Kapitel 67 – Bitte um Vergebung

Doch die wahre Macht, die uns regiert,
ist die schändliche, unendliche, verzehrende, zerstörende und ewig unstillbare Gier

„Unstillbare Gier", aus: Tanz der Vampire

Trotz der vorangeschrittenen Stunde, hing der Nebel noch tief über dem Gras und die Sonne konnte sich kaum durch diese Wand kämpfen. Dennoch war es eigenartig hell und eine Stille lastete auf den Ländereien von Malfoy Manor, die schon fast beängstigend wirkte.

Snape eilte mit großen Schritten über die Ländereien. Seit dem Ritual mit Lucius konnte er ungehindert die Grenze passieren, da ein Teil von seinem Freund in ihm war und umgekehrt. Er sah weder nach links noch nach rechts. Zu tief war er in Gedanken. Sein Umhang flatterte hinter ihm her. Die klirrende Kälte, die jetzt im November herrschte, schien ihm nichts auszumachen. Er beachtete sie scheinbar noch nicht einmal. Er versuchte ruhig zu atmen und sich zu konzentrieren. Der vor ihm liegende Besuch machte ihm zu schaffen, aber er wollte versuchen, alles so ruhig wie möglich hinter sich zu bringen. Shiva war eine alte Dame. Jede Aufregung konnte ihre Letzte sein.

Als er die Grenze passiert hatte, verständigte ein durchdringendes Signal den zuständigen Hauselfen, um ihn über die Ankunft des Besuchers zu informieren. Crimson schlurfte langsam zur Haustür und wollte sie gerade öffnen, als diese schwungvoll aufgestoßen wurde. „Crimson wünscht Mr. Snape einen wunderschönen Tag", sagte er.

„Ja, ja." Der Tränkemeister zerrte ungeduldig an seinem Umhang und ließ ihn schließlich in die winzigen Hände des kleinen Elfen fallen. „Die die alte Dame in ihren Räumen, Crimson?"

„Bedaure, Mr. Snape. Lady Shiva befindet sich auf der Terrasse. Sie-" Weiter kam der Bedienstete nicht. Snape hatte sich abgewendet und eilte, immer drei Treppen auf einmal nehmend, in das zweite Stockwerk, auf direktem Wege zur Terrasse.

Als er Shiva erblickte, wie sie zusammengefallen auf ihrem Stuhl saß, zwei Decken um sich geschlungen, hielt er abrupt inne und schluckte. Er wollte nicht glauben, dass diese Frau, der er bislang immer bedingungslos vertraut hatte, ihn belogen und betrogen hatte. Sie sah so aufrichtig und ehrlich aus. Trotz ihres Alters strahlte sie Würde und Herzlichkeit aus. Man musste sie einfach mögen. Er zählte in Gedanken bis zehn, bevor er durch die Terrassentür schritt und auf Shiva losging.

„Hallo Severus… Wie schön, dass du mich besuchst", grüsste die Dame leise, aber herzlich. Sie streckte ihre verkrümmten Hände nach Snape aus und sah ihn hoffnungsvoll durch blinde Augen an. „Komm zu mir, mein Junge."

Eine Welle der Enttäuschung durchfuhr ihn, als er auf sie zu schritt und ihre Hände in seine nahm. Snape spürte eiskalte, fast tot wirkende Finger und er schluckte den Impuls sie anzuschreien herunter. „Du wirst noch krank werden, wenn du hier weiter in der Kälte sitzt, Shiva", sagte er rau und nahm die alte Frau auf die Arme. Sie wog fast nichts. Er war erschrocken über ihren abgemagerten Zustand. „Du musst mehr essen", meinte er liebevoll und sah sie an. Auch wenn die Frau ihn wahrscheinlich arglistig getäuscht und kaltblütig missbraucht hatte, so konnte er seine Zuneigung zu ihr nicht einfach an und abschalten. Wahrscheinlich tat ihr Verrat daher auch so weh.

Als Snape sie in ihren Sessel im Wohnzimmer gesetzt hatte, trat er zurück und holte die Decken. Dann rief er nach der Elfe Shivas und befahl ihr Tee zu servieren. Anschließend saßen sie sich schweigend gegenüber.

„Was ist los, mein Junge?", fragte Shiva schließlich und durchbrach somit als erste die Stille.

Snape schluckte, erwiderte jedoch nichts.

„Ich spüre, dass du verärgert bist, Severus. Sag mir, was passiert ist."

Er schloss die Augen. Niemand, der ihn im Unterricht erlebt hatte, hätte vermutet, dass der Tränkemeister mit sich haderte. Er hatte im Unterricht sehr selten Rücksicht genommen und alles und jeden gnadenlos platt gemacht, der oder die ihm in den Weg kam. Doch jetzt saß er auf dem Sofa und betrachtete die Frau, die ihm all die Jahre näher gestanden hatte als seine eigene Mutter. Die Frau vor ihm kannte ihn und ließ ihm Zeit.

Nach einer Weile holte er tief Luft und wollte etwas sagen, doch er wurde durch eine Elfe unterbrochen, die den Tee brachte. Die Elfe half der alten Dame das heiße Gebräu einzuschenken und die entsprechende Anzahl an Zucker einzurühren. Dann zog sie sich zurück und Snape trank ein paar Schlucke, um den Augenblick zu überbrücken. „Ich hab mit Lucius gesprochen", begann er schließlich und runzelte irritiert die Stirn als er sie lächeln sah. „Ich freue mich, dass ihr euch zusammengesetzt habt", meinte sie. „Es ist wichtig, dass ihr euch versteht. Ihr braucht euch gegenseitig."

Er lachte bitter. „Ja, dafür hast du schließlich gesorgt."

Shiva lehnte sich zurück. „Du bist ärgerlich", stellte sie fest. „Und ich bin der Grund. Was hat Lucius dir erzählt?"

„Sinngemäß oder wörtlich?"

Sie lächelte sanft. „Wie es dir beliebt, Severus."

Er sammelte kurz seine Gedanken. „Ich habe Luc von meinem Besuch erzählt, woraufhin er wissen wollte, was du gewollt habest. Er meinte, du seiest an allem Schuld. Natürlich fragte ich was er dir eigentlich genau vorwirft und er sagte, du seiest eine, ich zitiere: ‚intrigante, böse, alte Frau." Shiva zog die Augenbrauchen hoch, sagte aber nichts.

„Nach eine Weile", fuhr Snape fort, „sagte er mir dann, er hasse dich, da du ihn und mich wie Bauern auf deinem Schachbrett hin und her schicktest, wobei es dir völlig egal sei, wie es uns erging. Du dächtest nur an deinen eigenen Vorteil. Als Beispiel hat er das Ritual genommen und dass du begeistert wärst, sich dem Schützling des Dunklen Lords annehmen zu können. Wäre ich das nicht gewesen, ich hätte dich nicht wirklich interessiert. Es ging soweit, dass du sogar die Prophezeiung erfunden habest, die Luc und mich letztendlich dazu bewogen hatte, das Ritual durchzuführen." Wieder sah er Shiva an, doch die alte Frau nippte aufmerksam an ihrem Tee. „Erzähl weiter, Severus", forderte sie ihn auf.

„Ich habe Legilimentik angewandt und gesehen, wie er von dir den Auftrag erhielt, sich um mich zu kümmern, obwohl er es anfangs gar nicht wollte." Snape schluckte. „Warum Shiva? Ging es dir wirklich nur um Macht? Und wenn ja, woher konntest du wissen, dass ich mich auf all das eingelassen habe? Falsch… Woher willst du wissen, dass ich wirklich hinter Voldemort gestanden habe? Ich hätte jederzeit nein sagen können und dann hättet ihr Malfoys mich am Zauberstab gehabt."

Shiva stellte die Tasse ab. „Du hättest niemals ‚Nein' gesagt."

„Was macht dich da so sicher?", fauchte er.

„Macht…" Die ehemalige Schwarze Königin lächelte. „Du wolltest Macht. Du warst besessen von Macht."

Snape presste die Lippen aufeinander. „Nein", knurrte er.

„Oh doch." Sie lächelte nachsichtig. „Es geht im Leben immer um Macht. Egal wo, egal wie. Wer hat mehr Einfluss? Wer ist stärker? Wer muss sich wem unterordnen? Tom hat dir Dinge in Aussicht gestellt, die du niemals abgelehnt hättest… Weil du sie nicht gekannt hattest und immer haben wolltest. Er hat dir Macht und Einfluss versprochen und du hast danach gegiert wie ein Haifisch nach Blut. Du hättest dich niemals gegen ihn entschieden. Zu sehr warst du davon berauscht, endlich mal auf der Seite des Stärkeren zu stehen und nicht immer untergebuttert zu werden. Zu sehr hast du dich in dem Schatten der Malfoys gesonnt, um darauf zu verzichten. Du wolltest es den Jungen zeigen, die dich gequält haben und im siebten Schuljahr hattest du endlich die Gelegenheit. Du hast es genossen, Severus… Es war der Triumph deines Lebens als du Peter Pettigrew zu Tom Riddle gebracht hast…"

Snape schlug mit der Hand auf den Tisch und sprang auf. „Und was hat es mir gebracht? Lilys Tod. Ganz toll. Triumph, Triumph, du bittersüßer Sieg, du hast mir Lily genommen."

Shiva verdrehte die Augen. „Es wäre vielleicht mal an der Zeit, von dieser Frau loszukommen, Sev. Du kannst nicht ewig einer Verstorbenen Liebe hinterher trauern."

Snape hielt inne. Dann drehte er sich zu Shiva um und seine Stimme hatte einen gefährlichen Unterton angenommen. „Erzähl du mir nichts von Trauer. Du weißt nichts von Lily. Du weißt nichts von Artemis. Du hast keine Ahnung von meiner wirklichen Gesinnung. Du hockst hier in deinem Elfenbeinturm und wartest darauf, dass du endlich stirbst", knurrte er böse. „Also, Shiva, warum hast du die Prophezeiung erfunden?"

Wenn er sie mit seinen Worten verletzt haben sollte, so zeigte sie es nicht. Sie lehnte sich zurück in ihren Sessel und starrte in die Richtung, in der sie Severus vermutete. „Du hast Recht, mein Junge, ich bekomme hier kaum noch was mit. Das, was im Tagespropheten steht und was mir meine Elfe vorliest. Das, was du mir berichtest… Aber das heißt nicht, dass ich nicht Anteil nehme an dir und deinem Leben." Sie seufzte. „Mit Sicherheit ging es mir anfangs nicht um dich, Severus. Damals kannte ich dich nicht. Als Tom von dir erzählt hat, sah ich in die nur eine Möglichkeit, den Einfluss der Malfoys zu festigen. Du warst so eine Art Sohn für dich. Darum hat er dir immer und immer wieder vergeben. Darum hat er dir vertraut und dich zu Dumbledore geschickt. Niemand anderes hätte das machen können, denn Tom Riddle vertraute nicht, je älter er wurde. Doch du… du warst seine Schwachstelle und deshalb hattest du relativ viel Narrenfreiheit. Er hat dich wieder aufgenommen, obwohl du damals bei seiner Wiederkehr nicht erschienen warst. Jeder andere wäre tot gewesen. Du nicht… Schon damals, als wir uns das erste Mal gesehen hatten, wusste ich, was für einen Einfluss du haben wirst. Aber ich wusste auch, dass Lucius dich brauchen würde."

„Wofür?", schnaubte er.

Shiva lächelte. „Ich kenne die Malfoymänner…" Sie lächelte versonnen. „Und ich wusste, dass mein Enkel irgendwann in seinem Leben an einen Punkt ankommen würde, wo er einen Freund braucht. Nicht irgendeinen, sondern den Einen, den Richtigen."

„Und woher willst du wissen, dass ich es bin?", fauchte Snape.

Shiva tippte sich nachdenklich mit ihrem dünnen Finger auf die Nase. „Ich habe es gespürt, Severus. Wissen konnte ich es nicht, aber ich habe es in meinem Herzen gefühlt… Als du das erste Mal vor mir standest, wusste ich, dass du etwas ganz Besonderes bist und ich wusste, dass mein Enkel nur mit einem Gefährten wie dir davor bewahrt werden konnte, unter zu gehen… Wie oft hast du ihm den Hals gerettet? Ohne dich hätte ihn schon längst irgendein eifersüchtiger Ehemann ins Jenseits geschickt oder sich eine enttäuschte Frau gerächt. Er braucht dich, Severus. Und du brauchst ihn. Zwischen euch ist etwas, das von Anfang an da war… Ihr habt es nur nicht gesehen. Ich musste euch irgendwie zusammen bringen… Und dann, später, als ich dich kennengelernt habe, habe ich dich wie einen eigenen Sohn geliebt und das tu ich auch heute noch… Komm, mein Junge." Sie streckte ihre dürren Hände nach ihm aus.

Snape schluckte. Wie gern wollte er glauben, was er hörte. Dass es ihr nur um Lucius' und sein Glück gegangen war. Doch der Zweifel war gesät und er wusste nicht, ob er ihr jemals wieder würde vertrauen können. Dennoch kam er auf sie zu, kniete sich neben ihrem Sessel nieder und nahm ihre Hände.

Shiva strich ihm über die Haare. „Ich habe damals einen Fehler gemacht, als ich die Prophezeiung erfunden habe", gestand sie. „Ich wollte dich niemals verletzen. Im Gegenteil. Ich wollte dich davor bewahren verletzt zu werden. Ich habe sie damals erfunden, um euch dazuzubewegen das Ritual durchzuführen, weil ich geahnt habe, dass ihr beide als Einzelne scheitern würdet. Ihr ward immer Außenseiter gewesen. Die Todesser haben euch beneidet und zugleich gefürchtet… Sag mir, Severus, würdest du ohne das Ritual jetzt hier sein?"

Er schüttelte stumm den Kopf. Shiva konnte es nicht sehen, doch sie hörte es auf ihre eigene Art und Weise. Sie lächelte. „Vergib einer alten Frau. Auch ich bin nicht unfehlbar. Bitte, glaube mir, ich wollte dich nur beschützen. Ich liebe dich, Severus. Du bist mehr als nur der Freund meines Enkels. Du bist mein Enkel."

Ihre Worte berührten ihn. Severus Snape war verwirrt und er hatte noch nicht entschieden, ob er ihr glauben konnte. Er wollte es, aber es fiel ihm schwer. Zuoft war er im Leben enttäuscht und verletzt worden. Shivas vermeintlicher Verrat traf ihn doppelt so schwer.

Als er aufblickte sah er, wie sie die Augen geschlossen und sich zurück in den Sessel gelehnt hatte. Sie hörte nicht auf ihn zu streicheln, aber er spürte, dass sie ängstlich auf seine Antwort wartete. Er seufzte leise. „Ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll, Shiva", begann er. „Ich weiß nur, dass du all die Jahre einer der wichtigsten Menschen für mich gewesen bist. Ich kann nicht aufhören dich zu leben, nur weil ich etwas erfahren habe, was mir wehtut. Auch jetzt kann ich dich nicht hassen, auch wenn ich es möchte… Aber ich kann dir nicht vergeben. Du hast Luc und mich angelogen und benutzt, auch wenn es vielleicht niemals deine Absicht gewesen war. Gib mir Zeit… Bitte."

Shiva nickte. „Das wird ich, mein Junge. Und glaub mir, ich habe niemals an dir gezweifelt, genauso wenig wie Tom es letztendlich getan hatte…"

Snape schnaubte.

„Was hast du?", fragte sie.

Aufmerksam beobachtete der Mann die alte Frau. „Ich war schon lange nicht mehr Tom Riddles Junge…", sagte er vage.

„Was willst du damit sagen? Du hast ihn doch bewundert, wie wir alle…"

„Das soll heißen, dass ich von zwanzig Jahren Lord Voldemort den Rücken zugekehrt und für Dumbledore zu arbeiten begonnen hatte."

Shiva brauchte ein paar Minuten, um das Gehörte zu verdauen. Dann riss sie die runzligen Augen auf und wollte etwas sagen, doch dazu kam sie nicht mehr. Sie griff sich ans Herz und sackte bewusstlos zusammen…


Begriffe:

- jmd. am Zauberstab haben: etwa wie bei den Muggeln: jmd. an der Backe kleben haben
- im Elfenbeinturm sitzen: von der Realität abgeschottet sein, nichts mehr vom wahren Leben mitbekommen

Anmerkung:

An alle, die sich über die schnelle Einsicht der Eltern gewundert haben. Ich hab mich an meinen Eltern orientiert, als ich ihnen damals meinen ersten Freund vorgestellt habe. Er war ne absolute Katastrophe und ich befand mich in einer Trotzphase g Aber sie reagierten wirklich so. Sind meine Eltern …. Anders? Wenn ihr euch so wundert, stellt sich mir die Frage wirklich

Danke an:
Falls ich nicht mehr update: Ich wünsche euch allen einen guten Rutsch in ein neues Jahr und hoffe, wir lesen uns gesund und munter wieder ….