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Nach dem Essen begleitete er mich noch bis zu meiner Zimmertür, wieder so eine Sache, aber schön langsam gefiel mir das. Dort beugte er sich tatsächlich über meine Hand und hauchte einen Kuss darauf. Ich fiel fast in Ohnmacht. Dann sah er mir noch tief in die Augen. „Sie sollten in der Nacht unter keinen Umständen Ihr Zimmer verlassen, egal was Sie hören." Er wartete auf meine Antwort. Völlig erstaunt, nickte ich nur zustimmend mit dem Kopf. „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Träumen Sie süß. Wissen Sie, dass ein Traum, der in der ersten Nacht in einem fremden Bett geträumt wird, in Erfüllung geht?" Er wartete keine Antwort ab, sondern war schon auf dem Weg nach unten. Ich sah ihm hinterher.

In meinem Zimmer zog ich mich langsam aus und schlüpfte unter die Decke. Nachdem ich das Licht gelöscht hatte, lag ich im Dunkeln noch lange wach und dachte an Sebastian Wylde. Er wusste praktisch alles über mich, doch was wusste ich über ihn? Eigentlich nichts, denn beim Essen habe nur ich geredet und er hörte zu. Auch Merkwürdig war seine Anordnung dieses Zimmer nicht zu verlassen. Das Alles ging mir im Kopf um und ließ mich keinen Schlaf finden.

Energisch schob ich die Decke zurück und trat zum Fenster. Egal, dass Wylde mir verboten hatte die Vorhänge zu öffnen, schob ich sie einfach beiseite und blickte hinaus in die sternenklare Nacht. Von meinem Fenster aus konnte ich die Einfahrt überblicken und sah Wylde, diesmal ganz in schwarz gekleidet, wie er auf den Wald zuschritt. Er hatte mir den Rücken zugewandt. Doch plötzlich blieb er stehen und drehte sich um. Er hob seinen Kopf und schien mir mitten in die Augen zu blicken. Verwirrt sprang ich zurück. Das ist unmöglich. Wie konnte er wissen, dass ich hier stand und ihn beobachtete. In meinem Zimmer herrschte vollkommene Dunkelheit. Und doch er hatte mich gesehen, ohne jeden Zweifel.

Neugierig trat ich wieder zum Fenster, nur Wylde war verschwunden. Ich ließ die Vorhänge weit offen. Nachdenklich schlüpfte ich zurück in mein Bett. Wer war er? Oder besser gesagt, was war er? Eine Ahnung stieg in mir auf, viele Zeichen sprachen dafür. Doch das konnte nicht sein, unmöglich. Es umgab ihn eine Aura, die zu durchdringen mir nicht möglich war. Es haftet ihm etwas dunkles und dämonisches an. Alles an ihm schien auf eine Antwort hinzudeuten. So sehr sich in mir alles dagegen sträubte, mir mein Verstand sagte, dass das aus dem Reich der Sagen und Märchen stammt und dort zu bleiben hatte und doch sagte mir meine Intuition ich hatte recht. Er war ein Vampir.

Lächerlich, sofort schob ich diesen Gedanken beiseite. Wenn ich das irgendjemanden erzählte, würde ich in einer Irrenanstalt enden. Es ist mitten in der Nacht, deine Nerven spielen dir einen Streich. Du siehst ihn nur draußen auf dem Weg spazieren gehen, nichts anderes war es. Vielleicht konnte er auch nicht schlafen und drehte eine Runde in dieser schönen Nacht. Und, dass er dich gesehen hat, hast du dir nur eingebildet. Ich hatte immer schon sehr viel Fantasie. Ich beruhiget mich selber mit diesen Worten und doch blieb ein Zweifel und nagte an mir.

Unruhig wälzte ich mich von einer Seite auf die andere. Der willkommene Schlaf wollte sich nicht einstellen. Es würde eine lange Nacht werden. Wie sehr sehnte ich mich nach einem Becher warme Milch, doch seine Warnung unter keinen Umständen mein Zimmer zu verlassen hielt mich zurück. Noch so ein Rätsel. Was sollte mir auf dem Flur oder in den anderen Räumen schon groß passieren? Und doch wagte ich mich nicht vor die Tür, auch hier riet mir meine innere Stimme davon ab. Sie flüsterte mir zu. Bleib hier oder du kommst um. Schließlich fiel ich in einen unruhigen Schlaf und träumte von dunklen Gestalten die mir folgten.

Meine Träume änderten sich aus Angst wurde Verlangen. Ich spürte Hände die über meinen Körper glitten. Lippen die mich zärtlich küssten. Jede Stelle fanden, die mich zur höchsten Verzückung trieben. Nichts blieb unberührt, nichts unliebkost, mein Körper war seinen Berührungen schutzlos ausgeliefert. Wellen der Erregung liefen durch meinen Körper. Auch ohne die Augen zu öffnen wusste ich, dass meine Gastgeber, mein Geliebter war. Seufzend wand ich mich unter seinen Zärtlichkeiten. Wollte nach ihm fassen, doch er entzog sich mir und erkundete weiter meinen Körper und wie als hätte er einen eigenen Willen reagierte er auf jede seiner Berührung mit höchster Verzückung. Mein Schicksal schien besiegelt. Immer wieder rief ich seinen Namen – Sebastian!

Alles in mir fieberte nach Erlösung. Mein Körper stand in Flammen und nur er konnte mich von dieser süßen Qual erlösen. Ich riss weit meine Augen auf und blickte in die seinen. Die sonst tiefblauen Augen, wirkten in der Dunkelheit wie schwarze Obsidane. Er fasste meine Hände und hielt sie über meinen Kopf fest. Stoßweise ging mein Atem, ich war noch nie so erregt gewesen wie in diesem Augenblick. Er senkte seinen Mund über meinen, doch anstatt mich zu küssen, neckte er mich mit der Zungenspitze. Zärtlich malte er die Konturen meines Mundes nach. Ich wand mich unter ihm, wollte meine Hände befreien. Doch unerbittlich hielt er sie fest und begann federleichte Küsse auf mein Gesicht und entlang des Halses zu verteilen. Zärtlich knabberte er an meiner halbentblößten Schulter. Ein ersticktes Keuchen entdrang meiner Brust. Ich würde sterben, wenn er mich nicht hier und sofort erlöste.

Schweißgebadet schoss ich hoch aus meinen Kissen. Es war ein Traum. Sebastian Wylde lag nicht neben mir. Ich hatte alles nur geträumt. Aber der Traum war so real gewesen. Ich konnte seine Küsse noch fühlen, seine Hände noch spüren. Stöhnend und frustriert viel ich in die Kissen zurück. An Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Zu aufgewühlt waren meine Sinne. Ich versuchte an irgendwas anderes zu denken, genauso gut hätte ich versuchen können Wasser zu atmen, beides ist schlicht unmöglich. Ich ergab mich und dachte an ihn, an seinen Geruch. Sein Geruch! Ich könnte schwören, die Kissen rochen intensiv nach ihm. Das ließ mich an meinem Verstand zweifeln. Was war real und was der Traum?

Ein schleifendes Geräusch von unten, ließ mich hellhörig die Ohren spitzen. Etwas schweres wurde nach unten in den Keller gezehrt. So klang es für mich. Ich schlich zur Tür und presste mein Ohr dagegen, umso herauszufinden, was da unten vor sich ging. Ein grauenerregendes Geräusch jagte mich zurück in mein Bett. Fest zog ich die Decke über meinen Kopf und wagte es nicht mich zu bewegen. Egal was war, es hatte nichts gutes im Sinne. Eine Gänsehaut überzog meine Arme und ich fürchtete um mein Leben.

So zusammen gerollt schlief ich dann, gegen meine Erwartung, ein. Der Rest der Nacht verlief ruhig und ohne weitere Träume oder andere Störungen. Am nächsten Morgen erwachte ich frisch und ausgeruht. Ich setze mich in meinem Bett auf und begann zu frösteln. Während ich schlief war jemand in meinem Zimmer gewesen. Die Vorhänge die ich in der Nacht weit geöffnet hatte, waren nun wieder fest verschlossen. Seltsame Dinge gingen hier vor sich. Ich schob die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Rasch zog ich mich an. Ich war wütend, wie konnte er es wagen mein Zimmer zu betreten. Dafür würde er mir jetzt Rede und Antwort stehen müssen!