Kapitel 55 – Die schöne Erkenntnis
Was täten wir
nicht für die Liebe?
Ich würde einen
Berg ersteigern, wenn es sein müsste,
und mein Leben
riskieren, um dich zu besitzen
„For my Lover", von:
Tracy Chapman
In ihrer Wohnung wartete Hermine derweil darauf, dass ein Hauself ihr die Ankunft von Charlie ankündigte. Sie war nervös, da sie nicht wirklich sagen konnte, wie das Gespräch verlaufen würde. Sie hatte Charlie immer schon gerne gemocht und ihn als Persönlichkeit geschätzt. Wenn sie sich trafen, meist zu festlichen Anlässen der großen Weasleyfamilie, fühlte sie sich ernst genommen und vor allem behandelte er sie nicht wie ein kleines Mädchen. Das hatte ihr immer imponiert. Sie fühlte sich gleichgestellt.
Der Zeiger der Uhr wanderte unerbittlich weiter. Es wurde viertel nach drei, es wurde halb vier. Hermine begann langsam unruhig zu werden. Sie traute Charlie nicht zu, dass er sie einfach sitzen lassen würde. Wenn er etwas versprach oder zusagte, dann hielt er sich auch dran. Nur wichtige Gründe würden ihn davon abhalten, sein Versprechen zu brechen und ein Treffen zu vergessen.
Aus Ermangelung an Beschäftigung begann Hermine ihre Garderobe für den, am Abend stattfindenden, Halloweenball zusammenzusuchen. Sie wählte ein langes schwarzes Kleid, welches aus dem Einkauf mit Lucius stammte und legte dazu passende schwarze Schuhe hin. Lucius hatte gesagt, er wisse nicht, ob er genug Beherrschung an den Tag legen könne, um sie nicht sofort an Ort und Stelle zu vernaschen.
Bei dem Gedanken an ihren Liebsten musste sie Schmunzeln und ein glückliches Lächeln stibitzte sich auf ihre Lippen. Hätte ihr jemand noch vor ein paar Monaten gesagt, sie fühle sich wieder rundum glücklich, sie hätte gelacht. Noch dazu bei dem Gedanken an Lucius Malfoy. Das Leben ging oft seltsame Wege, dennoch bereute sie keinen einzigen Tag, den sie mit dem mächtigen Zauberer verbringen durfte.
Der Zeiger überschritt vier Uhr und wanderte unerbittlich auf halb fünf zu. Hermine gestattete sich einen Moment der Enttäuschung. Aber dann lächelte sie wieder. Vielleicht war Charlie etwas dazwischen gekommen? Aber in dem Falle hätte er bestimmt eine Eule geschickt. Vielleicht war etwas in letzter Minute dazwischen gekommen? Vielleicht war etwas mit Ginny? Vielleicht war es endlich so weit und das Baby kam. Hermine erinnerte sich kurz. Ja, gegen Halloween hatte Ginny gesagt. Sie erinnerte sich noch an die Witze, die das Datum nach sich zog.
Als sie schließlich eineinhalb Stunden gewartet hatte, gab Hermine es auf. Sie raffte ihre Ballgarderobe zusammen und machte sich auf den Weg zu Lucius' Wohnräumen. Er hatte sie gebeten, dort auf ihn zu warten, damit sie gemeinsam zum Ball gehen konnten.
Malfoy war in der Eingangshalle noch von Minerva aufgehalten worden. Als er sich schließlich hatte loseisen können, eilte er nach oben. Er wollte gerade um die Ecke biegen, als er jemand an die Wohnungstür klopfen hörte. Vorsichtig sah er um die Wand und erblickte Hermine, die auf Einlass wartete. Als ihr nicht geöffnet wurde, hörte er sie „Leochares" sagen und die Tür schwang nach außen, um sie einzulassen.
‚Leochares', wiederholte der Magier in Gedanken und drehte sich um, um sich wieder zügigen Schrittes nach unten zu begeben.
Die junge Hexe sah sich im Raum um und blickte verträumt auf das große Sofa. Es roch nach Lucius, es sah nach Lucius aus und es fühlte sich nach Lucius an. Lächelnd trat sie auf eben jene Liegestätte, auf der sie sich schon oft geliebt hatten, zu und strich mit den Fingern sanft über die Lehne. Sie legte das Kleid auf das Sofa und zog sich langsam an, so als wäre Lucius anwesend und sähe ihr dabei zu. Dann schritt sie in das große Badezimmer und wollte unter die Dusche springen. Gern hätte sie ein Vollbad genommen, doch sie befürchtete, dass dafür nicht mehr genug Zeit blieb, schließlich begann der Ball bereits um sechs Uhr.
Der Anblick der Badewanne trieb ihr wieder die Röte ins Gesicht. Auch wenn Lucius sexuell durchaus als aufgeschlossen bezeichnet werden konnte und sich seiner eigenen Nacktheit nicht schämte, so war es für Hermine doch gewöhnungsbedürftig. Sie war zwar freizügig erzogen worden, doch ihre Eltern hatte sie sehr selten nackt erlebt. Die körperliche Blöße war in ihrer Kindheit nie ein Tabuthema gewesen, aber sie wurde auch nicht offen ausgelebt, wie zum Beispiel bei den Eltern ihrer Sandkastenfreundin, die jeden Sommer mit der ganzen Familie an einen FKK- Strand fuhr.
Nachdem sie fertig geduscht war, zauberte sie sich ihre Haare trocken und passend in Form. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Es stimmte offensichtlich, dass eine glücklich verliebte Frau von einem gewissen Strahlen umgeben war. Sie zwinkerte ihrem Spiegelbild zu und durchquerte das Wohnzimmer, um sich auf das riesige Bett zu legen. Sie hatte noch eine dreiviertel Stunde Zeit. Leise lachend schloss sie die Augen und gab sich ihren Erinnerungen hin, die dieses Bett in ihr weckte.
Sie dachte an Lucius und wie er sie in diesem Bett das erste Mal in Besitzgenommen hatte. Sie dachte an Lucius und wie sie morgens oft neben ihm aufwachte. Sie dachte an Lucius und wie sie ihm das erste Mal gesagt hatte, dass sie ihn liebte. In ihrem Bauch schienen tausend mal tausend Schmetterlinge zu flattern und ihr Herz begann zu rasen, wenn sie an den blonden, attraktiven Mann dachte. Vor sich hinkichernd boxte sie auf das Kissen ein und genoss das Gefühl eines verliebten Teenagers.
‚Es ist wunderbar, nicht wahr?'
Erschrocken setzte sich Hermine im Bett auf und sah sich im Raum um. Doch sie konnte niemanden entdecken. Verwirrt legte sie sich wieder hin. Sie musste sich die Stimme, die ein bisschen höher als die von Lucius klang, nur eingebildet haben.
‚Das hast du nicht, Kleines.'
Erneut fuhr Hermine hoch. Sie hatte keinerlei Geräusche gehört. Hektisch sah sie sich um, doch der Zauberstab lag neben ihrer Kleidung. Sie stand auf, wickelte sich in die Decke und tappste vorsichtig zur Tür.
‚Hab keine Angst, ich kann dir nichts tun.'
Diese Stimme war ihr unheimlich. Sie klang freundlich und sanft, aber sie konnte niemanden sehen, weder im Schlafzimmer, noch in dem Raum vor ihr.
Sie hetzte zu ihrem Zauberstab und riss ihn abwehrend vor sich hoch. „Wer ist da?"
„Ich bin hier", sagte die Stimme sanft und Hermines Blick huschte hektisch durch den Raum. Als sie den Spiegel ansah, weiteten sich ihre Augen. Das Portrait hatte sich bewegt und zwinkerte ihr zu.
Neugierig, aber noch immer misstrauisch, trat Hermine näher und betrachtete die gemalte Ausgabe Lucius'. „Ich dachte, Sie sind ein Spiegel", meinte sie schließlich.
Dieser lachte. „Duz mich ruhig, Kleines. Ich denke, ein distanziertes Verhältnis wäre unangebracht."
„Ähm", entgegnete Hermine nur. „Ich will ja nicht unhöflich sein, aber ich habe bislang nur mit Portraits gesprochen. Und… die gemalten Personen sind alle irgendwie … tot."
Wieder lachte der Spiegel. „Und der Mann, den ich darstelle, ist noch äußerst lebendig, nicht wahr, Kleines?"
Hermine konnte es nicht verhindern, dass ihre Gedanken zu ihrem letzten Liebesspiel flogen. Sie wurde über und über rot. „Hast du… ich meine… Siehst du zu?"
„Würde es dich stören?" Neugierig rückte die Person im Bild näher.
„Ähm."
Es lachte. „Nein, ich kann es nicht sehen. Ich kann es nur hören. Aber sei unbesorgt, in solchen Momenten besitze ich durchaus Taktgefühl und stelle mich taub." Der Mann im Bild blickte nach oben und drehte unschuldig Däumchen.
Hermines Blick fiel auf das Sofa. „Und da…?", fragte sie schüchtern.
„Daskann ich sehen", grinste der Spiegel. „Und was ich sehe gefällt mir. Ich meine, der lebende Lucius hat einen ziemlich knackigen Hintern. Es ist ein Genuss." Mit einem wehmutsvollen Blick sah es hinter sich.
„Bei Merlin", murmelte Hermine und bedeckte sich mit einer Hand die Augen.
„Keine falsche Scham, Kleines", lachte der Mann wieder. „Wie wäre es, wenn du dich anziehst und dir dann ein Tässchen Tee bestellst? Ich warte schon lange auf die Gelegenheit mit dir zu plaudern."
„Ähm", machte Hermine wieder nur einfallslos.
„Ich schließ auch die Augen und verspreche nicht zu blinzeln", zwinkerte der Spiegel.
Schnell huschte Hermine zum Sofa und nach einem Blick über die Schulter, der Mann hatte tatsächlich Wort gehalten und blinzelte nicht, beeilte sie sich, ihr Ballkleid überzuziehen. Als sie in die Schuhe geschlüpft war und legte sie noch ein dezentes Make-up auf und drehte sich zu dem mysteriösen Gegenstand um.
Das Bild betrachtete sie wohlwollend. „Sehr hübsch", lächelte es. „Ich muss schon sagen, mein reales Ich hat Geschmack. Dreh dich mal."
Hermine musste grinsen. Die Situation war absurd. Sie stand vor einem portraitähnlichen Spiegel, dessen Bild quicklebendig in der Natur rum lief und unterhielt sich gerade über ihr Aussehen. Keck drehte sie sich und Knickste. „Ist alles zu Eurer Zufriedenheit, Eurer gemalter Gnaden?"
Das Bild lachte laut und melodisch auf. „Aber natürlich, Mylady", scherzte es. „Und nun setz dich zu mir." Es machte eine einladende Handbewegung.
Hermine zog einen Stuhl heran und zauberte eine Tasse Tee hervor. „Luc hat zwar gesagt, dass er mit dir reden kann, aber ich wusste nicht, dass auch ich das kann", meinte sie schließlich und beobachtete … ‚das Ding' (sie wusste keine bessere Bezeichnung).
Es lächelte. „Das hat er dir gesagt?" Dann zog der Mann in dem Bild einen Stuhl aus dem Hintergrund heran und setzte sich ebenfalls. Die langen blonden Haare fielen ihm dabei lässig über die Schulter und Hermine fiel auf, dass sogar der Siegelring nicht fehlte. „Eigentlich wäre das auch nicht möglich", sagte er schließlich geheimnisvoll.
Die junge Hexe zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Und warum können wir uns dann unterhalten?"
Der Mann überlegte, wobei er den Kopf leicht schräg legte, genauso wie es der reale Lucius immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. „Nun…. Du kannst dich doch an den Abend erinnern, an dem du das erste Mal hier warst?" Hermine nickte. „Du hast über mein Alter, bzw. das des Rahmens, nachgedacht und bist mit dem Finger über das Glas gefahren."
Wieder nickte Hermine. „Dann bekam Luc einen Schwächeanfall und ich bin zu ihm hin und-"
„Und hast eine Verbindung zwischen mir und ihm geschaffen", bestätigte der Spiegel.
„An der Stelle, an der ich dich berührte habe, war dann plötzlich der Stoff verbrannt und deine Haut welk." Erinnerte sie sich weiter.
Der Mann nickte und neigte einen Kopf ein wenig, wobei er den Stoff, der seinen Hals bedeckte, zurückzog. Hermine erkannte eine verblasste Brandspur auf der Haut. „Aber wie…?", keuchte sie.
„Das, Kleines, ist ein Teil des Schmerzes, den Luc tief in sich empfindet. Durch deine Reinheit hast du uns miteinander verbunden. Dein… Körper war sozusagen Träger." Gierig sah er auf sie herab.
Die Hexe konnte sich den Blick nicht erklären. Er war so schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war, dass sie dachte, sie hätte sich die Sehnsucht und das Verlangen nur eingebildet.
„Als du mit den Fingern, die über das Glas strichen, deine Lippen berührt hattest, hast du eine Vereinigung zwischen uns geschlossen, die es mir möglich macht, nun auch mit dir zu agieren", dozierte der Mann im Bild.
Hermine nickte ungläubig. „Ah", entfuhr es ihr wieder.
„Du bist gelegentlich sehr wortkarg", schmunzelte es. „Dabei habe ich gehört, dass du zu den gebildeten Hexen gehörst."
Überrascht sah Hermine auf. „Woher?"
Der Mann winkte ab. „Ich wandere manchmal durch die anderen Portraits, da bekommt man da ein oder andere mit."
„Ich habe dich noch nie gesehen."
„Wenn ich diesen Spiegel verlasse, verändere ich meine Gestalt. Niemand erkennt mich dann. Warum das so ist, kann ich dir leider nicht sagen. Vielleicht findest du es irgendwann raus?"
Hermine zuckte mit den Schultern. Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Lucius' Spiegel war ihr sympathisch, andererseits war sie äußerst misstrauisch, nachdem, was mit Ginny passiert war, als sie von Riddles Geist besessen gewesen war.
Wieder lächelte der Mann im Portrait freundlich. „Erzähl mir ein wenig von dir und deiner Vergangenheit. Ich möchte dich kennen lernen", forderte er sie auf.
Sie nippte an ihrem Tee. „Ich heiße Hermine Jane Weasley und bin 21 Jahre alt-" Sie wurde von einem leisen Lachen unterbrochen. „Was ist?", fragte sie.
„Du fängst an, als würdest du in einer Straftäterkartei registriert werden wollen."
Sie schmunzelte. „Du hast gesagt, ich soll mich vorstellen."
„Entspann dich, Kleines, hier tut dir niemand was", grinste der Mann. „Was bedeutet Hermine?"
Eben jene verdrehte die Augen. „Das wurde ich schon oft gefragt. Es ist nicht gerade ein häufiger Name."
„Wenn ich in den Untiefen meines geerbten Wissens krame… Ist Hermine nicht die weibliche Form von Hermann? Es gibt einige bekannte Männer. Hermann Hesse oder Hermann Göring. Ein althochdeutscher Name, gebildet aus ‚Heer' und ‚Mann', eben ein Heeresmann, ein Krieger. Bist du eine kleine Kriegerin, kleine Hermine?"
Auch wenn sie sich wie ein kleines Kind behandelt fühlte, so musste Hermine doch lachen. „Ich bin eine Gryffindor, wir sind alle kämpferisch veranlagt. Aber in diesem Fall ist das einfach eine Form von Hermione. Meine Mama hat während der Schwangerschaft Shakespeares-"
„Ah, der gute alte William."
„-Wintermärchen gelesen und fand diesen Namen so außergewöhnlich, dass sie ihr Kind, sollte es ein Mädchen werde, so heißen solle. Mein Vater dagegen fand, dass ein Kind mit so einem Namen mehr als gestraft genug sei, so ist es Hermine geworden."
Der Mann im Spiegel nickte verstehend.
„Meine Eltern sind beide Zahnärzte-"
Der Spiegel unterbrach sie. „Eine Muggelgeborene."
Sofort versteifte sich Hermines Haltung. „Ja, ich bin eine Muggelgeborene. Hast du damit ein Problem?"
„Aber nicht doch." Er hob abwehrend die Hände. „Muggel sind interessante … Wesen. Es ist beeindruckend, wie so eine … unterentwickelte Rasse so weit gekommen ist."
„Unterentwickelte Rasse?", wiederholte Hermine wütend.
„Nun, sie können nicht Zaubern. Wie kommen sie im Leben klar? Indem sie Autos erfunden haben oder sonstige, durchaus nützliche, Gegenstände. Es ist bewundernswert."
Hermine sah ihn misstrauisch an. „Du bist ein Spiegel. Woher kennst du Autos?"
Der Mann im Spiegel zuckte mit den Schultern. „Ich bin aus Lucius erschaffen worden. Was er kennt, kenn auch ich…"
„Wann genau bist du entstanden?"
„Einen Tag, bevor Lucius bei den Todessern aufgenommen wurde."
Hermine nickte bestätigend. Scheinbar war der Spiegel mit dem Wissen und Denken von Lucius Malfoy entwickelt worden, als dieser noch überzeugter Todesser war. „Hör zu", meinte sie schließlich. „Wäre es vielleicht möglich, wenn du solche abfälligen Kommentare in Zukunft einfach unterlassen könntest?"
Er nickte, aber Unverständnis war aus seiner Stimme zu hören. „Es war alles andere als abfällig gemeint, kleine Hermine. Im Gegenteil. Ich wollte ein Lob auf den Erfindungsreichtum dieser R… der Muggel aussprechen. Sei mir nicht böse, bitte." Dabei sah er sie mit einem Hundeblick an, dem Hermine nicht widerstehen konnte. „Also gut. Zweite Chance", sagte sie gespielt großmütig. „Also reiß dich zusammen."
Das Portrait salutierte. „Jawohl, Mylady." Dann grinste es verschmitzt. „Erzähl mir von den Männern vor Lucius."
Nun wurde Hermine rot. „Da gibt's nicht viel zu erzählen…", versuchte sie zu flüchten.
Doch der Spiegel ließ sie nicht. „Erzähl mir nicht, dass Lucius dein erster Mann ist. Er hat noch nie Gefallen an Jungfrauen gefunden… Wobei, ich verstehe was ihn an deiner Unschuld fasziniert."
Hermines Wangen brannten. „Nein, er ist nicht mein erster Mann."
„Gut. Alles andere hätte mich jetzt verwundert. Du bist eine sehr hübsche, junge, intelligente Frau. Die Männer liegen dir bestimmt zu Füßen."
Sie lachte. „Nein. Vor Lucius hatte ich eine kurze Affäre und war drei Jahr verheiratet."
„Na, aber hallo", kommentierte ‚das Ding' das Gehörte. „Du musst aber früh geheiratet haben."
„Mit achtzehn", bestätigte Hermine. „Eigentlich bin ich noch verheiratet. Aber wir leben getrennt."
Der Spiegellucius zog eine Augenbraue hoch und erinnerte frappant an einen bestimmten Zaubertränkemeister.
Hermine wollte etwas erwidern, doch eine, in den letzten Tagen bekannt gewordene, Übelkeit kroch langsam ihre Kehle hoch. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und sah sich hektisch um.
„Oh, oh", machte der Spiegel. „Da vorne ist ein Mülleimer." Es zeigte in eine Ecke.
Hermine stürzte hin und übergab sich ausgiebig. Als ihr Magen schließlich komplett leer zu sein schien, setzte sie sich auf und lehnte den Kopf gegen die Wand. Minuten vergingen, bevor sie mit einem Schlenker ihres Zauberstabes den unappetitlichen Inhalt verschwinden ließ und einen Reinigungszauber sprach.
„Was grinst du so", fragte sie den Spiegel matt.
„Magenverstimmung?", fragte er scheinheilig zurück.
„Ich glaube nicht. Die anderen zeigen keinerlei Reaktionen auf das Essen."
Das Grinsen wurde breiter. „Wie oft kommt diese kleine … Unpässlichkeit denn vor?"
Hermine verdrehte entnervt die Augen. „In letzter Zeit ständig. Morgens, mittags, abends, nachts…"
„Na dann, herzlichen Glückwunsch."
„Was?" Schockiert riss sie die Augen auf.
„Das sieht mir alles nach einer Schwangerschaft aus. Natürlich kann ich das nicht mit einhundertprozentiger Sicherheit sagen, du solltest eventuell die Medi- Hexe zu Rate ziehen, aber… Mama Hermine", grinste es fast schon unverschämt.
Hermine konnte sich selbst ohrfeigen. Sie hatte keine Geschwister und in ihrer Kindheit war auch niemand in ihrem Familienkreis schwanger gewesen. Sie selbst war es noch nie und in der Schulzeit war sie auch niemandem begegnet, der von diesem Phänomen berichten konnte. Sie hatte Bücher gelesen, viele sogar. Zaubertränke, Verwandlung, Arithmantik, Alte Runen… Aber keine, die sich auf Schwangerschaft bezogen. Sie lehnte sich wieder an die Wand und schloss die Augen.
Schwanger…
Sie hatte sich Kinder gewünscht, aber bis dahin wollte sie erst noch ihr Leben genießen. Kinder waren zu dem jetzigen Zeitpunkt noch nicht eingeplant gewesen.
Sie trug Lucius' Kind unter dem Herzen…
Was würde er sagen, wenn er von dem neuen Erdenbürger erfuhr? Wäre er wütend, weil ihn alles an Draco erinnern würde? Wollte er überhaupt weitere Kinder?
In neun Monaten würde sie Mama sein…
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie erwartete ein Kind von dem Mann, den sie liebte. Auch wenn sie sich nicht vollkommen sicher war, dass er Nachwuchs wollte, so hatte sie ihn immer liebevoll von Draco sprechen hören. Bestimmt würde er sich genauso auf das Kind freuen wie sie. In Gedanken sah sie sich auf Malfoy Manor. Sie und Lucius waren Eltern eines strammen Sohnes. Stolz würden sie sich über die Wiege beugen. Sie würde das Kleine auf die Arme nehmen und sich an Lucius kuscheln, der glücklich auf seine kleine Familie herab sah…
„Freust du dich?", hörte sie den Spiegel leise fragen.
„Ich weiß nicht… Ich glaube … irgendwie schon", antwortete sie und schlug die Augen auf. Ihre Blicke begegneten sich. Beide lächelten.
„Es ist kurz vor sechs. Du solltest dich langsam auf den Weg in die Große Halle machen", erinnerte sie der rätselhafte Spiegel.
„Aber, Lucius war noch gar nicht hier", protestierte sie.
„Er wartet bestimmt unten in der Halle. Lauf und verkünde die frohe Nachricht. Ich bin sicher, du wirst ihn sehr glücklich machen."
Hermine grinste keck. „Stimmt, er sollte schnellstens erfahren, dass er Papa wird."
Begriffe:
-
Leochares: griechischer Bildhauer
-
frappant: auffallend, überraschend
Anmerkung:
Hermine weiß nicht, dass Harry und Ginny mittlerweile Eltern geworden sind. Das wollte Charlie ihr persönlich sagen.
Ihr habt keine Badewannenszene überlesen, ich wollte, als ich es erwähnte, lediglich ausdrücken, dass ich gar nicht die Möglichkeit habe, ausführlich auf jeden Tag der beiden (Hermine und Lucius) einzugehen. Aber vielleicht hol ich so einen Badespaß noch nach?
Seufz, ich bereue es, Hermine geschrieben zu haben. Bei Hermione hätte ich jetzt wunderbare Wortspielchen einfügen können.
