3. Kapitel

Seelenstriptease

Hermine konnte es kaum fassen, dass sie sich nach Snapes verbaler Attacke gegen sie, tatsächlich zu ihm gesetzt hatte - natürlich auf einen möglichst großen Abstand bedacht. Doch sie hätte ohnehin wissen müssen, dass er sich nicht geändert hatte, und in einem Punkt hatte auch sie sich keineswegs verändert - sie musste den Dingen auf den Grund gehen, koste es was es wolle. Hermine atmete noch einmal tief durch, bevor sie zu sprechen begann.

"Ich träumte, dass jemand sie schlägt. Sie waren schwer verletzt und schließlich starben Sie sogar - doch vorher wandten Sie sich zu mir und ließen mir eine merkwürdige Botschaft zukommen."

Hermine hatte sich so kurz wie möglich gehalten; fast hoffte sie, dass er sie schlichtweg auslachen würde, damit sie selbst endlich begriff wie albern dies alles war und wieder nach hause gehen konnte, um ihn zu vergessen. Sie sah Snape ernst an und wartete auf seine Reaktion. Hermine konnte erkennen, dass er ihr aufmerksam zugehört hatte. Und dann kam ihr für einen Moment in den Sinn, dass sein Gesicht viel zu schockiert wirkte, als sie es jemals bei ihm für möglich gehalten hätte. Doch dann verzog er den Mund auch schon spöttisch und wiederholte den letzten Teil ihrer Ausführungen: "Ich ließ Ihnen eine Botschaft zukommen? War es die, mit Potter keine Kinder in die Welt zu setzen?"

Hermine funkelte ihn zornig an und konnte nicht an sich halten. "Ob ich mit Harry Kinder haben werde, geht Sie einen Scheißdreck an - Sir!"

Er sah an ihr herab und sein Blick blieb auf ihrem Leib haften, als wolle er herausfinden, ob es für seine Warnung, sich nicht von Potter schwängern zu lassen bereits zu spät war.

Hermine verschränkte wütend die Arme über dem Bauch.

Dieses Schwein wäre sicher der letzte, der erfahren würde wenn sie mit Harry ein Kind bekam. Zu ihrem Bedauern war Harry noch nicht einverstanden schon Vater zu werden und hatte ihren Wunsch nach Mutterschaft auf den Unfall geschoben. Vielleicht hatte er damit Recht, denn es war eigenartig, dass sie plötzlich ihren Wunsch, wieder an der Muggeluni zu unterrichten, zurückstellte, und sich statt dessen nach einem Baby sehnte, das sie umsorgen könnte, und das sie brauchen würde.

Gedankenverloren rieb sie über die Narbe an ihrem Arm. Snape sah darauf, sagte jedoch kein Wort darüber, sondern fragte erneut: "Was für eine Botschaft denn nun?" Hermine schluckte bei der Erinnerung, dann sagte sie mit fester Stimme: "Sie sagten, Sie würden dafür sorgen, dass man mich nicht ebenfalls tötet."

Snape sah sie einen Moment überrascht an, dann fragte er mit undurchdringlicher Miene: "Haben Sie schon mal mit dem Gedanken gespielt, Suizid zu begehen?"

Hermine war über diese Frage sehr verwirrt, doch sie ließ es sich nicht anmerken, als sie nun trocken erwiderte: "Ja, vorhin - oder was glauben Sie, warum ich Sie freiwillig aufgesucht habe."

Er verzog spöttisch die Mundwinkel.

"Wenn ich Sie töte, dann ist es kein Suizid mehr."

"Doch schon - wenn ich mich mit vollem Wissen, dass dies geschehen wird Ihnen dennoch aussetze. Dann könnte man es schon als selbstmörderisch bezeichnen."

"Granger - ich will eine Antwort!"

"Nein - ich habe nie an Selbstmord gedacht! Warum fragen Sie?"

Er ließ seinen Blick vielsagend auf die Narben an ihrem Arm fallen.

"Weil Sie so aussehen."

Hermine erkannte, dass er sie nun so aufmerksam ansah, als wolle er jeden Moment in ihren Geist eindringen. Es war eine merkwürdige Situation. Sie war nicht so sehr entsetzt darüber, dass er dies plante, sondern sie hatte das eigenartige Gefühl, dass er sie damit fast schon entlasten würde - dennoch war ihr klar, dass sie es ihm auf keinen Fall gestatten durfte; denn dieses Gefühl stand in völligem Kontrast zu ihrer bisherigen Unterhaltung. Sie hob abwehrend eine Hand und flüsterte fast: "Nein - nicht, ich werde es Ihnen auch so erklären." Sie ließ sich noch einen Moment Zeit, dann begann sie zu erzählen: "Es war ein Auto. Ich war in Muggellondon unterwegs. Es war regnerisch. Ich überquerte die Straße. Die Fußgängerampel war grün - da kam ein schwarzer Mercedes. Der Fahrer ignorierte seine rote Ampel und fuhr mich an. Dann verschwand er so schnell wie er aufgetaucht war. Niemand hat sich das Kennzeichen gemerkt. Es waren ohnehin nur zwei Leute da, die mir zu Hilfe eilten. Doch an all das kann ich mich nicht mehr erinnern, denn zu diesem Zeitpunkt war ich bereits klinisch tot."

"Sie waren tot, Miss Granger?" fragte er sachlich nach.

Hermine hatte das geheuchelte Mitleid immer gehasst, das ihr entgegen schlug, wenn jemand diese Geschichte hörte - doch Snape legte keinerlei Mitleid in seine Stimme - er klang interessiert.

"Ja, die Rettungssanitäter konnten mich wiederbeleben, ich erlangte jedoch kein Bewusstsein. Ich fiel ins Koma. Ich habe keine Erinnerung an diese Zeit. Nur an die Zeit nach dem Aufwachen - und auch dies ist nur sehr verschwommen."

"Was haben Sie damals empfunden, Miss Granger?"

Sie sah ihn abschätzend an. Nie im Leben hielt sie es für möglich, dass ihn ihre Empfindungen tatsächlich interessierten.

"Nichts - jetzt bin ich jedenfalls wieder in Ordnung - nur die Narben sind geblieben."

Er ließ seinen Blick auf ihr Ruhen.

"Miss Granger - ich dachte Sie hätten die Regeln verstanden. Ich frage und Sie antworten mir darauf - das ist doch nicht so schwer zu begreifen. Seien Sie ein braves Mädchen und befolgen Sie diese überaus einfach Regel, sonst muss ich Konsequenzen ziehen."

Hermine öffnete empört ihren Mund: "Sie haben sie doch nicht mehr alle, Snape! Was glauben Sie eigentlich wer Sie sind? Ich muss mich hier von Ihnen nicht so behandeln lassen. Und damit Sie es wissen - ich bin kein Mädchen mehr - ich bin eine Frau!"

Snape streckte plötzlich einen Arm nach ihr aus, als sie sich erheben wollte und hielt sie fest.

Sein Blick streifte ihr Dekolleté und wanderte abwärts zu ihren Brüsten.

"Gut - wenn es Ihnen so wichtig ist, dass ich bemerke, dass Sie eine Frau sind - Sie haben durchaus die Reize einer Frau zu bieten, also..."

"Meine Reize gehen Sie überhaupt nichts an, Snape! Ich bin verheiratet!"

"Knallen Sie das jedem um die Ohren, der ihre Brüste auch nur ansatzweise mit den Augen streift - oder ist das nur mir vorbehalten?"

Hermine schüttelte wütend seine Hand ab und sagte dann kalt: "Das ist nur denen vorbehalten, von denen ich mich auf widerliche Art angemacht fühle."

"Dann mache ich Sie an?"
"Ich sagte widerlich angemacht."

"Mrs. Potter", er ließ einen Moment verstreichen um die neue Anrede wirken zu lassen, dann fuhr er in ruhigem Ton fort: "Wenn Sie verhindern wollten, dass ich Ihre Brüste bemerke, dann wären Ihnen verschiedene Möglichkeiten geblieben: Erstens, Sie hätten erst gar keine bekommen sollen. Zweitens: Sie hätten mich nicht extra darauf hinweisen müssen, dass Sie inzwischen eine Frau sind, und Drittens: Sie hätten mich nicht aufsuchen sollen."

"Umwerfende Logik, Snape - ich gehe dann wohl mal schnell wieder, und keine Sorge...ich ärgere mich ohnehin schon halbtot, weil ich Punkt drei nicht eher berücksichtigt habe."

Er hielt sie abermals fest, was sie mit einem wütenden Schnauben quittierte: "Lassen Sie mich los!"

"Sobald Sie mir erklärt haben, was Sie wirklich zu mir führt!"

Hermine spie ihm ihre Worte regelrecht entgegen: "Ich habe mich um Sie gesorgt - okay? Lustig, oder? Eine ehemalig Tyrannisierte, die sich Sorgen um den Tyrann macht - das muss Ihrem Ego ja arg schmeicheln!"

Er ließ sie los, doch seine Augen hielten sie weiterhin fest. Auch seine Stimme schien sie regelrecht zu fesseln.

"Sie nehmen für sich in Anspruch, sich um mich sorgen zu dürfen - doch wenn ich Sie frage, was Sie damals - nach ihrem Erwachen aus dem Koma empfanden - dann denken Sie, ich würde keine ehrliche Antwort verdienen - ist das fair, Mrs. Potter?" Sie wollte verblüfft zu einer Erwiderung ansetzen, als er stoisch fortfuhr: "Und ist es fair, dass ich mich, trotz unserem Disput, an Ihre wohl korrekte Anrede halte - die mir nicht bewusst war, weil scheinbar niemand hier Kenntnis über ihre Hochzeit hat - während Sie mir seit geraumer Zeit ein gehässiges Snape entgegen schleudern?"

"Ich...das habe ich gar nicht bemerkt - Professor", erwiderte Hermine peinlich berührt.

Er nickte leicht, als Zeichen, dass ihm dies als Entschuldigung genügte.

Hermine war verwirrt über seine schnelle Vergebung. Sie hätte eher damit gerechnet, dass er sie bezahlen lassen würde für ihren Mangel an Respekt; aber er schien an anderen Dinge mehr interessiert zu sein.

"Was empfanden Sie damals?"

Hermine wand sich unter seiner hartnäckigen Frage sichtlich.

"Schmerzen - ich hatte Schmerzen", sagte sie schließlich ausweichend.

"Schlimme Schmerzen?" fragte er.

Hermine nickte: "Ja - sehr schlimme."

"Wo?"
"Wie bitte?" fragte sie irritiert nach.

"Ich wüsste gerne wo Sie die meisten Schmerzen hatten."

"Ich...überall...mir tat alles weh", sagte sie langsam ungehalten, und sie fuhr wütend fort: "Mein ganzer Körper war eine einzige Wunde - was wollen Sie eigentlich von mir?"

"Die Wahrheit!"

Hermine sackte ein wenig in sich zusammen: "Was...woher?" Sie merkte wie ihr die Tränen in die Augen traten, dann konnte sie es nicht mehr zurückhalten: "Mein Herz - mein Herz tat am meisten weh - so weh, dass ich hoffte es würde aufhören zu schlagen - nur damit ich diese unendliche Trauer nicht mehr empfand. Niemand verstand es! Man sprach es dem Schock zu - meine unendliche Traurigkeit sollte eine depressive Verstimmung sein. Und ich verbarg dieses Gefühl in mir, weil ich keine Hilfe von einem Psychologen wollte - ich verbarg es...woher wissen Sie davon? Sie sind in meinen Geist eingedrungen - geben Sie es zu, Snape!"

Er schnaubte leise: "Nein, Potter, das bin ich nicht!"

Sie sah ihn abschätzend an: "Woher wissen Sie es dann?"

"Ich wusste es nicht, sonst hätte ich Sie nicht fragen müssen."

Hermine schüttelte ungläubig den Kopf: "Wissen Sie was - ich kam hierher um Beruhigung zu finden. Ich wollte nur sehen, dass mit Ihnen alles in Ordnung ist - und das ist es ja wohl offensichtlich. Deshalb werde ich jetzt wieder gehen. Ich wünsche Ihnen ein schönes Leben, Professor!"

Hermine drehte sich auf dem Absatz um und diesmal hielt er sie nicht auf. Als sie sich mit schnellen Schritten von ihm entfernte sah er ihr hinterher und murmelte leise: "Das Herz vergisst nicht."

tbc