Kapitel 61 – Eine zweite Chance

Aus dem Winter meiner Seele. Nur ein kleiner Schritt genügt. Und ich geh' auf neuen Wegen
„Letzte Ausfahrt: Leben", von: Lacrimosa

Hermine erwachte, als ihr die Sonne direkt ins Gesicht schien. Sie reckte und streckte sich ausgiebig und kuschelte sich wieder in ihr Kissen. Dabei lächelte sie versonnen vor sich hin, hatte sie doch wunderbar geträumt. Wovon genau konnte sie nicht mehr genau sagen, aber ein Glücksgefühl hatte sie ergriffen, das so wunderbar nachhaltig war und sie in eine wohlige Stimmung versetzte.

Eine fremde Stimme drang an ihr Ohr und Hermine versuchte sie auszublenden, wohlwissend, dass es mit ihrem Glücksgefühl vorbei war, sobald sie die Augen aufschlug.

„Hermine."

Sie murrte.

„Hermine, komm schon, wach auf." Poppy rüttelte leicht an ihr.

Die junge Hexe konnte die Stimme der Medi-Hexe nicht länger ignorieren und schlug die Augen auf. Weiße Wände irritierten sie. „Wo bin ich?", murmelte sie schlaftrunken.

„Im Krankenflügel, Liebes."

Krankenflügel… Zusammenbruch… Gestern Nacht… Luc… Wie Puzzelteile fügte sich alles in rasanter Geschwindigkeit zusammen und Hermine setzte sich abrupt auf. „Wo ist Luc?", fragte sie und wurde von Poppy daran gehindert aufzustehen. „Er liegt im Bett neben dir."

Sofort drehte Hermine den Kopf und sah eine blasse Gestallt im Nachbarbett liegen. Sie stieß Poppy gewaltsam zur Seite, so dass diese auf ihr Bett fiel und lief hinüber, nur um sich neben ihn zu setzen und seine kalte, leblose Hand in ihre zu nehmen. Sie hauchte einen Kuss auf seinen Handrücken und streichelte ihm vorsichtig über die fahle Wange. Seine blonden Haare wirkten stumpf und farblos. Hermine beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die leicht bläulich schimmernden Lippen. „Wo bist du, mein Liebling", murmelte sie. „Komm zu mir." Immer und immer wieder strich sie ihm liebevoll über die Wange, strich ihm die Haare aus dem Gesicht und hoffte, dass er jeden Moment die Augen aufschlug und sie aus eisgrauen Augen ansah.

„Hermine." Poppy legte ihre Hand sanft auf Hermines Schulter. „Du musst zurück ins Bett."

„Geh zurück Poppy", meinte Hermine, zog die Beine an, so dass sie komplett neben Lucius saß, griff nach seinem Zauberstab und eine Sekunde später stand ihr Bett genau neben dem von ihrem Zauberer. Dann legte sie den Stab zurück, kuschelte sich in die Decke und griff erneut nach seiner Hand. „So", murmelte sie zufrieden.

Snape hatte sich an der Tür im Verborgenen gehalten. Ausdruckslos starrte er auf die beiden Kranken und war sich noch nicht sicher, was er von Hermines Verhalten sagen sollte. Ihre Treue und Loyalität rührten ihn und für eine Sekunde spürte er ein Gefühl des Neides in seiner Brust. Doch mit jahrelanger Übung, verdrängte er dieses Gefühl und ging raschen Schrittes auf Poppy zu, die zwischen Lächeln und Missmut schwankte.

„Wie geht's ihm", fragte der Zaubertrankmeister und setzte sich auf die andere Seite neben seinen Freund. Er befühlte dessen Stirn und merkte, dass sie glühte.

Poppy hatte die Lippen aufeinander gekniffen. „Nicht gut, das siehst du ja. Ich weiß nicht, ob er durchkommt."

Verstehend nickte Snape und mit einem Seitenblick streifte er Hermine, die ihn fassungslos ob seiner ungewohnten Gefühlsregung betrachtete. „Das wird schon", murmelte er, wobei nicht klar war, wen genau er beruhigen wollte.

„Himmel Herrgott, Severus, was hast du mit ihm gemacht?", fragte Poppy ungeduldig.

„Wieso? Was sollte ich gemacht haben?" Sein Ausdruck strafte Snape Lügen.

Poppy ging zu einem Tischchen und holte eine ganze Batterie Phiolen. „Das", sie zeigte auf die kleinen Glasflaschen, „habe ich alles ausprobiert. Jeden Zauberspruch, der mit einfiel, habe ich angewendet. Nichts, aber auch gar nichts scheint zu helfen. Im Gegenteil. Es scheint nur noch schlimmer zu werden."

Der Zaubertrankmeister nickte verstehend und starrte wieder auf seinen alten Freund. „Du darfst keine Magie auf ihn anwenden", sagte er schließlich.

„Warum?", kam es einstimmig aus dem Mund der beiden Frauen.

Fast schon gequält sah er sie abwechselnd an. „Ich hab ihm sämtliche Magie abgezogen."

„Du hast WAS?", schrie Poppy. „Bist du noch ganz bei Trost?"

Er schüttelte den Kopf. „Das war die einzige Möglichkeit ihn zu retten. Verdammt Poppy. Ich weiß nicht, was da unten geschehen ist. Ich weiß nur, dass er absolut entkräftet, völlig nass und durchgefroren und dem Tod näher war, als jemals zu vor. Er wär mir unter den Fingern weggestorben, noch ehe du irgendetwas hättest tun können. Ich MUSSTE ihm die Magie bündeln und tief in ihm verstecken. Es gab keine andere Möglichkeit."

„Aber warum?", flüsterte Hermine tonlos.

Der Meister der Zaubertränke sah für einen Moment verzweifelt aus. „Sie wissen, dass wir kurz zuvor den Geminizauber angewandt haben?"

Hermine nickte und Snape fuhr fort, wobei er Poppys fragenden Blick gekonnt ignorierte. „Mit diesem Zauber haben wir schwarze Magie angewendet. Normalerweise hat er keine Folgen und es ist auch einfachste dunkle Magie, aber-" Er brach ab. „Wie dem auch sei. Ich hatte keine andere Möglichkeit, ansonsten könnten wir jetzt Luc' Begräbnis planen."

In Hermine brannten noch viele Fragen, aber sie war klug genug, sie nicht zu stellen. Sie stützte ihren Kopf auf einer Hand ab und streckte die andere Hand aus, um mit Lucius Haaren zu spielen. „Was genau bedeutet das jetzt?", fragte sie letztendlich doch.

„Das bedeutet, dass Luc sich selbst heilen muss. Ich habe die Magie in ihm gebannt, er muss auf Muggelwege wieder zu Besinnung kommen und darf ebenfalls nicht mit Magie geheilt werden."

„Wie schön, dass ich das jetzt erfahre", fauchte Poppy. „Gut, dann bringen wir ihn nach St. Mungos. Die haben zweifelsohne mehr Erfahrung in Muggelheilung als ich."

„Nein", schrie Hermine auf. „Bitte, Poppy… In St. Mungos machen die auch nicht mehr als ihn künstlich zu ernähren. Lass ihn hier bleiben. Ich… Wir", dabei legte sie ihre Hand auf ihren Bauch, „wollen ihn hier wissen."

Poppy murrte.

„Ich denke, es wäre auch besser, wenn er hier bliebe", schaltete sich Snape ein.

„Klar, dass du dieser Meinung bist. In St. Mungos würden sie Fragen stellen und das, was du gemacht hast, ist verboten", giftete Poppy. „Aber von mir aus. Doch wenn er mir hier stirbt, dann seid ihr Schuld."

Snape nickte. „Ich übernehme die volle Verantwortung."

Poppy starrte noch einmal misstrauisch auf den Geschichtsprofessor. „Mir gefällt das Ganze nicht", murrte sie und wandte sich Hermine zu. „Dir kann ich wenigstens eine gute Nachricht überbringen… Du erwartest ein gesundes Mädchen."

Als Hermine das nächste Mal wach wurde, registrierte sie zufrieden, dass ihre Betten noch immer zusammen standen. Sie wusste, sie zeigte ein kindlich trotziges Verhalten, aber irgendwie fühlte sie sich so besser…

Ihre Hand lag noch immer mit Lucius' auf seiner Betthälfte und nachdenklich betrachtete sie sein markantes Profil. Ganz sachte, wobei sie seine Hand nicht los ließ, fuhr sie mit dem Zeigefinger ihrer zweiten Hand die die Konturen seines Gesichts nach, ganz so, als würde sie jedes kleines Bisschen tief in ihre Erinnerung aufnehmen. Als sie an seinem sinnlich geschwungenen Mund angekommen war, hielt sie einen Moment inne, dann hob sie seine Decke an und kuschelte sich an ihn. Ihren Kopf legte sie an seine Schulter, seine Hand hielt sie noch immer fest.

So schlief sie erneut ein und sammelte neue Kraft für die Zeit, die nun vor ihr lag…

ooOoo

„Bist du sicher, dass das in Ordnung ist Poppy?"

Hermine hörte Minerva neben ihrem Bette flüstern. Sie konnte sich vorstellen, dass die Direktorin missbilligend auf sie herunter sah. Wahrscheinlich war es in Hogwarts Geschichte noch nicht vorgekommen, dass sich eine Frau dermaßen … offensichtlich?, zu ihrer Liebe bekannte. Aber wahrscheinlich geschah es auch eher seltener, dass es einen Kampf mit einer Leiche gab, wobei der Zweite keinen Zauberstab bei sich hatte. Der vergangene Abend gab definitiv viele Rätsel auf.

Hermine kuschelte sich noch intensiver an den Mann neben ihr und hörte weiter dem Gespräch zwischen der Krankenschwester und der Direktorin zu.

„Sie wollte es so", hörte Hermine Poppy sagen.

„Ja, aber… Das geht doch nicht, wenn ein Schüler hiervon Wind bekommt? Hermine sollte das eigentlich wissen und genug Verantwortung zeigen."

„Sie ist schwanger."

Hermine musste sich zurückhalten, um nicht laut zu kichern. Poppy sagte es so, als wäre eine Schwangerschaft die Erklärung für sämtliche Verhaltensmuster.

„Außerdem", fuhr die Krankenschwester fort, „habe ich die Wandschirme so gestellt, dass niemand auch nur im Entferntesten etwas ahnt. Lass sie, Minerva. Hermine wird noch genug durchmachen. Keiner weiß, ob Lucius überleben wird und wenn ja, wie lange er braucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Vom wieder zu Bewusstsein kommen will ich gar nicht erst reden."

Es herrschte eine Pause. Dann fragte Minerva nachdenklich: „Steht es so ernst um ihn?"

„Definitiv. Und bis Weihnachten wird er mindestens flachliegen… WENN er überlebt", betonte die energische Frau.

Hermine hörte anhand von Schritten, dass die Direktorin wohl näher gekommen war und am Ende der Betten stand. Sie musste sich beherrschen, ruhig liegen zu bleiben und keinen Laut von sich zu geben.

„Nun, dann werde ich mich wohl nach einer Vertretung umsehen müssen."

Poppy stimmte ihr zu. „Das solltest du. Und Hermine wird auch diese Woche noch ausfallen."

„Warum?"

„Sie hat sich, als sie ihn verletzt gesehen hatte, dermaßen aufgeregt, dass ich ihr ein Beruhigungsmittel gewaltsam verabreichen muss. Sie steht unter Schock und gerade jetzt will ich kein Risiko eingehen. Die ersten drei Monate sind besonders kritisch."

Hermine hörte Minerva seufzen. „Wo sind wir da nur wieder rein geraten? Ich muss jetzt los und Molly und Arthur das berichten, was ich weiß." Erneut seufzte sie. „Wenn ich ihnen wenigstens etwas Genaues sagen kann, aber wir wissen praktisch nichts. Nur, dass Charlie tot ist." Wieder Schweigen. „Bei Merlin, die armen Weasleys. Zwei Kinder tot. Innerhalb weniger Wochen ermordet. Das wird ein harter Schlag für die Familie werden."

Poppy schwieg ebenfalls. Dann stellte sie sich zu ihrer alten Freundin, zumindest glaubte Hermine das, denn die Stimme kam von da. „Der logischste Rückschluss ist, dass Charlie… Dass er von Lucius ermordet wurde…"

Die Direktorin widersprach vehement. „Wie denn, ohne Zauberstab? Die Leute aus dem Dorf haben alles abgesucht und nichts gefunden. Die Stelle wird gerade erneut untersucht, aber der leitende Auror meinte, dass er damit nichts zu tun haben kann." Hermine wusste, dass Minerva mit ‚er' den Mann neben ihr meinte.

„Wie dem auch sei", fuhr die Direktorin fort. „Ich muss jetzt los. In den Fuchsbau. Bei Merlin, ich würde den Beiden das alles so gern ersparen. Sag mit bitte Bescheid, wenn sich etwas Neues ergibt."

„Mach ich."

Stille.

Was war geschehen? Hermine dachte immer und immer wieder über diese Frage nach. ‚Oh, Luc, wach doch endlich auf und sag uns, was geschehen ist', flehte sie stumm.

Sie wusste nicht, wie lange sie dagelegen hatte und ihren Gedanken nachgehangen hatte. Immer, wenn sie glaubte, eine Antwort gefunden zu haben, verwarf sie die Idee wieder. Sie hatte tausendundeine Möglichkeiten parat, doch keine Einzige schien ihr wirklich logisch oder weiter nachdenkenswert. Unbewusst krallte sie ihre Finger in seine und als ihr klar wurde, dass sie ihm mit ihren langen Fingernägeln wehtun musste, ließ sie sofort los. Die Fingernägel hatten Abdrücke auf seiner Haut hinterlassen, doch sein Gesicht hatte keinerlei Regung gezeigt.

Hermine schluchzte leise.

Erneut legte sich eine Hand auf ihr Schultern, doch die junge Hexe reagierte nicht. Sie wollte nicht schon wieder in Poppys mitfühlende Augen gucken. Sie wollte nicht schon wieder irgendetwas erklären müssen. Die Hand begann sie sanft zu streicheln und schließlich beruhigend übers Haar zu fahren. Hermine seufzte leise. Poppy meinte es gut, das war ihr klar, doch im Moment wollte sie einfach allein mit ihrer Trauer sein. Warum verstand die Krankenschwester das nicht? Tränen flossen ihr lautlos über das Gesicht.

„Hermine…"

Die junge Hexe erstarrte.

„Ich weiß, dass es schwer ist, aber du musst-"

Sie drehte sich wütend um und sah direkt in Professor Snapes dunkle Augen. „Könnten Sie sich vielleicht endlich mal entscheiden, ob Sie mich duzen oder siezen wollen?", fauchte sie. „Entweder oder. Ich will nicht länger dieses Hin und Her. Entscheiden Sie sich, verdammt noch mal. Ich komm damit nicht klar."

Sichtlich irritiert fiel er zurück in die Rolle des kalten, distanzierten Lehrers. „Ich wollte Ihnen nur helfen, Mrs. Weasley."

Hermine nahm ihr Kissen und warf es ihm an den Kopf. Ihre ganze Verzweiflung, ihre Angst, ihre Wut fokussierte sich auf den verhassten Mann vor ihr. Sie konnte sich nicht beherrschen und sie wollte es auch nicht. „Sie verdammtes Scheusal", heulte sie. „Können Sie sich nicht einfach mal entscheiden? Was habe ich Ihnen getan? Zur Hölle, reden Sie mit mir." In Hermine machte sich der alles dominierende Wunsch breit, ihm den Schmerz zuzufügen, den sie jetzt fühlte. Irgendwo tief in ihr drin, wusste sie, dass sie sich unfair verhielt. Doch das blendete sie aus. Sie brauchte ein Ventil, ansonsten würde sie durchdrehen. Sie hob ihre Fäuste und begann auf Snape einzuschlagen.

Er ließ es zu. Seine Lebenserfahrung sagte ihm, dass ihr Hass nicht gegen ihn gerichtet war, sondern gegen die Hilflosigkeit, zu der sie verdammt war. Es machte ihm nichts aus, dass sie ihm wehtat. Er war Schmerz gewöhnt, er konnte ihn wegatmen. Snape ließ die junge Hexe toben und als sie schließlich irgendwann ermattet in sich zusammen sank, legte er vorsichtig den Arm um sie und zog sie zu sich. „Er wird es überleben", flüsterte er ihr, während er sie sanft wie ein kleines Kind hin und her wiegte. „Ich weiß nicht wie lange es dauern wird, aber Luc ist stark. Er wird wieder auf die Beine kommen. Ich verspreche es…"

Hermine wurde sich langsam bewusst, wer sie dort hielt und sie war froh drum. Snape war der Einzige, der Lucius wirklich kannte und dem dieser wirklich etwas bedeutete. Das hatte sie gesehen, als Snape im Schloss aufgetaucht war und den verletzten Mann trug. Da hatte sie erkannt, dass die Bindung zwischen den beiden Männern wesentlich größer war, als sie jemals begreifen konnte.

Auch jetzt, als sie in seinen Armen lag, fühlte sie etwas tief in sich aufsteigen. Es war beleibe kein Gefühl der unvermittelten Zuneigung oder ein Kribbeln, wie es jetzt vielleicht in irgendwelchen Groschenromanen auftauchen würde, wo die Protagonistin ganz plötzlich erkannte, wie toll doch eigentlich der zweite Mann war. Es war mehr ein Gefühl der Ruhe und der Akzeptanz. Sie begann anzuerkennen, dass Severus Snape ein Mann und ein Mensch war, der viel hatte erdulden müssen und deswegen zu der heutigen Persönlichkeit geworden war. Sie musste ihn nicht auf einmal mögen, aber sie begann ihn zu respektieren und vor allem, ihn zu verstehen…

Als sie aufsah begegneten sich ihre Blicke. Sie sahen sich lange an und schließlich nickte er. Er hatte verstanden und ihren Waffenstillstand akzeptiert.

Hermine lächelte, als sie ihren Kopf an seine Schulter legte. Er war kein Freund oder gar potenzieller Liebhaber für sie. Er war ein Fremder, den es langsam kennen zulernen hieß. Eine zweite Chance…


Danke an:
- Goldi: Hey, lach, vielen Dank für dein Review, zwinker. Bist du mir etwa aufs Glatteis gefolgt? Breitgrins. Soll ich dir was verraten? Sev wird definitiv nicht der Pate….