Kapitel 53 – Shivas Denunzierung

Sieh nicht traurig in die Vergangenheit. Sie kommt nicht mehr zurück.
Verbessere lieber klug die Gegenwart. Sie ist dein.

Henry Wadsworth Longfellow

Um halb drei stand eine, vollkommen in schwarz gekleidete, Person vor dem Schlossportal und beobachtete, wie sich vereinzelnd Nachzügler auf den Weg nach Hogsmeade machten. Es war windig und kalt, weswegen er einen dicken Mantel trug. Seine langen blonden Haare tanzten munter im Wind, was ihn zu ärgern schien. Er hasste es, wenn nicht alles perfekt war. Dann lächelte er. Sein Leben verlief gerade sehr gut, was machte es da schon aus, ob seine Haare akkurat lagen oder nicht?

Eine Viertelstunde später trat eine weitere, ebenfalls in schwarz gekleidete, Person aus der großen Tür. Raschen Schrittes eilte sie zu dem blonden Mann und zog dabei den Umhang um den hageren Körper. „Verzeih mir, Luc, aber Minerva hatte mich noch aufgehalten."

Ungeduldig nickte Lucius und machte eine einladende Handbewegung. „Wollen wir, mein Freund?"

Gemeinsam schritten sie zügig über die Ländereien Hogwarts, bis sie schließlich das Tor passierten, das mit den besten Schutzzaubern belegt war, die es nur gab. Beide Männer machten eine stattliche Figur. Sie waren groß und schlank. Der eine wirkte wie ein goldener Sonnenaufgang, der andere wie eine Nacht ohne Mondlicht. Sie waren äußerlich so verschieden, dass es auf Andere faszinierend wirkte. ‚Engel und Teufel', das war die gängigste Meinung. Der blonde, sympathisch wirkende Engel mit der dunklen Aura faszinierte. Der schwarze, verschlossene Teufel mit dem unnahbaren Charisma lud dazu ein, näher hinzusehen. Sie waren ein Team, das spürte jeder, wenn sie zusammen auftraten.

So auch heute, als die Schüler ihre beiden Professoren bewusst zum ersten Mal nebeneinander hergehen sahen. Sie strahlten pure Macht aus. Absolute Faszination. Tödliche Genauigkeit. Sie waren ein aufeinander eingespieltes Kollektiv. Ein Team bestehend aus zwei Einzelteilen, die zusammen ein Ganzes ergaben.

Ein jeder Mensch hat seinen eigenen Takt, in dem er sich fortbewegt. Der eine schlurft eher und scheint von einem lang anklingenden Ton angetrieben zu werden. Der andere macht schnelle kleine, staccatoartige Schritte. Die beiden Männer schlenderten nicht, noch rannten sie. Sie strahlten eine Ruhe aus, aber auch eine gewisse Achtsamkeit. Auch wenn sie nicht im Gleichschritt gingen, so fühlten sie beide denselben Rhythmus.

Die Schüler machten automatisch den Weg für sie frei. Viele sahen mit offenem Mund wie die beiden imposant erscheinenden Männer vorüber zogen. Aber nicht nur den Schülern fielen sie auf. Jeder, der auf den Straßen Hogsmeade unterwegs war, drehte sich zu ihnen um und staunte, ob des Vertrauens, das sichtbar zwischen den Beiden herrschte. Niemand stellte sich die Frage, ob sie jemals zögerten. Sie konnten sich aufeinander verlassen. Der eine begann, der andere setzte fort. Der eine dachte, der andere wusste. Eine mörderische Präzision umgab sie. Gemeinsam konnten sie jagen, erlegen, töten.

Natürlich waren sich beide der Aufmerksamkeit, die sie erregten, bewusst. Und während Lucius Malfoy mit einem geheimnisvollen Lächeln reagierte, verfinsterte sich die Miene von Severus Snape, so dass sich viele, die ihnen begegneten, in dem verzweifelten Bemühen nicht aufzufallen, abwandten.

Es war kalt draußen und die Fenster der ‚Drei Besen' beschlagen. Die beiden Männer sahen sich kurz an, sie verstanden sich ohne Worte, und Snape öffnete die Tür. „Nach dir Luc, du blendest sie und bei meinem Anblick fallen sie in Ohnmacht." Malfoy lachte amüsiert auf und trat ein. Umgehend verstummten die Gespräche, jeder sah die beiden Neuankömmlinge an. Diese warfen sich belustigte Blicke zu, sie kannten diese Art von Reaktion zur Genüge. Aufmerksam interessiert sahen sie sich um. Sofort nahmen die Anwesenden ihre Gespräche wieder auf, in der Hoffnung, nicht aufgefallen zu sein.

Snape durchquerte die Schankstube und blieb plötzlich vor einem Tisch stehen. Charlie Weasley saß lässig an dem Tisch und prostete ihm mit seinem halben Humpen voll Butterbier zu. „Professor", grüsste er. Als er Lucius Malfoy erblickte nickte er lediglich. Neville, der mit dem Rücken zu Snape saß, drehte sich um und blickte in eine schwarze Robe. Unbewusst fing er an zu zittern.

„Wenn Sie meine Körpermitte nun zur Genüge betrachtet haben, wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie Ihren Blick woanders hinwenden könnten", schnarrte der düstere Professor und Neville blickte hastig hoch. „Ver… Verzeihung … Prof… Professor", stotterte er

Snape nickte und drehte sich neunzig Grad im Uhrzeigersinn. Er steuerte einen Tisch in einer Nische an, der zweifelsohne vor fremden Lauschern sicher war. „Miss Blingston, Mr. Clavin, Mr. Lormes. Meinen Sie nicht, Sie sind noch ein wenig zu jung für Feuerwhiskey?" Er baute sich drohend vor dem Tisch auf.

Mr. Lormes' Gesichtsausdruck wandelte sich in einen trotzigen. „Ich bin durchaus volljährig, Professor Snape."

„Aber Miss Blingston nicht. Zwanzig Punkte Abzug für jeden von Ihnen", knurrte der gefürchtete Zaubertrankmeister. „Und nun sehen Sie zu, dass Sie ins Schloss kommen, ansonsten mache ich fünfzig draus."

Die jungen Hufflepuffs rafften in einem atemberaubenden Tempo ihre Sachen zusammen und sahen zu, möglichst schnell außer Reichweite zu kommen.

Snape setzte sich auf einen Stuhl, von dem aus er die ganze Kneipe im Überblick hatte, und grinste zufrieden. „Das tat gut. Punkte abzuziehen verbessert die Laune ungemein. Natürlich hätte ich mich mehr gefreut, ein paar Gryffindors zu erwischen, aber-" Er hatte ein paar Jugendliche aus besagtem Haus entdeckt. „Moment."

Lucius setzte sich mit einem belustigten Funkeln in den Augen auf einen zweiten Platz, der im rechten Winkel zu Snapes Stuhl stand und verfolgte gut gelaunt, wie sein alter Freund Gryffindor insgesamt 200 Punkte abzog. „Meinst du nicht, dass du ein wenig hart gewesen bist?", fragte er, als Snape zurückkam.

Dieser grinste. „Ich weiß gar nicht was zu meinst."

„Soweit ich mich erinnere hast du bereits im zweiten Schuljahr mit uns Feuerwhiskey getrunken", merkte Malfoy an. „Und hör auf so selbstgefällig zu Grinsen, die Schüler könnte es schockieren."

Sofort blickte Snape wieder grimmig. „Wusstest du, dass Weasley zwei und Longbottom hier sind?"

Der Blonde schüttelte den Kopf und gab Rosmerta ein Zeichen. „Nein, ich dachte, Mr. Weasley ginge gleich zum Schloss hoch, da er sich auf drei mit Hermine verabredet hat. Vielleicht war es auch halb vier."

„Wir wissen beide, dass es drei Uhr war, Luc."

Dieser zuckte mit den Schultern. „Mr. Weasley wird sich etwas dabei denken… Ahh, guten Tag, Madame Rosmerta."

Die Wirtin war deutlich reserviert. Früher, als die beiden Männer selbst Schüler in Hogwarts waren, war sie dem legendären Malfoycharme erlegen, doch seitdem war viel passiert. „Mr. Malfoy, Professor Snape", nickte sie den beiden Männern zu. „Butterbier oder Feuerwhiskey?"

„Feuerwhiskey natürlich", knurrte Snape und sein Blick veranlasste, dass die Inhaberin umgehend wieder verschwand.

„Sev, alter Knabe, sei nicht immer so zurückhaltend. Wie willst du sonst eine nette Frau kennen lernen?"

Der Angesprochene grunzte unwirsch. „Mal davon abgesehen, dass Madam Rosmerta mindestens doppelt so alt ist wie ich… Wer sagt denn, dass ich eine Frau kennen lernen will? Frauen sind unbeständige Wesen. Unzuverlässig. Nervtötend mit ihrem Gebrabbel über die neueste Mode oder den aktuellen Klatsch. Ich brauche keine Frau." Es war eine ungewöhnlich lange Rede für diesen sonst so wortkargen Mann, der sonst nur im Unterricht bewies, dass er fähig war, mehrere Sätze aneinander zu reihen.

„Ach Sev." Freundschaftlich legte Lucius Snape die Hand auf die Schulter. „Vergiss die alten Zeiten, öffne deinen Blick für etwas Neues. Lebe nicht in der Vergangenheit, gib der Gegenwart eine Chance, um deine Zukunft zu gestalten… Sieh mal, ich habe Hermine. Eine Frau, von der ich niemals gedacht hatte, dass ich mich je in sie verlieben würde. Wäre es nicht großartig, wenn auch du die Partnerin fürs Leben finden würdest? Wir könnten zu viert das Leben genießen. Es gibt bestimmt, irgendwo in der großen weiten Welt, eine Frau, die deinen Ansprüchen genügen kann. Ich helfe dir beim Suchen." Lucius Malfoy lag wirklich an dem Glück seines Freundes, wobei natürlich auch seine nur mühsam kontrollierbare Eifersucht eine Rolle spielte. Ginge Severus Snape eine Bindung ein, so war die Gefahr, dass er Hermine begehrte, praktisch gleich Null. Wenn Snape liebte, dann mit vollem Herzen.

Lucius Malfoys ‚Sorgenkind' schüttelte den Kopf. „Vergiss es, Luc. Nie wieder… Danke Madame Rosmerta… Nun, prost. Auf Halloween." Er hatte versucht vom Thema Frauen, und somit auch Hermine, abzulenken. Unbedacht, was sonst so gar nicht seine Art war, hatte er damit ein Weiteres angeschnitten, welches beide lieber gemieden hätten.

„Halloween", murmelte Lucius. „Ein denkbar schlechter Zeitpunkt für einen Toast."

Snape wusste natürlich sofort was sein alter Freund meinte. „Hast du nicht gerade gesagt, ich solle nicht in der Vergangenheit leben und der Gegenwart eine Chance geben? Wir können ‚sie' nicht totschweigen, auch wenn wir beide lieber vergessen wollen."

Malfoys Haltung wurde abweisend. „Lass die Vergangenheit ruhen, Severus. Es bringt nichts, immer und immer wieder über sie zu reden. Erzähl mir lieber, was deine Forschungen machen."

Der Professor für Zaubertränke sah ihn lange an. „Sie wäre heute 45 geworden."

„Ja, bei Merlin, ich weiß. Aber sie ist Vergangenheit. Okay? Erzähl mir lieber, wie es dir wirklich ergangen ist, nachdem die Elfe dich in der Heulenden Hütte gefunden hatte."

Snape war nicht sonderlich irritiert über den Gedankensprung, schließlich kannte er Lucius seit dreißig Jahren. „Was meinst du mit wirklich?", fragte er vorsichtig.

Sein Freund trank einen großen Schluck Feuerwhiskey. „Du glaubst doch wohl nicht einen Moment, dass ich dir die Geschichte von deinem dreijährigen Aufenthalt in den Highlands abnehme. Du warst in Sermo Vicus?" Er erntete einen bösen Blick, der ihn aber gänzlich unbeeindruckt ließ. „Ich war da. Aber Dewana hat mir zu verstehen gegeben, dass du seit mehreren Jahren nicht mehr da warst."

Snape grunzte. „Ich hab ihr das auch so befohlen."

Wieder trank Lucius einen Schluck Whiskey. „Ich versteh nicht, warum du die Elfe nicht einfach raus geschmissen hast."

„Hab ich ja, aber sie ist nicht gegangen. Du weißt doch, indische Hauselfen dienen nicht der Familie, sondern nur ihrem Herrn oder ihrer Herrin."

„Ja", warf der Blonde ein, „aber du bist nicht ihr Herr.

Snape zuckte mit den Schultern und trank ebenfalls einen Schluck. „Solange ich nichts im Haus verändere, ist sie mir gegenüber loyal."

Die beiden Männer hatten schon früher an so genannten ‚Saufgelage' der Todesser teilgenommen, so dass sie über die Jahre hinweg trinkfest geworden waren. Aus diesem Grund hob sich auch lediglich ihre Stimmung nach dem vierten oder fünften Glas Whiskey, dennoch hätten beide mit tödlicher Präzision kämpfen können.

„Warum verkaufst du Sermo Vicus eigentlich nicht? Dich hält dort doch nichts mehr. Es liegt in Cornwall. Direkt an den Klippen. Es ist eine gute Lage. Wenn du willst, dann helfe ich dir beim Verkauf."

Snape schüttelte den Kopf. „Nein, ich will es nicht verkaufen."

„Warum nicht? Es erinnert dich nur unnötig an die Vergangenheit."

„Glaubst du, die Vergangenheit lässt sich einfach verkaufen?" Der Tränkemeister machte eine wegwerfende Handbewegung und starrte seinen Freund aus dunklen Augen an.

Dieser nickte schließlich. „Es ist deine Entscheidung."

Snape nickte. „Eben. Außerdem, würdest du Malfoy Manor verkaufen?"

Indigniert kräuselte Lucius seine Lippen. „Natürlich nicht. Aber es ist seit drei Jahrhunderten im Besitz meiner Familie. Sermo Vicus wurde dir dagegen erst vor etwas mehr als zwanzig Jahren vom Dunklen Lord geschenkt."

Snape hob spöttisch seine Augenbraue hoch. „Höre ich einen gewissen Neid?"

Lucius überlegte, ob er verärgert sein sollte, doch dann machte er eine wegwerfende Handbewegung. „Unsinn. Dass du in seiner Gunst standest, wussten wir alle. Hätte sich Artemis für mich entschieden, hätte er es mir gegeben."

Der Name, den beide zu umgehen versucht hatten, war gefallen. Snapes Augen huschten kurz durch den Raum, doch niemand schien Notiz von ihrem Gespräch zu nehmen. „Ein für alle Male, ich werde nicht verkaufen."

„Ja, ist ja schon gut", entgegnete Lucius leicht genervt.

Die Stimmung schien sich von jetzt auf gleich gewandelt zu haben. War sie vorher vertraut und entspannt, so umgab jetzt eine geradezu feindselige Aura die beiden. Für ein paar Minuten sagte einer von ihnen etwas. Sie hingen beiden ihren unterschiedlichen Gedanken nach und nippten gelegentlich am Whiskey.

Madam Rosmerta hatte sie immer im Auge, neigte sich der Inhalt eines Glases dem Ende zu, so tauschte sie es dezent gegen ein Neues aus. Ihr schienen beide Männer verhältnismäßig nüchtern. Einmal mehr staunte sie, wie viel sie vertragen konnten.

Irgendwann brach Snape als erster das Schweigen. „Ich war bei Shiva."

Nichts deutete darauf hin, dass Malfoy ihn gehört hatte. Weder war er zusammengezuckt, noch hatte er sich sonst eine Reaktion anmerken lassen. Die Jahre als Erster Todesser und später als Verräter, hatten ihm zwangsläufig eine Selbstbeherrschung antrainieren lassen, die sich mit der von Severus Snape messen konnte. Lediglich seine Pupillen hatten sich ein wenig geweitet. Es wäre niemandem aufgefallen, doch Snape wusste, worauf er achten musste.

„Sie vermisst dich."

„Ich bezweifle, dass sie das gesagt hat." Lucius griff sich in die Anzugtasche und holte ein langes Etui raus. Mit geübten Bewegungen zog er eine Zigarre, eine Churchill, heraus und anschließend ein einfaches Muggeltaschenmesser. Er schnitt zuerst ein Loch in das Kopfende, dann verwandelte er das Taschenmesser in einen Zigarrenschneider und entfernte das Ende. Schließlich stecke er sich die Churchill zwischen die Lippen und verstaute das zurückverwandelte Muggeltaschenmesser wieder. Mit der gleichen routinierten Bewegung holte er ein simples Gasfeuerzeug hervor und entfachte es. Er begann, das Ende der Zigarre über der Flamme zu drehen, bis sich ein Ring aus Asche gebildet hatte. Erst dann nahm er den ersten Zug

Sichtlich irritiert betrachtete der Zaubertränkeprofessor die Prozedur. „Seit wann rauchst du Zigarre."

Dieser zuckte mit den Schultern. „Zehn, fünfzehn Jahre?"

„Aber… Das ist eine Muggelart."

„Na und? Die Muggel mögen zwar nicht so weit entwickelt sein, wie wir Zauberer, aber das heißt nicht, dass sie nicht die eine oder andere Nützlichkeit erfunden haben. Zum Beispiel diese Minidinger, aus denen Musik kommt. Sehr praktisch. Oder Elektrizität. Das ist bestimmt nicht so teuer, wie der Verbrauch von Kerzen."

„Als ob du dir über Geld Sorgen machen müsstest", schnaubte der Schwarzhaarige.

„Nein, aber es schadet nicht sparsam zu denken, nicht wahr mein Freund? Wer weiß, was für Zeiten auf uns zukommen werden."

Snape starrte ihm auf den teuren Umhang. „Absolut", erwiderte er sarkastisch.

Malfoy schlug die Beine übereinander, lehnte sich zurück und begann zufrieden zu paffen. Seine lässige Arroganz täuschte niemanden über seine aristokratische Abstammung hinweg. „So so, du warst also bei der alten Lady", meinte er jovial. „Wie hat sie dich denn diesmal versucht zu manipulieren?"

„Gar nicht", fauchte dieser. Er reagierte immer empfindlich, wenn Lucius abfällig von der ‚alten Lady' sprach.

„Sev, mein alter Freund, du bist auf deine alten Tage nachlässig geworden. Wie konntest du als Todesser nur überleben… Ach, ich Dummchen", er schlug sich elegant vor die Stirn, „das lag daran, dass ich dich immer wieder aus der Patsche geholt habe."

„Und das nicht so ganz uneigennützig. Nicht wahr?" Snapes Augen funkelten.

„Natürlich nicht." Lucius beugte sich vor. „Eben so wenig wie du. Wir beide können halt einfach nicht mit und nicht ohne einander." Sein Tonfall war zynisch geworden. „Wie ein altes Ehepaar. Ist das nicht rührend?"

„Hör auf damit, Luc. Du weißt, bei mir zieht deine Verachtung nicht." Snape war bewusst, dass er einer der wenigen war, die sich solche Freiheiten bei dem mächtigen Fürsten herausnehmen konnte.

„Sag mir nicht, was ich zu tun und zulassen habe, Snape. Ohne mich wärst du in der Hütte elendig verreckt."

Der Zaubertränkemeister wusste, wenn sein Freund ihn ‚Snape' nannte, war Vorsicht geboten. „Was heißt hier, ich sei ohne dich verreckt?"

„Du wärst an dem Biss elendig zugrunde gegangen? Ich habe gespürt, dass es mit dir zu Ende ging. Also schickte ich meinen Patronus und sah, dass du im Sterben lagst. Ich konnte nicht zu dir, da wir mitten im Kampf steckten, folglich blieb mir nichts anderes übrig, als dir einen der Hauselfen zu schicken."

„Daher wusste die Elfe wo ich bin und wie sie mir helfen konnte", antworte Snape nachdenklich.

„Natürlich daher. Nun sag schon, Sev", lenkte Malfoy das Thema wieder auf Shiva zurück. „Was hat sie diesmal gewollt? Vereinigt euch, nur so könnt überleben? Das ich nicht lache. Sie ist schuld an allem."

„Sie hat lediglich angedeutet, dass du sie seit ein paar Jahren nicht mehr besucht hast, und das auch nur, weil ich sie gefragt habe", entgegnete Snape unterkühlt.

„Seit zwanzig Jahren, um genau zu sein." Lucius Malfoy war wieder in die Rolle des arroganten Mistkerls geschlüpft. Ein Part, in den er sich meistens dann zurückzog, wenn er bestimmte Dinge nicht an sich heran lassen wollte.

„Was genau wirfst du Shiva eigentlich vor, Luc? Warum hast du sie nach dem Attentat gerettet, wenn du ihr den Tod wünschst." Eindringlich sah der Jüngere seinen Freund an.

„Weil sie eine intrigante, böse, alte Frau ist."

„Und dennoch hast du ihren Platz eingenommen."

„Ja, und du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich es bereue." Erneut kippte Lucius den Whiskey in einem Zug runter. „Ohne könnte ich in Ruhe und Frieden leben."

„Aber auch in Armut", warf Snape ein.

Ein eigenartiger Blick trat in Lucius' Augen. „Geld, mein Freund, Geld ist etwas Wunderbares. Es öffnet Türen, die einem sonst verwehrt bleiben würden. Geld allein macht nicht glücklich, wie die Muggel so schön sagen, aber wenn man es hat, lässt es einen ruhiger schlafen."

Irritiert runzelte Snape die Stirn. Diese Seite kannte er an seinem Freund nicht. Aber er wollte nicht über Geld reden, das hatte er mit Lucius schon zur Genüge getan. Er wollte endlich wissen, warum sein Freund Shiva verstoßen hatte. „Verrate es mir, Luc, warum du Shiva so sehr hasst."

Lange Zeit schwiegen beide. Snape rechnete nicht mehr mit einer Antwort. Gerade wollte er sich erheben und zum Schloss zurückgehen, als sein Freund doch noch zu sprechen anfing. „Sie hat uns beide wie Bauern auf ihrem Schachbrett hin und her geschickt. Es war ihr dabei völlig egal, wie es uns beiden erging. Sie dachte nur an ihren eigenen Vorteil."

„Das glaube ich nicht", unterbrach Snape ihn überraschend sanft.

„Hast du dich nie gefragt, wieso sie uns geradezu zu dem Fratuceus-Ritual gedrängt hat? Natürlich hast du das nie. Du hast immer an die liebe, alte Dame gedacht, die sich führsorglich um den geliebten Nachfolger gekümmert hat und geradezu begeistert davon war, als sie schließlich den Schützling des Dunklen Lords unter ihre Fittiche nehmen konnte." Er schnaubte. „Glaubst du wirklich, es ist ihr jemals um dich gegangen? Wärst du nicht von Riddle auserkoren gewesen, sie hätte dich niemals beachtet."

Das Glas in Snapes Hand zitterte. Die Eiswürfel schlugen leise an den Rand des Gefäß'. „Das ist nicht wahr", keuchte er.

„Natürlich ist es das", fuhr Lucius erbarmungslos fort. „Was meinst du, warum ich dich überhaupt beachtet habe? Einen Erstklässler." Verachtung lag in seiner Stimme. „Nur, weil ich den Auftrag bekommen hatte, dich zu schützen und mich mit dir anzufreunden."

Snape keuchte auf. „Dir ging es also niemals um mich?"

Nun beugte sich Lucius vor und legte seine Hand auf die von Snape. „Anfangs nicht, Sev. Erst mit der Zeit, nachdem ich hinter deine Fassade sehen konnte, habe ich erkannt, was für ein sensibles, verletzbares Kind in deiner Seele hockt. Dein Wissen, deine Intelligenz, deine Bereitschaft ins Absolute zu gehen… All das hat mich beeindruckt. Ich habe das Ritual freiwillig durchzogen, aber von alleine wäre ich nie so weit gegangen."

Severus schloss gequält die Augen. Bislang hatte er immer geglaubt, Lucius als Freund bezeichnen zu können – unabhängig von dem Ritual. Nach ein paar Sekunden sah er den Blonden an. „Sag mir die Wahrheit, Lucius Malfoy."

Dieser setzte sich entspannt hin und nahm auch Snapes andere Hand. Die verwunderten Blicke, die ihnen zugeworfen wurde, beachtete keiner von ihnen. „Es ist so, wie ich es sagte, Sev", antwortete er sanft. „Überprüfe es."

Nach einem langen Blick zog Snape seinen Zauberstab und richtete ihn unauffällig auf seinen Gegenüber. „Legilimens", murmelte er leise und war sofort in Lucius Gedanken. Er missachtete alles, was uninteressant für seine Frage war. Auch wenn er neugierig war, so wusste, er, dass Lucius ihn mühelos aus seinen Gedanken gekickt hätte. Er forschte und schließlich erkannte er, dass sein Freund die Wahrheit sprach. Er sah, wie Lucius den Auftrag bekam, sich um ihn zu kümmern und er spürte dessen Widerwillen. Aber in der nächsten Sequenz sah er, wie sie beiden als junge Männer in Malfoy Manor nebeneinander standen und Lucius äußerte, er sei erfreut sein Bruder zu werden. Es war keine Lüge gewesen.

Als er sich aus den Gedanken zurückgezogen hatte, sah er Lucius lange und nachdenklich an. „Warum, Luc?"

Dieser wusste, welche Frage den Zaubertränkemeister beschäftigte. „Macht, Sev. Es geht immer nur um Macht."

„Aber, ich war ein Junge, ein kleiner, unbedeutender Junge."

Lucius schnaubte. „Klein ja, aber niemals unbedeutend. An dem Tag, an dem dich deine Mutter an Voldemort verkauft hat, an dem Tag waren die Weichen deiner Zukunft gestellt worden. Es war von Anfang an bestimmt, dass du Todesser wurdest. Es-"

„Aber ich hatte die Wahl, ich wurde gefragt. Ich hätte nein sagen können", warf Snape ein.

In einer überraschenden Genauigkeit imitierte Malfoy Snapes, indem er eine Augenbraue hochzog. „Du hast geglaubt, du hättest die Wahl gehabt. Doch du hattest sie nie. Von dem Zeitpunkt an, als Voldemort begonnen hatte, dich zu unterrichten, konntest du nicht mehr aussteigen."

„Aber, ich war damals sieben Jahre alt, ich-"

Lucius lächelte. „Sag ich doch." Er ließ seinem Freund Gelegenheit die neuen Informationen zu verdauen. Schließlich fuhr er fort. „Und als du dann nach Hogwarts kamst, wies Shiva mich an, mich mit dir anzufreunden. Sie wollte ihren Enkel mit dem Jungen vertraut wissen, den Voldemort seit vier Jahren förderte… Warum? Macht. Sie wollte versuchen, dein Vertrauen zu erlangen, so dass du dich im Zweifelsfalle für das Malfoyimperium entschieden hättest. Darum drängte sie uns auch zu dem Ritual. Angeblich wegen einer Prophezeiung. Angeblich wollte sie uns schützen. Angeblich, weil wir ihr wichtig waren. Doch in Wirklichkeit ging es ihr nur um Herrschaft und Einfluss. Das Ritual bedeutet, dass du dem Malfoyimperium gegenüber verpflichtet bist. Du kannst es nicht verraten. Sie wollte Abhängigkeit schaffen, um sich deine Loyalität zu sicher. Sie wollte einen weiteren Trumpf im Spiel gegen Voldemort."

Zuviel Neues prasselte auf Snape hinein. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. „Aber … was… warum angebliche Prophezeiung?", stammelte er.

Wieder schnaubte Lucius. „Du kennst doch den Wortlaut: Zwei Brüder, so unterschiedlich wie gleich, aufgewachsen im Gegenteil, vereint auf der Seite des Schattens. Ein jeder für sich wird der Finsternis geopfert. Zusammen dagegen, werden sie überleben."

Irritiert runzelte Snape die Stirn. „Ja, ich weiß. Aber warum angeblich? Diese Prophezeiung war im Ministerium, bis sie 1996 zerschlug, als Potter die Mysteriumsabteilung kurz und klein fluchte."

„Und woher soll Shiva dann von der Prophezeiung wissen, wenn nur die sie lesen können, die sie betrifft?"

Darauf wusste Snape nichts zu sagen.

„Ich habe sie gefragt", fuhr Lucius fort. „Es gab diese Prophezeiung nie. Sie entstand in Shivas kleinem Hinterzimmer, um dich und mich dazu zubringen, das Ritual durchzuführen. Wie sie das Voldemort verkauft hat, kann ich dir nicht sagen. Ich habe sie das letzte Mal gesehen, als ich sie nach dem Anschlag nach Malfoy Manor gebracht habe."

Snape hob die Hand. „Sei mir nicht böse, Luc, aber ich brauch jetzt Zeit darüber nachzudenken."

Dieser nickte. „Natürlich."

Sie kehrten zu unverfänglicheren Themen zurück. „Hat das eigentlich einen besonderen Grund, warum du deinen Stock im Schloss gelassen hast?", fragte Snape neugierig.

„Ach was soll ich damit? Du weißt, dass der Stab nur ein Ersatz ist, und um mich vor böswilligen Schülern zu retten, brauch ich keinen", grinste dieser verschmitzt.

Der Whiskeypegel stieg und irgendwann konnten sie sich auch nicht mehr von der Wirkung des Alkohols lossagen. Sie beide wurden zusehends lockerer und schließlich vergaßen sie Shiva. Sie erinnerten sich an ihre gemeinsame Schulzeit und Lucius berichtete von den einen oder anderen Streich, den er Professor Slughorn gespielt hatte.

„Lach mal", forderte Lucius seinen Freund auf.

„Warum?", schnell zog Snape wieder die Mundwinkel runter.

„Weil Mister Longbottom zu uns rüberguckt", raunte Malfoy, „und du könntest ihn garantiert mit einem Lachen schockieren." Dabei sah er so schuljungenhaft aus, dass Snape tatsächlich nicht anders konnte und lachen musste.

Die Schüler sahen irritiert zu ihnen rüber. Ein lachender Professor Snape war eine fast unmöglich. So unmöglich, dass viele Schüler vor Schreck bezahlten und sich auf den Weg zum Schloss machten. Ein lachender Professor Snape war ihnen nicht geheuer.

„Du warst ja immer eher der Zurückhaltende gewesen", grinste Lucius.

Empört sah Snape auf. „Wer von uns beiden hat den Geminizauber entdeckt?"

„Du", sagte Malfoy gespielt nachsichtig.

„Und wer von uns beiden kam auf die Idee Professor Merwidamorwiddispoint, die Wahrsageprofessorin vor Sibyll, zu veralbern, indem du dich als mich ausgegeben hattest?"

„Ich", grinste Lucius. „Und ich kann dir sagen, dass es wirklich ein Spaß war. Als ich ihr voraussagte, dass ein Grimm in den Kellern sein Unwesen treiben würde, ist sie fast vom Stuhl gefallen."

„Ich vermute mal, dass das der Grund war, warum sie später die Schule verlassen hat", lachte Snape.

Amüsiert fiel Lucius in das Gelächter ein. „Weiß du noch…?"


Begriffe:

- Sermo Vicus: sermo, lat ernst (Severus, lat. ernst, streng); vicus, lat. Gehöft, wesentlich kleiner und einfacher als Malfoy Manor
- Erste Hauselfe auf Sermo Vicus
- Churchill-Zigarre: ein bestimmtes Zigarrenformat mit hochwertigem Tabak, bekannt durch den ehemaligen Premierminister Winston Churchill
- Fratuceus-Ritual: frater, lat. Bruder; caduceus Heroldstab; magisches Bruderschaftsritual
- Gemini: geminus, lat. doppelt; Gemini, lat. Zwillinge


Danke:

- Goldi: Huhu. Lächel. Vielen dank für deine beiden Reviews. Ja, der Minister hatte keine Schnitte. Selbst Schuld, was muss er sich auch mit Lucius anmelden? Warum glaubt eigentlich jeder, dass Lucius sterben wird? Ich mein, er ist wesentlich mächtiger als Severus. Du willst ein Happy End? Gibt es bei Dramen Happy Ends? g Wir werden sehen. Zwinker.

- sepsis: auch dir ein dickes Dankeschön für dein Revlein. Neville fand ich immer süss. Lach.