Kapitel 69 – Liebe, Vergebung und Glaube

Und dann war da noch der Sünder, der zu seinem Gott betete:
"Herr, eigentlich müsste ich dich jeden Tag um Vergebung bitten.
Äh, kann ich da vielleicht ein Abo einrichten? Und gibt es da dann Rabatt?"

Wolfgang J. Reus,

Snape reagierte sofort. Er rief nach der Hauselfe und nahm seine Großmutter auf den Arm, um sie in ihr Schlafzimmer zu tragen.

Die Elfe erschien. „Magenta ist so schnell wie möglich gekommen", jappste sie.

Snape warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Gehe in mein Jugendzimmer. Im Schrank neben dem Bild mit den schwarzen Blumen findest du einen Holzkasten. Hol ihn mir – sofort."

Mit einem Plopp verschwand die Elfe und Snape wandte sich Shiva zu. „Ich dachte, du wusstest es…", murmelte er leise und streichelte ihre Hand. Als die Elfe wieder erschien suchte er mit geübten und wissenden Händen nach einer bestimmten Phiole und nach einer Muggelspritze. Manche Tränke wirkten effektiver, wenn sie intravenös gespritzt wurden – auf Muggelart. Er murmelte einen Zauberspruch, um die unsichtbare Barriere um die Tränke herum aufzuheben. Zum einen war die Schranke nützlich, damit die Tränke nicht in falsche Hände gerieten, zum anderen wurden sie haltbar gemacht.

Sein Blick fiel auf die kleine Hauselfe, die ihn aus großen Augen ängstlich ansah. Sie und Shiva hatten in den Jahren eine besondere Beziehung zueinander aufgebaut. Auch wenn das ursprüngliche Familienoberhaupt ähnlich wie ihr Enkel über die kleinen Wesen gedacht hatte, so hatte sich ihre Auffassung mit der Zeit der Abhängigkeit geändert. Magenta war ihr einziger Bezugspunkt gewesen. Das Wesen hörte ihr zu, sprach mit ihr und half ihr. Die beiden hatten mehr und mehr ein freundschaftliches Verhältnis angenommen. So stand die Hauselfe mit hängenden Ohren und bangem Blick neben dem Bett und sah auf den leblosen Körper der Frau.

Snape seufzte. „Magenta, setz dich auf den Oberarm deiner Herrin", wies er die Untergebene an. „Es ist wichtig, dass du ihren Unterarm ruhig hältst", fuhr er fort, als er den Schreckensgeweiteten Blick sah. „Shiva ist zwar alt und schwach, doch der Körper wird sich auf die Flüssigkeit stürzen wie ein ausgehungerter Hund auf einen Knochen. Ich darf die Medizin nicht direkt spritzen, sie muss in Shivas Körper tröpfeln, ansonsten wäre die Wirkung tödlich." Die Elfe sah ihn noch immer mit großen Augen an. Er knurrte. „Anfangs wird sich ihr Körper auf den Inhalt dieser Phiole stürzen, doch dann wird er versuchen, ihn abzustoßen und sämtliche zur Verfügung stehenden Kraftreserven sammeln, um sich aufzubäumen. Damit ich zu Ende spritzen kann, musst du ihren Arm ruhig halten." Er hatte die Erfahrung gemacht, dass man Elfen zwar Befehle geben konnte, die sie ausführten. Doch wenn sie diese Anordnungen verstanden und den Grund erkannten, waren sie wesentlich gewissenhafter und aufmerksamer. Etwas, was jetzt unabdingbar war.

Die Elfe krabbelte auf ihre alte Freundin. Man sah ihr an, dass sie sich unwohl fühlte, doch sie hatte Snapes Anweisung verstanden.

Dieser hielt er die kleine Nadel der Spritze in die Flüssigkeit uns zog sie langsam auf, um nichts von der kostbaren Medizin zu vergeuden. Schon oft hatte er auf diese Art und Weise seine Tränke verabreicht, meistens beim Dunklen Lord, daher fand er mit Leichtigkeit eine von Shivas Venen in ihrer Armbeuge. Er setzte die Nadel an und ließ die Flüssigkeit in die Blutbahn der alten Frau tröpfeln.

Wie vorausgesagt stürzte sich Shivas Körper auf die Medizin. Man sah es an dem Spiel des Bluts in die Venen, die bei ihr deutlich hervortraten. Es schien, als würde das Blut gebündelt und raste mit einer enormen Geschwindigkeit auf die Einstichstelle zu. Sobald es von der Medizin ‚kostete', wurde es mit einer Wucht zurück geschleudert, die den alten, runzligen Körper erbeben ließen. Snape hatte gerade dreiviertel der Flüssigkeit in die alte Dame getröpfelt, als sich deren Körper zu wehren begann. Magenta saß auf dem Arm von Shiva und versucht den unter ihr liegenden Körper zu bändigen. „Magenta… Hilfe", jappste sie. Sie hatte Schwierigkeiten sich festzuhalten und gleichzeitig so zu sitzen, dass Shivas Arm ruhig blieb.

Snape konzentrierte sich weiterhin auf sein Tun. „Ich darf jetzt keine Magie anwenden", sagte er hochkonzentriert.

„Crimson", kreischte die Elfe so laut wie sie konnte und Snape zuckte zusammen. Nur der jahrelangen Übung der Konzentration unter dem Dunklen Lord war es zu verdanken, dass er sich nicht erschreckte und so alles ruiniert hätte. „Bei Merlin, Elfe", fluchte er.

Crimson apparierte direkt neben dem Bett. „Hilf Magenta", fuhr der Tränkemeister ihn an und überließ es der Hauselfe Crimson einzuweihen. Sekunden später saßen zwei Hauselfen auf der alten Dame und versuchten sie ruhig zu halten.

Snape tröpfelte weiterhin die Flüssigkeit in Shivas Blutbahn. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er wusste, wie wichtig es war jetzt keinen Fehler zu machen. Ein Missgeschick und die alte Frau musste sterben.

Schließlich hatte er es geschafft. Er gönnte sich eine Nanosekunde Pause, dann zog er sich die Schuhe aus und kletterte auf das Bett. Shiva schlug um sich und fegte mit erstaunlicher Kraft einen der beiden Hauselfen von sich, der in diesem Moment nicht aufgepasst hatte. Magenta rappelte sich auf und wollte sich sofort wieder auf ihre Herrin stürzen, als Snapes Stimme sie zurück hielt. „Ich werde mich jetzt darum kümmern. Holt Wasser und neue Kleidung." Nach einem Blick auf ihre tobende Herrin, verschwanden die Elfen.

Snape fing ihre dürren Arme ein und rollte seine Nenngroßmutter auf die Seite, so dass er hinter ihr zu liegen kam. Ihre Handgelenke festhaltend umklammerte er sie schraubstockartig und drückte unnachgiebig ihre Beine mit seinem zusammen. Er war stärker als Shiva und schaffte es, sie zu bändigen.

Minuten später lag Shiva schlafend auf ihrem Bett und Snape räumte seine Sachen ein. Crimson und Magenta begannen die alte Frau auszuziehen und ihren Körper zu säubern. Anfänglich sahen sie unsicher zu Snape, doch dieser winkte ab. „Sie besitzt nichts, was ich nicht kenne, außerdem sehe ich sie eher als Großmutter denn als Lustobjekt an", spottete er sanft und sah in die geröteten Augen der kleinen Elfe. Sie nickte.

Snape ging schließlich in ein angrenzendes Bad und machte sich selbst frisch. Als er ein paar Minuten verschnauft hatte, trat er zurück in das Schlafzimmer, setzte sich auf einen Sessel und sah die verschwitzte Elfe an. Diese wandte sich unter seinem Blick, traut sich aber schließlich doch die Frage zu stellen, die sie bewegte. „Mister Snape, bitte, verraten Sie Magenta, was passiert ist?"

Snape seufzte. „Ich habe ihr erzählt, dass ich nicht hinter dem Dunklen Lord stand und das hat sie aufgeregt."

Die Elfe riss die Augen auf. „Das hätte Mister Snape niemals tun dürfen. Es bringt sie um."

Er grinste schief. „Das habe ich auch mitbekommen… Aber sag, Magenta, du hast ihr doch aus dem Tagespropheten vorgelesen. Da stand es ausführlichst, dass ich Doppelagent war. Sowohl Mister Malfoy als auch ich haben zum Schluss an der Seite des Ministeriums gekämpft. Warum wusste sie", er nickte in Richtung Shivas, „nichts davon?"

Die Elfe ließ ihre Ohren hängen und sah furchtbar mitleiderregend aus. „Magenta hat diesen Teil immer ausgelassen, Sir. Sie wusste, dass sich Mrs. Malfoy darüber aufregen würde und Magenta wusste auch, dass keine Hilfe hier war. Sie hielt es für besser, davon nichts zu erzählen und stattdessen zu sagen, Mister Snape und Master Malfoy wären vom Gericht wegen nicht ausreichender Beweise freigelassen worden, Sir. Mrs. Malfoy war glücklich über diesen Gedanken und hatte gesagt: ‚Keiner kann den Malfoys etwas nachweisen.' Es tut Magenta Leid, Sir." Sie sah wirklich reichlich geknickt aus, so dass Snape seufzte. „Schon gut, Magenta, du hast das Richtige getan. Niemand hätte sie retten können. Aber nun bring das Kästchen wieder zurück und entsorge das hier." Er hielt ihr die Spitze hin, die die Elfe mit spitzen Fingern nahm, und legte erneut einen Zauber über die Tränke.

Im Anschluss schickte er eine Eule nach Hogwarts, um sich wegen dringender familiärer Angelegenheiten für zwei Tage zu entschuldigen. Er wusste, dass er sich später Minervas Fragen stellen musste, schließlich hatte er keine Familie mehr im eigentlichen Sinne. Die paar Verwandte, die er noch besaß, hatte er seid Jahren nicht mehr gesehen und der Kontakt war abgebrochen. Dann setzte er sich wieder in einen Sessel neben Shivas Bett und wartete darauf, dass die alte Dame aufwachte…

ooOoo

Er musste selbst eingenickt gewesen sein, denn als er aufwachte war es bereits dunkel, der Mond schien voll und gerundet auf die Erde herab und neben ihm stand auf einem kleinen Tischchen ein reichhaltiges Abendbrot. Magenta musste es in der Zeit gebracht haben, in der er geschlafen hatte.

Sein Blick huschte zu der reglosen Gestalt auf dem Bett. Sie lag entspannt und der Mund stand ein wenig offen. Sie lag friedlich da und im Schlaf sah sie aus wie ein junges Mädchen.

Snape seufzte lautlos. Sein erster Impuls war zu gehen. Jetzt, wo klar war, dass sie überlebte, hielt ihn eigentlich nichts mehr hier. Sie hatte ihn verletzt. Warum also sollte er weiter da bleiben?

Weil sie der einzige Mensch in seinem Leben war, der ihm das Gefühl gegeben hatte, wichtig für ihn zu sein, sagte ihm sein Gewissen. Shiva und Lucius hatten ihn so angenommen, wie er war und ihn immer bedingungslos geliebt. Entgegen sämtlicher gängiger Meinungen waren die Malfoys durchaus in der Lage zu lieben. Wenn sie liebten, taten sie es bedingungslos und aus vollstem Herzen. Wenn sie liebten, idealisierten sie diese Person, so dass diese kaum die Chance hatte, dem Bild, in welches er oder sie gepresst wurde, zu entsprechen. Sobald die Malfoys dies bemerkten, ließen sie die Person fallen und begannen, sie zu hassen. Der Hass der Malfoys war tödlich. Severus Snape war es gelungen, dieser Idealisierung zu entgehen. Wie konnte er nicht sagen, wahrscheinlich, weil er durch das Ritual als Familienmitglied gezählt wurde. Familienmitglieder wurden nicht idealisiert…

„Severus", vernahm er Shivas schwache Stimme und hockte sofort neben ihr auf der Bettkante. Er wischte ihr das lange, graue Haar aus der Stirn und sah sie fast schon liebevoll an.

„Vergib mir…"

Snape lächelte und fasste in diesem Moment einen Entschluss wie noch nie zuvor in seinem Leben: Er vergab.

Warum konnte und wollte er nicht begründen. Wahrscheinlich, weil trotz allem noch irgendwo tief in seinem Inneren Menschlichkeit hockte und er sich selbst danach sehnte zu vergeben. Seitdem Voldemort tot war, hatte er viel nachgedacht. Natürlich war er von jetzt auf gleich kein anderer Mensch geworden. Seine Erfahrungen, seine Erlebnisse, seine Erbanlagen machten ihn zu einem schwierigen Menschen. Er war noch immer keine Frohnatur, er war noch immer ein verbitterter Zyniker. Aber dennoch begann er etwas wieder zu entdecken. Etwas, von dem er angenommen hatte, dass er es über all die Jahre verlernt hatte. Er entdeckte die Fähigkeit zu lieben.

Rückblickanfang 1965

Der kleine Junge saß auf dem Schoss seines Großvaters. Der alte Mann hielt seinen Enkel an den Armen fest und spielte ein altes Spiel, Hoppe hoppe Reiter. Der Junge quietschte vor Freude. Er liebte es, wenn er übers Wochenende bei seinen Großeltern sein durfte. Fern ab von seinen Eltern. Fernab von der lieblosen Umgebung, in der er aufwuchs. Hier konnte er fröhlich lachen und singen und spielen und einfach er selbst sein.

Seine Großmutter saß in einem Lehnstuhl nahe dem Kamin und las in einem dicken Buch. Ihre Brille saß schief auf ihrer Nase, doch das störte sie nicht. Wohlwollend sah sie auf ihren Enkel herab und lächelte. Ihr war klar, dass ihr Sohn, Tobias Snape, seine Fehler hatte. Doch der kleine Severus war ein Sonnenschein. Er war kein Fehler, sondern das Beste, was Tobias jemals erschaffen hatte. Sie betrachtete die glatten schwarzen Haare des Jungen und schmunzelte. Der kleine Tobias war das absolute Ebenbild seiner Mutter. Nur die Nase, die hatte er von seinem Vater. Der arme Kleine. Sechs Jahre waren nun seit dem schrecklichen Ereignis vergangen, aber dafür konnte der Junge nichts. Das wusste sie. Sie liebte ihn.

Klein-Severus krabbelte auf den Knien seines Opas und machte sich groß. „Guck ma', wie groß ich schon bin."

Der Opa staunte. „Wachs aber nicht zu schnell, nachher bist du größer als ich."

Der Kleien grinste. „Nee, so groß wie du werde ich bestimmt nicht. Aber ich hab dich bald eingeholt, bald hab ich keine Zähne mehr." Er ließ den Kopf hängen.

Sein Großvater lachte. „Bald kommen Neue. Versprochen."

„Ehrlich?" Klein-Severus strahlte. „Und dann kann ich endlich wieder einen Apfel essen?"

„Aber natürlich", lächelte der alte Mann. Er warf seiner Frau einen Blick zu. Ihr Enkel verlor verhältnismäßig früh seine Milchzähne, aber Severus war schon in allem sehr früh gewesen.

Oma Snape markierte die Seite ihres Buches und klopfte auf ihre Schenkel. „Komm mal zu mir."

Sofort krabbelte Klein-Severus von Opas Schoß, rannte zu dem seiner Oma und setzte sich schwungvoll drauf. Er wusste, was jetzt kam. Seine Großeltern waren sehr gläubig und auch wenn ihn die Bibel nicht sonderlich interessierte, so lauschte er gern der Stimme seiner Oma, wenn sie ihm daraus vorlas. Er kuschelte sich an den weichen Busen seiner Großmutter, zog die kurzen Beinchen an und lauschte.

„Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl
Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es! Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?
Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.
Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.
Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.
Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt?
Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!"
„Oma?", murmelte der kleine Junge.
„Ja, Sev?"
„Muss ich Papa auch die Füße waschen, damit er mir vergibt?"
Der Blick von Mrs. Snape wurde wachsam. Rasch sah sie ihren Mann an, doch dieser zuckte mit den Schultern. „Dir was vergibt, mein Liebling?", fragte die alte Frau leise.
Severus schlug die Augen auf und sah sie mit einer Verletztheit an, die der alten Frau fast das Herz stehen lassen ließ. „Dass ich auf der Welt bin."

Rückblickende

Für einen Moment war Snape in seiner Erinnerung gefangen. Er konnte sich kaum noch an seine Großeltern väterlicherseits erinnern. Sie waren Muggel gewesen und streng gläubig. Vielleicht hatten sie deswegen ihren Sohn gezwungen, Eileen Prince zu heiraten, als klar war, dass diese schwanger gewesen war? Damals hatte er das alles nicht gewusst. Er hatte sich bei seinen Großeltern wohl gefühlt und sein Opa hatte ihm erklärt, dass er ‚richtige' Zähne bekommen sollte. Sein Opa hatte immer für alles eine Erklärung gehabt.

Drei Tage nach diesem Abend waren die beiden bei einem Autounfall ums Leben gekommen…

Als er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Frau im Bett lenkte, kam ihm wieder ein Satz in den Sinn, den ihm seine Großmutter vorgelesen hatte. ‚Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.' Shiva hatte ihm ihre Liebe gezeigt…

Auch wenn er keine Miene verzog, wusste Shiva was in ihm vorging. Sie kannte ihn gut genug. Dankbar schob sie ihre Hände zwischen seine und atmete tief ein und aus. „Er hat mir nie vergeben", flüsterte sie und Snape musste sich vorbeugen, um sie überhaupt zu verstehen.

„Er hat Vergebung nie kennen gelernt", sagte er langsam und sah ihr tief in die Augen. „Lucius wird kommen, irgendwann. Das verspreche ich dir." Shiva nickte und sank zurück in die Kissen.

Minutenlang blieb es ruhig. Keiner sagte etwas. Schließlich stellte Shiva die Frage, vor der sich Snape fürchtete. „Was wurde mir noch alles verschwiegen?"

„Mh?"

„Wann bist du Tom untreu geworden?" In ihrer Stimme klang soviel Verletztheit mit, dass es Snape nahe ging. Er wusste, wie sehr die alte Frau an dem ‚Jungen' gehangen hatte. Sie hatte es nie vollständig überwinden können, dass er ihr den Rücken zugekehrt hatte.

„Ich bin 1981 zu Dumbledore gegangen", fing er vorsichtig an zu erzählen und beobachtete die alte Frau unter halbgeschlossenen Augenlidern, immer bereit, jederzeit eingreifen zu können. Doch sie nickte, so dass er fortfuhr. „Ich habe schon vorher an Volde…. an Tom gezweifelt. Doch ich habe mir nicht eingestehen wollen, mich eventuell geirrt zu haben. Ich-"

„Warum?"

„Warum was?"

„Warum hast du an ihm gezweifelt?"

Er seufzte. „Am Anfang war ich von ihm begeistert. Ich wollte unbedingt dazu gehören. Mir hat es gefallen, endlich jemand zu sein. Einen gewissen Einfluss zu haben. Gemeinsam mit Lucius die Todesser anzuführen. Den inneren Kreis. Auch die Vorstellung, dass die Zauberer die … bessere … Rasse sei, hat mir gefallen. Doch ich wollte niemals so weit gehen und andere umbringen. Als… Tom von mir verlangt hat, den ersten Muggel zu töten, da habe ich begonnen zu zweifeln. Herrenrasse schön und gut. Das leuchtete mir noch ein. Aber andere töten, auch wen sie als minderwertig galten, das war etwas völlig anderes… Zuerst habe ich es ausgeblendet. Ich habe meine Zweifel in eine meiner hintersten Gedächtnisecken verschlossen und vergessen. Doch als Lily… Als die Potters sterben sollten, da wusste ich mir nicht anders zu helfen. All die Zweifel, all mein Unwille brach hervor und ich konnte nur noch zu Dumbledore gehen…"

„Du hast Tom verraten", stellte Shiva nüchtern fest.

„Ja."

Sie schwieg. Man konnte ihr ansehen, dass sie nachdachte. Aber sie schwieg weiter und Severus Snape wurde unruhig.

„Ich kann es nicht verstehen", sagte Shiva letztendlich. „Doch du musst deine Gründe gehabt haben, Junge. Fahr fort."

Er lächelte kaum merklich. Dies von der großen Shiva Malfoy, der Schwarzen Königin, das war ein Eingeständnis, welches er sich einrahme konnte. „Seitdem habe ich für Dumbledore gearbeitet. Tom war lange Zeit verschwunden. Niemand wusste, was mit ihm geschehen war, doch Dumbledore hatte immer angenommen, dass er zurückkam. So war es dann auch im Jahr der Quidditchweltmeisterschaft. Er kam zurück und ich konnte ihn letztendlich davon überzeugen, dass ich nie auf einer anderen Seite als der von Tom gestanden habe."

„Er wollte es so glauben", lächelte Shiva. „Du warst immer sein Liebling. Er hatte zwei Schwächen. Seine Eitelkeit und dich." Die alte Frau lachte. „Du warst wie der Sohn, den er nie gehabt hatte… Er hat dich mit offenen Armen empfangen."

„Er hat es mir nicht leicht gemacht", warf Snape ein.

„Papperlapapp. Das war sicher wegen der anderen."

„Ich habe für beide Seiten spioniert. Aber ich habe immer mit Dumbledore abgesprochen, was ich Tom Riddle sagen sollte", nahm Snape den Faden auf. „Ich weiß, dass du Tom als den Jungen siehst, den du damals in Hogwarts kennengelernt hattest. Aber glaube mir, als er zurückgekommen war, hatte er keinerlei Ähnlichkeiten mehr mit ihm. Er war ein Monster…"

Die alte Dame erwiderte lange Zeit nichts darauf. Snape wusste, welche Frage sich ihr stellte und er wartete geduldig ab. Schließlich sah sie ihn aus ihren blinden Augen an. „Und Lucius?"

Der Tränkemeister schluckte, aber innerlich wusste er, dass Shiva die Wahrheit verkraften würde. „Er hat am Ende die Zeiten gewechselt."

Sie nickte. „Ich sollte ihm vergeben, nicht wahr?"

Er grinste schief. „Das solltest du."

Sie ließen sich einen Tee kommen und Magenta war froh, ihre Herrin so munter zu sehen. In diesem Moment schwor sich die kleine Elfe, für Mister Snape alles zu tun. Er hatte ihre Herrin gerettet. Das würde sie nie vergessen.

Wieder schwiegen sie und wieder war es Shiva, die das Schweigen als erste brach. „Es war kein Unfall, oder?" Sie deutete auf ihren Körper und Snape wusste sofort was sie meinte. „Nein…"

„Erzähl es mir."

„Vielleicht ein anderes Mal, Shiva. Du solltest dich ausruhen."

Sie fauchte. „Das kann ich, wenn ich tot bin. Also, erzähl!"

Er sah zweifelnd zu ihr herüber, doch schließlich beugte er sich ihrem Willen. „Vol… Tom wollte die Alleinherrschaft, du warst ihm zu mächtig geworden."

Sie nickte. „Das wollte Tom schon immer."

„Doch du warst zu schlau, zu mächtig. Er wusste, dass er deine Kontakte brauchte. Und das Geld der Malfoys." Er stockte. „Doch er traute sich nicht so recht an dich heran. Ich war zufällig dabei, wie er Bella gegenüber fallen ließ, wie froh er doch wäre, wenn du endlich von der Bildfläche verschwinden würdest. Er wusste genau, was das in Bella anrichten würde. Sie wollte ihm gefallen. Sie lebte schon immer nur für ihn. Sie wollte, dass er sah wie loyal sie ihm gegenüber stand. Also begann sie deinen Untergang zu planen. Er hatte damit nichts zu tun. Seine Hände konnte er in Unschuld waschen. Das wusste er. Genauso wie ihm klar war, dass er alles von Bella verlangen konnte. Doch er war schlau genug, ihr nicht deinen Tod zu befehlen. Wenn Lucius das rausbekommen hätte, hätte er sich von Tom zurückgezogen und das wollte der Dunkel Lord nicht riskieren."

Wieder nickte Shiva und deutete ihm an, weiter zu erzählen.

„Sie plante minutiös deinen Tod. Ich vermute, sie war eifersüchtig auf deine Machtstellung. Der unausgesprochene Befehl kam ihr daher wie gerufen… Aber du kennst Bella. Sie ist wahnsinnig, aber sie macht Fehler. Was genau schief gelaufen war, kann ich nur vermuten. Sie ließ dir einen Trank zu kommen und sorgte dafür, dass ihn dir dein Hauselfe Osly verabreichte. In Wirklichkeit war Osly ein Hauself der Blacks und natürlich überlebte er nicht. Bella konnte noch nie Zeugen gebrauchen. Hätte sie gewusst, dass ich sie belauscht habe, sie hätte auch mich zu töten versucht." Er trank einen Schluck seines mittlerweile kalt gewordenen Tees. „Wie gesagt, ich weiß nicht ganz genau, was für einen Trank sie verwendet hatte. Sie hat zu viele Fehler gemacht, um ihn zu benennen. Du bist vor ihren und Toms Augen zusammen gebrochen. Sie war natürlich sofort bei dir und in ihrer Euphorie hat sie deinen Tot festgestellt. Lucius war ebenfalls zugegen und rannte auf dich zu. Er wusste, dass du noch lebtest, doch er war klug genug, dieses Wissen nicht zur Schau zu stellen. Er bat Tom, deine vermeintliche Leiche entfernen zu dürfen, um ihn den Hauselfen zur Reinigung zu geben. Tom gestattete es und Lucius rief mich. Ich konnte dir einen Trank einflössen, der den Tod abwandte, doch ich konnte nichts dagegen tun, dass du schlagartig gealtert und schließlich erblindet bist."

Shiva seufzte. „Warum hat er das getan? Er hat nur Stunden zuvor mit mir gebrochen. Ich hab ihn danach nie wieder gesehen." Sie lachte bitte. „Oder eher getroffen."

Snape zuckte mit den Schultern und als er sich daran erinnerte, dass sie das nicht sehen konnte, meinte er: „Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, weil er sich dir gegenüber irgendwie verpflichtet gefühlt hatte. Schließlich bist und bleibst du seine Großmutter."

Wieder nickte Shiva. „Weiß er von dem Anschlag?"

„Nein." Wieder schüttelte Snape den Kopf. „Er dachte, du hättest einen Herzinfarkt bekommen, da ihr ja alle den gleichen Tee getrunken hattet. Er war sich all die Jahre bewusst gewesen, dass Tom dich als Störfaktor ansah und dass Bella eifersüchtig war, aber von der Vergiftung hat er nichts gewusst."

„Warum hast du ihm nichts gesagt?"

Nun überlegte Snape lange, bevor er antwortete. „Weil er sich dann Tom abgewandt hätte. Und das wäre unser beider Todesurteil gewesen. Du weißt doch, einem Tom Riddle wendet man sich nicht ab… So hat Tom ihn zu deinem Nachfolger gemacht, dem Schwarzen Fürsten. Natürlich mit weniger Einfluss, weniger Macht und weniger Ansehen. Aber-" Er brach ab.

„Erzähl…"

„Im letzten Jahr hat Tom ihn zu seinem Nachfolger gemacht. Tom hatte bemerkt, dass er schwächer wurde und vermutete, er würde sterben. Also suchte er sich den Vorzeigetodesser aus, den er als seinen Nachfolger ausbilden konnte. Eine Ironie des Schicksals, dass Lucius schon damals ein Mann des Ministeriums war."

Als Shiva leise lachte, runzelte er die Stirn und sah sie ungläubig an. Er hatte mit allem gerechnet. Von Wut über Verzweiflung, bis hin zu Verwünschungen über den Verrat der Malfoys. Ein Lachen hatte er nicht erwartet.

Schließlich lachte Shiva frei heraus. Erst als sie sich beruhigt hatte, tastete sie nach seiner Hand und drückte sie.

„Ich bin froh, dass ihr beide überlebt habt und nicht nach Askaban gehen musstet."


Begriffe:
- minutiös: bis ins kleinste Detail

Anmerkung:
Die Bibelstelle ist folgende: Jesu Salbung durch die Sünderin, Lukas 7,36-50
Im nächsten Kapitel wird es nass und platinblond…. lach
Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen?

Danke an:
- sepsis: hallo meine Liebe. Ich hoffe, du bist gut ins neue Jahr gekommen? Vielen Dank fürs Rev lach