Kapitel 65 – Mr. und Mrs. Granger

Streue nur gute Körner aus und sorge nicht, was aus ihnen wird.
Theodor Fontane

„Hermine?"

Die junge Hexe riss die Augen auf und sah Snape an, der ihren Blick fragend erwiderte.

„Hermine?"

Die angesprochene schlug sich die Decke weg, schwang ihre Beine aus dem Bett und hastete zu einem kleinen Stuhl, auf dem ihr Zauberstab lag. Sekunden später war sie angezogen.

Snape hatte dezent zur Seite gesehen, als sie, nur im Nachthemd bekleidet, aus dem Bett sprang. Dennoch hatte er noch einen Blick auf ihre schlanken Beine erhaschen können. Sämtliche weiterführende Gedanken verbot er sich und nahm sich vor, dringen einmal wieder zu seinem alten Selbst wieder zu finden.

Hermine hatte das Bett, indem sie bis gerade eben gelegen hatte, schließlich in einen zweiten Stuhl verwandelt und drehte sich gerade um, als zwei Personen auftauchten.

„Mum! Daddy", rief sie und lief ihren Eltern entgegen. Nacheinander umarmte sie beide und setzte ihr strahlendstes Lächeln auf, das dennoch ein wenig gezwungen wirkte.

„Mine." Ihre Mutter streichelte ihr zärtlich über die Wange, während ihr Vater zuerst zu Lucius, dann zu Snape herüber sah. Er trat auf den Professor zu und reichte ihm die Hand. „Granger. Hermines Vater", stellte er sich vor.

Snape ignorierte die Begrüßungsgeste und nickte knapp. Dann verschwand er.

„Er scheint noch immer nicht umgänglicher geworden zu sein, oder?", fragte die Mutter grinsend. Da Mr. und Mrs. Granger bei Hermines Schulabschluss gewesen waren, kannten sie Snape natürlich. Ebenso hatte Hermine in ihren Schuljahren von dem verhassten Zaubertrankprofessor gesprochen, so dass ihre Eltern über seine soziale Inkompetenz vollkommen im Bilde waren.

Hermine nickte schnell. „Lasst uns in meine Wohnung gehen." Sie hakte sich bei ihrer Mutter unter und wollte auch ihren Vater mit sich ziehen, doch dieser betrachtete den blassen, blonden Mann mit typisch väterlicher Eifersucht. „Wer ist das?", fragte er misstrauisch. Auch Hermines Mutter näherte sich jetzt, nachdem sie sich von Hermine gelöst hatte, dem Bett und betrachtete den Zauberer, der da drin lag.

„Das erklär ich euch alles später. Wollen wir in meine Wohnung, einen Spaziergang über die Ländereien machen oder nach Hogsmeade?" Hermine liebte ihre Eltern und freute sich ernsthaft sie zu sehen. „Ward ihr eigentlich schon mal in Hogsmeade?", fragte sie interessiert.

Das Ehepaar Granger schüttelte den Kopf.

„Dann muss ich euch unbedingt alles zeigen", rief Hermine glücklich aus und zog ihre Eltern mit sich.

In Hogsmeade angekommen musste sich Hermine ein Lachen verkneifen. Ihr Vater sah aus wie ein kleiner Junge, der für eine Nacht in einer Spielzeugfabrik eingesperrt worden war. Auch ihre Mutter sah sich neugierig um und drückte sich aufgeregt an den Schaufenstern die Nase platt.

Liebevoll betrachtete sie ihre Eltern. Die beiden waren überrascht gewesen, als ihre Tochter den Hogwartsbrief erhalten hatte. Erst in Hermines drittem Schuljahr fanden sie heraus, von wem Hermine die Gabe geerbt hatte (eine Urgroßmutter väterlicherseits). Dies alles war Neuland für sie. Da sie selbst nicht zaubern konnten, gierten sie geradezu danach, sich von Hermine verschiedene Sachen zeigen zu lassen. Sie waren der Zauberwelt gegenüber aufgeschlossen, auch wenn es für sie ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke gewesen war, dass ihre Tochter doch erheblich anders war, als die Kinder in ihrem Bekannten- und Freundeskreis. Doch als sie sahen, wie glücklich Hermine war, waren auch sie glücklich. Sie liebten ihr einziges Kind eben über alles.

Das erste Mal waren sie mit der Zauberwelt in Berührung gekommen, als sie Hermines Schulsachen eingekauft hatten. Damals kannte Hermine noch niemanden und daher verlief das ganze Unternehmen ein wenig schwieriger. Doch da Hermine eine intelligente Hexe war und auch ihre Eltern nicht gerade dumm genannt werden konnten, hatten sie sich schnell zurecht gefunden. In Hermines zweitem Schuljahr hatten Mr. und Mrs. Granger die Weasleys zum ersten Mal getroffen und sich auf Anhieb mit ihnen verstanden, wenngleich ihnen am Anfang nicht ganz klar gewesen worden war, ob Mr. Weasley sie nicht auf den Arm nahm. Doch schnell hatten die Eltern mit der putzigen Familie Freundschaft geschlossen. Sie waren bei Hermines Abschlussball zugegen und als Hermine und Ron heirateten, konnten sie sich schon verhältnismäßig gut zurecht finden. Selbst der zauberhafte Fuchsbau warf sie nicht mehr aus der Bahn.

Doch Hogsmeade war ein anderes Kaliber. Natürlich hatte Hermine ihnen erzählt, dass es sich um das einzige Dorf in ganz England handelte, in dem nur wahre Hexen und Zauberer lebten. Wahrscheinlich hatte das Ehepaar Granger eine Mischung aus Feenwald und Hexenkessel erwartet.

Mutter Granger stand mittlerweile vor ‚Besenknechts Sonntagsstaat' und betrachtete interessiert die Auslage. „John, komm mal her", rief sie aufgeregt und ihr Mann löste sich nur ungern von dem vor ihm liegenden Schaufenster. Als er neben seine Frau trat, sah er nachdenklich die Schaufensterpuppe an. Es war eine Frau mit einem bodenlangen, lila-oliv changieren Kleid und einem passenden Umhang jeweils vier Nuancen tiefer.

„Tres chic", kommentierte er. „Damit würdest du bestimmt bei Großtante Muriel punkten."

Jane knuffte ihn in die Seite und lachte, als sie Hermines fragenden Blick sah. „An deiner Hochzeit mit Ron hat sie mich zur Seite genommen und kritisch beäugt. Auf mein Fragen, was denn los sei, meinte sie, ich sehe aus wie ein Muggel." Hermine grinste. Tante Muriel hatte nachhaltig Eindruck auf ihre Eltern gemacht.

„Wollt ihr zu Madam Rosmerta?"

„In die Drei Besen? Aber gern." Ihr Vater nickte begeistert und Hermine staunte. Sie hatte nach ihrem dritten Schuljahr, also nachdem sie das erste Jahr nach Hogsmeade durfte, von Madam Rosmerta erzählt. Seitdem nie wieder. Ihre Eltern schienen sich daran zu erinnern. Aber das war auch kein Wunder, schließlich hatte die junge Hexe ihre Intelligenz von beiden geerbt.

Madam Rosmerta kam mit ausgebreiteten Armen auf Hermine zu und drückte sie an ihren großen Busen. „Mein armes, armes Mädchen, es tut mir ja so leid", sagte sie. „Der Arme Charlie. Oh wie schrecklich."

Hermine nickte und trat einen Schritt zurück. „Madam Rosmerta-"

„Ach unterlass den Kinderkram", sagte die Wirtin energisch. „Lass das Madam Weg. Mit Minerva duz ich mich schließlich auch."

„Ok… Rosmerta, dies sind meine Eltern." Sie stellte einander vor. „Haben Sie … Hast du eventuell einen Tisch, an dem man ungestört reden kann?"

Die Wirtin nickte, drehte sich um und steuerte zielstrebig auf den Tisch zu, an dem schon vor ein paar Tagen Lucius und Snape gesessen hatten. Rosmerta beförderte die beiden Männer, die dort saßen bestimmt, aber nicht unfreundlich an einen anderen Tisch und fuhr einladend über die Holzoberfläche. „Drei Butterbier?"

Ein paar Minuten später waren sie tatsächlich ungestört. Hermine nahm jeweils eine Hand ihrer Eltern und drückte sie. „Ich freu mich, dass ihr da seid. Aber erzählt, was macht ihr hier? Wie kommt ihr hier her? Und warum?"

,Liebling, wir hoffen, es geht dir gut.'

John Granger strich seiner Tochter über das Haar. „Wir haben uns schon seid Monaten nichts mehr von dir gehört. Molly wollte uns komischerweise nichts sagen, daher haben wir uns Sorgen gemacht. Wir haben dir mehrere Eulen geschickt." Hermine hatte ihren Eltern nach dem Untergang Voldemorts eine Posteule geschenkt, um mit ihnen in Kontakt bleiben zu können. „Aber du hast uns nie geantwortet-"

Hermine fiel siedendheiß ein, dass sich bestimmt sechs oder sieben Briefe ihrer Eltern auf dem Tisch stapelten „Tut mir leid, ich war völlig im Stress." Sie machte einen zerknirschten Eindruck.

„-da haben wir an Professor McGonagall geschrieben und sie gefragt, ob alles in Ordnung ist. Wir wollten keine Einzelheiten wissen, einfach nur, dass du noch lebst."

Ihre Eltern machten sich, seitdem sie von Hermines Rolle beim Untergang des Dunklen Lords gehört hatten, immer noch große Sorgen um ihre Tochter. Hermine nahm es gerührt zur Kenntnis. Sie fühlte sich nicht überprüft, sie wusste, ihre Eltern meinten es nur gut.

„Naja und dann", fuhr ihre Mutter fort, „bekamen wir heute ein Schreiben mit so einer Identifikationsnummer und einigen Anweisungen…. Du weißt schon, so ein Ding was du in der Hand hältst und Sekunden später stehst du woanders."
„Portschlüssel?"

„Genau. Wir wurden von dem Hausmeister abgeholt, da wir direkt vor Hogwarts landeten. Also, Magie ist schon was Feines", rief ihr Vater begeistert.

„Weißt du Liebling", fuhr ihre Mutter fort. „Wir wollen dir nicht zu nahe treten oder uns aufdrängen, aber du bist unser einziges Kind. Wir lieben dich." Sie streichelte Hermines Handrücken. „Also, erzählt, was ist los?"

Die junge Hexe schloss die Augen. Seitdem sie sich mit ihren Freunden überworfen hatte, fehlte ihr jemand, mit dem sie reden konnte. Sicher, sie konnte zu Minerva oder Pomona gehen, aber das war irgendwie etwas anderes. Sie konnte nicht sagen warum, aber sie scheute sich davor. Aber war es die richtige Entscheidung mit ihren Eltern zu reden? Die beiden liebten sie, aber konnten sie sie auch verstehen?

„Minchen", sagte ihr Vater leise. „Egal was es ist, du kannst mit uns reden. Wir sind immer für dich da."

Was konnte schon groß falsch daran sein? Sie wollte es zumindest versuchen…

„Also", begann Hermine stockend. „Es ist wegen Ron. Ich hab damals wirklich gedacht, dass wir uns lieben, aber mittlerweile ist das irgendwie anders geworden…" Sie sah ihre Eltern an, doch in deren Augen lag kein Vorwurf. „Ich glaube, nach dem Sieg über Voldemort waren wir einfach … zu beschäftigt mit der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit und so habe ich mir schließlich eingeredet, ich würde Ron lieben. Nicht, weil ich es wirklich tat, sondern weil ich es wollte…. Könnt ihr das verstehen?"

Jane Granger nickte. „Natürlich, Liebling. Ihr ward damals in einer Ausnahmesituation. Ihr habt euch gegenseitig Halt gegeben und da ein Gefühl als Liebe fehltinterpretiert. Du musst dir keine Vorwürfe machen. Das ist psychologisch gesehen, ein völlig normales Gefühl. Menschen neigen in Extremsituationen dazu, jede kleinste noch so schöne Empfindung überzuinterpretieren. Sie klammern sich daran wie ein Ertrinkender an den berühmten Strohhalm. Aus diesem Gefühl, diesem Gedanken, oder was auch immer, können sie Kräfte mobilisieren, über die sie unter anderen Umständen nicht verfügen könnten. Das ist völlig normal."

Mit großen Augen sah Hermine ihre Mum an. Sie hatte vergessen, dass Jane Granger erst Psychologie studiert hatte, bevor sie sich für das Zahnarztstudium entschlossen hatte. Sie nickte. „Also… habe ich Ron nicht hintergangen?"

„Nicht mit deiner Empfindung. Aber vielleicht mit dem Umgang? Was hast du dann getan?"

„Ich habe Minerva besucht und sie hat mir die Stelle in Hogwarts angeboten. Ich wollte auf Abstand zu Ron und meinem ehemaligen Leben gehen, um für mich zu klären, wie die Dinge stehen. Ich dachte, ich könnte was retten… Aber … hier in Hogwarts ist mit klar geworden, dass ich Ron als Bruder sehe, nicht als Mann."

Jane nickte nachdenklich. „Weiß er das?"

„Nein, soweit sind wir noch nicht gekommen. Zwei seiner Brüder sind mittlerweile verstorben und da empfand ich es als unpassend, über eine Trennung zu sprechen, zumal das nicht so ganz einfach ist."

Das Ehepaar sah sich rasch an. „Wer ist verstorben?"

„George und Charlie."

„Oh… Wie?"

Hermine zuckte die Schultern. „Angeblich hat George die Dursleys ermordet und dann sich selbst umgebracht, aber das glaube ich nicht. Und bei Charlie weiß das keiner. Das war erst vor ein paar Tagen."

Man sah John und Jane Granger an, dass sie diese Nachricht erstmal verdauen mussten. Sie kannten die Weasleysöhne nicht so gut, aber sie hatten sie gemocht und sie bedauerten aufrichtig den Verbleib der beiden.

Schließlich hob ihr Vater wieder den Kopf und sah Hermine an. „Wieso ist eine Trennung nicht einfach?"

Hermine seufzte. „Eine Trennung schon, aber nicht die Scheidung."

„Warum? Einer reicht die Scheidung ein und der andere stimmt zu."

„In der magischen Welt läuft das anders, Dad… Du musst dir das so vorstellen, der Minister, er heißt Erebos Graves, muss dem zustimmen. Es kommt in der Zauberwelt gleich mit einer Härtefallscheidung. Der Richter bzw. der Minister, hört sich beide Seiten an und entscheidet dann, ob die Scheidung angemessen ist oder nicht. Dazu müsst ihr wissen, dass hier eine Trennung unüblich ist, geradezu ein Skandal. Man trennt sich nicht einfach so. Die Zauberer und Hexen sind da ein wenig … zurückgeblieben." Hermine fixierte ihr Butterbierglas. „Der Minister muss also zustimmen… Und wenn er es nicht tut, gibt's keine Scheidung."

John Granger kniff die Augen zusammen. „Das heißt also, dass eine Scheidung erfolgreich sein kann, wenn man sich mit dem Minister arrangiert. Es hängt also von einer Person ab?"

Hermine nickte.

Diesmal war es ihre Mutter, die das Wort ergriff. „Und du glaubst, der Minister würde eurer Scheidung nicht zustimmen?"

„Aber woher-?"

„Du bist meine Tochter, Liebling. Mütter spüren so etwas."

Hermine schluckte. Sie hatte eigentlich nicht vorgehabt von Lucius zu reden. „Als ich nach Hogwarts kam, bin ich jemandem begegnet-"

„HA! Also doch", schnaubte John.

„-in den ich mich verliebt habe und er sich in mich-"

„Wer ist der Kerl, der seine Pfoten nicht von einer verheirateten Frau lassen kann?", tobte John.

„-aber er und der Minister… Naja, das könnte problematisch werden."

Jane warf ihrem Mann einen warnenden Blick zu. „Das klingt in der Tat äußerst umständlich", meinte sie. „Dieser Mann…. Ist das der Blonde? An dessen Bett du heute gesessen hast?"

Hermine nickte.

„Dem werde ich mal was erzählen!"

„Sei ruhig, John", befahl Mrs. Granger. „Dir geht es doch nicht darum, ob Hermine verheiratet ist oder nicht. Dir geht es einfach gegen den Strich, dass sich ein Mann für deine Tochter interessiert. Bei Ron hast du auch Stress gemacht."

Der Angesprochene zog sich schmollend zurück und Hermine sah ihre Mutter dankbar an.

„Er ist … nicht in deinem Alter oder?"

Die junge Hexe schüttelte den Kopf. „Und komm mir jetzt nicht mit ‚zu alt'. In der Zaubereiwelt werden die Leute 160 Jahre und älter, da fallen 25 Jahre nicht ins Gewicht."

„FÜNFUNDZWANZIGJAHRE? Der ist fast so alt WIE ICH?" John Granger starrte seine Tochter verblüfft an.

„Luc ist fünfzehn Jahre jünger als du, Dad."

Jane nahm erneut Hermines Hand. „Du musst schon zugeben, dass das für uns eher … ungewöhnlich ist, Liebling. Wir wollen nur dein bestes und das Alter ist sekundär. Doch ich befürchte, dass ein 47jähriger Mann bereits Dinge erlebt hat, von denen du nichts weißt."

Hermine lachte auf. ‚Stimmt, ich war nie aktiver Todesser, leite kein Imperium, habe nicht die Macht, den Minister zu erpressen und nebenbei bin ich auch nicht ständig in Lebensgefahr.'

Als sie den fragenden Blick ihrer Mutter sah, seufzte sie. „Er hat Dinge erlebt, die ich nicht mal im Entferntesten kennen lernen möchte, Mum."

„Was soll das heißen?" Jane Granger war sofort misstrauisch. Wenn es um ihre Tochter ging, konnte sie zur Löwin werden.

„Ach Mum… Ich möchte nicht darüber sprechen. Luc tut mit gut und ich liebe ihn."

„Luc?" Man sah Mrs. Granger angestrengt nachdenken und nur Sekunden später war wieder einmal klar, von wem Hermine ihren Verstand geerbt hatte. „Luc…. Lucius. Lucius Malfoy?"

„Ähm…"

„Es gab doch einen Jungen zu deiner Schulzeit, der hieß Malfoy…" Wieder verfiel Hermines Mutter ins Brüten. „Warte… Zweites Schuljahr. Winkelgasse. Bücher. Lockhardt. Kleiner geleckt aussehender Junge, imposanter, schwarzgekleideter Mann mit langen platinblonden Haaren und einem Spazierstock. Von ihm ging eine machtvolle und beklemmende Aura aus."

In Momenten wie diesen hasste Hermine das fotografische Gedächtnis ihrer Mutter.

„Kind, sind der Mann, an den ich denke, und dein Luc ein und dieselbe Person?"

Die junge Hexe nickte.

„Na Halleluhja."

Irritiert sah Mr. Granger zwischen seinen beiden Frauen hin und her. Er selbst hatte durchaus einen brillanten Verstand, soweit es seinen Beruf betraf, konnte sich aber nicht mit dem Erinnerungsvermögen seiner Frau messen. „Wovon redet ihr?"

„Wir waren vor Hermines zweitem Schuljahr Bücher kaufen. Erinnerst du dich?", erklärte Jane. „Wir trafen das erste Mal auf die Weasleys." John nickte. „Du hattest dich gut mit Arthur unterhalten, daher ist dir wohl nicht aufgefallen, dass der … Freund… unserer Tochter damals im Buchladen mit seinem Sohn aufgetaucht war."

„SOHN?"

Hermine beeilte sich, ihren Vater zu beruhigen. „Er war verheiratet. Seine Frau und sein Sohn sind aber bei einem Anschlag ums Leben gekommen."

„Anschlag?", echoten ihre Eltern.

„Ein Todesser war ins Manor eingedrungen und hat sie ermordert."

„Manor?"

„Das Anwesen der Malfoy."

„MO-MENT", befahl Mr. Granger, stand auf und ging zur Theke. Zurück kam er mit zwei Butterbier und einem Feuerwhiskey für sich. „So, und nun ganz langsam. Wer ist der Kerl?"

Hermine verkniff sich ein Grinsen. „Lucius Malfoy ist zurzeit Geschichtslehrer in Hogwarts und der Vater eines ehemaligen Klassenkameraden von mir."

„Was hat er vorher gemacht?" – „Er war … Unternehmer."

„Wo wohnt er sonst genau?" – „In der Grafschaft Whiltshire, auf seinem Landsitz Malfoy Manor."

„Meint er es ernst mit dir?" – „Ja, natürlich", empörte sich Hermine. „Er liebt mich."

„Was soll ein Mann, der so verdammt gut aussieht, mit meiner Tochter?" – „Was soll das heißen, Dad? Hältst du mich für unattraktiv?"

„Nein, Mäuschen", versuchte Mr. Granger seine Tochter zu beschwichtigen. „Natürlich nicht, du bist wunderschön. Aber … du bist noch so entsetzlich jung und er sucht bestimmt eine Frau, die in bestimmten Dingen besonders … erfahren ist und…"
„Sprichst du aus eigener Erfahrung?", giftete Hermine.

„Nein, natürlich nicht. Aber… wer ist das denn? Ich meine, es geht hier um meine Lieblingstochter, ich kann sie doch nicht einfach einem wildfremden Mann anvertrauen."

„Er ist der Duke of Whiltshire, falls dir das was sagt."

Mr. Granger bekam große Augen. „DER Duke of Whiltshire, der sich im Oberhaus für die Rechte der Mittelklasse einsetzt?"

„Tut er das?", fragte Hermine verblüfft. „Aber … warum setzt er sich für… Muggel ein?" Hermine durchscannte ihre Erinnerungen, doch sie stieß auf nichts, was sie mit dieser Information in Verbindung bringen konnte. Es kam ihr mehr als komisch vor, dass sich ausgerechnet Lucius Malfoy für Belange der Muggel einsetzen sollte. Dem musste sie nachgehen. „Und überhaupt, woher kennst du ihn?"

„Aus der Zeitung, dem Fernsehen… Aber, er sieht komplett anders aus, als der Mann, den wir vorhin gesehen haben…"

Hermine wollte gerade etwas sagen, wurde jedoch von ihrer Mutter unterbrochen. „Er ist ein Todesser, nicht wahr?" Die junge Hexe wurde blass. „Du hast in unserem Frankreichurlaub nach deinem dritten Schuljahr von ihnen erzählt. Draco sei ein arrogantes Arschloch und sein Vater ein verfluchter Todesser… Todesser waren doch die Anhänger von Voldemort, den zu bekämpfen du mitgeholfen hast…" Sie richtete den Blick auf ihre Tochter. „Was geht hier vor, Hermine?"


Begriffe:
- changieren: verändern, wechseln
- Oberhaus: Das englische Parlament besteht aus einem Unterhaus (House of Commons), in dem Vertreter des Volkes sitzen, und einem Oberhaus (House of Lords), das aus dem nichterblichen Verdienstadel nebst Erblords gebildet wird. Allerdings wurde dies durch Tony Blair geändert. In QED ignoriere ich diese Reform dezent.