Kapitel 56 – Der dritte König
An sich ist nichts
weder gut noch böse;
das Denken macht es
erst dazu.
William Shakespeare
Rückblick 1996
Der Dritte König
Vor ein paar Jahrhunderten glaubten Nichtmagische Menschen, dass Hexen mit übersinnlichen Kräften ausgestattet und mit dem Teufel im Bunde waren. Diese Hexen nutzten ihre Magie, um den Muggeln, wie die nichtmagischen Menschen umgangssprachlich genannt werden, zu schaden und ihnen Böses zu wollen. In dieser Zeit, der Zeit des Mittelalters, wurden diese Frauen, selten Männer, verfolgt, der Hexerei angeklagt und verurteilt. Oftmals reichte es aus, allein der Hexerei angeklagt zu werden. So war es einem Muggel möglich, seinen Nachbarn dieser ‚Abart' zu beschuldigen, nur weil er ihn nicht mochte. Es wurden Proben durchgeführt, die die Beschuldigte überführen sollte. So wurde eine so genannte Hexe gefesselt in einen Bach geworfen. Trieb sie auf dem Wasser, war sie eine Hexe und wurde ermordet. Ging sie unter, galt sie als unschuldig, war aber in der Regel dennoch tot. Bis in die früher Neuzeit kam es zu Verbrennungen von Hexen, die eben jenem Verbrechen überführt worden waren, und nur wenige konnten der Maschinerie Inquisition entkommen.
War denn tatsächlich eine wirkliche Hexe unter den Beschuldigten, so konnte sie sie sich durch einen falschen Tod retten. Sie täuschte ein qualvolles Leiden vor, um dann später zu apparieren, und unter einem anderen Namen woanders weiterzuleben.
Mit dem Teufel war damals keine von ihnen im Bunde. Er tauchte erst im 20. Jahrhundert auf. Ein Beelzebub in der Gestalt eines Mannes, dessen Namen die magische Welt in Angst und Schrecken versetzte. Mit seiner Terrorherrschaft schaffte er es, einen Großteil von Anhängern unter seine Herrschaft zu bringen. Sie raubten, plünderten, mordeten. Niemand konnte sich ihnen in den Weg stellen. Nicht einer. Die, die es versuchten, erlitten einen qualvollen Tod.
Erst ein kleiner Junge, nicht älter als achtzehn Monate, schaffte es vor fünfzehn Jahren ihn, dessen Name sich keiner zu nennen traut, zu vertreiben. Ein Baby, dessen Name um die Welt ging: Harry Potter. Er besiegte für uns den Unnennbaren und schaffte seither einen Mythos als Widersacher der dunklen Seite. Er war es ebenso, der behauptete, dass der dunkelste aller Magier wieder zurückgekehrt sei. Niemand glaubte ihm, erst als Fudge letzte Woche verkündete, Er, dessen Name nicht genannt werden darf, sei tatsächlich wiedergekehrt, geriet die Welt ein zweites Mal aus den Fugen. Die Entwicklung zweier Männer wird nun mit Argusaugen betrachtet. Einerseits die des Bösen, andererseits die des Guten.
Das personifizierte Böse ist bekannt. Schon einmal mussten wir seinen Terror elf Jahre lang ertragen, wir wissen was auf uns zukommt. Er ist ein Größenwahnsinniger, der die Welt beherrschen will. Er ist die Konstante, mit der wir rechnen können. Er ist der Erste Mann, den es zu besiegen gilt. Der Zweite Mann, sein direkter Widersache, muss von uns unterstützt werden. Wir müssen alles uns nur Erdenkliche möglich machen, um den Zweiten Mann, Harry Potter, in seinem Kampf gegen den Teufel zu stärken.
Der Unnennbare hat es geschafft, er ist wieder in aller Munde, und erneut zittert die britische Zaubereigesellschaft, gelähmt und unfähig, blockiert und vollkommen verängstigt.
Und während wir uns auf diese beiden Männer konzentrieren, entgeht und der Aufstieg eines weiteren Mannes der Dunkelheit. Er nennt sich selbst ‚Cesare Borgia' und steht im krassesten Gegensatz zum gefürchteten dunklen Magier.
Die meisten von Ihnen, werte Leser, werden noch nichts von ihm gehört haben. Vielleicht, weil Sie zu sehr damit beschäftigt sind, Angst vor ihm zu haben. Und doch, in der Geschäftswelt kennt man ihn.
Kennt man ihn wirklich? Nein, man kennt nur seinen Namen. Er selbst ist wie ein Phantom, unfassbar und vor allem unbenennbar. Ein niemand weiß, wer er ist. Sein Name ist ein Synonym, den Richtigen kennt niemand. ‚Cesare Borgia' war Ende des 15. Jahrhunderts, also zur Zeit der Hexenverfolgung, ein berüchtigter, italienischer Herrscher und Sohn von Papst Alexander dem VI. Er galt als grausamer und blutrünstiger Tyrann, der angeblich auch nicht vor Brudermord zurückschreckte, um sich seine eigene Macht zu sichern.
Was ist das nun für ein Mann, der sich heute ‚Cesare Borgia' nennt?
Stellen Sie sich vor, Sie sind Vater oder Mutter einer Familie, haben ein gesichertes Einkommen durch ein kleines Geschäft irgendwo in London und führen ein beschauliches Leben. Eines Tages sitzen Sie an Ihrem Schreibtisch, stehen hinter Ihrem Tresen und geben sich sonst irgendwie der geldverdienenden Tätigkeit hin. Die Sonne scheint und sie freuen sich darauf, endlich nach Hause zu ihrer Familie zu kommen.
Es ist kurz vor Ladenschluss als sie ein Geräusch aus dem Hinterzimmer hören. Vielleicht ist es Nachbars Katze, die durch ein offenes Fenster in das Hinterzimmer gesprungen ist? Sie gehen nachsehen und stehen schließlich einem Mann gegenüber, der lässig auf einem Tisch sitzt und sich interessiert umsieht. Sein Äußeres ist angenehm, dezent und er erweckt Vertrauen. Wenn er den Kopf zu Ihnen dreht, sehen sie seine wohlgeformten Gesichtszüge und registrieren verblüfft, dass er lächelt. Sie können nicht anders, Sie lächeln zurück. Natürlich erkundigen Sie sich nach seinem Anliegen. Dabei sind Sie bemüht, Entgegenkommen zu zeigen. Sie wissen, Sie stehen vor einem mächtigen und einflussreichen Mann.
Wieder lächelt er und erkundigt sich höflich nach Ihrem Befinden. Sie können nicht anders, Sie finden ihn sympathisch. Er erkundigt sich nach dem Befinden ihres Partners. Sie können nicht anders, Sie mögen ihn. Er plaudert mit Ihnen und Sie vergessen vollkommen, dass er widerrechtlich in Ihr Geschäft eingedrungen ist. Er sieht sich um und erkundigt sich nach dem Befinden Ihrer Kinder. Sie können nicht anders, Sie wollen ihm gefallen. Noch immer ist er höflich und zuvorkommen. Seine Stimme klingt betörend, wenn er sagt: „Sie haben wirklich reizende Kinder. Es wäre schade, wenn ihnen etwas passieren würde." Sie sind im ersten Moment verblüfft, doch der Mann gibt Ihnen keine Zeit zum Nachdenken. „Ich habe ihr Kind getroffen, als Sie es einen Tag mit ins Geschäft gebracht haben", könnte er sagen. „Wirklich, ein angenehmes Mädchen", könnte er sagen. „Sie hat Sie gefragt, ob sie sich ein Eis holen dürfte. Sie haben es ihr erlaubt", könnte er fortfahren. „Ich habe es ihr bezahlt. Wir hatten sehr viel Spaß miteinander." In diesem Moment wissen Sie, dass ihr Kind in Gefahr ist. Er hat sie nicht erpresst, soweit würde er nicht gehen. Er hat lediglich verlauten lassen, wie bedauerlich es wäre, stöße ihrem Kind etwas zu. Sie haben Angst um ihre Familie. Besonders, wenn er Ihnen von dem Tagesverlauf Ihres Partners erzählt. Sie können nicht anders, Sie gehen auf seine Forderung ein – um das Leben ihrer Familie.
So arbeitet ‚Cesare Borgia'. Auf diese Art und Weise begann er, das Ministerium zu untergraben und sich die Wirtschaft anzueignen. Mit einem Unterdrückten fing es an, jetzt ist er der dritte König auf dem Schachbrett der magischen Welt.
Er wechselt die Gestalt von Tag zu Tag. Heute könnte er der nette Familienvater von nebenan sein, morgen ein asozialer Herumtreiber. Wer ist er? Wie sieht er aus? Was genau sind seine Ziele?
Wie er vorgeht, ist mittlerweile bekannt. Was er erreicht, ebenfalls. Doch seine genauen Ziele können nur erahnt werden.
Noch ist er unbekannt, doch sollten Sie ihm begegnen, so seien Sie gewisse, dass er vor nichts Halt machen wird, wenn ihm etwas im Wege steht.
Noch wird er totgeschwiegen. Seine Einschüchterungstaktik, in Kombination mit ominösen Kontakten in Politik und Wirtschaft, hilft ihm, sich selbst und seine Arbeit im Untergrund zu stabilisieren.
Wenn Sie können, verhindern Sie es.
Noch kann ich Ihnen nichts Genaues über die wahre Identität dieses skrupellosen Verbrechers mitteilen, aber ich versichere Ihnen, sollte ich Genaueres wissen, so werden Sie es erfahren.
P. Best
Die Zeitung ‚Unabhängiges magisches Tageblatt', in der der Artikel erschienen war, wurde ordentlich zusammen gefaltet und zur Seite gelegt. Der Mann, der ihn gelesen hatte, lächelte nachsichtig und warf einen erneuten Blick auf das Papier. Er war alles andere als verärgert. Im Gegenteil, er war höchst zufrieden. Dennoch war es an der Zeit ein Exempel zu statuieren.
Er stand auf und murmelte einen Zauberspruch, der eine Illusion um ihn herum aufbaute. Sekunden später schien er sich verwandelt zu haben und nur bei genauem Hinsehen konnte die Illusion erkannt und Rückschlüsse auf seine wahren Person gezogen werden. Bislang hatte jedoch niemand genug Zeit gehabt, genauer hinzusehen.
Er apparierte in ein Waldstück nahe einer verlassenen Waldhütte. Die Männer, die ihm Wohnraum saßen und Karten spielten, sprangen auf, als sie seiner ansichtig wurden. Er nickte Ihnen zu und ließ eine Falltür im Boden erscheinen. Elegant sprang er in den da drunter liegenden Raum und wanderte gemächlichen Schrittes einen verdreckten Gang entlang bis er vor einer weiteren Falltür angekommen war. Auch diese ließ sich nur magisch öffnen und mündete in einen Vorraum eines Verlieses.
Er sprang ebenfalls in dieses Loch und versiegelte das Loch hinter sich. Dann löste er den Illusionszauber auf und wandte er sich zu einem heruntergekommen wirkenden Mann zu, der sich in einer Ecke verkrochen und die Hände schützend über dem Kopf zusammengeschlagen hatte.
Der Raum war größer, als er anfangs den Anschein hatte. Keine Gitter umgaben das Verlies, so wie sie in Askaban zu finden waren. Nur ein großer Graben trennte den Gefangenen von ihm. Der Graben war breit genug, um nicht übersprungen zu werden und tief genug, um sich den Hals zu brechen. Eine Eisenplatte hing über dem Gefangenen, so dass sämtliche Magie gebannt wurde. Ein Lichtstrahl erhellte dessen Bereich und kroch noch ein Stück über den dunklen Graben.
Als dieser ein Geräusch hörte, sah er vorsichtig auf. Seine Augen waren mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, dennoch konnte er nur den Umriss seines Widersachers erkennen. „Wer sind Sie?", fragte er panisch.
„Man nennt mich Cesare Borgia", schallte es durch den Raum und aus dem Nichts erschienen zwei Stühle, einer auf jeder Seite des Grabens. „Setzen Sie sich, Mr. Best." Er zog sich die Handschuhe aus.
Best schüttelte den Kopf. „Nein."
Borgia seufzte. „Imperio", murmelte er und Sekunden später saßen sich die beiden Männer gegenüber.
Zwei Tassen Tee erschienen. „Trinken Sie", forderte Borgia wieder seinen Gegenüber auf und als dieser den Kopf schütteln wollte, zog er eine Augenbraue hoch. „Nun kommen Sie, Best. Früher oder später werden Sie trinken, mit meiner Hilfe allerdings erst später."
Vorsichtig nippte der schmutzige Mann an dem glänzenden Porzellan und verzog das Gesicht. Der Tee schmeckte nach Bittermandeln. „Sie werden mich töten, nicht wahr?", fragte er schließlich leise.
„Warum nehmen Sie das an? Vielleicht möchte ich Ihnen anbieten auf meiner Seite zu arbeiten", entgegnete Borgia.
Doch Best schüttelte den Kopf. „Sie wissen, dass ich das nicht tun werde…"
„Nun", Borgia zuckte mit den Schultern. „In diesem Falle werde ich Sie wohl doch töten müssen."
„Irgendwann werden Sie einen Fehler machen, und dann werden andere da sein, die Sie verfolgen und vor Gericht stellen werden."
„Aber natürlich", lächelte Borgia freundlich. „Und bis es soweit ist genieße ich einfach mein Leben. Was halten Sie davon?"
Best warf ihm einen ausdruckslosen Blick zu und trank zwei große Schlucke. „Was wollen Sie wirklich, Borgia?", fragte er ruhig. Er hatte von Anfang an gewusst, was für ein Risiko er mit dem Artikel eingehen würde. Er hatte hoch gepokert – und er hatte verloren.
„Ich wollte Ihnen tatsächlich etwas anbieten, aber Sie haben bereits abgelehnt. Bedauerlicherweise." Borgias Teetasse verschwand und stand mit einer lässigen Bewegung auf. Während er sich seine Handschuhe überstreifte trat er näher zum Graben und somit in den Lichtstrahl.
Best riss überrascht die Augen auf. „Sie", keuchte er noch bevor er die Teetasse fallen ließ und vom Stuhl fiel.
Borgia sah missbilligend auf die zerbrochene Tasse. „Wäre ein wenig mehr Respekt vor fremden Eigentum zuviel verlangt?", fragte er kritisch. Dann glitt sein Blick zu Bests zuckendem Körper. „Sie sind hoffentlich nicht allergisch gegen Blausäure?", fragte er beläufig.
Als Best tot war, zuckte Borgia mit den Schultern. „Offenbar schon."
Ein paar Minuten später kletterte derselbe Mann, der die Hütte betreten hatte, aus der oberen Falltür und klopfte sich den Staub von der Kleidung. „Lasst den Mann verschwinden, die übliche Art und Weise." Er wollte durch die Tür treten, als er sich erneut umdrehte. „Und lasst den Staub verschwinden."
Anmerkung:
Dieses Kapitel ist kurz, ich weiß, aber es bildet eine kleine Einheit in sich. Eine Erweiterung mit einem vollkommen fremden Thema, empfand ich als stören. Ich hoffe, ihr verzeiht mir
eigentlich wollte ich dieses kapitel erst später einfügen, aber irgendwie mag ich runde zahlen und ich muss ja mal wieder bissl action reinbringen, nicht wahr? ;-)
