01. Kapitel – Ein Jahr später
.

.

.

…………………………………………………………………

Der, der außer sich ist, ist unverträglich, streitend, überheblich, niederträchtig,
voller Zweifel stets und auch voller Ablehnung
- und immer dann auch sehr belastet - er ist nicht sich –
- er liebt sich selbst nicht - denn sonst wäre er beherrscht von sich –
- er will die beherrschen, die ihn deswegen nicht lieben können –
und das ist gegen ihn selbst dann gerichtet
Bruno O. Sorensen

…………………………………………………………………

.

.

.

Jeder Besucher, der eine der wertvollen Eintrittskarten zu einem berühmt-berüchtigten Ball auf Malfoy Manor ergattern konnte, war nicht so dumm, um nicht zu kommen. Dieses kleine vergoldete Stück Papier war nicht nur ein Garant für ein ordentliches Essen und gehobenes Amüsement, es war die Eintrittskarte zu der Obersten Tausend, der Crème de la crème, dem magischen Hochadel. Nur ein dauerhafter Krankenhausaufenthalt oder Tod hinderte die illustre Gesellschaft dem Ruf des nebulösen Lucius Malfoys nicht zu folgen.

Er war ein Rätsel. Nach außen hin war er charmant und aufmerksam, zuvorkommend und hilfsbereit, der Inbegriff eines englischen Gentlemans. Niemand kannte seine Vergangenheit wirklich. Die, die darüber hätten reden können, waren entweder tot oder schlau genug, es nicht zu tun. Und doch wusste jeder, dass er als rechte Hand des Dunklen Lords agiert hatte. Doch dieser Umstand schreckte nicht, dass sich seine Beliebtheit in dem letzten Jahr noch gesteigert hatte, und dass er als begehrte ‚Junggeselle' verschrien war, den es einzufangen galt. Bad Guys waren Faszination, sie strömten diese Mischung aus gefährlicher Brutalität und trügerischer Sanftheit aus.

Natürlich wusste er um die Gerüchte, die sich um seine Person rankten. Er war sich darüber im Klaren, dass sie dazu beitrugen, dass er wieder mit offenen Armen in der Gesellschaft empfangen wurde. Und natürlich war er Urheber der meisten von ihnen. Eine neue Heirat war nicht das, was er sich unter einem angenehmen Leben vorstellte, aber er wusste, er musste diesen unvermeidbaren Schritt gehen, wenn er die Karriereleiter innerhalb der Hautevolee weiter erklimmen wollte. Ein Malfoy war nur das Beste vom Besten gewöhnt und er wollte dafür sorgen, dass er auch in der Welt der anderen Seite wieder ein strahlender Diamant war. Unter Voldemort war er der erste Mann gewesen, hier strebte er das oberste Amt an.

Natürlich würde er das schaffen. Er war ein Meister der Manipulation. Wenn er es wollte, konnte er jeden glauben lassen, die Welt wäre eckig. Schon als kleiner Junge hatte er die Fähigkeit der Suggestion beherrscht und er gedachte nicht, sich zurückzuziehen und einen auf ‚schlechtes Gewissen' zu machen. Er war ein Malfoy. Die Malfoys herrschten seit über eintausend Jahren. Irgendwann würde er das höchste Amt innehaben und der magischen Welt zeigen, dass er die Fäden nicht nur im Hintergrund zog…

Mit einem Glas Champagner in der Hand ging er lächelnd auf eine kleine Gruppe von Hexen und Zauberern zu, die allesamt wichtige Positionen im Ministerium innehielten. „Mrs. Collin", schnurrte er, nahm die behandschuhten Finger und hauchte der zarten Blondine einen angemessenen Kuss auf die Finger. „Sie sind wie immer eine Augenweide", schmeichelte er und sah der Dame tief in die Augen. Sie gurrte und schlug ihm spielerisch auf den Arm. „Mr. Malfoy … Lucius … Sie unverschämter Mann, ich bin eine verheiratete Frau." Er lächelte. „Und das allein ist der Grund, warum ich mich Ihnen nicht erkläre", säuselte er. ‚Dummes Weib", dachte er dagegen. ‚Glaubt sie wirklich, ich würde auch nur im Entferntesten daran denken, ihr den Hof zu machen?' Lucius sah sich diskret um und erblickte die Tochter von Mr. und Mrs. Collin. ‚Ihr schon eher.' Natürlich war der schönen Mutter aufgefallen, dass ihr Gastgeber ihre Tochter gesehen hatte. Insgeheim grinste sie. Solange ein Mann einen Titel und Geld hatte, verzieh man ihm alles. Wenn ihre Tochter erst einmal den Ring am Finger hatte, wäre es ein Kinderspiel ihn wieder loszuwerden.

Malfoy hatte sich derweil zu den Männern gesellt und in die Runde genickt. „Gentlemen." Dobstone, derzeit erster Berater des Premierministers Tony Blairs, nickte ihm kühl zu. „Malfoy", sagte er knapp und drehte sich zu Shermanie um. Bernhard van Shermanie sah ängstlich zu dem blonden Mann. Eine solch rüde Behandlung durch Dobstone war eine klare Ablehnung und Beleidigung. Jeder im Saal wusste, dass man einen Lucius Malfoy nicht beleidigte. Das war gefährlich. Das steigerte die Faszination.

Malfoy zog spöttisch eine Augenbraue hoch, wie es auch sein alter Freund Severus Snape tat, und musterte Dobstone kalt. Er wusste, er musste handeln, wenn er nicht zum Gespött der Oberschicht werden wollte. „Dobstone", sagte er leise, trügerisch sanft. „Auch ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend." Lucius konnte die Umstehenden förmlich aufseufzen hören, als er sich abwandte. Dadurch, dass er Dobstones Verhalten ‚großzügigerweise' übersah und sie nicht, wie allgemeinhin erwartet, mit einer ebenso rüden Behandlung rächte, stellte er sich über den Mann und hatte diesen Machtkampf für sich entschieden.

„Gut gemacht." Malfoy sah auf und direkt in die amüsiert wirkenden Augen seines alten Freundes William Tavington. Er zuckte die Schultern. „Eine leichte Übung." Tavingtons Belustigung nahm zu. „Das meinte ich nicht. Ich spreche von diesem kleinen arrangierten Zusammenstoss zwischen Dobs und dir. Niemand wird auch nur vermuten, dass er in Wirklichkeit für dich arbeitet." Lucius, der so stand, dass ihn niemand sehen konnte, lächelte kalt. „Natürlich. Nichts anderes war beabsichtigt." Tavington nickte. „Du hast Mary auf die Probe gestellt?" Malfoy hielt es nicht für nötig, dies zu kommentieren. „Sie hat sich als einigermaßen intelligent herausgestellt, neigt aber zu unsäglicher Anhänglichkeit", erwiderte er gelangweilt. „Diesmal nicht Mexiko?" Nun reagierte der Slytherin, indem er seinen Freund ansah. „Möchtest du deine alte Arbeitsstätte wieder sehen? Das ließe sich arrangieren, nur befürchte ich, du würdest sie diesmal von der anderen Seite genießen dürfen." Tavington hob abwehrend beide Hände, während er Malfoy spöttisch anlächelte. „Pakistan ist ein schönes Land."

Ein strafender Blick traf ihn. „Nicht so laut." Dann fügte Lucius leiser hinzu: „Bei Mary werde ich mir etwas … spezielles überlegen. Nicht, dass so etwas wieder passiert." – „Du meinst, wie vor einem Jahr?", fragte Tavington scheinbar naiv. „Das war wirklich unglücklich verlaufen." Malfoy lächelte, während er einem seiner Geschäftspartner zunickte. „Sei froh, dass ich dich da rausgeholt und die Beweise vernichtet habe, bevor dein Chef mit jemandem sprechen konnte. So stand er mit leeren Händen da." – „Dafür bin ich dir dankbar. Weißt du, wer diese Beweise geliefert hat?" Sie schlenderten nebeneinander her und schienen sich über das Wetter zu unterhalten. Sämtliche weibliche Anwesende hafteten ihre Blicke auf diese beiden, waren sie mit Abstand nicht nur die attraktivsten Exemplare im Saal, sondern auch die Mmysteriösesten.

„Ein kleines Licht irgendwo in dem Gefängnis. Ferily oder so." – „Ferally." – „Genau. Er war eifersüchtig auf dich und wollte deinen Platz einnehmen." Tavingtons Augen zogen sich für einen Moment kritisch zusammen. „Diese kleine Ratte. Wenn ich den erwische…" Malfoy legte ihm eine Hand auf den Arm. „Contenance, mein Freund. Ferally kann dir nichts mehr tun. Lediglich den Würmern, die seinen Körper langsam zerfressen." Ein wissendes Lächeln stahl sich auf Tavingtons Lippen.

„Denkst du manchmal noch an die kleine Weasley?" Lucius brauchte nicht mal eine Sekunde, um seinen Gefährten hinter einen Pfeiler zu ziehen und ihn am Hemdkragen zupacken. „Lass es dir gesagt sein, mein Freund, Ginny ist tot. Sie ist Vergangenheit. Du brauchst sie nicht mehr zu erwähnen." Er ließ William los und trat einen Schritt zurück. Für einen kurzen Augenblick klomm Hass in Tavingtons Augen auf, doch er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. „Verzeih mir, Luc, ich wusste nicht, dass du sie geliebt hast." – „Das habe ich auch nicht ..." – „Warum hast du ihr dann eine Beerdigung organisiert und warst auch noch da?" - ."… ich mochte sie." Lucius horchte auf. „Woher weißt du, dass ich da war?" William verdrehte die Augen. „Du wirst alt, mein Freund. Du hast es mir erzählt. Kurz nach Arthur Weasleys Tod." Malfoy nickte nachlässig und beeilte sich, Miss Collin zuzunicken. „Stimmt." Sie nahmen ihre Schlenderei durch den Ballsaal wieder auf.

ooOoo

Stunden später waren die letzten Gäste verabschiedet worden und die Hauselfen und sonstige Angestellte begannen mit dem Aufräumen. Geschirr musste gespült, Tischdecken gewaschen und Wachs vom Boden gekratzt werden. Niemand wagte zu stöhnen, obwohl die Aufräummaßnahmen wieder eine ganze Nacht beanspruchen würden. Die Gesellschaft verstand nicht nur zu feiern, sondern auch entsprechend ausgelass Unrat zu produzieren.

Der Hausherr beobachtete die Elfen eine Weile und überzeugte sich davon, dass alles seine Ordnung hatte. Dann gähnte er verstohlen und beschloss, auf einen letzten Drink in sein Arbeitszimmer zu gehen. Er erteilte entsprechende Anweisungen und betrat weniger als eine Minute später die geräumige Bibliothek, die in das Zimmer eingegliedert worden war. Wie üblich waren zwei Kerzenleuchter im Einsatz, so dass genug Licht war, um noch einige Papiere durchzugehen.

Als er eine Bewegung im Augenwinkel wahrnahm und mit blitzschnell gezücktem Zauberstab in einer ruhigen und eleganten Bewegung in die entsprechende Richtung wirbelte, war es ihm, als ereile ihn ein Dèjà-vu und er kam sich vor wie in einem dieser speziellen Muggelfilme, in denen der Hauptcharakter, natürlich er, auf die große Unbekannte traf. Er traf wirklich auf sie und zuerst wurden ihm ein Paar Füße in flachen Absatzschuhen bewusst, die das untere Ende eines sehr femininen Körpers bildeten. Als nächstes wurde er einem Paar lässig übereinandergeschlagener Beine ansichtig, deren Waden wohlgeformt und nahezu perfekt für den folgenden Torso waren, den zwei noch wohler geformte Brüste sehr attraktiv machte. Die Arme lagen lässig auf den Lehnen eines seiner Sessel auf und in einer Hand hielt die unerwartete Besucherin ein Glas seines besten Whiskys, der normalerweise lediglich ihm vorbehalten war. Als er in das faszinierende Augenpaar blickte traf ihn ein gelassenes Lächeln.

Malfoy ließ den Zauberstab sinken, natürlich nur nachdem er sich versichert hatte, dass er nicht bedroht wurde, drehte sich zum Schreibtisch um und zog ein Scheckheft heraus. „Wie viel?", fragte er knapp. Die Besucherin lachte. „Ich will Ihr Geld nicht, Malfoy." – „Warum sind Sie dann hier? Meiner Erfahrung nach geht es ständig ums Geld, wenn jemand … von Ihnen hier auftaucht." Wieder lachte sie und trank einen weiteren Schluck. „Ich möchte mit Ihnen reden." Er runzelte die Stirn, drehte sich dann aber wieder zu ihr um und lehnte sich mit verschränkten Armen an seinen Schreibtisch. „Reden?", fragte er. „Reden", bestätigte sie.

„Nun, ich freue mich, dass Sie offensichtlich bei bester Gesundheit sind." Lucius ließ seine Besucherin nicht aus den Augen. Sie schien keinerlei Angst vor ihm zu haben und das irritierte ihn. Er war es gewöhnt, dass Frauen die Augen vor Unsicherheit und Nervosität vor ihm niederschlugen. Er genoss diesen Moment grenzenloser Macht über das weibliche Geschlecht. Doch sie tat nichts der gleichen. Noch immer saß sie sich völlig entspannt auf seinem Sessel und besaß sogar die Unverfrorenheit, seinen besten Whisky zu trinken. Dieser vierzig Jahre alte Laproaig war ein wertvolles Geschenk eines alten Freundes gewesen.

Trotzdem konnte er sich auch weiterhin unter Kontrolle halten. „Wie sind Sie hier rein gekommen?", fragte er, so als säße er bei der Queen zur Teestunde. „Das möchten Sie nicht wissen." Gekonnt einschüchternd und gleichzeitig faszinierend distanziert hob er eine Augenbraue. „Glauben Sie mir, junge Dame, ich stelle keinerlei Fragen, deren Antworten mich nicht interessieren." Sie nickte und lächelte geheimnisvoll. „Natürlich nicht, Mr. Malfoy … Möchten Sie auch einen Schluck?" Eine Millisekunde später war er bei ihr, hatte beide Hände auf den Lehnen abgestützt und ihre Nasenspitzen berührten sich fast. „Sie besitzen die Impertinenz einfach in mein Haus einzudringen und mir von meinem eigenen Whisky anzubieten, den Sie im Übrigen nicht zu schätzen wissen, ansonsten würden Sie ihn nicht so … runterkippen?" Sie tat ihm nicht den Gefallen, auch nur mit der Wimper zu zucken. Herausfordernd sah sie ihm tief in die Augen und wandte sich dann mit ihrem Gesicht ab, um einen erneuten Schluck zu trinken. „Zumindest beweisen Ihre Bekannten Geschmack", stellte sie nüchtern fest. Malfoy knirschte insgeheim mit den Zähnen. „Vielleicht habe ich ihn mir ja selbst gekauft." Spöttisch zog sie ebenfalls eine Augenbraue hoch und deutete auf eine Karte. „Und sich selbst einen Gruß geschrieben?"

„Sagen Sie, was Sie zu sagen haben und verschwinden Sie dann. Sie sind in diesem Haus nicht willkommen." Lucius bedachte sie mit einem bitterbösen Blick, dann drückte er sich ab und ließ sich mit einer Erlesenheit in den nächsten Sessel gleiten, die darauf schließen ließ, dass er es gewöhnt war, auf andere zu wirken. Sie war gänzlich unbeeindruckt. „Ich möchte mich mit Ihnen über eine … gemeinsame Freundin unterhalten." Sofort waren seine Sinne geschärft und seine Vorsicht geweckt. „Haben wir denn gemeinsame Freunde?", fragte er zuckersüß und legte die Fingerspitzen aneinander, wobei er die Ellenbogen auf die Sessellehne abstützte. „Der Umstand von Ginnys Tod ist mir unklar", erklärte sie. „Ich bezweifle, dass sie wirklich im Ausland von einer … Pyramide gefallen ist … Von Ihnen möchte ich die Wahrheit wissen. Und sollte ich herausfinden, dass Sie in irgendeiner Art und Weise die Finger im Spiel haben, Malfoy, dann werden Sie mich kennenlernen." Seine Augen funkelten amüsiert, das Spiel begann ihm langsam Spaß zu machen. „Ich zittere vor Angst, Miss Granger …"

.

.

.

…………………………………………………………………

Begriffe:
- Hautvolee: eine spöttisch abwertende Bezeichnung für die sog. High Society

Anmerkung:
Beginnender voldemort'scher (Größen-) Wahnsinn bei unserem Blonden Toxikum?

Natürlich ist Tavington braunhaarig. Verzeihung.

Ich weiß, hat arge Ähnlichkeiten zu DFV I. Ist aber absolut beabsichtigt.

Lucius konnte natürlich nicht sagen, dass Ginny aus Versehen ums Leben kam, während er ihr eine Lektion erteilen wollte. Darum hat er einen Pyramidensturz initiiert. Ich war so frei und habe dafür die reale Begebenheit als Vorbild genommen. In der eine Achtzigjährige beim Abstieg der berühmten mexikanischen Pyramide Chichén Itzá aufgrund der Hitze einen Herzinfarkt bekommen hat und herunter fiel. Seitdem ist die Pyramide leider, leider nicht mehr zu besteigen.

Danke an:

Sepsis: natürlich kommt der zweite Teil zwinker und diesmal lm/hg. Mittlerweile hat es sich fast zu einer eigenständigen Geschichte entwickelt, aber da Ginny immer und immer wieder Thema ist und der zweite Teil letztendlich doch noch viel zu sehr mit dem ersten verknüpft ist, hab ich mich für eine Fortsetzung entschieden. knuff