Kapitel 73 – Angst vor dem Verlassenwerden
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Finde
etwas Besonderes, und du hast eine Ahnung, was es dir bedeutet.
Verliere
es, und du weißt, wie viel es dir wirklich bedeutet hat.
Oliver
Gsell
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Das Schloss wurde von der Abendsonne angestrahlt, als Severus Snape schließlich wieder kam. Er war die vergangenen Stunden über die Ländereien und durch den Verbotenen Wald gelaufen. Dabei hatte er weder nach links, noch nach rechts gesehen. Er hatte einfach laufen wollen. Wäre er irgendwann tot umgefallen, so hätte es ihn nicht gewundert. Doch er lebte.
Snape betrat das Schloss durch einen Hintereingang. Dieser war kaum bekannt, so dass er unbedenklich in typischer Snapemanier weiterstürmen konnte. Sein Umhang bauschte hinter ihm auf und seine Lippen hatte er zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Das Laufen hatte ihm gut getan. Seine Gedanken kehrten nicht mehr immer und immer wieder zu dem vergangenen Vorfall mit Hermine zurück. Hermine? Wer war Hermine?
Hermine war die junge Hexe, die seit geraumer Zeit vor Snapes Labor stand und klopfte. Entweder war er nicht da oder er machte ihr nicht auf. Sie konnte nicht wissen, dass dieser Mann im letzten Moment stoppen und sich wieder, von ihr unbemerkt, in einen Gang zurückziehen konnte. Er atmete schleppend. Gerade hatte er sie erfolgreich verdrängt, da musste sie ihm wieder über den Weg laufen. Es war wie verhext.
Seine Finger krallten sich ineinander, so dass die Knöchel weiß hervor traten. Musste dieses unmögliche Weib ausgerechnet jetzt vor seiner Kellertür stehen? Er überlegte, ob er sich dezent zurückziehen sollte, doch in diesem Moment gab Hermine ihre Kommunikationsversuche auf, zuckte resignierend mit den Schultern und ging in Richtung Große Halle davon. Snape sah ihr erleichtert nach.
Mit wenigen Schritten hatte er seine Labortür erreicht. Er riss sie schwungvoll auf und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen. Danach fegte er wie ein Wirbelwind durch seine Arbeitsstätte und schmiss Phiolen von den Regalen, Reagenzgläser wurden an die Wand geschmissen und große Flaschen einfach auf den Boden geworfen. In diesem Raum bewahrte er ungefährliche Tränke und Zutaten auf, schließlich konnten Schüler unbemerkt etwas mitgehen lassen. Auch wenn er verschärft darauf achtete, dass jene es nicht taten, so wäre es letztendlich zu riskant gewesen. Sich allein auf seinen Ruf zu verlassen, hatte er aufgegeben. Spätestens, als Hermine in ihrem zweiten Schuljahr…
Er verbot sich weitere Gedanken an die junge Hexe, sondern wütete solange, bis sein Labor kaum noch stand. Die Hauselfen würden sich um das Chaos kümmern. Auch wenn so ein Wutanfall selten vorkam, so waren die kleinen Wesen durchaus daran gewöhnt. Still und heimlich würden sie sich daran machen, das zerbrochene Glas zu reparieren und so viele Tränke wie möglich zu retten. Mit ihrer ganz eigenen Magie hatten sie mehr Möglichkeiten, als ein normaler Zauberer oder eine gewöhnliche Hexe.
Schließlich, nachdem er sich weitestgehend abreagiert hatte, eilte der Professor in sein Wohnzimmer und ließ sich dort auf eine Couch fallen. Sein Kopf schmerzte und er hatte das Gefühl, dass die Stelle, an der Hermine ihn berührt hatte, brennen würde. Reflexartig rollte er seinen Ärmel hoch, doch an der Stelle war nichts zu sehen. Trotzdem spürte er noch immer ihre Berührung.
Er stand auf und ging ins Schlafzimmer. Dort legte er sich angezogen auf sein Bett und starrte in die Luft. Irgendwann rollte er sich auf die Seite und zog sie Knie an, so wie er es früher als kleiner Junge getan hatte. Lange hatte sich Snape diese Schwäche nicht eingestanden. Doch jetzt tat er es. Es erwischte ihn ohnedem niemand in dieser schwachen Position.
Er konnte nicht verhindern, dass seine Gedanken abschweiften und er schließlich zu träumen begann…
Rückblende 03. August 1995
Severus Snape war das erste Mal seit langer, langer Zeit wieder auf Malfoy Manor. Nach der ganzen verworrenen Geschichte mit Artemis war sein Kontakt zu Lucius eingefroren. Wenn sie sich zufällig begegnet waren, so hatten sie sich mit einem Nicken zur Kenntnis genommen und dann so weit wie möglich von einander entfernt. Er selbst sagte sich, dass dies nicht schlimm war. Er war es schließlich gewöhnt, alleine auf der großen weiten Welt zu sein. Er war es gewöhnt, niemanden zu haben, den er so vertrauen konnte, wie er es sich früher immer erwünscht hatte. Die Einsamkeit bot ungeahnte Möglichkeiten, so dass er Lucius und dessen Freundschaft nicht vermisste. Doch irgendwo, tief in seiner Seele vergraben, gab es ein Stimmchen, das ihn Lügner nannte.
Meistens ignorierte er sie gekonnt, schließlich war er nicht umsonst ein Meister in Selbstbestimmung und Autosuggestion. Trotz allem gab es manchmal Situationen, in denen er dieses Stimmchen nicht ignorieren konnte. Dann lag er beispielshalber in seinem großen Bett in den Kerkern und sehnte sich danach, sich wie ein kleiner Junge im Bett zusammenzurollen und zu weinen. Natürlich tat er es nie und diese Sehnsucht währte auch nur wenige Augenblicke. Er konnte sich diese Schwäche nicht leisten. Nicht nach dem Gespräch mit Albus Dumbledore, der ihn in seinem Bestreben, Voldemort zu vernichten, erneut vor Augen geführt hatte, was er, Severus Snape, ihm vor Jahren versprochen hatte und wie wichtig seine Rolle im Kampf gegen Voldemort war. Als ob er das jemals hatte vergessen können.
Spätestens seit 1991 wurde er fast täglich mit seiner Schuld und seiner aufopfernden Rolle als Doppelagent konfrontiert. Jeden Tag, an dem er Harry Potter sah, quälten ihn das schlechte Gewissen und die Verzweiflung, nie ein normales Leben führen zu können. Vielleicht wäre unter anderen Umständen zwar nicht der beste Freund Potters geworden, aber dieser wäre ihm mit großer Wahrscheinlichkeit gleichgültig gewesen.
Gleichgültigkeit. Nichts konnte schlimmer und zugleich verlockender sein. Mit Gleichgültigkeit vermochte man die Menschen zu quälen und sich selbst zu schützen. Wie oft hatte er sie bereits praktiziert. Wenn er unter Voldemorts Anwesenheit einen Menschen foltern musste, hatte er jene Gleichgültigkeit vorgetäuscht. Die Opfer waren verwirrt und hatten ihn nur noch mehr gehasst. Sie hatten nicht verstehen können, wie ein Mensch mit Desinteresse foltern konnte Sie fühlten sich minderwertiger und waren noch verzweifelter, sahen sie sich selbst in ihrer Würde verletzt. Jemand, der mit Teilnahmslosigkeit, fast schon mit Apathie, gequält wurde, resignierte. Dieser jemand hatte gelernt, dass jeder Mensch kostbar und etwas Besonderes war. Entsprechend halfen Hass oder Grausamkeit des Täters in ihren letzten Minuten wenigstens noch die Achtung vor sich selbst zu behalten. Es machte den Weg zum Tod erträglich. Doch ein Täter, der dem Opfer Desinteresse entgegenbrachte, zeigte diesem, dass er als Gefolterter nur einer von vielen war, nichts Kostbares, nichts Besonderes. Es war die grausamste Art zu Sterben, die sich Snape vorstellen konnte.
Voldemort war begeistert von Snapes und Malfoys Art, Gleichgültigkeit zu zeigen. Zwar genoss er ebenfalls, wenn die Lestranges oder MacNair mordeten, doch die Art und Weise der ‚Tödlichen Polarität', wie Snape und Malfoy im Geheimen genannt wurden, bereitete ihm direkten Lustgewinn. Der Dunkle Lord hatte eine perfide Vorstellung von subtiler Qual und die beiden gegensätzlichen Männer erfüllten sie.
Niemand verstand, dass sowohl Malfoy als auch Snape die Gleichgültigkeit brauchten, um nicht vollständig an ihren Taten zu zerbrechen. Beide genossen Macht und die Wirkung, die daraus resultierte, doch beide waren sich darüber klar, dass die trügerische, verführerische Gewalt letztendlich die eigene Person nicht stärkte, sondern auszehrte, restringierte. Sowohl Lucius, als auch Severus begegneten ihren Opfern mit dieser kaltblütigen Gleichgültigkeit, um nicht irgendwann wie Tiere zu werden, die aus reinem Instinkt handelten. Vielleicht war dies der Grund, warum Dumbledore etwas in Snape sah, was anderen nicht bekannt war? Warum Dumbledore Snape traute?
Severus verbot sich weitere Gedanken an den Schulleiter Hogwarts. Gleich sollte er dem Dunklen Lord gegenübertreten. Verräterische Überlegungen waren daher fehl am Platz. Vor ihm erstreckte sich das große Gebäude Malfoy Manor. Er blieb stehen und sog diesen Anblick in sich auf. Die ersten, wirklich glücklichen Stunden hatte er in diesem Gebäude verbracht. Jetzt, fast zwanzig Jahre nach seinem letzen Besuch, brachen längst vergessen geglaubte Erinnerungen wieder in ihm hoch. Er hatte das Gefühl, emotional von einem Hochgeschwindigkeitszug überrollt zu werden, der ihn frontal erwischte und tausende von Metern weiter schliff, bevor er anhielt. Snape wusste, die Einladung in seiner Tasche kam nicht von Lucius. Dieser hatte ihm die ‚Artemis-Affäre' nicht verziehen. In der Regel war sein blonder Freund ihm gegenüber nicht nachtragend, doch nach dem verhängnisvollen Sommer 1978 hatte dieser alle seine Versuche, sich zu versöhnen, abgelehnt, geradezu verweigert. Snape wusste ob der Verletztheit. Die Einladung war von Voldemort geschrieben. Snape erkannte dessen ehemals verschnörkelte, elegante Schrift, die jetzt mehr der eines kleinen Kindes ähnelte. Seit eineinhalb Monaten war nun der Dunkle Lord zurück und dies war die erste offizielle Einberufung seines ehemals engsten Stabs, Malfoy, Snape und der Lord selbst
Ein Hauself führte ihn in einen kleinen Salon, der Voldemort immer am besten gefallen hatte. Normalerweise war dies Lucius' Raum der diskreten Leidenschaft. Gewöhnlich stand hier ein großer Billardtisch, an dem Lucius und Severus um hohe Einsätze gespielt haben. Sie hatten nie Geld eingesetzt, ihr Spiel ging tiefer. Der Verlierer musste eine Mutprobe bestehen, die sich der andere ausdachte. Das Schlimmste war ein Diebstahl eines persönlichen Gegenstands des Dunklen Lords. Snape erinnerte sich nicht gern daran zurück. Hatte er doch viel Schuld damals auf sich geladen.
Als er nach seinem leisen Klopfen die hohe Stimme Voldemorts vernahm, trat er ein und ging rasch zu seinem Herrn, nur um vor dessen Gestalt tief zu knien. „Severus", zischelte der gefürchtete Mann und deutete ihm an, aufzustehen. Snape sah sich um und sah Lucius mit verschränkten Armen im Schatten einer Ecke stehen. Dessen Blick drückte souveräne Gleichgültigkeit aus. „Hallo Lucius." Jener nickte ihm abweisend zu.
„Setz dich zu uns", forderte Voldemort seinen hochrangigen Gefolgsmann auf und registrierte amüsiert, dass sich die beiden Widersacher möglichst weit voneinander entfernt niederließen. Mit einer eleganten Bewegung seines Zauberstabs ließ Voldemort Tee erscheinen und machte Malfoy die Funktion des Hausherrn streitig. Doch dieser nahm es hin, was blieb ihm auch anderes übrig.
„Nun, meine beiden Treuesten", begann der Dunkle Lord und nahm eine kostbare Teetasse zwischen seine langen, dürren Finger. „Es ist vollbracht, ich bin wieder bei euch." Die beiden Todesser beeilten sich, eine glückliche Miene aufzusetzen und begeistert zu nicken. „Ihr habt uns noch immer nicht dieses Wunder erklärt", buckelte Lucius und erhielt von Snape einen warnenden Blick, den dieser gekonnt ignorierte. Voldemort lächelte gespielt liebenswürdig. „Hast du noch immer nicht gelernt, Lucius, das ich keinen Wert auf deine Anbiederungsversuche lege?" Für einen Moment sah der Blonde wie ein geprügelter Hund aus. Dann hatte er sich schnell wieder im Griff. „Verzeihung, Herr."
Dieser nickte. „Ihr beide habt mir in der Vergangenheit treue Dienste geleistet. Ihr ward ein Team, das sich ergänzte und mit tödlicher Präzision arbeitete. Ich erwarte, dass ihr euch auf die elementaren Dinge zurückbesinnt und euren Streit ein für alle Mal bereinigt." – „Aber Herr", versuchte Malfoy etwas einzuwerfen, doch Voldemort hob gebieterisch die Hand. „In den fünfzehn Jahren meiner Abwesenheit hattet ihr genügend Zeit, eure Wunden zu lecken und euch gegenseitig zu hassen. Nun verlange ich, dass ihr diesen Hass überwindet und wieder zu dem werdet, als dass ich euch kennengelernt habe. Ihr ward damals noch sehr jung. Heute seid ihr älter, reifer und vor allem erfahrener. Damals habt ihr bereits eindrucksvoll zusammengearbeitet, heute erwarte ich Ergebnisse, die die damaligen weit in den Schatten stellen. Daher ist es unweigerlich wichtig, dass ihr zusammenarbeitet." Er sah sowohl Lucius, als auch Severus scharf an. „Dazu müsst ihr allerdings eure gegenseitige Abneigung überwinden und zu der alten Verbundenheit wieder finden. Artemis", die beiden Todesser hielten unbewusst die Luft an, „war zweifelsohne eine sehr schöne Frau, mehr auch nicht. Sie war nur eine Frau. Ich erwarte, dass ihr sie vergesst und eine gemeinsame Basis findet. Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?" – „Ja, Herr", antworteten die beiden Jüngeren unisono. „Dann fang an." Voldemorts Ton war gebieterisch. Er stand auf und verließ Malfoy Manor in dem Bewusstsein, dass die beiden verfeindeten Freunde nun mit harter Arbeit zurückfinden mussten Schafften sie es, würde er sie belohnen. Versagten sie… Darüber dachte er nicht weiter nach. Er würde nur ungern auf seine beiden besten Männer verzichten müssen.
Eben jene saßen sich gegenüber und wussten nicht, was zu tun war. Ab und an riskierten sie einen Blick, doch sahen sie schnell wieder weg, sobald sie bemerkten, dass der andere es bemerkt hatte. Der Tee wurde kalt, das Licht im Raum veränderte sich. Noch immer saßen sie sich stumm gegenüber. Beide hatten sich an die gemeinsame Freundschaft erinnert. Beide hatten mit Wehmut festgestellt, dass sie den jeweils anderen vermissten. Und Beide waren zu stolz, um den ersten Schritt zu tun.
Schließlich klopfte es an der Tür und ein Hauself trat ein. „Purple wollte den Master nicht stören. Aber Purple hat von dem Lord einen Auftrag bekommen, den Purple ausführen soll und-" Unwirsch bedeutete Malfoy dem Hauselfen zu reden. Dieser ließ die Ohren hängen und schien tief Luft zu holen, dann schrie er so laut er konnte. „IHR WAGT ES, EUCH NICHT ZU BEMÜHEN UND MEINE ANWEISUNGEN IN FRAGE ZU STELLEN! WENN IHR INNERHALB DER NÄCHSTEN FÜNF MINUTEN NICHT ZU REDEN ANGEFANGEN HABT, WERDET IHR DIE KONSEQUENZEN TRAGEN MÜSSEN!" Der Hauself verstummte und suchte sein Heil in der Flucht.
Verblüfft starrten sich die beiden Männer an. Schließlich konnte sich Lucius ein Grinsen nicht verkneifen. „Er kennt uns zu gut" Auch Severus hob den rechten Mundwinkel. Da hast du wohl Recht." Wieder verstummten beide. Und schließlich war es Snape, der das Wort wieder aufgriff. „Hör mal, Lucius. Das damals, mit ihr, das tut mir leid. Ich wollte nicht-" In einer verblüffend genauen Imitation des Dunklen Lords hob Malfoy die Hand. „Lass gut sein Severus. Ich will darüber nicht sprechen. Der Lord hat Recht. Wir beide müssen uns zusammenraufen. Wenn auch aus anderen Gründen, als er annimmt." Irritiert runzelte Snape die Stirn. Malfoy wandte einen schwarzmagischen Zauber an, der sämtliche magischen Lauschangriffe unterband und vergewisserte sich, dass sowohl Fenster, als auch Türen verschlossen waren. „Du brauchst einen Verbündeten bei Dumbledore. Alleine wirst du Voldemort niemals hintergehen können."
Snape zog eine Augenbraue hoch. „Der Lord kann sich meiner Treue sicher sein. Er-" Malfoy unterbrach ihn. „Hör mit diesem Ablenkungsmanöver auf. Snape. Ich habe damals bei den Potters den Auftrag bekommen, später zurückzukehren und sämtliche Spuren zu vernichten. Ich habe Dumbledore gesehen. Er war zu schnell da, um von jemand anderem Bescheid zu wissen. Du hast mit ihm geredet. Ich habe deine Zweifel gespürt. Du bist an seine Seite gegangen." Mit einem stechenden Blick sah Malfoy seinen Freund an. „Du weißt, dass ich diese Information für mich behalten werde. Selbst wenn ich wollte, ich könnte dich dem Dunklen Lord nicht verraten." Snape nickte langsam. Ja, er wusste, dass das Wissen um seine Tätigkeit als Spion bei seinem Freund sicher war. Seit dem Ritual konnten sie nichts tun oder sagen, was den Tod des anderen bedeutet oder zur Folge hatte. So konnten sie sich weder gegenseitig umbringen, noch jemand anderes beauftragen.
In diesem Moment brach das Eis zwischen ihnen. Wenngleich beide wussten, dass es weniger aus persönlichem Willen geschah, sondern mehr aus zweckdienlichen Gründen passierte, so war das Ergebnis das Gleiche, welches Voldemort gefordert hatte. Severus erzählte von seiner Abmachung mit Dumbledore und Malfoy vertraute seinerseits seinem schwarzhaarigen Freund etwas an, das die Bindung zwischen den Beiden nur noch mehr intensivierte. Sie beschlossen unausgesprochen das Thema Artemis nicht weiter zu verfolgen.
Zeitsprung, 03. August 1997
Sie hatten Artemis tatsächlich nicht mehr angesprochen und schafften es, Voldemorts Vorstellungen zu entsprechen. Sie agierten mit tödlicher Präzision, aufeinander abgerichteter Genauigkeit und verließen sich blind auf den jeweils anderen. Der Lord war vollkommen zufrieden. Und noch etwas war geschehen. Etwas, was sowohl Snape als auch Malfoy nicht für möglich gehalten hätten – beide hatten zu einem Punkt zurückgefunden, der eine erneute Freundschaft wieder realisierbar machte. Es war bei Weitem nicht wie noch zwanzig Jahre zuvor, aber es war mehr, als beide sich hätten jemals wieder vorstellen können.
Eineinhalb Monate waren vergangen, seitdem Snape Albus Dumbledore umgebracht hatte. Anfang hatte er sich gegen diesen Auftrag gewehrt. Doch als es schließlich soweit war, war ihm dieser Mord leicht von der Hand gegangen. Gleichgültigkeit war das Schlüsselwort gewesen. Doch jetzt, eineinhalb Monate später, begann er das Ausmaß zu gedanklich zuzulassen. Mit Albus Dumbledore hatte er einen Menschen verloren, der ihm wichtig gewesen war. Selten ließ er jemanden nah an sich heran und noch seltener ließ er zu, dass ihm jemand etwas bedeutete. Doch wenn, dann ganz und gar. Albus' Tod war unabwendbar gewesen. Er hatte Gott gespielt und ihn nur beschleunigt.
Severus Snape war nach dem Mord an Hogwarts ehemaligem Schulleiter nach Malfoy Manor geflüchtet. Lucius war in der schwarzen Magie bewandert genug, um ihm Sicherheit zu geben. Zudem hatte dieser das Talent seiner Großmutter geerbt und durfte sich Meister der Illusion nennen. Das zusammen hatte ausgereicht, um das Ministerium von Malfoy Manor als mögliche Spur abzulenken, so dass weder Snapes noch Malfoys Anwesenheit in dem Landhaus bemerkt worden war. Das Ministerium. Er lachte freudlos. Nicht mehr lange und es war in der Hand Voldemorts. Selten hatte er unfähigere Leute getroffen. Die Einfachheit, mit der es langsam aber sicher gleichgeschaltet werden konnte, schockierte ihn. Voldemort zählte praktisch die Tage, wann es zu einer Übernahme kommen konnte Weder Snape, noch Voldemort wussten, dass dieser Zeitpunkt noch nicht mal einen Monat entfernt lag.
Er hatte sich versteckt im Dickicht einer großen Erle niedergelassen und blickte nachdenklich auf den hauseigenen See der Malfoys. Zwei Enten schwammen sorglos zwischen großen Seerosen und vermittelten das Gefühl von absoluter Sorglosigkeit. Solange der Mord an Dumbledore nicht geklärt worden wäre, brauchte er an Unbefangenheit gar nicht erst zu denken. Voldemorts mögliche Herrschaft war eine Frage der Zeit. Selbst wenn der Orden ihn nicht würde aufhalten können, so gäbe es immer Menschen, die Widerstand leisten würden. Irgendwann wäre die Ära Voldemort zu Ende. Und wenn er da noch leben sollte, würde er die Konsequenzen aus seinem Handeln tragen müssen. Das war ihm vollkommen klar.
Langsam näherten sich dem Versteck Schritte. Für einen Moment lauschte Snape, dann entspannte er sich wieder. Er kannte den Gang Lucius Malfoys. Dieser tauchte Sekunden später auf und ließ sich in eleganter Pose neben seinem Freund nieder. Beide schwiegen für lange Zeit.
Schließlich ergriff Lucius als erster das Wort. „Heute vor zwei Jahren haben wir den Grundstein für eine neue Freundschaft gelegt." Snape lachte. Etwas, was sehr selten vorkam. Doch bei Lucius brauchte er sich nicht zu verstecken. Ihre Schicksäle waren unweigerlich miteinander verwoben. Sie brauchten einander und konnten doch nicht miteinander. „Ja, der Lord hat uns gezwungenermaßen wieder vereinigt." Er erntete einen schrägen Blick. „Nicht was du schon wieder denkst", tadelte der Tränkemeister brummig. Malfoy lachte. „Tut mir leid, mein Freund. Dazu fehlen dir die nötigen Attribute. So bist du völlig reizlos für mich." – „Na danke schön", knurrte Severus. Auch wenn sie gelegentlich zu zweit eine Frau verführten, so hatten beide nie das Bedürfnis verspürt, Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht zu mache. Offiziell war Homosexualität bei den Todessern genauso verhasst, wie Muggel. Doch inoffiziell scherte sich kaum einer darum. Solange es der Lord nicht bemerkte, gaben sich die Todesser ihren jeweiligen Lastern ungeniert hin.
Wieder starrten beide Männer auf den See. Schließlich machte Malfoy eine lässige Handbewegung und eine Flasche Whiskey erschien. Snape wusste, dass sein Freund Voldemorts ‚Lehrling' war und wunderte sich langsam nicht mehr über dessen Fähigkeiten. Gemeinsam begannen sie den Inhalt der Flasche, die sich niemals zu leeren schien, zu genießen und genossen den Augenblick der Ruhe. Zu bald konnte sich dies ändern.
Diesmal brach Severus als erster die Stille. „Wer ist eigentlich der arme Schlucker, der an deiner Stelle in Askaban ist?" Sein Freund zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Der Lord hat irgendeinen Landstreicher mit dem Imperius belegt. Der Rest war ein Kinderspiel mit schwarzer Magie. Seitdem bin ich hier ans Manor gefesselt. Dein Auftauchen rettete mich also vor dem unweigerlich folgenden Langeweiletod." Snape schlug ihm gespielt böse auf den Arm. „Dein Leben hier zu verbringen ist angenehmer als in Askaban. Weiß Draco Bescheid?" Malfoy schüttelte den Kopf. „Nein. Der ist zurzeit bei Druella. Nur Narzissa kennt die Wahrheit. Bis der Lord einen Ausbruch plant, kann ich wenig tun. Nur meine privaten… Geschäfte kann ich diskret verfolgen." Snape nickte.
Der Whiskeygenuss stieg unaufhaltsam. Vielleicht war er der Grund, dass Snape die Nerven verlor. Möglicherweise war es auch die Anspannungen der gesamten letzten Jahre, die in dem Mord an Albus Dumbledore ihren Höhepunkt gefunden hatten, die Ursache. Unter Umständen war die langsam verschwindende Gleichgültigkeit der Grund. Aber womöglich war es das Zusammenkommen aller denkbaren Komponenten, dass Snape sich plötzlich zusammenkrümmte und die Verzweiflung runterschluckte, die plötzlich in ihm aufbrach. Er sah seinen blonden Freund mutlos an. „Wird dieser ganze Wahnsinn ein Ende haben?" Dieser zuckte mit den Schultern. „Irgendwann, mein Freund. Aber so schnell noch nicht." Snape griff nach einem Stein und schleuderte ihn mit voller Wucht ins Wasser. Dass er dabei eine der beiden Enten traf, kümmerte ihn nicht. Empört und laut schnatternd starrte sie ihn an und suchte dann ihr Heil in der Flucht.
Malfoy lächelte wehmütig. „Was ist der wahre Grund, mein Freund?" Ein zynisches Lächeln erschien auf Snapes Lippen. „Dir kann ich nichts vormachen, oder?" – „Nein. Und ich dir ebenso wenig." Severus sah seinen Freund kurz an, bevor er den Blick abwandte. „Ich bin gestern Sophia wieder begegnet." Malfoy riss erstaunt die Augen auf. „Du meinst die Kleine, mit der wir vor ein paar Wochen Spaß hatten?" Snape nickte. Malfoy sah ihn scharf an. „Sag mir nicht, dass du…?" – „Doch", erwiderte Severus distanziert. „Verdammt, Severus. Hast du dich verliebt?" Der Dunkelhaarige schüttelte den Kopf. „Na Merlin sei Dank." Malfoy stieß die angehaltene Luft geräuschvoll aus.
„Und warum genau beschäftigt dich das, wenn es lediglich ein Fick war?", fragte der Blonde nach. „Tut es doch gar nicht", schnappte Snape. Malfoy lächelte. „Natürlich nicht. Also, warum?" Severus resignierte. „Ich sehne mich danach", er hatte den Blick auf den See gerichtet, „das zu erleben, wovon alle sprechen. Gefühle zuzulassen. Sie zu genießen und nicht vor ihnen wegzulaufen." – „Warum tust du es nicht?" Malfoy beobachtete Snape. Er wusste, auch wenn dieser alkoholisiert war, durfte man nicht locker lassen. Gerade wenn es um Gefühle ging, blockte dieser ab. „Nun erzähl schon. Ich lass sowieso nicht locker." Ein böser Blick traf ihn. „Ich habe gelernt, dass Gefühle Schwäche bedeuten", gestand Snape. „Sie greifen dich an und machen dich krank. Ich DARF nicht schwach sein." – „Warum darfst du das nicht?" – „Sobald ich auch nur ein Zeichen von Schwäche erlaube, ist alles verloren und der Mord an Dumbledore wäre vergeblich gewesen. Ich muss sie verdrängen. Ich darf sie nicht zulassen. Niemand darf sie erkennen. Denn ich-" Er brach ab. „Denn was?", versuchte Lucius seinen Freund sanft zum Weitersprechen zu animieren. Doch dieser schwieg. „Denn was?", versuchte es Malfoy erneut. „Nichts", fauchte Snape, der seinen eigenen Gefühlsausbruch zu bereuen schien. Malfoy verdrehte lediglich die Aufen. „Denn ich habe…", Severus' Ton war grantig und stand im krassen Gegensatz zu dem Inhalt seiner Antwort. „…Angst, dass man mich nicht mehr ernst nimmt, sobald meine Schwäche offensichtlich wird."
Lucius lehnte sich zurück. „Und was, wenn man dich gerade wegen der Gefühle ernst nimmt? Ich kenne dich. Ich weiß, dass du ein emotionaler Mensch bist, auch wenn du der Welt etwas anderes weiszumachen versuchst. Nehme ich dich nicht ernst?" – „Ja, eben", knurrte Snape verdrossen. „Das ist es ja. Es funktioniert nicht so, wie ich das beabsichtige. Es ist anstrengend, Empfindungen zu unterdrücken und zu verleugnen. Ich habe keine Kraft dazu. Ich bin innerlich tot." Lucius sah ihn schockiert an. „Siehst du, du verachtest mich", kam es fast schon trotzig von Severus. Malfoy schüttelte den Kopf. „Ich verachte dich nicht Sev. Ich bin… überrascht von dem was du sagst. Oder vielleicht eher, wie du es sagst. Es klingt nicht nach dir. Ich kenne viele Facetten von dir. Aber diese eben… die ist mir neu. Gib mir etwas Zeit, mich an sie zu gewöhnen."
Severus schwieg. Erst nachdem sein Freund ihn fragte, was er zurzeit fühle, reagierte er. „Gar nichts", lautete seine Antwort. „Und ehrlich?" – „Soll ich dir jetzt ‚Nichts' definieren?", antworte Snape mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Lucius ignorierte dies. Er kannte seinen Freund zu lange, um von dessen griesgrämigen Art beeindruckt zu sein. „Was denkst du von dir?", fragte er stattdessen. „Ich hasse, wer ich bin", schrie Snape unerwartet auf. „Ich hasse, dass ich fühle. Ich hasse, was ich tue", raunzte der Tränkemeister. Lucius überlegte. „Und wenn du in eine Situation kommst, die dich überfordert, wenn du denkst, du hast falsch reagiert, dann kannst du nicht anders und lässt es an dir aus?", fragte Malfoy ruhig. Severus nickte widerwillig. „Wie gut kann ich dich verstehen, Sev." Lucius legte langsam eine Hand auf den Rücken seines Gegenübers. „Wie gut kann ich das verstehen…" Snape schüttelte die Hand nicht ab.
„Sophia hat mich angesprochen", fuhr Severus schließlich fort. „Sie meinte, es sei eine unglaubliche Nacht gewesen und ich hätte ihr den besten Orgasmus ihres Lebens verschafft." Lucius lachte laut auf. „Was will man mehr? Eine vollkommen befriedigte Frau." Snape grinste schräg. „Dieses Kompliment beschäftigt mich. Du hättest mit einer lockeren Antwort pariert, ich stand verunsichert wie ein kleiner Schuljunge vor ihr und habe zugesehen, dass ich von ihr fort kam. Es war nicht zu ertragen. Sie meint nicht mich, sondern dich. Sie wollte lediglich entgegenkommend sein. Sie-" Malfoy schnalzte mit der Zunge und fiel ihm ungalant ins Wort. „Sophia ist eine selbstbewusste Frau, die es nicht nötig hat, anderen gegenüber höflich zu sein. Wenn sie dir das gesagt hat, dann war das auch so. Aber wieso glaubst du das?" Snape lachte zynisch. „Ich habe mein ganzes Leben an meinem Ruf gearbeitet. Ich bin der unsympathische Bastard, den man nicht mag, den man verabscheut. Ich bin das verbitterte Arschloch, das seine Schüler hasst und der andere Menschen verabscheut. Wie kann man so einen Menschen mögen?" – „Warum tust du das?", fragte Lucius. „Damit ich nicht verlassen werde…" Der Blonde nickte verstehend. „Aber ich bin noch da…
Rückblickende
Begriffe:
- Autosuggestion: Selbstbeeinflussung
- Polrität: Gegensätzlichkeit bei wesenhafter Zusammengehörigkeit
- restringieren: einschränken
- Gleichschaltung: die erzwungene Koordination von politischen Gruppen und Einrichtungen nach dem Maßstab einer diktatorischen Zentralgewalt
- Druella: Die Mutter von Narzissa und entsprechend Dracos Oma. Sie ist eine geborene Rosier
Anmerkung:
Ihr
könnt euch nicht vorstellen, wie schwer mir der letzte Teil
gefallen ist. Ich hoffe, ihr mögt meine Erklärung für
seine Rückzüge.
