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Das Haus selbst war unglaublich. Im Zusammenhang mit Sebastian Wylde und dem Haus werde ich dieses Wort noch öfter gebrauchen müssen, anders läst sich keines von beiden besser oder erklärlicher beschreiben.

Jedes Zimmer erzählte eine andere Geschichte, genau so empfand ich es. Die unterschiedlichsten Möbelstille, der verschiedenen Epochen waren so geschickt miteinander verbunden worden, so das sie gemeinsam Harmonierten.

Es ging die breite Treppe nach oben. Die Treppe führte in der Mitte hoch und teilte sich ab der Hälfte und ging linkes und rechts weiter, so das man dann, ganz oben auf einer Galerie stand und so nach unten blicken konnte.

Oben auf der Galerie hingen viele Gemälde, doch durch das dämmrige Licht konnte ich nicht genau erkennen, welche Motive sie darstellten. Wylde führte mich in das erste von ich weiß nicht wie vielen Zimmern.

Es war nüchtern und kalt eingerichtet und roch nach ihm. Ich wusste sofort, das war sein Zimmer. Die Wände waren leer, kein einziges Bild schmückte sie. Nur ein großes dunkles Bett stand in dem Raum. Es gab auch kein anderes Möbelstück. Auch hier waren die Vorhänge fest verschlossen und ließen kaum einen Lichtstreifen durch.

Der nächste Raum war ganz anders und bestach vor allem durch seine Üppigkeit. Die Wände waren voll von Bildern. Überall standen kleine Tischchen und Stühle rum, wie Oasen die zum Ausruhen einluden.

Statt einem Bett stand in der Mitte eine Chaiselounge. Es schien einmal das Zimmer einer Frau gewesen zu sein. Als nächstes zeigte er mir den Raum, in dem ich die Nacht verbringen sollte. Auch dieser war ganz anders, als die ersten Beiden.

Ein riesiges Himmelbett stand an der einen Seite. Links und rechts flankiert von wuchtigen Nachttischen und am Fussende eine Holztruhe mit einem Kissen drauf, das zum Niedersetzen einlud. Es gab auch einen Kamin.

Vor diesem lag ein flauschiger Teppich. Sofort entstanden erotische Fantasien in meinem Kopf. Dieses Zimmer war geschaffen für die Liebe. Aber auch hier herrschte tief Dunkelheit.

Aus einem Impuls heraus, trat ich zum Fenster und wollte die dichten Vorhänge zur Seite schieben um das Sonnenlicht herein zu lassen. Doch seine eiskalte Hand schloss sich fest um mein Handgelenk und hinderte mich daran.

„Die Vorhänge dürfen unter keinen Umständen geöffnet werden!"

Seine Stimme klang dicht an meinem Ohr und jagte mir einen erregenden Schauer über den Rücken. Der Vorhang entglitt meiner kraftlosen Hand und war bereits vergessen.

Was interessierte mich Tageslicht, wenn er neben mir stand. Schüchtern blickte ich ihn sein Profil. Er war mir immer noch so nahe. Ich konnte seine langen Wimpern sehen, auch seine aristokratisch geschnittene Nase fiel mir auf, aber vor allem seine Ohren.

Ich beachte normalerweise bei einem Mann nicht seine Ohren, doch nichts war im Zusammenhang mit ihm als normal zu bezeichnen.

Er hatte Elfenohren! Es sah so aus, als würde sie oben zu leicht spitz verlaufen.

Er ließ meine Hand wieder los und war mit einer Schnelligkeit fort, so das ich glaubte mir alles nur einzubilden. Er stand bereits an der Tür und wirkte aufgewühlt.

„Wir werden den Rundgang morgen fortsetzten. Ruhen Sie sich aus. Abendessen wird um 8 Uhr serviert."

Damit war er verschwunden. Wie ein Schatten, lautlos und ohne Geräusche. Ich blickte noch lange auf die geschlossene Tür und versuchte mir ein Bild von meinem Gastgeber zu machen, aber es gelang mir nicht.

Er blieb mir ein Rätsel, er war undurchschaubar. Ich verließ den Raum und holte meine Reisetasche aus dem Auto. Außerdem wollte ich meinem Chef Informieren, doch mit Entsetzen stellte ich fest, dass ich keinen Empfang mit meinem Handy zustande brachte.

Ich fühlte mich wie gestrandet. Die Wälder rings um mich waren, bis auf den Pfad den ich gekommen war, undurchdringlich. Das war mir bei meiner Ankunft gar nicht aufgefallen. Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, es würde bald die Dämmerung einsetzen.

Plötzlich fröstelte es mich und ich fühlte mich unendlich alleine. Rasch kehrte ich ins Haus zurück und schloss energisch die Tür hinter mir. Ich brachte meine Sachen nach oben und beschloss zur Beruhigung ein Bad zu nehmen.

Trotz all der alten Möbel und der Ursprünglichkeit des Hauses, gab es dennoch ein modernes Bad.

Wollig sank ich tief in das warme Wasser ein. Alle Gedanken an die Arbeit, meinen Chef, selbst den ungewöhnlichen Wylde konnte ich verdrängen und mich herrlich entspannen. Ich blieb drinnen bis sich das Wasser kalt anzufühlte, erst dann kletterte ich heraus und wickelte mich fest in eins der flauschigen Badetücher.

Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, dass ich wirklich lange gebadet hatte. Es war beinahe 8 Uhr! Schnell zog ich mich an und bürstete mir nur kurz meine struppigen Fransen durch, bevor ich das Zimmer verließ und nach unten eilte.

Ich hatte keine Ahnung wo sich das Speisezimmer befand und probierte auf gut Glück eine der Türen aus. Und fand dabei prompt die Stiege, die zum Keller hinabführte. Unten flackerte Kerzenlicht. Neugierig folgte ich den Stufen.

Die Treppe drehte sich in einer Spirale nach unten und so musste ich um die nächste Biegung gehen um den Raum einsehen zu können. Dort unten gab es kein Fenster und so herrschte bis auf das spärliche Licht der Kerzen vollkommene Dunkelheit.

Der Raum selber war leer, bis auf eine braune, mannshohe Kiste die aufrecht an der Wand lehnte. Enttäuscht kein großes Geheimnis entdeckt zu haben, stieg ich die Stufen wieder nach oben.

Auf halben Weg hielt ich inne, ein grollendes Geräusch aus der tiefe ließ mich erstarren und dann rannte ich wie gehetzt nach oben. Hinter mir warf ich fest die Tür zu und lehnte mich heftig atmend dagegen.

Wie aus dem Nichts stand Wylde vor mir und musterte mich finster. Er wirkte wie ein Dämon aus der Unterwelt. Ich hatte Angst vor ihm und wäre vermutlich eine paar Schritte vor ihm zurückgewichen, wenn sich nicht die Tür in meinem Rücken befunden hätte.

„Sie sollten eines hier absolut vermeiden – Neugierig zu sein!"

Er gab mir diesen Rat und auch diese Warnung. Unmissverständlich legte er mir nahe nicht unerlaubt im Haus herumzugehen. Er reichte mir seinen Arm und ich legte ganz automatisch meine Hand darauf.

Wie seine Aussprache, so auch seine Gesten wirkten wie aus vergangenen Tagen. Er führte mich durch eine weitere Tür in den Speiseraum. Ich fühlte mich wie im Märchen. Die Tafel war kostbar gedeckt, für zwei Personen.

Er geleitete mich, zu dem mir angedachten Platz und schob mir den Stuhl zu Recht. Er gab mir einmal mehr das Gefühl in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Ich genoss seine Aufmerksamkeit. Er nahm mir gegenüber Platz.

Es gab eine kalte Platte. Ich lud mir reichlich auf meinen Teller und hat schon fast aufgegessen, ich war sehr hungrig, als mir auffiel das Wylde keinen Bissen zu sich nahm, aber ich sprach ihn nicht darauf an. Statt dessen bat ich ihn mir mehr über das Haus zu erzählen.

„Das Wyldsche Anwesen ist seit fünfhundert Jahren in Familienbesitz." Er sagte das mit soviel Stolz, als hätte er es höchstpersönlich erworben.

„Natürlich hat es sich im Lauf der Zeit verändert, wurde restauriert, umgebaut und modernisiert. Jede Generation tat das Ihrige dazu."

Er sprach von Generationen und ich hatte das Gefühl er sprach nur von sich.

„Erzählen Sie mir etwas über sich, Miss Smart." Forderte er mich auf.

„Ich arbeite schon seit fast sieben Jahren in meinem Beruf und er macht mir Spaß." Ich verschwieg bewusst, meine genaue Berufsbezeichnung. Ich wollte ihn nicht anlügen und für die Wahrheit war ich nicht bereit.

„Sind Sie verheiratet?" Kam bereits seine nächste Frage.

„Nein. Ich habe den Richtigen noch nicht gefunden." Er blickte mich neugierig an, so als suchte er in meinen Augen eine Antwort.

„Noch nicht? Heißt das, dass Sie an den Richtigen glauben?" Ich konnte direkt spüren, dass ihn meine Antwort sehr interessiert, nahe zu brennend interessierte. Ich blickte ihm nun meinerseits fest in die Augen.

„Ja, das tue ich!"

Und ich habe ihn gefunden. Schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Oh nein, ich stand im Begriff mich hoffnungslos in diesen Mann, denn ich erst heute vor ein paar Stunden zum ersten Mal gesehen habe, zu verlieben.

Er stellte mir noch viele Fragen und bevor der Abend zu Ende ging, kannte er mich fast so gut, wie ich mich selbst. Dabei ist es gar nicht meine Art soviel über mich preis zu geben.

Über irgendeine Geschichte aus meiner Kindheit, ich weiß nicht mehr welche, musste er herzhaft lachen. Dabei entblößte er eine Reihe perfekter Zähne von strahlendem Weiß.

Ich blickte ihn, wieder einmal, mit offenem Mund an. Mein Hirn war wie leergefegt und mein armes Herz machte einen Sprung.

Diesmal schien ihm meine Reaktion zu gefallen, in seinen Augen blitzte ein wissender Funke.