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In der Tür stand mein Traummann. Er war sehr groß und besaß eine schlanke Figur. Seine schwarzen Haare waren eine Spur länger als üblich und fielen ihm in die Stirn. Er trug ein weißes Hemd das am Kragen offen stand und die Ärmel hatte er lässig aufgerollt.

Wie hypnotisiert glitt mein Blick über ihn. Er schien mir wie ein Wesen, nicht von dieser Welt. Ich sog seinen Anblick in mich auf, als wollte ich ihn mir einprägen für die Ewigkeit.

Eine Hand hatte er lässig in der Tasche seiner schwarzen Hose vergraben, mit der anderen Hand stützte er sich am Türrahmen ab. Schweigend ließ er meine Musterung über sich ergehen, so als wäre es für ihn das Normalste der Welt, ausgiebig betrachtet zu werden.

Mit einmal wurde mir meine Unhöflichkeit bewusst. Da meine Kehle staubtrocken war, musste ich mich erst räuspern bevor ich einen Ton heraus brachte. „Ich bin auf der Suche nach Sebastian Wylde. Sie wissen nicht Zufällig wo ich sein Haus finde."

Ich bemühte mich ein freundliches aber unverbindliches Lächeln zustande zu bringen, was mir in Anbetracht der Tatsache, dieser unwiderstehlicher Mann vor mir, völlig misslang. Minutenlang herrschte schweigen zwischen uns.

Ich dachte schon er würde mir nie antworten und wollte mich bereits abwenden und zu meinem Wagen zurückkehren. Als ich einen melodiösen Klang vernahm. All meine Sinne waren plötzlich geschärft und in Aufruhr. Seine Stimme war eine einzige Offenbarung.

„Ich bin Sebastian Wylde." War alles was er sagte.

Er schmückte seine Worte nicht aus, noch fügte er irgendetwas anderes hinzu. Er war sehr ungewöhnlich. Erneut riss ich mich zusammen, um einen vernünftigen Satz zustande zubringen und um einen möglichst professionell Eindruck zu vermitteln.

„Mein Name ist Anne Smart, mich schickt die Agentur Saunders. Sie wollen ihr Haus zum Verkauf anbieten?" Er betrachtete mich von Kopf bis Fuß, unter seinem Blick überlief es mich heißkalt.

Es ist schon durchaus vorgekommen, dass mir der eine oder andere Mann einen begehrlichen Blick zuwarf. Aber nichts ließ sich mit dieser genauen Studie meines Körpers vergleichen. Es schien, als würde er sich jede Beuge, jede Kurve, auch die kleinste Falte für immer einprägen.

Ich fühlte mich schwindlig und das lag nicht daran, dass ich im prahlen Sonnenlicht stand. Er dagegen war von Schatten umgeben, setzte keinen Fuß in das helle Licht.

Das einzige Geräusch um uns war das eifrige Summen der Bienen, die unermüdlich auf der Suche nach Honig waren. Nach dem er seine Musterung beendet hatte, ruhte sein Blick unergründlich auf meinem Gesicht.

„Sie sollten aus der Sonne gehen." Wieder sprach er nur diesen einen Satz, so als wäre es ihm fremd mit Menschen zu sprechen. Er trat einen Schritt ins innere des Hauses und deutete mir einzutreten.

Schweigend ging ich an ihm vorbei und nahm dabei seinen Duft auf. Dieser ließ mich das Gleichgewicht verlieren und beinahe stolpern. Es war eine Mischung, die würzig und frisch und gleichzeitig männlich herb war.

Auf Anhieb viel mir das Wort animalisch ein. Gleich darauf schaltete ich mich eine Närrin, woher hatte ich nur dieses Wort, kein Mann riecht animalisch!

Seine Hand fing mein Stolpern auf und gab mir sicheren Halt. Mit der anderen schloss er ruhig die Tür. Es war fast vollkommen dunkel in dem Flur, nur vereinzelt drangen Lichtstreifen vom breiten Treppenhaus neben mir nach unten. Meine Augen gewöhnten sich langsam an das dämmrige Licht.

Umso intensiver spürte ich seine kalte Hand auf meinem bloßen Arm. Ich trug bei diesem warmen Wetter eine kurzärmlige champagnerfarbene Bluse, so berührte er meine bloße Haut. Unvermittelt ließ er mich los und ging an mir vorbei. Am Ende des Flurs öffnete er eine Tür. Stumm folgte ich ihm und betrat den Raum. Es war eine Bibliothek.

Der Raum war sicher vier Meter hoch und bis unter die Decke gab es an drei Seiten Bücher. An der Vierten Seite konnte ich ein, von schweren Vorhängen verdecktes, hohes Fenster ausmachen. Der Raum war wie der Flur in ein Dämmerlicht getaucht.

Obwohl draußen hochsommerliche Temperaturen herrschten, brannte im Kamin ein Feuer. Er nahm hinter einem altertümlichen Monster von Schreitisch Platz und ich setzte mich in einen der beiden Stühle davor. Erst jetzt merkte ich, dass ich meine Unterlagen draußen in meinem unverschlossenen Wagen gelassen hatte. Selbst den Schlüssel hatte ich nicht abgezogen.

In Panik sprang ich wieder auf. „Ich habe meine Unterlagen im Wagen gelassen. Ich hole sie schnell und bin gleich zurück."

Brachte ich hastig hervor, meine Stimme überschlug sich fast.

Ich rannte beinahe aus dem Zimmer, nur die enge meines knielangen Rockes und die hochhackigen Sandaletten zwangen mich zu einem gemäßigteren Schritt.

Bei meinem Wagen angelanget, lehnte ich mich dagegen und versuchte zur Ruhe zu kommen. Was war nur los mit mir? Ich führte mich auf wie ein liebeskranker Teenager und das mit meinen siebenundzwanzig Jahren! Entschlossen strafte ich die Schultern und holte meine Handtasche und die vorbereitete Mappe heraus.

Auch zog ich den Zündschlüssel ab und verschloss den Wagen. Nicht, dass ich hier Angst haben müsste das ihn hier wer stiehlt. Es schien weit und breit nur dieses Haus zu geben und außer mir würde sich heute niemand hierher verirren.

Zurück in der Bibliothek bemühte ich mich darum kühl und souverän zu wirken. Bewusst langsam näherte ich mich meinem Stuhl. Sah ihn dabei nicht einmal an, dass hätte meine Versuche unweigerlich zunichte gemacht und ich hätte sicher wieder tollpatschig gewirkt.

Ich legte die Mappe vor mich auf den Tisch und sah ihn an.

Ich habe Ihnen einige Unterlagen zu unserer Firma mitgebracht. Außerdem hat unsere Rechtsabteilung einen Vorvertrag erstellt, wobei Änderungen durchaus möglich sind. Somit kann er individuell auf Sie abgestimmt werden. Denken Sie daran, dass ganze Gebäude mit Grund zu veräußern?"

Wylde langte über den Tisch und stumm legte ich ihm die Mappe in die Hand. Ich blickte wie gebannt auf seine Hände. Seine Finger waren lang und strichen beinahe zärtlich über die Seiten.

Das weckte in mir wilde Fantasien, wie diese Hände genau so über meinen Körper glitten. Erneut musste ich schlucken. Energisch verdrängte ich diese Gedanken und biss fest die Zähne aufeinander.

Aufmerksam besah er sich jede Seite. Ich glaube er lass sogar jedes einzelne gedruckte Wort, das auf den Blättern stand und das bei diesem schummrigen Licht!

Aus dem Schatten des Kaminfeuers erhob sich die wohl größte, schwarze Katze die ich je gesehen hatte. Sie schlenderte an meinem Stuhl vorbei, wobei sie mir einen giftigen Blick aus ihren großen gelben Augen zuwarf und sprang ihrem Herrn auf das Schoss.

Selbstvergessen begann er sie zu kraulen, was das schwarze Ungeheuer, mit einem schnurren belohnte, ließ mich aber nicht einen Moment aus den Augen. Dieses Tier war mir unheimlich, was schon merkwürdig war, wo ich doch selber meinen Ernest habe.

Nach einer wie mir schien Ewigkeit, blickte Mr. Wylde aus den Unterlagen wieder hoch.

„Das ist höchst Interessant, aber Sie werden verstehen, dass ich mich noch tiefer in die Materie einlesen muss. Was die Entscheidung, zum Verkauf meines Anwesens betrifft, gedenke ich diese sorgfältig abzuwägen."

Nicht nur, dass er mich an eine Figur des vorigen Jahrhundert erinnerte, er sprach auch so. So als wäre er längst vergangenen Tage entsprungen und in die Zukunft katapultiert. Für mich war er der faszinierendste Mann, denn ich seit langem, wenn überhaupt in meinem Leben je begegnet war.

„Selbstverständlich" Erwiderte, da in meinem Kopf schwammige Leere herrschte, nur kurz. Er erhob sich und ich stand ebenfalls auf.

„Ich denke ich werde ihnen zuerst das Haus zeigen, anschließend gibt es ein kleines Diner und morgen früh treffen wir uns hier und besprechen den weiteren Verlauf. Sie werden selbstverständlich mein Gast für diese Nacht sein."

Ich schluckte. Ich sollte hier bei ihm die Nacht verbringen. Nur er und ich gemeinsam in diesem abgelegenen Haus. Freude und Angst kämpften in meiner Brust.

Er war, wenn auch der schönste und anziehenste Mann, dennoch ein Fremder.