Kapitel 74 - Flucht zurück
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Sei nicht traurig in die Vergangenheit. Sie kommt nicht mehr zurück.
Verbessere lieber klug die Gegenwart. Sie ist dein.
Henry Wadsworth Longfellow
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Während der Nacht fasste Snape einen Entschluss. Am nächsten Morgen eilte er als erstes zu der Direktorin und bat sie um eine Woche Urlaub. Minerva sah ihn ernst und sehr lange an, aber schließlich gab sie nach. Erneut schickte sie nach Slughorn, der zwar schimpfend, aber dennoch zusagte, für eine Woche einzuspringen. Minerva ermahnte Snape, genau in einer Woche wieder da zu sein. Er nickte und schenkte ihr ein knappes Lächeln. Dann machte er sich auf, ohne noch einmal in seine Räume zurückzukehren und apparierte auf dem Vorplatz Hogwarts.
Nur eine Sekunde später tauchte er auf einer Waldlichtung wieder auf. Nachdenklich ließ er seinen Blick über seine Umgebung schweifen. Nichts deutete darauf hin, dass hier ein Haus stand. ‚Haus', schnaubte er in Gedanken und machte sich daran, die Schutzzauber an der Stelle, an der er sich befand, für ein paar Sekunden zu lösen, um hindurchzugehen. Nachdem er sie gewissenhaft erneuert hatte, schritt er einen Pfad entlang, der ihn zu seinem Ziel bringen sollte.
Während er lief, rasten seine Gedanken. Er hatte sich nach Naginis Angriff für ein paar Tage in den Verbotenen Wald geschleppt. Dann war er in sein Heim geflüchtet. Zwei Jahre lang hatte er auf Sermo Vicus zugebracht, ohne das Grundstück auch nur einmal zu verlassen. Er hatte sich gehen lassen, alles war ihm egal gewesen. Eigentlich hatte er nichts anderes getan als zu trinken und zu denken. Nach den vierundzwanzig Monaten hatte er es nicht mehr ausgehalten. Er war wieder geflüchtet. Diesmal in die Schottischen Highlands. Ab da stimmte wieder die Geschichte, die er sich aus den Fingern gesogen hatte, als er nach Hogwarts zurückgekehrt war. Er hatte bewusst gelogen, um sein Haus nicht zu offenbaren. Kaum jemand wusste davon und es war besser so. Nur Lucius hatte damals schon die Wahrheit gekannt, daher auch sein Spott. Sein Freund hatte nie verstanden, warum Snape ein so prächtiges Anwesen wie das Vicus verleugnete, aber Snape wollte seine Ruhe behalten. Keine Eindringlinge.
Er keuchte den Hang hoch und schwor sich, wieder etwas für seine Fitness zu tun. Schließlich lichtete sich der Wald und Snape stand auf einem großen, imposanten Vorplatz. Die Kieselsteine knirschten unter jedem Schritt als er sich der Treppe näherte, die zum Eingang des Hauses führte. Für einen Moment hielt er inne, doch sein Entschluss stand fest. Was genau ihn dazu getrieben hatte, zurück nach Hause zu kehren, konnte er nicht mehr sagen. Vielleicht die Einsamkeit. Vielleicht war es aber auch, dass er sich nie wirklich von der Vergangenheit trennen konnte. Jeder Stein, jede Fliese hatte eine Geschichte und alles erzählte von ihr, von Artemis.
Nachdenklich starrte er auf die roten Treppenstufen. Aber Severus Snape war noch nie ein Mann gewesen, der lange zögerte, wenn er sich zu etwas entschlossen hatte. So gab er sich innerlich einen Ruck und stieg die zwölf Stufen hoch, die ihn vor einen, mit Löwen gesäumten Brunnen führten. Er grinste, als er die steinernen Raubtiere sah. Vier Löwen für eine Schlange, welch Ironie des Schicksals. Den Weg hätte er blind gehen können. Auch wenn er nur einen Bruchteil seines Lebens hier verbracht hatte, so kannte er seinen Besitz in und auswendig. Der Weg führte ihn nach rechts, zu einer weiteren Treppe, die von Bäumen geschützt lag und am Eingang des Hauses mündete. Er legte den Kopf in den Nacken und starrte ins obere Stockwerk. Nirgendwo konnte er einen Hinweis darauf finden, dass das Haus bewohnt war. Alles wirkte ausgestorben. Würde das Haus nicht in einem gepflegten Zustand gehalten werden, es wäre mit Sicherheit schon längst verfallen.
Entschlossen stieß Snape das große Eichenholzportal auf und steuerte in die Mitte, der dahinter liegenden Halle, zu. „Dewana", rief er und wartete. Es dauerte nicht lang, bis er im oberen Stockwerk eine Tür schlagen und Schritte rasch näher kommen hörte. Die indische Hauselfe seiner verstorbenen Frau eilte die Treppe herunter und wischte sich ihre Hände an einer weißen Schürze ab. Nachdenklich sah er auf sie runter. „Master Snape", begrüßte Dewana ihn und deutete einen Knicks an. Snape nickte. „Ich werde für eine Woche hier sein. Bereiten Sie alles vor." Dann drehte er sich um und steuerte direkt auf den Westflügel zu, indem ein behagliches Wohnzimmer eingerichtet worden war. Dort angekommen nahm er sich ein Glas von der Anrichte und goss sich einen großzügigen Schluck Feuerwhiskey ein.
Als Dewana zurückkehrte, um ihm auszurichten, seine Räume seien fertig gerichtet, stand er an einem Fenster, das nach hinten raus ging und einen Blick auf eine gigantische Poolanlage freigab. Snape nickte, um seiner Angestellten zu zeigen, dass er sie gehört hatte. Dewana verschwand umgehend und er gestattete sich, ihr im Spiegelbild des Fensters nachzusehen. Er war überrascht gewesen, als er Dewana damals hatte kennengelernt. Sie war mit Artemis zusammen gekommen und nach dem Tod seiner Frau hatte sie ihn gebeten, bleiben zu dürfen. Er hatte keinen Grund gesehen, sie fortzuschicken. Also war Dewana geblieben und hielt das Haus seit mittlerweile zwanzig Jahren in Ordnung. Snape war froh drum.
Sein Blick fiel auf eines der seltenen Fotographien, die Artemis und ihn zeigte. Es war damals an dem Hochzeitstag aufgenommen worden und Snape hatte ganz vergessen, dass es existierte. Er nahm es und setzte sich in einen gemütlichen Ohrensessel.
Rückblickanfang12. Juli 1978
Severus lächelte, als er vor dem Spiegel stand und sich seinen dunkelgrünen Umhang mit den silbernen Verzierungen gerade zog. Er mochte diese Farbe. Nachdenklich betrachtete er seine blasse Haut und die schulterlangen, schwarzen Haare. Es erschien ihm noch immer wie ein Wunder, dass die schöne Artemis ihn wollte. Er war jetzt achtzehn Jahre alt und sollte heute diese attraktive Frau heiraten. Ein Teil in ihm war aufgeregt, der andere mahnte ihn zur Ruhe. Die junge Frau war vier Jahre älter als er und fast auf den Tag genau vier Monate jünger als Lucius.
Lucius. Ein Schatten flog über das Gesicht des jungen Todessers. Sein bester Freund würde nicht anwesend sein, wenn er einen entscheidenden Schritt in ein neues Leben trat. Er wusste nicht, was mit seinem Freund los war, aber seit der Nachricht, Artemis und er würden heiraten, war der junge Malfoy wie ausgewechselt gewesen. Heute Morgen hatte ihm Shiva mitgeteilt, ihr Enkel sei von Voldemort auf eine Mission in die Sowjetunion geschickt worden. Snape seufzte. Er hatte sich früher immer mit Lucius ausgemalt, wie sie ihre jeweilige Hochzeit feiern würden. Immer hatten sie von ‚wir' gesprochen. Aber es gab kein ‚wir' mehr. Irgendetwas war vorgefallen, das einen Bruch ihrer Freundschaft zur Folge gehabt hatte. Der Bräutigam seufzte leise. Er würde auf Malfoy Manor heiraten und sein bester Freund befand sich mehrere tausend Meilen östlich.
Ein Hauself teilte ihm mit wichtiger Miene mit, es wären noch fünfzehn Minuten bis zum Beginn der Zeremonie. Ein letztes Mal sah Severus in den Spiegel und betrachtete seine hagere Gestalt. Warum wollte Artemis ihn? Er wusste es nicht, aber als sie ihm ihre Liebe gestanden hatte, war alles andere weggewischt gewesen. Lily war plötzlich nur noch eine Erinnerung. Sie war nicht mehr wichtig. Artemis, die Frau, die er begehrte, wollte ihn heiraten. Er liebte sie zwar nicht so, wie er Lily geliebt hatte, aber er war verliebt. Seine Knie wurden weich, wenn er an dieses wunderbare Wesen dachte und er konnte nur noch das Bedürfnis spüren, sie in die Arme zu nehmen und zu küssen. Auch wenn es niemand dem jungen Snape zutraute, tief in seinem Herzen war er auf eine bestimmte Art und Weise romantisch. Er wusste, seine Liebe zu Artemis würde wachsen und später alles andere überbieten. Lily war jugendliche Schwärmerei gewesen, Artemis würde viel tiefer gehen. Er lächelte als er sich umdrehte, um zu dem kleinen Steinkreis auf den Ländereien der Malfoys zu gehen, an dem er in ein paar Minuten die Liebe seines Lebens heiraten würde. Er bemerkte nicht, dass er begann, Dinge zu verdrängen.
Severus folgte dem Hauselfen durch das große Anwesen. Sie überquerten den Vorhof und ließen das Haus schließlich links liegen. Ihr Weg führte über eine kleine Lichtung, direkt zwischen zwei großen Eichen. Es war kein gepflasterter Weg, nur ein kleiner Trampelpfad, über den heute allerdings, zur Feier des Tages, eine Art Weg gezaubert wurde, damit sich die Damen die Schuhe nicht ruinierten. Er musste etwa zehn Minuten laufen und traf genau zehn Sekunden vor der Zeit am Steinkreis ein.
Ein großer Felsblock stand auf einer Lichtung, umgeben von fremdartigen Zeichen. Es hieß, Merlin habe diesen Felsblock persönlich verzaubert. Damals, vor der Legende um Excalibur, war Malfoy Manor noch lange nicht geplant gewesen. An der Stelle soll zu Merlins Zeiten eine Burg gestanden haben, die von dem Begründer der Malfoydynastie gebaut worden sein sollte. Beweise gab es nicht, lediglich Legenden und Märchen erzählten von dieser Zeit. Dennoch brüsteten sich die Malfoys gern mit ihrer langen Ahnenreihe und vergaßen dabei, die Zweifel an der Echtheit dieser Verwandtschaft zu erwähnen.
Etwa einhundert Stühle standen im Halbkreis um diesen bedeutsamen Stein und auf jedem einzelner saß eine Hexe oder ein Zauberer. Direkt vor dem Felsen war eine Bank aufgestellt worden, auf die sich das Brautpaar zu knien hatte. Jeweils ein Stuhl stand daneben. Auf dem ersten Blick erinnerte die Szenerie an eine Muggelhochzeit unter freiem Himmel. Allerdings änderte sich dies auf den Zweiten. Alle Anwesenden waren in vollkommenem Schwarz gekleidet und hatten sich, dem Anlass entsprechend, ein Halsband an einem samtigen Band umgehängt, an dem eine silberne Schlange hing. Auf den zweiten Blick erinnerte die Zusammenkunft mehr an eine schwarze Messe.
Snape, in einer schwarzen Robe gehüllt, fiel mit seinem dunkelgrünen Umhang, der an den Seiten mit kleinen, silbernen Schlangen verziert war, direkt auf. Aber das war an diesem Tag üblich. Selbst Voldemort hatte sich, als Zeichen seines Wohlwollens zurückgehalten. Dennoch war er aufgrund seiner Ausstrahlung präsent, so dass es niemand wagen konnte, ihn zu ignorieren. Er stand mit Shiva am hinteren Ende der Stuhlreihen und wartete auf die Brautleute.
Als Severus auftauchte, lächelte Shiva und hielt ihm den Arm hin. Gemeinsam gingen sie an der rechten Seite der Bankreihen entlang. Das malfoy'sche Oberhaupt sollte als Snapes Trauzeugin fungieren. Tom Riddle war der von Artemis'. Als Snape an seinem Platz stand, begannen die Gäste auf einem Ton zu summen, das Zeichen der Braut. Sie schritt am Arm des Dunklen Lords auf der linken Seite der Reihen entlang, direkt auf ihren zukünftigen Ehemann zu. Artemis' Eltern waren nicht anwesend, daher übernahm Voldemort es, Snape die Braut zu überreichen. Dies war eine ungewohnte Ehre und zusätzlich ein Zeichen, dass Voldemort diese Verbindung schätzte.
Als Artemis vor ihrem baldigen Mann stand, lächelte sie. Sie war in einem dunkelgrünen Kleid mit kleinen silbernen Schlangen erschienen. Der Stoff schien der gleiche zu sein, wie der, aus dem Snapes Umhang geschneidert worden war. Ebenso trug sie einen Umhang aus dem gleichen Stoff, wie Severus' Robe. Dies war eine typische schwarzmagische Symbolik. Sie sollte die Einigkeit der Brautleute demonstrieren.
Der älteste Alchimist, den es bei Voldemorts Anhängern gab, leitete die Zeremonie. Er wartete, bis das Brautpaar auf der Bank niederkniete und trat dann vor. Mit ruhiger Stimme, begann er jeweils das Wichtigste aus den Lebensläufen des Paares vorzutragen. Dieser Teil war recht kurz. Sowohl Snape als auch Artemis hatten sich geweigert, ihm allzu viel von sich zu erzählen. Schnell kam der Alchimist an jene Stelle, wo er dem zukünftigen Ehepaar von Pflicht und Verantwortung berichtete. Es wurde deutlich, dass die Rede vom Dunklen Lord abgesegnet worden war.
Artemis sah während dieser Rede lächelnd zu dem Mann, der in ein paar Minuten ihr Gatte wäre. Er bemerkte es und erwiderte den Blick. Langsam schob sie ihre Hand zu seiner und er ergriff sie. Für alle Anwesenden bestand kein Zweifel, dieses Paar war sich ehrlich zugetan.
Rückblickende
Snape ließ den Feuerwhiskey in seinem Glas kreisen und sah dieser ruhigen Bewegung nachdenklich zu. Er hatte als Junge nie angenommen, jemals zu heiraten und jetzt, Jahre später, konnte er es noch immer kaum glauben. Er war nicht der Typ für Hochzeit und Kinder. Das hatte er gelernt. Sobald er anfing, eine Frau zu lieben, verließ sie ihn. Lily war zu James Potter gegangen. Artemis war tot. Hermine gehörte zu Lucius. Er schüttelte den Kopf. Die folgende Woche würde er nutzen, um die junge Hexe endlich aus seinen Gedanken verbannen zu können.
Erneut begann er, in seinen Schubladen zu denken.
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Begriffe:
Schwarze Messe: Satansmesser
