnsinniger Ausdruck loderte in seinen Augen. Er hob den Zauberstab und schrie: „MORSCORDIS!"

Ein weißer Blitz löste sich aus der Spitze des Stabes und eilte in rasender Geschwindigkeit auf den Spiegel zu. Das Portrait lachte phrenetisch.

Lucius fühlte wie sich der Schmerz seines Kopfes auf seinen ganzen Körper ausbreitete. Er schrie laut auf vor Schmerz. Es dauerte nicht lange, bis sich etwas aus ihm löste und wie ein dunkler Schatten auf den Spiegel zu raste.

„Danke, mein schöner Engel", schrie das Spiegelportrait und ein Ruck ging durch den gemalten Körper.

Lucius sackte in sich zusammen. Kälte machte sich in ihm breit. Eisige Gefühllosigkeit ergriff seinen Körper und in ihm machte sich das Wissen breit, etwas Unverzeihliches gemacht zu haben.

Er wollte den Spiegel zum Schweigen bringen, und hatte den Fluch angewandt, der Voldemorts Horkruxe als einziger hätte vernichten können. Doch der Preis war horrend. Er hatte dem Spiegel einen Teil seiner Seele gegeben, den tödlichen Teil.

„Discordis", flüsterte der Spiegel sardonisch…

Rückblickende


Begriffe:

- alea iacta est: lat. Dein Würfel sind gefallen (wörtlich „Der Würfel ist geworfen worden")

- de' Medici: florentinische Familie im 15./16. Jahrhundert. Ursprünglich unbedeutend stieg sie durch strategische Intrigen und großem Reichtum zu einer italienischen Großmacht auf

- Morscordis: lat. mors Tod, cordis Seele

- phrenetisch: wahnsinnig

- discordis: lat. disicio ich zerstöre, cordis Herz

- sardonisch fratzenhaft


Anmerkung:
Ich hoffe, ich konnte euch in Bezug auf den Spiegel weiter aufklären…


Danke:
- sepsis: danke für das Rev und dein Lob strahl. So etwas zu lesen tut wahnsinnig gut  Schön, dass dir das letzte Kapitel gefallen hat…. Severus ist verwitwet. Also keine Sorge, Hermine hat also durchaus Chancen g