Kapitel 72 – Annäherungen
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Beneide niemanden,
denn du weißt nicht, ob der Beneidete im Stillen nicht etwas
verbirgt,
was du bei einem
Tausch nicht übernehmen möchtest.
August Strindberg
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
„Du solltest dich nicht erkälten…"
Hermine erkannte Severus sofort. Doch es brauchte einige Sekunden, bis seine Anwesenheit in ihr Bewusstsein drang. Sie runzelte die Stirn und drehte langsam ihren Kopf zu ihm, ohne den Blick vom See zu lassen. Erst in letzter Sekunde folgten ihre Augen und sahen direkt in seine. Er hockte vier, vielleicht auch fünf Zentimeter neben ihr. Für einen Moment war die junge Hexe überrascht. Dies war wohl einer der wenigen Momenten, in denen Severus Snape Nähe zuließ.
Zaghaft lächelte sie und wartete. Er erwiderte das Lächeln nicht, sondern starrte sie nur nachdenklich an. Dann erhob er sich. „Ich werde dir nicht vorschreiben, was du zu tun hast. Du bist alt genug, die Konsequenzen zu tragen. Ich kann dir nur sagen, dass Luc alles andere als begeistert sein wird, wenn er irgendwann erfahren sollte, dass du nicht auf dich… und das Kind aufpasst." Mit diesen Worten erhob er sich und wandte sich in Richtung Schloss.
Es dauerte einen Augenblick bis die Bedeutung dieser Worte in Hermines Verstand gedrungen war. Sie runzelte irritiert die Stirn, sprach einen Wärmezauber und blickte wieder auf den See. Sie wurde aus ihm einfach nicht schlau. In einem Moment war er nett und zuvorkommend zu ihr, im Nächsten disziplinierte er sie wie ein kleines Kind. Auf der einen Seite half er ihr und fast hatte sie das Gefühl, sie könnten wirklich Freunde werden. Auf der Anderen zerstörte er es mit lauter Kleinigkeiten und schien so distanziert wie eh und je.
Sie verfiel in Grübeleien über ihren ehemaligen Professor. Sie hatte als Schülerin bereits Respekt vor ihm gehabt. Diese Wertschätzung vertiefte sich, als sie von seiner Rolle als Spion erfuhr und von seiner tiefen Liebe zu Lily. Nur ein guter Mann konnte so tief lieben, daran zweifelte sie nicht. Doch warum er sich den Todessern angeschlossen hatte, entzog sich ihrer Kenntnis. Sie hatte es auch nie wirklich wissen wollen. Sie war froh gewesen, als sie Hogwarts schließlich hinter sich lassen konnte und keinerlei Angst mehr haben musste, etwas falsch zu machen und dadurch seine Kritik zu ernten.
Als sie an ihre alte Schule zurückgekehrt war, war sie froh gewesen, dass er nicht mehr da war. Seine ewig schlechte Laune brauchte Kraft, die sie nicht hatte. Außerdem war sie mit einem anderen Mann beschäftigt gewesen.
Sie lachte leise. Niemals hätte sie gedacht, dass sie sich wirklich einmal in Lucius Malfoy, den Vater ihres verhassten Mitschülers verlieben würde. Er war für sie das potenzielle Feindbild gewesen. Reich, arrogant, abgrundtief böse. Sie konnte die Zweifel von Harry und Ron verstehen. Sie hatte ihn genauso eingeschätzt. Erst durch ihre vielen Gespräche war ihr bewusst geworden, dass es nicht möglich war, einen Menschen zu kategorisieren. Niemand war nur gut oder nur böse. Bei jedem waren beide Anteile vertreten. Lediglich wie stark war eine Frage der jeweiligen Persönlichkeit. Lucius hatte viel Böses getan. Darüber machte sie sich keine Illusionen, doch er bereute und daher hatte er eine zweite Chance verdient. Er hatte seine Fehler eingesehen und er litt unter seiner Vergangenheit. Jetzt, nachdem Hermine das erkannt hatte, verstand sie auch Snape besser. Er hatte vieles getan, was auch er bereute, aber er dachte darüber nicht nach. Kein Wunder, dass er ein verbitterter Mann geworden war.
Ein knackender Ast neben ihr unterbrach sie in ihren Gedankengängen. Als sie aufsah, erkannte sie Snape, der zu ihr zurückgekommen war. Er seufzte. „Wenigstens hast du nun an einen Wärmezauber gedacht." Dann zauberte er eine Decke herbei und lud sie ein, darauf Platz zu nehmen.
Im ersten Moment zögerte sie. Es hatte etwas moralisch Verbotenes für sie. Sie saß mit einem anderen Mann dicht beieinander am See, während der Mann ihres Herzens bewusstlos auf der Krankenstation hockte. Aber andererseits war die Gefahr, sich unsittlich näher zu kommen, nicht gegeben. Sie fühlten keinerlei Anziehung zueinander. Lediglich die Freundschaft bzw. die Liebe zu ein und demselben Mann verband sie. Hermine erinnerte sich daran, auch Severus Snape eine zweite Chance versprochen zu haben.
Als sie sich neben ihn setzte, zauberte sie zwei Becher dampfenden Tees hervor und bot ihm eine Tasse an. Dankbar nahm er sie entgegen.
Schweigend saßen sie da und starrten auf das Wasser. Irgendwo auf dem Grund hatte Harry damals gegen Grindelohs gekämpft. Hermine lächelte. Sie konnte sich absolut nicht an die zweite Aufgabe erinnern. Sie war damals in einen tiefen Schlaf versetzt worden, um schließlich als Trophäe zu dienen.
„Woran denkst du?" Severus hatte sie sanft lächeln sehen.
„An die zweite Aufgabe im Trimagischen Turnier… Ich war erst einmal in meinem Leben auf dem Grund des Sees und ich habe alles verschlafen." Ein Kichern löste sich ihrer Kehle. Dann wurde sie wieder schlagartig ernst. „Manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben verschlafen zu haben."
Er warf ihr einen ungläubigen Seitenblick zu. „Lass mich nachdenken… Im ersten Jahr habt ihr es an Fluffy vorbei geschafft und schließlich den Stein der Weisen gerettet. Im Zweiten Schuljahr konnte Potter Tom Riddle nur aufgrund deiner Intelligenz besiegen. Im Dritten, das verzeihe ich dir übrigens nicht, hast du mich mit deinen ach so tollen Freunden außer Gefecht geflucht. Im Vierten war-"
„Schon gut, schon gut", unterbrach sie ihn. „Ich meinte jetzt nicht die Fülle der Ereignisse. Eher meinen Umgang damit."
Fragend zog er eine Augenbraue hoch.
„Bis zu dem Brief für Hogwarts habe ich wie ein ganz normales Muggelkind gelebt. Dann erfuhr ich, dass ich eine Hexe bin und hab mich mit Ron und Harry angefreundet. Ja, wir haben Voldemort mehr als einmal besiegt, aber… Irgendwie drang das alles nicht so richtig in mein Bewusstsein. Ich habe es zwar akzeptiert, aber durch Lernen kompensiert. Je mehr Aufregung wir hatten, desto mehr habe ich mich in meinen Büchern vergraben. Ich bin vor dem Grauen geflüchtet. Ich habe es nicht wirklich an mich heran gelassen. Verstehst du was ich meine?"
Er nickte kaum merklich. „Und wieso kommst du darauf, dass du dein Leben bislang verschlafen hast?"
„Nach der Schlacht bin ich gleich mit Ron zusammengezogen und wir haben geheiratet. Ich habe ein Studium angefangen und dann das nächste… Ich wollte flüchten. Ich habe mich geweigert, das, was um mich herum geschah, bewusst wahrzunehmen. Ich habe mich mit Arbeit zugepackt, um andere Dinge zu verdrängen. Ich habe das Leben nicht bewusst wahrgenommen. So… als würde ich einen Teil meiner Perzeption bewusst ins Koma legen, indem ich mich weigere, es an mich heran zulassen."
Er runzelte die Stirn. „Du bist noch jung. Ich denke, das, was du erlebt hast, ist nicht gerade das, was jedes Kind, jeder Teenager, jede junge Frau erlebt. Vielleicht ist das deine Art und Weise damit umzugehen?"
„Vielleicht, aber es ist falsch?"
„Wer sagt das?"
„Ich!"
Spöttisch zog er einen Mundwinkel nach oben. „Und das ist dann natürlich automatisch richtig?"
Hermine seufzte. „Natürlich nicht. Aber sollte der Mensch nicht alles wahrnehmen? Wenn er irgendetwas nicht annehmen kann und daher verdrängt, dann taucht das doch irgendwann später wieder als unglaublich großer Brocken wieder auf. Und die Gefahr, dass man daran zugrunde geht, ist hoch."
Er starrte auf den See. „Da bin ich wohl der falsche Ansprechpartner für."
Sie riss die Augen auf. Diese gnadenlos ehrliche Seite an dem Mann, den sie die meiste Zeit ihres Lebens verabscheut hatte, war ihr neu. Diese Seite überforderte sie. „Ähm", machte sie daher nur und schwieg.
Er füllte den Tee in ihren Tassen wieder auf. Auch er hing seinen eigenen Gedanken nach. Hermine war führ ihn immer anders gewesen. Er konnte sich in ihr und ihrem Wissensdurst wieder erkennen. Auch der Versuch, mit Wissen andere Dinge auszugleichen, kam ihm bekannt vor. Doch er hatte sie immer als glücklich eingeschätzt. Sie hatte Eltern, die sie liebten, zumindest sah es so aus. Sie ist mit Freunden an ihrer Seite aufgewachsen, die bedingungslos zu ihr gestanden hatten und mit denen sie Seite an Seite gekämpft hatte. Er musste zugeben, er hatte sie beneidet. Aufgrund ihrer Ähnlichkeit war sie ihm schon immer aufgefallen, doch ihrer Leben war gänzlich anders verlaufen. Er hatte sie um ihre Kindheit beneidet. Aufzuwachsen in einem harmonischen Elternhaus hatte er nie kennen gelernt. Er hatte zwar als Jugendlicher die Freundschaft zu Lucius gehabt, aber ansonsten war er von den anderen Kinder und jungen Erwachsenen gemieden worden. Er kannte es nicht, zu lieben. Erfolgreich zu lieben. Sie liebte und wurde wiedergeliebt.
Eifersucht nagte an ihm. Er wollte das genauso kennen. Er wollte nicht dieses Leben führen, das er jetzt hatte. Aber er hatte nie gelernt, sein Leben zu verändern. Immer hatte er akzeptiert, was das Schicksal für ihn vorbestimmt hatte. Sei es das Leben als Günstling Voldemorts, oder an der geheimen Seite von Dumbledore. Er hatte es akzeptiert und getan, was andere ihm befohlen hatten. Mit seinem Eintritt bei den Todessern hatte er seine Selbstständigkeit aufgeben. Wobei, dachte er, war er wirklich jemals selbstständig gewesen?
Hermine sah, dass er tief in Gedanken versunken war und als sein Gesicht einen verbitterten Ausdruck annahm, hob sie vorsichtig die Hand und legte sie ihm auf den Arm. Ganz sachte und dennoch hatte es eine ungeheure Wirkung. Er sprang auf, zog seinen Zauberstab und richtete ihn auf Hermine. „Rühr mich nie wieder an", schrie er. Dann warf er ihr den Becher, aus dem er vorher noch Tee getrunken hatte, vor ihre Füße und rannte fast schon panisch zum Schloss.
Begriffe:
- Perzeption: Wahrnehmung
Anmerkung:
Verzeiht mir dieses späte Update… Ich versuche DSS nur vor Mitte Februar abzuschließen. Bei QED würd ich das niemals schaffen. Ich habe mein Baby auf keinen Fall vergessen. Es wird definitiv weiter gehen. Aber ich will bei meinem Baby nicht hetzen….
