Kapitel 66 – Eine schwere Entscheidung
Sie sieht trotz Schatten noch das Licht,
Sie
hängt am Leben, an den Menschen,
Doch wie ein
Engel ist sie nicht.
Engel der Verdammten, von: Juliane
Werding
Hermine schluckte. „Ähm…" Sie verfluchte das Gedächtnis ihrer Mutter noch mehr. Was sollte sie nun machen? Versuchen alles abzuwiegen und ihre Eltern zu beschwichtigen? Sie befürchtete, dass ihr Vater durchdrehen konnte, wenn er erfuhr, dass sich sein kleines Mädchen einen so genannten ‚BadGuy' geangelt hatte. In seiner Vorstellung sah er Hermine an der Seite eines gutsituierten Anwalts oder Arztes, natürlich in ihrem Alter, mit zwei Kindern, einem Hund und einem Haus. Wenn es sein musste, dann konnte er auch einen Zauberer an ihrer Seite akzeptieren, Ron war zwar nicht seine erste Wahl gewesen, aber er hatte sich mit der Zeit arrangieren können. Doch nun schien es, dass seine Tochter nicht nur sämtliche Vorstellungen, die er für sie gehegt hatte, über Bord warf, sondern dass sie seine schlimmsten Alpträume wahr machen wollte. Hermine grinste innerlich bei dem Gedanken, wie ihr Vater Lucius bei seiner Mutter, also Hermines Oma, vorstellen konnte. „Hallo Mutter, dass ist der neue Freund deiner Enkelin. Er ist zurzeit Lehrer in Hogwarts und war früher ranghöchstes Mitglied einer äußerst dubiosen Gruppierung mit den Strukturen der Mafia und einem nazistischen Auftreten. Aber, keine Sorge, eigentlich will er nur spielen." Sie biss sich auf die Lippen, um nicht laut loszuprusten, doch der strenge Blick ihrer Mutter ließ sie vorsichtig nicken. „Ja, schon. Er war ein Todesser."
„Todesser?", warf John Granger ein. „Sind das nicht diese SS-Verschnitte der Zauberwelt?" Er hatte so laut gesprochen, dass sämtliche Gespräche verstummten und sich jeder nach ihnen umsah.
Hermine rutschte tiefer auf ihre Bank. „Dad. PSCHT!", fauchte sie. „Auch wenn wohl die Meisten hier keine Ahnung haben, was ein ‚SS-Verschnitt' ist, so könnte immer einer anwesend sein, der das kennt und dann kommen wir beide in Teufels Küche."
Er hob entschuldigend die Hände, sah sich um und beugte sich dann vor. „Das sind doch diese schwarzgekleideten Männer gewesen, die Voldemort persönlich unterstanden?" Da er kein Magier war, konnte er den Namen schon immer ohne zusammenzuzucken aussprechen. „Am Anfang waren es doch nur eine Handvoll, die ihm nachliefen und zum Schluss, bei eurem Endkampf, war die Zahl doch enorm gewachsen, wenngleich im Verhältnis gering? Ich verstehe nie, wieso ein Drittel eine ganze Gesellschaft beherrschen konnte." Er schüttelte den Kopf. „Überhaupt kann ich nicht begreifen, dass man jemanden verehrt, der offensichtlich kranke Phantasien hat. Ich meine, wie kann man andere aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder ihrer Ansicht als minderwertiger einstufen und ansehen? Das bleibt mir ein Rätsel."
„Angst und Einschüchterung", warf Mrs. Granger ein. „Macht ist verführerisch. Die meisten waren kleine, unbedeutende Persönlichkeiten und plötzlich war jemand da, der ihnen einen Sinn gegeben hat. Der ihnen Macht gab. Sie waren plötzlich wer und andere zitterten vor ihnen. Zumal sie es vor sich rechtfertigen konnten, indem sie sagten, es wäre ihre Aufgabe gewesen. Sie waren nur dazu da, eine historische Auflage zu erfüllen."
„Apropos Aufgabe. Was genau war eigentlich deren Anordnung? War es die persönliche Leibgarde Voldemorts? Waren sie ihm hörig? Hat dein Malfoy Muggelgeborene aus Überzeugung verfolgt und getötet. Das hat er, nicht wahr?"
„Dad, ich-"
„Und mit so einem bist du zusammen?" Er schüttelte fassungslos den Kopf. „Kind. Der Mann hat früher Leute wie dich ermordet. Wer weiß was er jetzt plant? Vielleicht will er sich dein Vertrauen erschleichen, nur um hinterher sonst was mit dir anzustellen?"
„JA, mit so einem bin ich zusammen", fauchte sie. „Und es herrschte ganz besonders früher ein Vorurteil gegen Muggelgeborene, genauso wie jetzt Vorurteile gegen ehemalige Todesser auftauchen." Sie wusste, sie machte es sich jetzt gerade zu einfach, doch sie wollte ihre Liebe nicht verteidigen. „Dad, glaub mir, ich war am Anfang genauso misstrauisch und habe versucht ihn zu meiden… Aber wir kamen ins Gespräch. Und er hat sich geändert. Glaub mir bitte… Ich könnte niemandem vertrauen, von dem ich wüsste, dass er mich meiner Abstammung wegen hasst. Er hat eingesehen, dass er Fehler gemacht hat und er bereut seine Vergangenheit zutiefst." Flehentlich sah sie ihre Eltern abwechselnd an. „Ich weiß, dass ihr das nicht verstehen könnt. Ich konnte es am Anfang auch nicht, aber… er hat sich wirklich geändert. Und er würde mir niemals wehtun. Er liebt mich. Und ich ihn." Fast schon trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust.
Das Ehepaar Granger sah sich lange an. Schließlich nickte Mrs. Granger. „Kind, du bist erwachsen. Weder können noch wollen wir dir etwas vorschreiben. Wir bitten dich nur vorsichtig zu sein." Sie strich ihrer Tochter über den Kopf. „Ich hoffe, du verzeihst uns, dass wir beide Vorbehalte gegen diesen Mann haben. Wir kennen ihn nur aus deinen Erzählungen und da haben wir nicht gerade das Vertrauenerweckendste gehört." Jetzt nahm sie Hermines Hand. „Dein Vater und ich machen uns Sorgen um dich, Liebling. Wir wollen dir nichts Böses. Wir wollen dir nur Gutes. Wenn du meinst, deine Liebe in diesem Mann gefunden zu haben… Hör auf zu schnauben John… dann werden wir das akzeptieren. Aber du kannst nicht erwarten, dass wir ihn sofort mit offenen Armen empfangen werden."
„Richte ihm aus, wenn er dir auch nur ein Haar krümmt, ist er dran. Dann kann er sich seinen Duke-of-sonstwas in den Allerwertesten schieben. Ich mache ihn fertig", knurrte John Granger.
Die beiden Frauen sahen sich an. Sowohl Hermine als auch ihre Mutter, die die Zauberwelt nicht so gut kannte, waren sich darüber im Klaren, dass Mr. Granger im Zweifelsfalle keine Chance gegen Lucius Malfoy hatte. Doch beide Frauen dachten nicht daran, ihm die Illusion zu nehmen. Sie wussten, dass er es nur gut meinte und seine Tochter mit allem verteidigen wollte, was ihm zur Verfügung stand.
„Erzähl uns von ihm", forderte Mrs. Granger schließlich ihre Tochter auf und ignorierte die gemurmelten Worte ihres Mannes.
Hermines Augen begannen sofort zu leuchten. „Er ist wunderbar… Einfühlsam, zärtlich, liebevoll, zuvorkommend, er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab und verteidigt mich. Ich war mit ihm auf einer … Party und er hat sich echt super um mich gekümmert. Und als wir auf einen von Voldemorts Leuten trafen, hat er mich sogar in Schutz genommen und sich öffentlich zu mir bekannt. Es … er ist unglaublich", schwärmte sie und John Granger verdrehte die Augen.
„Was sagen deine Freunde zu ihm?"
Hermine knurrte innerlich auf. So sehr sie ihre Mutter liebte, so sehr hasste sie deren Fähigkeit die Finger in die richtige Wunde zu legen. „Naja", sagte sie. „Die sind nicht soooo begeistert von ihm."
„Aber sie stehen zu dir?"
„Nicht so wirklich." Hermine begann auf ihrer Unterlippe zu kauen.
„Tolle Freunde. Nur weil der Mann an deiner Seite ihnen nicht passt, lassen sie dich allein? Unglaublich. Ich hab ja schon immer gewusst, dass dein Harry gar nicht so toll ist, wie du immer erzählt hast."
Mrs. Granger biss sich auf die Lippen, um nicht loszulachen. „Vergib ihm", raunte sie ihrer Tochter zu. „Er ist sogar auf Harry eifersüchtig."
„Bin ich nicht… Aber… ach verdammt. Ich will doch nur, dass es dir gut geht, Mäuschen." Mr. Granger seufzte. „Und wenn das ausgerechnet dieser Mann sein soll, dann muss es halt so sein."
Hermine hob eine Augenbraue. „Was soll das heißen, Dad?"
„Das heißt, dass ich ihm mit äußerster Vorsicht und höchstem Misstrauen begegnen werde, aber das Messer vorerst in der Tasche lasse. Ich ramme es ihm erst in die Brust, wenn er dir wehtun sollte."
Hermine strahlte ihren Vater glücklich an. „Danke, du bist der beste Dad der Welt."
„Hmpf", knurrte er und hatte eine Millisekunde später seine Tochter im Arm. „Aber ich wird mich trotzdem über ihn erkundigen", murrte er.
Hermine nickte lachend. Ihr war klar, dass dieses ‚Zugeständnis' ein riesiger Schritt war.
„Wenigstens gäbe er ein hübsches Bild mit einem Messer in der Brust ab", knurrte er gespielt böse.
„Warum liegt er eigentlich auf der Krankenstation?", erkundigte sich ihre Mutter.
„Er war mit Charlie zusammen… Bei dem Angriff und … naja, er ist knapp dem Tod entronnen."
„War das ein Racheangriff seitens seiner alten Kumpane, weil er die Seiten gewechselt hat?" Mrs. Granger sah eindeutig interessiert aus.
Hermine zuckte die Schultern. Es ist alles möglich. Niemand war dabei."
„Er ist aber unschuldig?", knurrte Mr. Granger, der sich eigentlich noch immer nicht mit dem neuen Mann in Hermines Leben anfreunden wollte.
„Ja, Dad, das ist er", lächelte Hermine. Sie sah in die lächelnden Gesichter ihrer Eltern. Sie wusste, sie hatte vorerst einen Sieg errungen. Aber noch wollte sie ihnen nichts davon erzählen, dass die beiden Großeltern wurden. Sie hatte im Gefühl, dass es besser wäre noch ein wenig zu schweigen…
