Kapitel 54 – Eine ernst gemeinte Entschuldigung
Geben wir zu, wir
sind auf jede Überraschung vorbereitet.
Nur die alltäglichen
Dinge brechen über uns herein wie Katastrophen.
Stanislaw Jerzy Lec
Als Snape und Malfoy den Schankraum betraten, musste Charlie grinsen. Er hatte Snape sehr lange nicht mehr gesehen und freute sich sogar. Er war immer gut mit Snape klar gekommen. Woran das genau lag, konnte er nicht sagen. Vielleicht, weil er sich noch nie den Mund hatte verbieten lassen und bereits zu Schulzeiten Snape Paroli geboten hatte? Die beiden Männer verband keine Freundschaft, aber sie respektierten sich gegenseitig. Als sie zusammen im Orden waren, war es immer Charlie gewesen, der mit Snape gesprochen hatte, wenn etwas anstand. Brauchte Dumbledore Snape für einen Auftrag, so wurde er von Charlie begleitet. Einmal hatte der zweite Weasley seinen ehemaligen Professor darauf angesprochen. „Weil du der einzige bist, Weasley, der mich nicht mit dummen Fragen nervt", war die Antwort gewesen. Natürlich hatte sich Charlie darüber gewundert, dass er stellenweise verhältnismäßig offen gewisse Dinge mit dem Professor erledigt hatte, doch er hatte nie eine Antwort darauf bekommen.
Charlie Weasley war einer der wenigen, nach Dumbledore, denen Snape aus dem Orden traute. Er konnte nicht sagen wieso, aber es imponierte ihm, dass der Junge Rückgrat besaß. Natürlich hatte auch er ihn gefragt, warum er für Voldemort so offen agierte. Snape hatte ihm keine Antwort gegeben. Nur Dumbledore wusste, dass der finstere Mann ein Doppelagent gewesen war. Nach Voldemorts Rückkehr hatte Snape ihn nur beruhigen können, indem er dem Dunklen Lord angeboten hatte, für ihn den Orden auszuspionieren. Voldemort hatte ihm zwar vordergründig getraut und ihn wieder in die Reihen der Todesser aufgenommen, dennoch bedurfte es schließlich Lucius' Fürsprache, dass sich Voldemort auf das Spiel einließ. Der Dunkle Lord hatte geglaubt, dass der Zaubertränkemeister auf der dunklen Seite stand. Es war für Voldemort sehr nützlich, im Orden einen Spion zu haben. So war es unabdingbar, dass Snape sich gelegentlich an der Seite des Ordens zeigen musste, ansonsten wäre Voldemorts Misstrauen geweckt gewesen. Zugegebenermaßen war es ein riskantes Spiel gewesen, aber durch den Mord an Dumbledore war letztendlich alles Misstrauen wie weggewischt gewesen.
Für Charlie war es ein schwerer Schlag gewesen, als er geglaubt hatte, dass Snape sie alle getäuscht hatte. Als schließlich die Wahrheit ans Licht gekommen war, war er überaus erleichtert gewesen. Jetzt, wo er Snape nach der vergangenen Zeit wieder sah, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen und prostete dem finsteren Professor sogar zu. Bei Malfoy musste er sich zusammen reißen. Er konnte den Mann nicht leiden, aber er wollte zumindest versuchen ihn zu respektieren.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass noch eine Viertelstunde bis zu seinem Treffen mit Hermine Zeit war. Doch Neville begann gerade von sich zu erzählen und er vermutete, dass der junge Mann das nicht oft tat. Er wusste, Hermine hätte dafür vollstes Verständnis, und wäre ihm nicht böse, wenn er sich eine halbe Stunde verspäten würde.
„Ich will dich auch gar nicht langweilen", sagte Neville gerade. Er hatte das Gefühl, dass sein Gegenüber nicht mehr zu hörte. Natürlich bezog er das gleich auf sich.
„Nein, nein, Neville", versuchte ihn der Ältere auch sogleich zu beruhigen. „Du langweilst mich nicht. Ich weiß, wie es ist, wenn man zwar Freunde hat, aber über bestimmte Dinge nicht mit ihnen reden kann."
Neville sah seinen Gegenüber zweifelnd an. „Wir sprechen von der gleichen Person? Der beliebte Charlie Weasley? Begnadeter Sucher und ehemaliger Trainer der Gryffindorquidditchmannschaft? Berühmter Drachenbezwinger und angesehenes Ordensmitglied?"
Charlie grinste schief. „Genau der. Aber sag mal, warum bist du denn grad so nervös geworden?"
Hektisch sah Neville zu den beiden Hogwartsprofessoren herüber, die sich angeregt zu unterhalten schienen. „Naja, er macht mir halt Angst", flüsterte er.
„Wer?"
„Professor Snape."
„Severus? Aber warum macht der dir Angst? Zugegeben, er ist nicht grad eine Frohnatur. Er kann sehr zynisch sein und wirkt auf die meisten eher unsympathisch. Und er hat einen sehr eigenen Humor, aber eigentlich ist er schon in Ordnung. Du darfst dir halt nicht alles von ihm bieten lassen."
Neville hatte mit wachsender Bestürzung zugehört. „Der… der ist böse und sadistisch… gemein und er liebt es, andere fertig zu machen."
Charlie lachte. „Er ist nicht böse. Nicht wirklich. Auch wenn er es einem manchmal ziemlich schwer macht, ihn zu mögen, so hat er letztendlich doch das Herz am rechten Fleck. Man muss nur zwei Mal hinsehen… Sieh mich nicht so zweifelnd an. Biete ihm Widerstand und lass dir nicht alles gefallen. Du wirst sehen, dass er dann recht umgänglich ist."
Noch immer skeptisch spielte Neville mit seinem Glas. Er schien darüber nachzudenken, was er gerade erfahren hatte, doch noch etwas anderes bewegt ihn. „Darf ich dich mal was fragen?"
„Aber natürlich." Der Ältere orderte zwei neue Butterbier.
„Woher weiß man, dass eine Frau die Richtige ist?"
Charlie seufzte tief. „Das kann man nie zu einhundert Prozent sagen, glaub ich. Man entwickelt sich ja weiter mit der Zeit. Vielleicht hat man Glück und die Entwicklung geht in dieselbe Richtung, aber manchmal entwickelt sich der eine nach links und der andere nach rechts. Daher gibt es eigentlich kein Patentrezept für die perfekte Partnerschaft. Aber ob die Frau aktuell die Richtige ist, das spürst du daran, dass sich dein ganzes Fühlen, Denken, ja dein Inneres Sein auf sie einstellt. Wenn du abends zu Bett gehst, ist sie dein letzter Gedanke. Und wenn du morgens aufstehst, ist sie dein Erster. Dein Herz rast und du hast das Gefühl, jeden Tag mit ihr beginnen zu wollen. Deine absolute Horrorvorstellung ist es, irgendwann einmal ohne sie zu sein. Du willst sie beschützen, mit allem was du hast." Charlie lächelte verträumt.
Neville biss sich nervös auf die Lippen. Er hatte eine Frage, und doch traute er sich nicht, sie zu stellen.
„Ja, ich habe es erlebt", beantwortete der Ältere sie.
„Und… ist sie…?", fragte Neville vorsichtig.
„Sie ist tot. Ermordet von ein paar Todessern. Ich … ich musste mit ansehen, wie sie sie gefoltert haben und dann … getötet. Ich konnte nichts tun. Aber seitdem sehe ich vieles anders, nicht mehr so eng. Ich… habe sie wirklich geliebt und-" Er brach ab. Die Erinnerung war zu schmerzhaft. Auch wenn Atlantis' Tod ein paar Jahre zurück lag, so hatte er ihn nie wirklich überwunden. Doch jetzt war der falsche Zeitpunkt um zu trauen.
Dezent lenkte er das Thema in ungefährlichere Gefilde und war Neville dankbar, dass dieser dies zuließ. Sie redeten wieder über Nevilles Arbeit, über die von Charlie, über die Schulzeit und schließlich über die gemeinsamen Freunde und Bekannte.
„und die einzige, die daran glaubte war Hermine."
Charlie sah auf die Uhr. Mittlerweile war es kurz nach halb vier und länger wollte er Hermine nicht warten lassen. „Sorry, Neville, aber es ist schon halb vier. Hermine wartet sicher schon ungeduldig. Wir müssen los", rief er und winkte Madam Rosmerta zum bezahlen.
Auch Lucius Malfoy und Severus Snape waren gerade im Begriff zu gehen. Sie wollten noch in den Kerker, da Snape Malfoy ein Buch geben wollte.
Madam Rosmerta ließ sich Zeit und Charlie wurde langsam ungeduldig. Doch schließlich hatten sie bezahlt und drängten hinaus in die Kälte. Der Wind war noch kälter geworden. Scheinbar sollte es dieses Jahr schon im November anfangen zu schneien. Mehr beiläufig bemerkte Charlie, dass die beiden Professoren aus einer dunklen Gasse traten. Als sie selbige passierten, warf er einen kurzen Blick rein, doch nichts war zu sehen.
Als sie das Dorf hinter sich gelassen hatten und begannen, den Hügel, auf dem Hogwarts stand, zu erklimmen, sahen sie die beiden Männer stehen blieben. Malfoy gestikulierte wild und Snape lachte entspannt. Irritiert runzelte Charlie die Stirn. Nie hatte er Snape so locker gesehen.
Als die beiden Professoren die anderen beiden Männer bemerkten, drehten sie sich zu ihnen um, und Snape wurde wieder deutlich reservierter. „Mr. Longbottom", schnarrte er zu Neville, der verängstigt stehen geblieben war. „Wenn Sie da stehen bleiben, haben Sie wieder nur meine Körpermitte in Sicht. Sollte ich mir eventuell Gedanken machen?"
Malfoy grinste ungeniert und starrte Neville neugierig an. „Nehmen Sie es Severus nicht übel", meinte er lässig. „Er scheint ein wenig … unterfordert zu sein."
Besagter Mann warf ihm einen bösen Blick zu. „Wenn hier einer unterfordert ist, dann eindeutig du… Luc. Vielleicht solltest du mal wieder in die Nokturngasse gehen?"
Malfoy warf ihm einen warnenden Blick zu. Snape verstand und nickte.
„Severus?", fragte Charlie. Der Angesprochene drehte sich zu ihm um. „Hast du einen kurzen Moment für mich?" Er sah, wie Snape Malfoy einen fragenden Blick zu warf, den dieser mit einem knappen Nicken beantwortete.
Charlie wandte sich an Malfoy. „Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie jetzt zu Hermine gehen? Könnten Sie Hermine bitte ausrichten, dass ich noch kurz etwas mit Severus zu besprechen habe? Ich komme sofort."
Nach einem schnellen Blick auf Snape nickte Malfoy und grinste schließlich. „Natürlich… Charlie", zwitscherte er. „Mr. Longbottom, was stehen Sie da so rum? Folgen Sie mir."
Mit einem aufmunternden Lächeln nickte Charlie Neville zu, so dass dieser schließlich Lucius folgte.
„So, so, Longbottom", begann der blonde Zauberer ein Gespräch. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie sich nun auch beruflich mit der magischen Pflanzenwelt beschäftigen."
„Ja … Mr. Malfoy, ich… also, es… es liegt mir", stotterte Neville nervös.
„Nun seien Sie nicht so nervös, ich reiße Ihnen schon nicht den Kopf ab. Erzählen Sie mir lieber von Ihrer Arbeit", meinte Malfoy ungeduldig.
Während Neville mit Lucius Malfoy zum Schloss hochging, wartete Charlie bis die beiden außer Hörweite waren. Dann drehte er sich zu Snape um und lächelte. „Lang nicht mehr gesehen", meinte er.
Für einen kurzen Moment sah Snape den beiden Männern nach, die zum Schloss hochgingen, dann wandte er sich zu Charlie um. „Wie lange?"
Charlie zuckte mit den Schultern. „Vier, fünf Jahre?"
„In der Tat… eine lange Zeit", erwiderte Snape. „Und weshalb wolltest du mich sprechen?"
Der junge Weasley lächelte. „Der alten Zeiten wegen. Ich wollt hören, wie es dir geht." Snape zog eine Augenbraue hoch, so dass sich Charlie beeilte noch etwas hinterher zu setzen. „Ich weiß, wir waren nie die besten Freunde, aber als wir zusammen im Orden waren, habe ich dich besser kennen gelernt. Unsere gelegentlichen ‚Ausflüge' haben mir gezeigt, dass mehr hinter dir steckt, als du immer zu zeigen bereit bist. Wie oft hast du mir schon den Arsch gerettet? Das verbindet … irgendwie."
„Ach", entgegnete Snape nur.
„Naja", fuhr Charlie fort. „Als ich dann erfahren habe, dass du Albus getötet hast, war ich entsetzt. Ich wollte mich bei dir entschuldigen, dass ich wirklich all das Schlechte von dir angenommen habe, was damals über dich im Umlauf war." Er grinste schief. „Sag nichts. Ich weiß, dass du das nicht von mir erwartest. Und nur die Tatsache, dass wir uns duzen, noch lange nicht aussagt, dass du irgendwelche freundschaftliche Ansprüche hegst. Ich weiß, dass du immer den Scheißkerl raushängen lässt, aber … Severus, ich mag dich auf irgendeine Art und Weise. Und auch wenn du das nicht nachvollziehen kannst, so wollte ich mich dennoch bei dir entschuldigen. Es ist mir irgendwie wichtig. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil wir letztendlich doch auf der gleichen Seite stehen?" Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht."
Snape entgegnete lange Zeit nichts, sondern sah Charlie nur nachdenklich an. Dann huschte sein Blick wieder zum Schloss, doch Lucius und Neville waren nicht mehr zu sehen. Er schien etwas sagen zu wollen, doch Charlie unterbrach ihn. „Bevor du mir jetzt einen deiner typischen ‚Halt-die-Klappe-und-komm-mir-bloß-nicht-zu-nahe'- Bemerkungen ablässt, sag lieber nichts."
Snape schloss kommentarlos den Mund und schluckte. „Danke", sagte er schließlich. „Wolltest du dich nicht um drei mit Hermine treffen?"
Charlie nickte. „Ja, aber Neville hatte noch etwas auf dem Herzen und gerade Hermine wird dafür Verständnis haben. Freundschaften sind ihr immer wichtig gewesen. Daher find ich diese Entfremdung zwischen ihr und Harry so schade. Ok, Ehen können in die Brüche gehen, aber Ron sieht das ähnlich wie sie. Er hegt keinen Groll. Naja, die Tatsache, dass sie sich mit Malfoy eingelassen hat, muss er schon erstmal verdauen. Aber ich glaube, das müssen wir alle, nicht wahr?" Er lachte nervös.
„Warum?", fragte Snape.
„Ja ich weiß, er ist dein Freund. Aber … ich mein, er ist Todesser-"
„Das bin ich auch."
„Nein, du warst schon lange keiner mehr. Du hast doch auf unserer Seite gekämpft. Vielleicht warst du es zu Anfang, aber… Dumbledore hat dir vertraut, wir hätten es auch tun sollen."
Snape nickte nachdenklich. „Vielleicht solltet ihr Lucius eine Chance geben? Ihr stempelt ihn von vorneherein ab, ohne dass er die Chance hat sich zu erklären. Er meint es ernst mit Hermine. Er liebt sie und er hat sich geändert. Verdient nicht jeder eine zweite Chance?"
Charlie sah den Zaubertränkeprofessor irritiert an. „Ich muss gestehen, ich habe nicht damit gerechnet, dass du so etwas sagst."
Snape grinste schräg. „Warum nicht?"
„Naja, ich weiß auch nicht. Es passt irgendwie nicht zu dir."
Wieder zog Snape eine Augenbraue hoch. „Und warum nicht? Glaubst du, ich sei zu Freundschaft nicht fähig?"
„Doch, doch", beeilte sich Charlie. „Aber trotzdem verwundert es mich irgendwie. Du und Malfoy, ihr-"
„Wir beide sind mehr miteinander verbunden, als ihr alle annehmt", unterbrach Snape ihn. „Worüber willst du mit Hermine sprechen?"
Charlie zuckte mit den Schultern. „Über ihr Leben. Über Ron. Über Malfoy. Wir werden es sehen."
Snape nickte. „Und wie stehst du zu der Beziehung zwischen Lucius und Hermine?" Er registrierte eine einsame Person, offenbar eine Schülerin, die sich ihnen langsam näherte.
Charlie dachte lange nach. „Ich hab da noch irgendwie keine Meinung zu. Im Prinzip soll jeder tun, was er will, solange es ihn glücklich macht. Wenn Malfoy Hermine wirklich liebt, und sie ihn, dann… Naja, er ist halt nicht der Mann, den ich gern an ihrer Seite sähe. Am liebsten wäre es mir, wenn sie und Ron wieder zusammenfinden könnten, aber ich glaube, das ist endgültig zu Ende. Wenn sie als mit Malfoy glücklich ist, dann soll sie ihn sich nicht ausreden lassen. Ich werde mich schon irgendwie mit ihm arrangieren. Aber sobald ich merke, dass er ihr nicht gut tut, dann kann er was erleben. Hermine ist wie eine kleine Schwester für mich."
Snape nickte nachdenklich. „Sie kann froh sein, jemanden wie dich als Freund zu wissen", sagte er schließlich langsam.
„Ich hab mir immer einen Stall voll Schwestern gewünscht", grinste Charlie. „Zu Ginny habe ich auch einen guten Draht. Deswegen tut es mir ja auch so leid, dass sie und Hermine sich entfremdet haben. Aber wer weiß, vielleicht kann ich da ja vermitteln?"
Snape zuckte mit den Schultern. „Sollten Mr. und Mrs. Potter und dein Bruder nicht alt genug sein, das allein auf die Reihe zu bekommen?"
Charlie lachte. „Du kennst doch die Jugend von heute, Severus. Oder haben sich deine Schüler so verändert?"
Snape schmunzelte.
„Lass uns zurück ins Schloss gehen, Hermine wartet und außerdem wird mir kalt." Demonstrativ rieb sich der Jüngere die Hände.
Snape nickte.
