Kapitel 52 – Männerfreundschaften

Glaub keinem, der dir Erfolg verspricht,
wenn du Erfolg hast, hast du Erfolg, wenn nicht , dann nicht.

Erhard Blanck

Charlie Weasley apparierte um kurz vor zwei in einer Seitengasse in Hogsmeade. Er war schon lange nicht mehr in dem kleinen Dorf gewesen, das als einziges in ganz England nur aus Zauberern und Hexen bestand. Darum hatte er auch nur eine ungefähre Vorstellung, wo er hinwollte. Eigentlich erwies sich diese Vorstellung als richtig, und gleichzeitig als ein Meter zu falsch. Er landete unsanft auf mehreren Fässern, die bei seinem Gewicht auch sofort ins wanken gerieten. Er klammerte sich verzweifelt an einen aus der Wand ragenden Haken und konnte so gerade noch einen Sturz abwenden. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, ordnete er seine Kleidung und trat aus der Dunkelheit in strahlenden Sonnenschein.

Er bemerkte sofort, dass die Schüler von Hogwarts heute wohl ihr Wochenende hatte, denn fast alles, was die dritte Klasse erreicht hatte schien hier draußen rumzuwuseln. Er lächelte. Seinen eigenen Hogsmeadebesuch hatte er noch sehr gut in Erinnerung. Er war damals sehr aufgeregt gewesen, hatte aber versucht vollkommen gelassen zu wirken. Sein Bruder Bill kannte ihn natürlich und hatte ihm großmütig angeboten mitzukommen, aber die beiden Jungs standen in freundschaftlicher Rivalität und Charlie hatte gemeint, er sei mit dreizehn alt genug, alleine in das Zauberdorf gehen zu können.

Charlie wurde rüde wieder in die Gegenwart geholt, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Drittklässlerin hatte nicht aufgepasst und ihn fast umgerannt. Schwarze Haare, grüner Streifen am Umhang, keine Entschuldigung, definitiv eine Slytherin, wenn auch eine Hübsche. Charlie sah ihr hinterher und grinste. Die Mädchen schienen immer hübscher zu werden. Wenn sie keine Drittklässlerin gewesen wäre, sondern eine aus der Siebten… Wer weiß. Bei diesem Gedanken grinste er noch breiter und sah, dass das Mädchen stehen geblieben war. Kurz sah sie sich um und verschwand in einer der abzweigenden Gassen. Wahrscheinlich ein geheimes Treffen mit ihrem Freund. Charlie überlegte, ob er ihr folgen und sie ‚zur Rede stellen' sollte, aber ein Blick zu der Dorfuhr zeigte ihm, dass er sich besser auf in die ‚Drei Besen' machen sollte. Vermutlich war Neville schon da.

Als er besagte Gasse passierte sah er einen Mann bei dem Mädchen stehen. Für einen Moment runzelte er irritiert die Stirn. Wahrscheinlich war ihr Vater, der sie gerade ziemlich zur Schnecke machen zu schien. Er sah, wie der Mann, eine gewisse Ähnlichkeit war wohl da, zumindest meinte er sie auf der Entfernung ausmachen zu können, dem Mädchen in die Haare griff und dann hoch zum Schloss zeigte. Daraufhin wütend geworden trat das Mädchen ihm vors Schienbein und stürmte an ihm vorbei.

Charlie sah ihr hinterher und drehte sich dann um, um zu seiner Verabredung zu kommen. In den ‚Drei Besen' war es brechend voll, doch er hatte zum Glück, oder besser: aus weiser Voraussicht, sein Kommen angekündigt, so dass Madam Rosmerta einen Ecktisch in einer Nische freigehalten hatte. Als sie ihn sah, strahlte sie über das ganze Gesicht. Trotz ihres Alters war sie noch sehr hübsch und schien sich kaum verändert zu haben. „Charlie", rief sie und drückte den jungen Mann an ihren ausladenden Busen. „Wie schön, dass du mal wieder herkommst. Du warst ja immer mein Liebling von euch Weasleygören", meinte sie liebevoll und tätschelte ihm die Schulter.

Charlie grinste. Er hatte immer Zeit für einen lockeren Flirt mit der hübschen Besitzerin des Stammlokals der Hogwartsschüler. „Aber Rosmerta. Wie kann ich nach Hogwarts gehen ohne dich zu besuchen?" Er kniff ihr in die apfelrote, gesunde Wange. „Ein Besuch ohne bei Rosmerta einzukehren, ist doch eigentlich kein Besuch."

Sie lachte giggelnd und zeigte schließlich auf einen Tisch. „Der junge Mann da vorn wartet schon ungeduldig auf dich. Ich hoffe doch für die Damenwelt, dass es nicht das ist, wonach es aussieht?"

Charlie grinste schelmisch. „Niemals würde ich die ‚Damenwelt' so tief enttäuschen. Das kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren."

Sie lachte. „Butterbier oder Feuerwhiskey?"

Charlie bestellte ein Butterbier und trat zu Neville. „Hallo Neville. Schön, dich zu sehen", sagte er freundlich.

Neville stand lächelnd auf und reichte Charlie die Hand. „Ich freue mich auch, ähm, Sie zusehen Mr. Weasley." Er war zwar in den vergangenen Jahren selbstsicherer geworden, aber dennoch fühlte er eine leichte Unsicherheit, als er Rons älterem Bruder gegenüberstand.

Charlie grinste bis über beide Ohren und Neville verstand, warum viele Frauen diesem Grinsen nicht widerstehen konnten. „Aber Neville, mach mal halblang. Ich bin der Bruder deines Kumpels. Du musst mich nicht siezen. Sag einfach poor-good-old-Charlie zu mir."

„Ähm ja, warum soll ich dich poor-good-old-Charlie nennen?", fragte Neville verwirrt.

„Weil ich noch unverheiratet bin und Ron sich erst vermählen darf, wenn ich unter der Haube bin. Somit lastet der Erwartungsdruck vollkommen auf meinen schmalen Schultern", erwiderte Charlie mit ernster Miene, nur um danach in Gelächter auszubrechen. „War 'n Scherz."

Neville, der gerade schon an Charlie gezweifelt hatte, grinste. Er wollte etwas sagen, doch Madam Rosmertas Ankunft hinderte ihn daran. Sie stellte ein Bier vor Charlie und strubbelte ihm durch die Haare. „„Was machen die Drachen?"

„Vermähren sich fleißig weiter", grinste der Weasleyspross und trank auf das Wohl der Wirtin. Diese lachte und verschwand wieder hinter ihrem Tresen.

„Mann, wie machst du das nur?", staunte Neville, als er Charlies lockeren Umgang mit dem anderen Geschlecht sah. Für ihn waren Mädchen, beziehungsweise Frauen, noch immer so durchschaubar wie die Arbeit der Unsäglichen.

Charlie lachte. „Das lernst du im Alter. Außerdem hab ich das Charisma-Gen der gesamten Weasleys geerbt, deswegen war für Ron nichts mehr über." Er wusste von Ron, dass Neville im Allgemeinen eher schüchtern und zurückhaltend war. Er mochte den jungen Freund von seinem Bruder und versuchte locker und fröhlich zu sein, auch wenn ihm alles andere als nach Lachen zumute war. Der Tod von George war noch zu gegenwärtig, um wieder fröhlich zu sein. Auch wenn er wusste, dass George es nicht gewollt hätte, er musste einfach trauern. Zumal sich der Todtag von Atlantis näherte.

Die lustige und unbeschwerte Art von Charlie Weasley machte es Neville leicht sich zu entspannen und mit der Zeit wurde er immer selbstsicherer. Er wagte es sogar von sich aus Witze zu machen.

Nachdem sie eine halbe Stunde mehr oder weniger Smalltalk gehalten hatten, kam Charlie schließlich auf Nevilles Anliegen zu sprechen. „So, Neville, nun erzähl mir doch, worin genau du meine Unterstützung brauchst."

Neville wurde rot. Er war noch immer nicht richtig davon überzeugt, ob er das Recht gehabt hatte, Charlie um Hilfe zu bitten. „Also, ich studiere ja seit drei Jahren Pflanzenkunde. Es ist das einzige Fach, was mir wirklich gelegen hat und welches mir von Herzen interessierte. In der Oxford University habe ich mich mit meinem Professor gut verstanden und irgendwann ergab es sich, dass wir uns auch über private Dinge unterhalten haben. Ich habe ihm erzählt, dass es schon immer mein Traum sei, in die Forschung zu gehen. Ja, und so kam es, dass er mich eines Tages ansprach. Er hat ein Projekt angefangen und mich, seinen Studenten, um Unterstützung gebeten. Ist das nicht unglaublich? Eigentlich war es eine Forschung zu Heilzwecken, doch ich hab mir aus irgendeinem Grund, ich kann bis heute nicht sagen, was es war, wahrscheinlich Instinkt… Naja, ich hab also aus irgendeinem Grund den Saft der Herba Ignisaco, einer Feuerpflanze, untersucht. Ja, und da kam mir der Spruch ins Gedächtnis ‚Feuer mit Feuer bekämpfen'. Wie gesagt, es war reiner Instinkt. Auf jeden Fall glaube ich, dass ich einen Wirkstoff entdeckt habe, der, wenn er eingerieben wird, gegen das Feuer von Drachen schützen kann. Du könntest dann zum Beispiel auf deine Schutzkleidung verzichten und würdest viel wendiger sein."

„Das wäre genial", bestätigte ihn Charlie. „Die Kleidung bietet zwar größtmögliche Sicherheit, aber das Gesicht bleibt eben ungeschützt. Mit so einer Paste wären wir viel flexibler und die Drachen könnten uns keine Verbrennungen zufügen."

„Genau", nicke Neville eifrig. „Aber ich kenn mich mit Drachenfeuer nicht wirklich aus. Ich hab zwar in der Oxfordbibliothek über tausend Bücher gefunden, aber… Naja, ich bin halt nicht Hermine", witzelte er. „Der einzige, der mir eingefallen ist, bist du. Ich will mich dir wirklich nicht aufdrängen, aber du bist ein internationaler Kenner von Drachen und wenn mir einer helfen kann, dann du. Naja und Professor Sprout hat mir gesagt, sie habe massig Ableger der Pflanze, die sie mir zu Versuchszwecken zur Verfügung stellen würde. Außerdem wollte sie mir verschiedene Bücher empfehlen. So muss ich mich nicht durch die Universitätsbibliothek quälen."

Charlie war sofort Feuer und Flamme. „Mach dir mal keine Gedanken, Neville. Natürlich helfe ich dir. Das kommt ja schließlich auch mir zu gute, nicht wahr?" Er grinste. „Also, Drachenfeuer ist unglaublich magisch. Es kennt kaum Hindernisse. Es frisst sich durch alles, egal ob Kleidung, Stein oder auch Beton. Daher ist es auch so gefährlich. Es gibt kaum etwas, dass nicht durch Drachenfeuer zerstört werden kann. Außer Eisen. Du weißt, dass Eisen magieresistent ist? Nein? Also, Eisen war schon bei den Kelten als ‚magiebannend' bekannt. Wollte man einen Zauberer daran hindern, seine Magie zu entfalten, legte man ihm einen Eisenring um den Hals. So war er nicht mehr fähig zu Zaubern. Heutzutage braucht es keinen Eisenring mehr. Die Forschung ist so weit fortgeschritten, dass zum Beispiel Fuß- oder Handfesseln ausreichen. Deswegen tragen alle in Askaban auch Fesseln, somit werden sie daran gehindert auszubrechen… Also Eisen ist das Einzige, was Drachenfeuer aufhält. Darum ist unsere Schutzkleidung auch so schwer. Sie ist mit Eisen durchspickt. Dank Magie können wir das Gewicht reduzieren, aber eben nur vermindern."

Neville lernte eine Menge über Drachenfeuer. Vor ihm saß wirklich ein Experte, der, wenn er einmal ins Reden gekommen war, so schnell nicht mehr aufhörte. Dennoch war dieser Vortrag alles andere als langweilig. Er war sogar so spannend, dass ein paar der um sie herum sitzenden mit ihren Gesprächen innehielten und gebannt Charlie Weasleys Ausführungen lauschten. Dieser lies immer wieder Anekdoten aus seiner Arbeit mit Drachen einfließen und so erschallte regelmäßig fröhliches Gelächter aus der Ecke, wo die beiden Männer saßen.

Nachdem sie das vierte oder fünfte Butterbier gelehrt hatten, hatte Charlie das Treffen mit Hermine in den Hintergrund gedrängt und auch Neville genoss viel zu sehr die lockere Atmosphäre, um sich daran zu erinnern, dass er eigentlich mit Professor Sprout verabredet gewesen war. Sie kamen von einem Thema zum nächsten und als es sich den Schulzeiten der beiden näherte, hatten sie das Gefühl, alte Freunde zu sein. Charlie erzählte von seinen Quidditchspielen und den gemeinsamen Streichen, die er mit Bill und dessen Clique ausgeheckt hatte. Bei manchem wunderte es Neville nicht, woher die Zwillinge ihren Einfallsreichtum herbekommen hatten. Er lachte, wie schon lange nicht mehr.

Schließlich begann auch er von sich zu erzählen. Damit hatte er immer schon ein Problem gehabt. Er wollte ‚die anderen' nicht langweilen, und gleichzeitig nicht zuviel von sich preisgeben, denn das macht verletzbar. Aber bei Charlie hatte er ein gutes Gefühl. Der würde sich nicht über ihn lustig machen, er würde ihn ernst nehmen und es würde bei ihm bleiben. Also senkte er die Stimme und begann. „Naja, du weißt ja, dass meine Eltern in den Wahnsinn gefoltert wurden. Bellatrix Lestrange hatte Informationen von ihnen haben wollen, aber sie haben sie ihr nicht gegeben. Am Anfang war es mir unangenehm zu erwähnen, dass ich bei meiner Oma aufgewachsen bin. Ich hatte angenommen, dass mich die anderen als Freak oder so abstempeln würden. Aber jetzt macht es mich ziemlich stolz, dass meine Eltern nicht klein beigegeben haben und somit nicht den Orden verraten haben. Sie waren sehr stark." Er war immer noch traurig, wenn er über seine Eltern sprach, die er auch weiterhin jedes Wochenende im St. Mungos besuchte.

Charlie nickte. „Ja, das waren sie. Ich habe sie nicht gekannt. Aber Mum und Dad haben es und sie haben oft von Ihnen erzählt."

Neville nickte ihm dankbar zu. „Naja, die Freundschaft zu Harry, Ron und Hermine hat mir gut getan. Ich hab immer ständig alles vergessen und wurde deswegen geärgert. Natürlich von Malfoy und seinen Freundin. Die ganzen Slytherins haben doch immer darauf gewartet, dass ich etwas falsch gemacht habe und sich dann mit Freuden auf mich gestürzt, um mich zu piesacken. Aber Hermine war immer da und hat versucht mir zu helfen. Dafür bin ich ihr sehr dankbar."

Charlie merkte, dass sie sich einem Thema näherten, über das er noch nicht sprechen wollte. Er wollte erst das Treffen mit Hermine abwarten. Darum versuchte er schnell vom Thema abzulenken. „Aber heute siehst du alles andere als vergesslich oder schüchtern aus."

Neville lachte. „Naja, das einzige Fach, indem ich wirklich Begabung gezeigt habe, war halt Pflanzenkunde. Es hat mich auch interessiert, so dass ich immer gern dafür gelernt habe. Dadurch habe ich im Studium viel Anerkennung erhalten, die mich wiederum selbstsicher werden ließ. So kam eins zum anderen. Ich werde noch immer nicht das Selbstbewusstsein in Person sein, aber würde ich heute vor Draco stehen, ich würde mich nicht mehr so fertig machen lassen."

Charlie lächelte. „Das hast du auch gar nicht nötig, Neville. Ich mein, wer steht kurz vor einem Forschungsdurchbruch?"

Neville grinste. „Meinst du wirklich, dass das klappen könnte?"

„Aber klar doch, Kumpel. Du musst einfach nur selbst an dich glauben. Und dass dein Forschungsprojekt Erfolg haben wird. Schließlich ist doch dein Professor davon überzeugt, oder?"

„Ja, schon-"

„Siehst du, und das wäre er nicht, wenn er keine Chance auf Erfolg sehen würde."

Die beiden Männer lachten und prosteten sich mit einem neuen Glas Butterbier zu.

Charlie betrachtete den jungen Mann vor sich. Er hatte ihn früher mal gesehen, und da war er recht rundlich gewesen. Nun schien sich das alles verwachsen zu haben. „Hast du eigentlich eine Freundin?", versuchte er sich unauffällig zu erkundigen.

Neville wurde über und über rot. „Naja, also… Da gibt's schon ein Mädchen. Aber wir sind nicht richtig zusammen. Aber, sie bedeutet mir schon viel. Also", seine Ohren wurden ganz rot, „Hannah Abbott."

Charlie überlegte kurz, schüttelte aber dann den Kopf. „Sagt mir jetzt nichts. Aber erzähl mal. Wie ist sie denn so?"

Nevilles Augen begannen zu strahlen, als er von Hannah zu erzählen begann…


Begriffe:
- poor-good-old-Charlie: armer guter alter Charlie.

- Unsägliche: Angestellte des Ministeriums. Arbeiten in der Mysteriumsabteilung. Niemand weiß, was sie machen, da ihre Arbeit geheim ist. Sie dürfen nichts erzählen, darum werden sie ‚Unsägliche' (Unspeakables) genannt.


Danke:
- sepsis: danke fürs rev :- )