Kapitel 64 - Sucht, verzweifelte Sehnsucht

Wenn es dunkel wird bleib hier bei mir.
Geh von nun an jeden Weg mit mir.
Liebe, mehr will ich nicht von dir

„Mehr will ich nicht von dir", aus: Das Phantom der Oper

„Da bist du ja." Poppy tauchte neben ihm auf und sah ihn ungeduldig an. „Hast du die Tränke mitgebracht, um die ich dich gebeten habe?"

Verwirrt starrte Snape sie an, war aber innerhalb von Sekunden wieder im Hier. „Ja, hier." Unsaft drückte er ihr die kleinen Phiolen in die Hand und schritt Umhangrauschend durch die Krankenstation, bis er die Ecke mit den beiden Lehrern erreicht hatte.

Hermine lag teilnahmslos zusammengerollt auf ihrer Betthälfte, immer noch Lucius' Hand haltend und schien ihn nicht wahr zu nehmen. Kalter Schweiß schien auf ihrer Stirn zu stehen und sie war über alle Maßen blass. Snape erschreckte sich regelrecht.

„So liegt sie schon den ganzen Tag", sagte poppy leise. „Wenn ich ihr helfen will, dann faucht sie mich an. Niemand darf sich ihr oder Lucius nähern… Es ist zwar schon ein paar Tage her, aber sie scheint vollkommen unter Schock zu stehen. Die Anzeichen sind typisch. Ich vermute, ihr Blutdruck ist auch erhöht. Aber sie lässt mich ja nicht an sich."

Snape nickte unwirsch. „Geh, ich bring das in Ordnung", sagte er brüsk. Als Poppy sich nicht umwandte, sah er sie erbost an. „Ich sagte, geh!"

Poppy nickte. „Aber wenn du sie aufregst, bist du derjenige der gehen musst."

Als sie weg war, trat er näher zu dem improvisierten Doppelbett. Das Bild der beiden, wie sie, scheinbar vollkommen entspannt, nebeneinander lagen, gab ihm einen Stich. Eifersucht wallte in ihm hoch. Snape wusste, er war selbst schuld daran, dass er sich einsam fühlte, aber er konnte nichts dagegen machen. Seine Angst, um seiner selbst willen abgelehnt zu werden, saß zu tief. Ein Gedankenstrudel der Erinnerung erfasste ihn. Sein verzweifeltes Bemühen, als kleiner Junge Anschluss zu finden. Die Ablehnung durch Potter und Black und schließlich seine Außenseiterrolle bei den Todessern… All das hatte ihm zu dem Mann gemacht, der er heute war: misstrauisch, eigenbrötlerisch und, letztendlich, einsam. Innerlich aufknurrend schob er die Erinnerungen zur Seite. Es war vergangen, nicht mehr zu ändern. Er musste im Hier und Jetzt leben. Seiner Vergangenheit nachzutrauen brachte keinen Vorteil, nur Nachteile. Unbewusst strafte er seine Haltung. Er musste dringend wieder zu dem werden, was ihn schützte.

„Hermine…"

Sie reagierte nicht.

„Hermine… komm schon."

Sie reagierte noch immer nicht.

Snape schloss entnervt die Augen. Verdammte Minerva. Verdammtes Versprechen. Verdammte Hermine. „Mrs. Weasley", knurrte er.

Noch immer kein Anzeichen, dass sie ihn gehört hatte.

„MISS GRANGER!", donnerte er wie früher. „Was erlauben Sie sich eigentlich mich so zu ignorieren."

Hermine zuckte zusammen und saß aufrecht im Bett. „Verzeihung Sir, ich wollte nicht-"

„Mir ist egal, was Sie wollen, hören Sie mir gefälligst zu."

Sie nickte und wurde sich ihrer Umgebung bewusst. „Ich… was… Sie", stotterte sie zusammenhangslos.

Snape zog seinen Sessel herbei und ließ sich reinfallen. „Minerva hat mit mir gesprochen", begann er. „Sie macht sich Sorgen um Sie."

„Lassen Sie mich in Ruhe", murmelte sie. „Könnt ihr mich nicht alle in Ruhe lassen? Mein Mann liegt im Sterben und ihr drängt euch alle auf."

„Luc liegt nicht im Sterben", versuchte Snape einzuwerfen, doch Hermine schien ihn gar nicht zu hören. „Ich will einfach bei ihm sein."

Er rollte genervt mit den Augen. „Himmel, Mädchen", murmelte er.

Hermine indes kümmerte es nicht. Sie legte sich wieder zurück auf ihre Betthälfte und starrte nach oben zur Decke.

Snape trommelte mit seinen Fingern auf den Oberschenkeln. Dieses Weib machte ihn wahnsinnig. Aber er hatte Minerva versprochen, nett zu sein. ‚Nett', fauchte er in Gedanken.

„Himmel, Hermine, jetzt reißen Sie sich gefälligst zusammen."

Sie starrte ihn aus großen Augen an. „Was?"

„Ich sagte, Sie sollen sich zusammenreißen", fauchte er. „Bei Merlin, Hermine. Sie sind eine Kämpfernatur. Hier zu liegen und darauf zu warten, dass sich irgendetwas ändert… Das sind Sie nicht. Wie oft haben Sie stundenlang in der Bibliothek gesessen, nur um für Ihren Freund Potter Nachforschungen anzustellen, auf die er allein in seinem beschränkten Hirn nie gekommen wäre? Ohne Sie wäre er niemals zum Stein der Weisen gekommen. Ohne Sie hätte er niemals das Rätsel um den Basilisken lösen können, ohne Sie-"

„Sie wissen davon?", hauchte sie.

„Natürlich weiß ich davon. Und verdammt, Mädchen, jetzt hör auf hier so passiv rumzuheulen. Geh in die Bibliothek, forsche, was zu tun ist. Ich kann nicht alles alleine machen. Aber hör auf, dich hier selbst aufzugeben. Das kann ich nicht mit ansehen." Er griff ihre Hand. „Luc ist eine starke Persönlichkeit. Er wird das schaffen. Versuch herauszufinden, wie du ihm helfen kannst… Der Doktor hat gesagt, er merkt, wenn wir bei ihm sind. Es reicht, wenn du drei Mal täglich vorbei siehst und mit ihm redest."

„Aber… er braucht mich", flüsterte sie tonlos.

„Er braucht eine starke Frau an seiner Seite, die um ihn kämpft. Die alle Hebel in Bewegung setzt, damit er wieder zurück findet. Er braucht kein weinerliches kleines Etwas, das völlig passiv herum liegt und nichts auf die Reihe bekommt… Hermine, wenn er wieder aufwacht, will er, dass es dir und eurem Kind gut geht. Und das tut es nicht, wenn du dich gehen lässt. Unterrichte die Schüler. Geh in die Bibliothek und forsche, wie du ihm noch helfen kannst… Aber, bei Merlin, mach irgendetwas."

Er schnaufte.

„Sind wir jetzt beim Du oder beim Sie", fragte sie komplett zusammenhangslos.

Snape blinzelte. „Was?"

„Mal sagen Sie du, mal Sie. Was denn nun?"

Er knurrte. „Da du die Frau meines besten Freundes bist, wäre ein du vielleicht angebracht."

Sie lächelte und kletterte aus dem Bett. „Danke … Severus."

„Wofür?"

„Ich glaube, du hast Recht."

„Womit?"

„Ich muss auf unser Kind achten, nicht wahr?"

Wieder durchzuckte ihn ein Blitz der Eifersucht. Sein alter Traum stand ihm vor Augen. Es war nie so, dass er Kinder hasste. Eigentlich mochte er sie. Aber die Schüler hatten ihm immer ein Leben vor Augen geführt, das er so nie haben würde. Als Jugendlicher hatte er geträumt, dass er und Lily eine Familie gründen. Sein Sohn oder seine Tochter wäre irgendwann nach Hogwarts gekommen. Es hatte sich gut angefühlt…

Doch soweit war es nie gekommen. Weder mit Lily noch mit Artemis hatte er Kinder gehabt. Er war Lehrer geworden, aber jedes Mal, wenn er vor einer Klasse stand, war ihm bewusst geworden, dass es das, was er nie kennen gelernt hatte, für ihn nie geben konnte. Er hatte nie den Zusammenhalt einer Familie kennen gelernt. Nie erlebt, wie es war, wenn sich Vater und Mutter liebten und liebevoll um die Nachkommen kümmerten. Zusahen, wie sie die ersten Zähne bekommen. Sie trösteten, wenn sie sich das Knie aufgeschlagen hatten. Ihre Freude geteilt, wenn der Hogwartsbrief angekommen wäre… Es war ein Traum, den er als Kind gehegt hatte. Die Naivität eines kleinen Junge, der sich verzweifelt nach etwas Unbekanntem sehnte…

Diese Träume, irgendwann so ein Leben, und sei es als Vater, kennen zu lernen, hatten ihm viel Kraft gegeben. Doch dann hatte Lily sie zerstört. Als Artemis in sein Leben getreten war, hatte er neue Hoffnung geschöpft, doch sie hatten keine Kinder haben sollen. Und dann war Artemis verstorben…

Er hatte den Traum aufgegeben, doch die Schüler zu sehen, war noch immer eine Qual für ihn. Mittlerweile konnte er sich selbst nicht mehr in der Rolle eines Vaters vorstellen. Er wollte es auch gar nicht. Aber dennoch war die Sehnsucht nach der klassischen ‚heilen Welt' da. An seinen Vater konnte er sich noch kaum erinnern, seine Mutter hatte er schon lange abgehakt. Der Mensch, den er als seinen ‚Onkel Tom' kennen gelernt hatte, hatte ihn missbraucht und fallen gelassen. Familie hatte er nie kennen gelernt. Nur bei Lucius hatte er ansatzweise so etwas erlebt. Ein Freund, ein Bruder…

Und eben jener durfte jetzt erleben, was es hieß, glücklich zu sein. Nicht, dass Snape es seinem Freund nicht gönnte, im Gegenteil, er freute sich für ihn. Aber dennoch nagte die Eifersucht an ihm. Er konnte nichts dagegen tun. Die Frau vor ihm liebte seinen Freund. Sie war von ihm schwanger.

Und eben jene begehrte er….

Ein Teufelskreis, dessen Anfang er nicht mehr sah und aus dem er kein Entrinnen erkennen konnte…


Anmerkung:

Wie ihr seht, hatte Hermine einen kleinen Schock. Vielleicht hättet ihr es anders geschrieben, doch in meiner Vorstellung reagierte sie erst völlig panisch. Sie hat sich zugestanden, sich in Lucius verliebt zu haben. Und zwei Tage später liegt er auf der Krankenstation. Es ist eine neue Situation für sie. Sie ist überfordert, weil sie zufällig noch schwanger ist. Der Schock setzt später ein. So habe ich es mir gedacht und ich hoffe, das ist nachvollziehbar? Ich hab lange hin und her überlegt, wie ich den Unterschied zwischen der „typischen" Hermine und der „neuen" Hermine gestalte. Ich versuche aufzuzeigen, dass sie sich durch Lucius verändert. Dies hier war eine kleine Demonstration. Natürlich würde die „alte" Hermine ihre Nase in Büchern vergraben. Aber sie gerät zusehends in eine Art Abhängigkeit von Lucius. Ist das zu unklar?

Ich möchte mich hier bei allen Reviewern bedanken, ihr seid klasse lächel Und ab dem nächsten Kapitel gibt's wieder Einzeldank, versprochen