Kapitel 68 – Die erste Spur
Es ist ein Irrtum,
nichts zu glauben und ein Fehler, alles zu glauben.
Fernando De Rojas
Während eine ehemals wichtige Komponente im Kreis um Tom Riddle, dem gefürchteten Lord Voldemort, für immer zu verschwinden drohte, hielt ein weiterer Zeitungsartikel die Zaubererwelt in Aufruhr. Er war am heutigen Morgen im Tagespropheten erschienen und beschäftigte sich natürlich mit Charlie Weasleys Tod. Im Fuchsbau saßen fast alle Angehörigen und das frischgebackene Elternpaar Potter in der Küche zusammen und starrten fassungslos auf ein Foto in der Mitte der Zeitung, das Charlie Weasley und Lucius Malfoy zeigte, wie sie miteinander sprachen. Es musste irgendwann kurz nach dem Finalkampf entstanden sein, denn die beiden Männer zeigten zwar keine eindeutige Abneigung gegeneinander, aber dennoch schüttelten sie sich respektvoll die Hände
„Reinblüter Todessersympathisant dreht durch"
Die Überschrift prangte anklagend auf der ersten Seite. Sämtliche Köpfe waren über dem Artikel gebeugt und lasen ihn.
„Eine altehrwürdige und überaus bekannte Familie, die schon durch eher unangenehme Schlagzeilen zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist, scheint nicht genug Aufmerksamkeit erhaschen zu wollen. Vor kurzem ermordete ein Sohn des Ministeriumsangestellten Arthur W. und der Hausfrau Molly W. die Zieheltern D. des legendären Harry P, der-Junge-der-uns-von-ihm-befreit-hat mitsamt der Freundin des Sohnes und beging anschließend Selbstmord. Ihre Supersonderkorrespondentin berichtete.
Man möchte meinen, diese Familie W. aus der Nähe von Ottery St. Catchpole habe in den eigenen Reihen dafür gesorgt, dass sich so ein schrecklicher Vorfall nie wiederholen könnte. Aber Sie irren sich, werte Leser. Erneut drehte ein Angehöriger des kinderreichen W.-Clans durch und versuchte, wie vorher schon sein Bruder, jemanden zu ermorden, was sich aber bislang zum Glück nicht als erfolgreich erwiesen hatte.
Wie Ihre Supersonderkorrespondentin gestern erfuhr, war der Täter am vergangenen Halloweensamstag in Hogsmeade gesehen worden, wo er mit dem Naturkundestudenten Neville L. in den ‚Drei Besen' zusammen saß. Die Besitzerin Rosmerta R. berichtet: „Die beiden schienen sich gut zu verstehen und Charlie W. machte einen gelassenen Eindruck. Ich habe mich gewundert, dass er scheinbar locker mit dem Tod seines Bruders umging, aber jeder verarbeitet so eine schreckliche Tat ja anders, nicht wahr?" Umstehende berichteten, dass nach einer Zeit das spätere Opfer, der ehemalige, aber rehabilitierte Todesser Lucius M., das Lokal mit seinem Freund und Todesserkollegen Severus S, ebenfalls freigesprochen, betrat.
Lucius M., den meisten aus der Zaubererwelt hinlänglich bekannt, ist derzeitig Professor in Hogwarts und genießt einen wiederhergestellten, wenngleich auch zweifelhaften Ruf. Dir letzte große Affäre des skandalträchtigen ‚Blonden Toxikums', liegt noch nicht lange zurück. Er geriet in die Schlagzeilen, als er sich am Abend des 02. Novembers diesen Jahres zu seiner neuen Beziehung, der blutjungen Lehrerin Hermine W., bekannte, die pikanterweise als beste Freundin Harry P.s gilt und zudem die Schwägerin des Täters ist. Doch dazu später mehr.
Das Opfer verließ mit seinem Kollegen kurz vor dem Täter und dessen Bekannten die Gastwirtschaft, um sich auf den Weg nach Hogwarts zu machen. Offensichtlich trafen die beiden etwa auf der Hälfte zwischen Schloss und Hogsmeade aufeinander. Vermutlich sprach Charlie W. sein Opfer an, so dass Severus S. und Neville L. ohne die beiden den restlichen Weg zur Schule gingen. Aber hier herrscht Unkenntnis über das Geschehene. Fakt ist, dass Charlie W. tot ist und Lucius M. schwer verletzt auf der Krankenstation Hogwarts liegt. Ebenso fest steht, dass das Opfer keinen Zauberstab bei sich hatte. Das wurde vom Aurorenteam hinlänglich untersucht. Der tödliche letzte Fluch kam bewiesenerweise von dem Täter.
Was war geschehen? Wir können nur spekulieren.
Der wohl wahnsinnige Täter hatte einen Brief bei sich, aus dem hervor geht, dass er sich mit der Frau (so bezeichnet Lucius M. die kleine Hermine G., sie ist gerade Anfang zwanzig) des Opfers treffen wollte, um scheinbar über seinen Bruder und Ehemann der Hexe zu reden. Als er dann den Mann traf, der seinem Bruder die Frau ausgespannt hatte, musste Charlie W. rot gesehen haben. Er stürzte sich auf den älteren Mann (Spuren am Tatort belegen dieses), offenbar mit der Absicht, den extrem gutaussehenden Geliebten seiner Schwägerin zu foltern und zu ermorden. Wahrscheinlich hatte dieses Gewissensbisse und versuchte mit Charlie W. zu reden, da sich keinerlei Spuren von Gegenwehr finden lassen. Nachdem der Täter glaubte, sein Opfer sei tot, brachte er sich selbst um. Scheinbar hat die Familie W. eine Vorliebe, sich feige aus der Affäre zu ziehen, nachdem sie brutal und mitleidslos gefoltert und gemordet haben.
Was sich allerdings genau zugetragen hat, kann nur Lucius M. berichten, der noch immer im Koma liegt, und dessen Überlebenschancen nicht gut stehen.
Dies alles lässt nur einen Schluss zu: Die Familie W. ist scheinbar dem Wahnsinn verfallen und das Ministerium sollte sich dringen diesem Klüngel annehmen, indem es sie alle wegsperrt. Nur so können wir in Zukunft beruhigt schlafen gehen. Diese W.s gefährden unser aller Leben.
Zuallererst fordere ich den Rauswurf des Ministeriumsangestellten Arthur W., da man nicht weiß, ob auch er irgendwann durchdrehen und womöglich das ganze Ministerium in die Luft sprengen wird. Dann fordere ich eine genaue Untersuchung der Fälle und entsprechende Maßnahmen für die restlichen Familienmitglieder. Es wäre verantwortungslos keine Konsequenzen zu ziehen. Wer kann sich selbst und seine Kinder dann noch in Sicherheit wähnen, solange diese Familie frei herumläuft?
Lesen Sie mehr über die weiteren, verblieben Mitglieder auf Seite zwei, drei, fünf und sieben.
Ihre Supersonderkorrespondentin Rita Kimmkorn
Niemand hatte mitbekommen, dass sich die Tür geöffnet und Großtante Muriel in das Haus gestapft war. „Was ist hier los?", fragte sie missgelaunt und ein kollektives Aufstöhnen ging durch die Weasleyreihe. Schließlich fasste sich Harry Potter ein Herz und ging auf Großtante Muriel zu, die er seit seiner Hochzeit mit Ginny ebenso nennen durfte. „Großtante Muriel", begrüßte er sie halbherzig. „Ich hab gar nicht gewusst, dass du kommen wolltest."
Sie schnaubte. „Es war ja auch eher spontan. Als ich diesen Artikel gelesen habe, habe ich beschlossen, euch beizustehen. Was wagt es diese … diese Schnepfe so einen Artikel zu schreiben? Die werden wir fertig machen!" Großtante Muriel ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Hol mir mal meine Tasche, Ronald", wies sie den jüngsten Sohn an.
„Muriel", fragte Arthur Weasley, „können wir dir was zu trinken anbieten?" Er besann sich im letzten Moment auf die Pflichten als Gastgeber.
„Ja, einen Schnaps, wenn ihr habt… Dieses Weib!", keifte sie und pfefferte ihre Handtasche auf die Zeitung, direkt auf das Bild einer strahlenden Rita Kimmkorn. „Ihr glaubt doch wohl nicht diesen Unsinn?"
„Natürlich nicht!", begehrte Mrs. Weasley. „Aber wir können uns nicht erklären, was vorgefallen war."
„Das ist doch wohl offensichtlich", zischte Harry. „Die falsche Schlange hat das irgendwie gedreht und Charlie umgebracht."
„Aber", begann Bill, „er hatte keinen Zauberstab bei sich. Und der Fluch ging definitiv von Charlies Stab aus."
„Vielleicht hatte er ihn ihm entrissen und dann wieder in die Hand gedrückt, nachdem er sich selbst schwer verletzt hat."
Ginny hielt ihren Sohn im Arm und schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Ich mag Malfoy auch nicht, aber so ein Angriff ist einfach nicht sein Stil.
„Wie meinst du dieses?", fragte Fleur und sah Ginny mit großen Augen an.
„Naja, er ist ein Arschloch und er ist leider ein ziemlich gefährliches, kaltblütiges Arschloch, der seinen Kopf immer und immer wieder aus der Schlinge ziehen kann, aber er ist zu intelligent, um so offensichtlich vorzugehen. Er muss doch davon ausgehen, dass alle Welt deine Theorie, Harry, als erstes annehmen wird… Also, wenn er Charlie umgebracht haben wollen, dann hätte er das viel gerissener angestellt. Er ist ein Malfoy, ein simpler Mord passt nicht zu ihm."
„Vielleicht gerade deswegen?", fragte Ron.
Doch Bill schüttelte den Kopf. „Und selbst wenn. Er ist mittlerweile seit über einer Woche im Koma und wenn er sich selbst verletzt hätte, um den Mord glaubhafter zu machen, so hätte er sich bestimmt so verletzt, dass er spätestens nach zwei Tagen wieder aufgewacht wäre. Er ist mediengeil und hätte die Aufregung mit Sicherheit zu seinem Vorteil nutzen wollen… Ich glaub auch nicht, dass es Malfoy war. Das wär viel zu einfach."
„Aber wer war es dann?", warf nun der fast verloren gewesene Sohn Percy ein, der sich nach dem Endkampf zwar nicht vollständig mit seiner Familie ausgesöhnt hatte, aber doch wieder ein vollwertiges Mitglied der Weasleys geworden ist. „Aus dem Ministerium war es niemand. Das wüsste ich. Charlie hatte keinerlei Feinde. Wenn Malfoy tot wäre, dann sähe das ganze anders aus. Der Mann hat mehr Feinde als Galleonen bei Gringotts."
Großtante Muriel schnaubte belustigt. „Also, was haben wir?"
„Einen toten Charlie, einen schwerverletzten ehemaligen Todesser und-" Ginny unterbrach sich selbst. „Das ist es", rief sie aus. „Todesser!"
„Was?" Kaum einer hatte ihrem Gedankengang folgen können. Molly Weasley schnupfte immer in ein viel zu großes Taschentuch und betupfte sich ihre geschwollenen Augen.
Harry übernahm den Gedanken. „Genau, Ginny hat Recht. Was, wenn ein Todesser dahinter steckt? Es laufen doch noch genügend von ihnen frei rum. Die Carrow zum Beispiel oder Yaxley, oder MacNair, oder Bellatrix Lestrange."
Bills Augen fingen an zu leuchten. „Bellatrix wäre die Richtige. Sie ist entsetzt, dass sich ihr Todesservorzeigeschwager von ihrem geliebten Lord abgewandt hat und irgendeinen Deal mit dem Ministerium eingegangen war. Also will sie sich rächen und ihm den Mord an Charlie in die Schuhe schieben. Charlie ist ein gefundenes Fressen für sie, da ihre Urgroßtante Cedrella mit Septimus Weasley, unseren Urgroßonkel, durchgebrannt war. Außerdem hasst sie uns, weil wir mit Muggel befreundet sind und-"
„Das passt auch zu dem Mord an den Dursleys. Sie wusste aus der Zeitung davon und hat George erpresst", rief Ginny, wurde aber von Harry unterbrochen. „Der Imperius!"
Alle liefen hektisch durcheinander.
„Wir müssen dem Minister sofort eine Eule schreiben", versuchte Arthur Weasley das Chaos zu übertönen, als in dem Moment eine Eule ans Fenster klopfte. Sofort war es im Fuchsbau ruhig und Mr. Weasley löste die Rolle vom Fuß des kleinen Kauz'. Er sah auf die Schrift und blickte dann in die Runde. „Es ist vom Minister…. Für mich!"
Die Familie schluckte und Mr. Weasley las. Als er geendet hatte, sank er blass auf einen Stuhl und öffnete sich fassungslos die oberen Knöpfe seines Hemdes.
„Was schreibt er", fragte Mrs. Weasley.
„Ich bin vorläufig suspendiert", krächzte Mr. Weasley. „Morgen kommen Leute des Ministeriums und vom St. Mungos, um sich mit jedem Einzelnen von uns zu unterhalten."
Harry haute mit der Faust auf den Tisch und griff nach der Pergamentrolle. „Der Minister soll es bloß wagen, einen von euch einweisen zu lassen. Dann bekommt er es mit mir zu tun!" Er las das Pergament und grinste.
„Warum grinst du?", ereiferte sich Molly Weasley und Harry wurde schlagartig ernst. Doch kurze Zeit später musste er sich wieder ein Lachen verkneifen. „Sorry", jappste er. „Aber der Zusatz ist einfach komisch."
Jetzt griff Ginny nach dem Brief, suchte nach der passenden Stelle und las vor: „Erebos Graves, Amtierender Zaubereiminister, P.S. Sollte Mr. Malfoy sterben, verleihe ich Ihrem Sohn postum den Orden des Merlins erster Klasse."
Anmerkung:
Wer Ritas Kimmkorn ebenfalls nicht mag, möge die Hand heben lach
