2. Kapitel
Hogwarts
Die Sonne brannte förmlich vom Himmel herab. Hermine hatte ihren Umhang längst ausgezogen und ihr ärmelloses Kleid wehte im warmen Wind um ihre Beine. Wenigstens war es lang, dies schien ihr unabdingbar, wenn sie ihre alte ehrwürdige Schule aufsuchte.
Auf den Ländereien war niemand zu sehen. Es war später Vormittag und der Unterricht längst noch nicht zu ende. Hermine hielt einen Moment inne und sah auf die Mauern, die sich vor ihr auftürmten und hinter dessen Fenstern zahllose Schüler saßen, die sich in dieser Hitze verzweifelt
bemühten, das Wissen, das ihnen zuteil wurde, in ihren Köpfen zu speichern.
Hermine selbst hätte früher einem sonnigen Tag keine Träne nachgeweint, wenn sie für dessen Verzicht im Gegenzug all die Fragen, die ihr wichtig erschienen waren, erklärt bekommen hätte.
Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, so galt dies bis heute.
Sie besann sich auf ihre Pläne für den Tag. Warum war sie hergekommen? Bestimmt nicht um in Erinnerungen zu schwelgen. Und was Snape betraf, so war sie gewiss nicht hier, um ihrem ehemaligen Zaubertranklehrer einen Freundschaftsbesuch abzustatten.
Es war ihr Wissensdurst und ihre unendliche Neugier, gepaart mit der Angst, die ihr seit der letzten Nacht immer noch in den Knochen steckte, die sie hierher getrieben hatte. Sie musste wissen was es mit dem Traum auf sich hatte.
Mit Schwung öffnete sie schließlich das große Portal und trat in die kühle Halle ein. Das Schloss schien ihr sonderbar dunkel nach dem hellen Sonnenschein, und ein Frösteln überlief sie. Erstaunt sah sie sich um. Doch sie war nicht etwa erstaunt weil sich etwas verändert hätte, sondern ganz im Gegenteil - alles war noch genau so, wie es zu ihrer Schulzeit gewesen war.
Langsam ging sie die Eingangshalle entlang und betrachtete die ihr vertraute Umgebung mit einem Lächeln im Gesicht. Das Lächeln wuchs in die Breite, als sie einen Mann sah der ihr den Rücken zugewandt hatte und mit einem Hauself sprach. Die kleinen Wesen, für die Hermine sich in ihrer Jugend so eingesetzt hatte, sah man normalerweise nicht im Schloss; doch dieser schien ein besonderes Anliegen zu haben.
"Bitte Herr Direktor - untertänigst möchte ich um einen anderen Gebieter bitten. Ich weiß, dass wir Hauselfen uns unseren Herrn nicht aussuchen können - doch ist es so, dass mein Herr den Wunsch äußerte, dass ich zum Teufel gehen solle. Nun frage ich mich natürlich, wo ich diesen finden könnte, denn ich möchte doch dem Wunsch meines jetzigen Herrn Genüge tun."
Hermine brauchte Dumbledores Gesicht gar nicht zu sehen um zu wissen, dass er jetzt einen belustigt-mitleidigen Blick für den Hauself hatte.
"Er meint es nicht so, Blinky. Er möchte nicht ernsthaft, dass du gehst - glaub mir. Wenn er so etwas noch einmal sagt, dann tue einfach so, als hättest du ihn nicht gehört. Ich mache es ebenso - denn genau diese Worte hat er auch schon mehr als einmal bei mir benutzt."
Blinky fügte sich mit einer kleinen Verbeugung und huschte dann davon.
Hermine hörte Dumbledore seufzen; sie nutzte die Chance ihn auf andere Gedanken zu bringen und grüßte ihn mit sanfter Stimme.
Der Direktor wandte sich zu ihr um und sofort erstrahlte sein Gesicht in ehrlicher Freude.
"Miss Granger - wie schön Sie zu sehen! Machen Sie eine Reise in Ihre Vergangenheit, oder sind Sie hier, um sich für die Rechte unterjochter Elfen einzusetzen?" Er blickte kurz in die Richtung, in die Blinky verschwunden war und sah dann wieder zu der jungen Frau.
Hermine wurde ernst: "Sir, mit allem Respekt, aber ich finde es immer noch nicht gerecht, dass Hauselfen zu diesem Dasein verdammt sind. Ich weiß inzwischen, dass sie gar nicht anders können, aber das macht die Sache nur um so trauriger."
Der Direktor sah sie an, nickte schließlich und sagte: "Ich verstehe durchaus was sie meinen, Miss Granger. Blinky hat wirklich keine leichte Aufgabe, das muss ich zugeben."
Hermine kniff ein wenig die Augen zusammen und sagte dann abschätzend: "Lassen Sie mich raten - der arme Kerl ist an Snape geraten."
Dumbledore räusperte sich vernehmlich: "Auch wenn Sie nun nicht mehr seine Schülerin sind, so ist er trotzdem immer noch Professor Snape. Aber ja - Sie haben Recht...es ist eben jener, dem Blinky zu dienen hat."
"Warum braucht dieser...Professor einen Hauself? Er hatte doch früher keinen eigenen, oder?"
"Ich fürchte meine Antwort wird Ihnen nicht gefallen, Miss Granger. Jede Lehrkraft hat nun einen eigenen Hauself zugeteilt bekommen. Es ist eine Anordnung vom Ministerium. Die letzte Studie hat ergeben, dass der Notendurchschnitt an den Zauberschulen immer mehr sinkt. Es war also an der Zeit etwas zu unternehmen. Die anderen Schulen haben eine Menge investiert, um sich weiterhin zu etablieren. Damit wir mit den anderen Schritt halten können, befand das Ministerium, dass den Lehrern der Rücken mehr frei gehalten werden müsste, damit sie sich mehr auf ihre Aufgabe konzentrieren können, den Schülern das nötige Wissen nahe zu bringen. Die Hauselfen sollen also entlastend wirken. Es geht um die Dinge des täglichen Lebens, und viele der Lehrer haben durchaus positiv auf ihre neuen Gehilfen reagiert - nur..."
"Nur Snape nicht", schloss Hermine für ihn den Satz.
"Nein - Professor Snape ist wenig erbaut darüber."
Hermine atmete tief ein, dann entschied sie, dass es an der Zeit war dem Direktor den Grund ihres Besuches zu erläutern.
"Nun, dann bin ich um so gespannter wie er auf mich reagieren wird, wenn er ohnehin schon wieder einmal schlecht gelaunt ist - der Herr Professor Snape."
Dumbledore sah sie erstaunt an: "Sie
sind hier, um Snape zu besuchen?"
"Professor
Snape, Herr Direktor", korrigierte Hermine lachend.
"Wollen Sie mir das erklären, Miss Granger?"
"Nein - eigentlich nicht. Verzeihen Sie Professor Dumbledore, aber ich weiß eigentlich selbst nicht so genau warum ich hier bin. Sagen wir, ich möchte einige Teufel jagen, und da bin ich wohl bei Professor Snape genau an der richtigen Adresse."
Der Direktor lächelte sie verstehend an.
Hermine sah kurz auf die Uhr, dann murmelte sie: "Ich komme zu einer ungünstigen Zeit - vielleicht sollte ich so lange noch nach Hogsmeade gehen, bis er seinen Unterricht beendet hat."
"Oh - er hat zur Zeit keinen Unterricht. Erst heute nachmittag wieder. Dies ist der Grund warum Blinky so aufgeregt war. Professor Snape wollte in den Wald, um Zutaten zu sammeln; doch Blinky meinte, dies wäre seine Aufgabe und ließ sich wohl nicht vom Gegenteil überzeugen, bis der Professor ihn schließlich zum Teufel schickte. Professor Snape hat dann das Schloss verlassen und ich denke, er dürfte inzwischen tief im Verbotenen Wald sein. Aber wie Sie wissen, ist dieser nur für Schüler verboten - also wenn Sie sich ein wenig dort umsehen möchten...Sie wissen worauf Sie zu achten haben. Allerdings können Sie auch gerne in der Bibliothek warten und alte Bekannte begrüßen."
"Madam Pince wird sicher viel zu tun haben - ich weiß nicht, ob sie sich über meinen Besuch so sehr freuen würde", erwiderte Hermine verlegen.
Der Direktor lachte nun: "Ich meinte nicht Madam Pince - ich meinte ihre Freunde - die Bücher, Miss Granger."
Hermine lachte höflich, doch tief in ihrem Inneren wollte sie dem Direktor und sich selbst beweisen, dass sie heute das echte Leben viel mehr begeistern konnte, als staubige Bücher.
"Ich werde mich draußen mal umsehen gehen, wenn Sie erlauben."
"Natürlich mein Kind. Tun Sie das."
Der Direktor lächelte sie aufmunternd an. Hermine nickte zum Gruß und ging dann wieder zum Ausgang, während Dumbledore ihr wohlwollend hinterher sah. Hermine wusste, dass ihm durchaus einige Fragen auf der Seele brannten als er sie jetzt gesehen hatte; doch er hatte sie nicht gestellt und sie war ihm dafür zutiefst dankbar.
Draußen wurde sie erneut von der Hitze empfangen; bis zum Mittag würde sie unerträglich sein.
Hermine ging quer über die große Wiese und sah zu Hagrids Hütte. Der Wildhüter unterrichtete wohl auch gerade, denn Hermine sah, dass die Tür zur Hütte verschlossen war und Fang, der Saurüde, hinter dem Fenster bellte, als er sie sah.
Hermine winkte ihm zu und erwartete fast, dass der riesige Hund ebenfalls die Pfote heben würde.
Dann ging sie weiter über die Wiese und ließ ihren Blick, in einem Gefühl der Nostalgie, über die Ländereien schweifen. Hermine blieb abrupt stehen und kniff die Augen gegen das Sonnenlicht zusammen. Dort hinten am See konnte sie eine Person ausmachen. Dunkel gekleidet und ziemlich groß.
'Merkwürdig, dass Dumbledore so schlecht informiert ist', dachte Hermine insgeheim, als sie sich nun Snape näherte.
Er bemerkte sie erst, als sie dicht hinter ihm stand.
Erschrocken und mit mörderischen Blick wandte er sich zu ihr um und hatte instinktiv seinen Zauberstab gezogen, mit dem er nun zwischen ihre Augen zielte.
Hermine versuchte gelassen zu bleiben, doch sie konnte es nicht. Nachdem sie begriffen hatte, dass er ihr keinen Fluch verpassen würde, musste sie über die Situation schmunzeln. Er sah zu komisch aus; der Grund dafür war banal, jedoch völlig ungewohnt. Bekleidet war er wie immer mit seinem dunklen Anzug und Umhang, doch etwas anderes stimmte absolut nicht - es waren seine nackten Füße, die er schuh- und sockenlos in den See getaucht hatte.
Obwohl er nun mit säuerlicher Miene erkannte, dass sie es bemerkt hatte und zudem äußerst komisch fand, blaffte er sie nicht deswegen an, wie sie es eigentlich vermutet hatte, sondern steckte seinen Zauberstab wieder ein und sah dann betont auf den Grund ihrer Belustigung und wackelte mit den Zehen.
"Na so etwas, Miss Granger - da kommen Sie völlig unbedarft hier her und müssen etwas so Unglaubliches erfahren - Ihr Lehrer hat Füße!"
Hermine lächelte ihn so spöttisch an wie er sie.
"Sie sind nicht mehr mein Lehrer - also dürfen Sie auch Füße haben."
"Danke - ich bin Ihnen sehr verbunden", erwiderte er voller Hohn und sah sie dann unwillig an.
"Können Sie nicht woanders
spazieren gehen?"
"Warum? Damit ich Sie nicht verpetzen
kann?"
"Was gäbe es hier wohl zu petzen? Es ist nicht strafbar seine Füße in den See zu tauchen - allenfalls gefährlich, doch dies ist wohl allein meine Sache, nicht wahr Miss Granger?"
"Natürlich - Sir! Doch ist der Direktor der Meinung, Sie würden Zutaten im Verbotenen Wald sammeln - und nicht Ihre Füße kühlen."
Snape schüttelte erbost den Kopf.
"Das geht Sie überhaupt nichts an, Miss Neunmalklug. Und nur damit Sie nicht glauben, auch nur ein wenig das Gefühl zu Triumph haben zu dürfen, sollten Sie einen Blick in diese Tasche werfen. Sie beinhaltet so viele Kräuter, dass ich für die nächsten paar Tage im See schwimmen gehen kann, wenn mir danach ist."
"Sie schwimmen? Im See?" Hermine war nun völlig perplex.
Snape schickte ihr ein zynisches Lächeln.
"Ja, Miss Granger - nackt, wenn Sie schon dabei sind sich all diese Dinge vorzustellen." Er betrachtete sie eingehend und als sie erwartungsgemäß errötete, ließ er ein schadenfrohes Lachen hören.
Plötzlich wurde er ernst und mit barscher Stimme fragte er: "Warum sind Sie hier? Wollten Sie etwa wirklich zu mir - und wenn ja, womit habe ich diese zweifelhafte Ehre verdient?"
Hermine räusperte sich vernehmlich, dann sagte sie kühn: "Weil ich von Ihnen geträumt habe und gerne wüsste, was dieser Traum zu bedeuten hatte."
Einen Moment schien er diese Worte sortieren zu müssen, dann stieß er ein amüsiertes Schnauben aus.
"Sie haben von mir geträumt? Ach ja, ich hörte Sie sind mit Potter zusammen - kein Wunder, dass Sie da lieber von mir träumen."
Hermine ballte instinktiv ihre Hände zu Fäusten.
"Nicht die Art Traum, an die Sie denken!" zischte sie wütend.
"So, Miss Granger? An welche Art Traum denke ich denn Ihrer Meinung nach?"
Hermine sah ihn kalt an, dann fuhr sie unbeirrt fort: "Er hat mich einfach beunruhigt und ich wollte..."
"WELCHE Art Traum, Miss Granger - ich hatte Ihnen eine Frage gestellt!"
Nun zog sie ärgerlich die Augenbrauen zusammen und schüttelte mit dem Kopf. "Es war ein Fehler herzukommen. Irgendwie dachte ich, dass man inzwischen vernünftig mit Ihnen reden könnte - mein Fehler! Auf Wiedersehen, Professor."
"So feige geworden, Miss Granger?"
"Ich werde Ihre Spielchen nicht mitspielen! Schon als ich noch Ihre Schülerin war, hatten Sie einen ganz besonderen Hang dazu, mich zu demütigen - das machen Sie jetzt nicht mehr mit mir - ich werde besser gehen."
"Sie waren einst eine mutige Schülerin - nervig - vorlaut - aufdringlich, aber mutig. Schade, dass Ihnen diese einzig positive Eigenschaft abhanden gekommen ist." Er hob seine Füße aus dem Wasser, zog die Knie dicht an seinen Körper und schloss die Augen, während er sein Gesicht der Sonne zuwandte.
"Sexträume! Okay? Ich meinte Sexträume...die habe ich nicht von Ihnen!" stellte sie dann noch schnell klar.
Er öffnete ein Auge, blinzelte sie an und sagte dann leise: "So ist es brav."
Hermine stieß einen Schrei des Zorns aus: "Sie sind ein widerlicher Dreckskerl!"
Snape erwiderte nichts darauf, außer einem selbstgefälligen Lächeln. Schließlich sagte er bestimmt:
"So, Miss Granger, und nachdem Sie jetzt wieder wissen wie die Regeln lauten, setzen Sie sich und erzählen Sie mir von Ihrem - ach, so sonderbaren Traum."
tbc
