5. Kapitel

Ungebeten

Die Straße war viel befahren um diese Zeit. Stoßstange an Stoßstange quälten sich die Autos über die Kreuzung. Hermine stand gegenüber des Besuchereingangs des Zaubereiministeriums, der nur magischen Menschen bekannt war und für Muggelaugen lediglich als eine defekte Telefonzelle erschien. Hermine hatte nicht vor, dem Ministerium einen Besuch abzustatten. Der Grund für ihr Hiersein war ein ganz anderer.

Sie blickte in den Himmel, an dem Schleierwolken unter der heißen Sonne um ihre Existenz kämpften. Dann senkte Hermines Blick sich erneut auf den zähflüssigen Verkehr. Wäre damals ein solch reger Verkehr gewesen, dann hätte sie das Auto nicht mit dieser erschreckenden Wucht erfasst. Genau hier war es geschehen. Nicht dass sie große Erinnerungen daran gehabt hätte - genau dies war auch der Grund, warum sie jetzt hier stand. Einmal nur wollte sie es vor sich sehen - sich erinnern an das, was sie tat, bevor das Auto sie erfasst hatte. Einmal nur wollte sie sich an Worte erinnern, die kurz vor dem Unglück gesprochen worden waren. Sie atmete tief ein - vielleicht würde ein Geruch die Erinnerungen zurückbringen. Der Geruchssinn galt als der zuverlässigste Sinn, um Vergessenes hervorzulocken. Die Augen fest geschlossen, versuchte sie einen vertrauten Hauch einzusaugen, doch die Abgase überlagerten jeglichen anderen Geruch und ihr wurde fast übel von der Intensität des Gestanks. Plötzlich wurde sie angerempelt. Sie öffnete sofort die Augen und fühlte sich schuldig, weil sie hier mitten am Tag scheinbar vor sich hinträumte.

Ein Mann sah sie aus dunklen Augen an. Sein Gesicht war nicht freundlich - eher überrascht. "Mrs. Potter - wollen Sie zu Harry?" Der Mann sah auf die Uhr, "er müsste jetzt gerade Mittagspause haben", fügte er dann an.

Hermines Blick folgte dem seinen, und ihr wurde klar, dass er glaubte, sie würde das Ministerium betreten wollen. Mrs. Potter hatte er sie genannt - also hielt es Harry nicht sonderlich für erwähnenswert, dass sie ihren Namen beibehalten hatte.

"Danke Mr. Miller - ich werde ihn schon finden", sagte sie bestimmt, damit er nicht auf die Idee käme sie zu Harry führen zu wollen.

Miller verabschiedete sich mit gerunzelter Stirn und sah sich kurz noch einmal nach ihr um, weil sie sich nicht vom Fleck bewegte. Dann ging er weiter und kurz darauf verschwand er einfach aus ihrem Blickfeld.

Er war schon geraume Zeit appariert, als Hermine seufzend zur U-Bahnstation zurückging, um zu ihrer Wohnung zu fahren. Sie und Harry hatten einen Kompromiss erzielt, als sie gerade diese Wohnung ausgesucht hatten. Sie lag zwar in Muggellondon, war jedoch so nahe an der Winkelgasse, dass der Wechsel zwischen beiden Welten keinerlei Problem darstellte. Doch Hermine wusste, dass sie inzwischen längst zwischen Welten lebte, die sie nicht benennen konnte und die scheinbar bei aller Anstrengung auch wenig kompatibel zu sein schienen. Wenn sie Harry glaubte, dann war diese andere Welt eine ungesunde - eine Welt, die krankhaft bedingt war - eine, die man abschütteln musste um sich wieder zurecht zu finden in der eigentlichen Welt.

Hermine wusste, dass sie die nötigen Entscheidungen treffen musste, um dieses Vergessen der anderen Welt einzuleiten. Wenn sie es nicht tat, dann würde alles andere zerbrechen. Ihr Berufsleben, ihre Ehe und vielleicht sogar ihr Leben selbst. Die hilflose Wut, einen Psychologen zu benötigen, der ihr sicher klar machen würde, wie unsinnig es war, sich an Dingen festzuhalten die man nicht einmal benennen konnte, sorgte dafür, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.

Der widerspenstige Haustürschlüssel tat den Rest und Hermine fluchte voller Verzweiflung, weil sie nicht einmal dies ohne Probleme hinbekam.

"Ein Haustürschlüssel? Etwas Rückständig, Mrs. Potter - oder sind Sie da anderer Meinung?"

Hermine wirbelte herum. Ihr Verstand schien ihr schon wieder einen Streich zu spielen.

Sie wischte sich kurz über die Augen, um den Schleier von Tränen zu beseitigen.

Dort stand Snape. Sie hätte ihn wohl nicht sofort erkannt, wenn er nicht mit seiner prägnanten Stimme sofort für eine eindeutige Identifizierung gesorgt hätte. Trotz des heißen Sommertages trug er einen dunklen Anzug. Auf eine Krawatte hatte er jedoch verzichtet und unter dem Sakko blitzte ein weißes Hemd, dessen Knöpfe erstaunlich weit geöffnet waren. Hermine bemerkte, dass ihr Blick gebannt auf ein paar dunklen Haaren lag, die auf diesem Stückchen nackte Haut zu sehen waren.

"Snape", sagte sie überrascht.

Er sah sie ernst an, dann schüttelte er leicht den Kopf: "Hat Ihre Intelligenz in den letzten Jahre so sehr gelitten, dass Sie meine korrekte Anrede wirklich nicht mehr zu Stande bringen?"

"Professor - was tun Sie hier?"

Er ließ ein Schnauben hören, dann nahm er ihr zielstrebig den Schlüssel aus der Hand und öffnete mit Leichtigkeit die Tür.

"Danke", stammelte sie, machte jedoch keine Anstalten die geöffnete Tür nun auch zu nutzen.

"Es freut mich, dass ich eines Ihrer zahlreichen Probleme zu Ihrer Zufriedenheit lösen konnte", sagte er in einem Tonfall, den sie nicht einzuordnen wusste.

Es kam ihr vor, als habe er einen Scherz machen wollen - einen todernsten Scherz.

"Sie sehen...ungewohnt aus", sagte sie, um ihre Verwirrung zu überspielen und machte es damit um so schlimmer, wie sie an ihrem mulmigen Gefühl sofort feststellte.

Er zog einen Mundwinkel spöttisch hoch und erwiderte: "Wie hatte ich jetzt auch ernsthaft erwarten können, dass Sie sagen, ich sähe gut aus."

Hermine sah ihn völlig überrascht an, doch er schien es durchaus ernst zu meinen, auch wenn seine Stimme diesen spöttischen Unterton hatte.

Völlig unfähig mit einer solchen Äußerung von ihm umzugehen, schwieg sie vorsichtshalber. Er nahm dies mit einem weiteren Schnauben zur Kenntnis.

Dann sah er sie fragend an. Hermine spürte, dass ihre Scham sich jetzt in Aggression verwandelte.

"Was wollen Sie, Professor Snape?"

Er ließ seinen Blick über die geöffnete Tür schweifen, dann sagte er kalt: "Ist es nicht im Allgemeinen üblich, einen Besucher hinein zu bitten?"

Sie konnte kaum glauben was sie da hörte. "Ist es für Besucher nicht allgemein üblich, sich vorher anzumelden?"

Er wischte ihre Bemerkung mit einem erneuten Schnauben beiseite. "Was ist denn, Mrs. Potter - haben Sie etwa Angst, Ihr Mann könne glauben wir hätten ein Verhältnis, wenn er mich hier vorfindet? Traut er inzwischen nicht einmal mehr seiner eigenen Frau?"

"Harry würde niemals einen solch schwachsinnigen Gedanken hegen, glauben Sie mir!" Snape schickte ihr ein falsches Lächeln, was sie mit einem strafenden Blick erwiderte. Hermine fragte sich zwar, warum er sie aufgesucht hatte, doch sie wollte sich und Harry keinesfalls länger von ihm beleidigen lassen. Ohne nachzugeben sah sie ihn ernst an.

Er kniff die Augen zusammen und wandte tatsächlich den Blick ab, doch als er sprach, erkannte Hermine, dass er nur das Klingelschild inspiziert hatte.

"Dort steht Potter und Granger", sagte er gedehnt. Hermine begriff, dass sie ihm wohl eine Antwort schuldig war, weil er scheinbar äußerst viel Wert darauf legte, sie korrekt anzusprechen - wenn es wohl auch nur dazu diente, dass er sie maßregeln konnte, wenn sie sich wieder in seiner Anrede vergriff. "Ich habe meinen Geburtsnamen behalten, als wir heirateten", erklärte sie knapp. Auf Snapes Gesicht bildete sich ein verschlagenes Lächeln: "Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Sie sich gesträubt haben, den Namen Potter anzunehmen - was ich dagegen nicht verstehe ist, wie Sie überhaupt diesen aufgeblasenen Kerl heiraten konnten."

Hermine holte tief Luft, doch statt zu brüllen, wie sie es eigentlich beabsichtigt hatte, musste sie über die Situation plötzlich lachen - wie sich herausstellte war dies die viel bessere Reaktion, um ihrem Gegenüber eins auszuwischen, denn er fühlte sich offensichtlich ausgelacht, was Hermine noch dadurch schürte, dass sie hervorstieß: "Ausgerechnet Sie halten Harry für aufgeblasen? Sie haben wohl lange nicht mehr in den Spiegel gesehen. Wenn Sie das getan hätten, dann wären Sie auch nie und nimmer auf die Idee gekommen, dass ich Sie als gutaussehend bezeichnen könnte."

Das schien gesessen zu haben, denn er wich ihrem Blick das erste mal aus, ohne dass dafür ein triftiger Grund vorlag.

Daher erstaunte es sie um so mehr, als er ihr plötzlich wieder direkt in die Augen sah, während er seine überaus arrogante Frage stellte: "Haben Sie in letzter Zeit noch einmal von mir geträumt, Mrs. Granger?"

"Nein", stieß sie etwas zu hastig hervor, so dass ihre Antwort sofort als Lüge enttarnt war.

"Waren die Träume so beängstigend wie der erste?" fragte er sachlich und ihre vorherige Antwort ignorierend.

"Es war nur ein Traum, seit dem letzten - er war ähnlich wie der erste", erwiderte sie mit schnellen Worten.

Er schien nicht sonderlich überrascht - eher schon kam es ihr vor, als habe er genau dies erwartet.

"Hören Sie zu, Professor Snape - Sie brauchen sich wirklich nichts darauf einzubilden, dass ich von Ihnen träume..."

"Mrs. Granger, dass ich mir auf nichts etwas einbilden darf, haben Sie mir eben bereits mit Ihrem unvergleichlichen Charme klar gemacht. Ich bin hier, weil ich wissen muss, was Sie ganz genau im Traum gesehen haben. Also möchten Sie mir diese intimen Dinge vor Ihrer Haustür anvertrauen, oder sollten wir nicht doch lieber hineingehen?"

"Ich glaub das alles nicht", stieß Hermine hervor, machte aber dann doch eine einladende Geste, die er sofort als Anlass nahm, ihre Wohnung zu betreten.

"Setzen Sie sich von mir aus irgendwohin", sagte sie, betont in die Rolle der schlechten Gastgeberin schlüpfend. Ihm schien ihre Unfreundlichkeit nicht das Geringste auszumachen. Er wählte einen Sessel, der in einer dunkleren Ecke stand.

"Auf dem schlafen immer nur die Katzen - Sie werden jetzt Ihren chicen Anzug voller Haare haben", sagte Hermine ohne eine Spur von Mitleid.

"Chic? Danke, das war dann wohl ein Kompliment", gab er unwirsch zurück, während er sich in den Sessel zurücklehnte.

Hermine stand einen Moment unschlüssig im Raum. Sie ärgerte sich über sich selbst. Je mehr sie versuchte ihn spüren zu lassen, dass er kein gern gesehener Gast in ihrer Wohnung war, desto unsicherer wurde sie, denn jede Möglichkeit ihm zu entkommen, indem sie ihm etwas anbot und damit einen Grund hatte in der Küche zu verschwinden, hatte sie selbst durch ihr Verhalten ausgeschlossen. Also ließ sie sich auf die Couch fallen und verschränkte die Arme demonstrativ vor der Brust.

"Also, würden Sie mir jetzt bitte von dem Traum erzählen?"

Hermine wich seinem Blick aus und sagte mit hörbarer Abneigung: "Ich sagte Ihnen ja schon, dass er so war wie der erste. Diesmal sagten Sie mir, ich müsse auf mich aufpassen. Das war auch schon alles." Ihre Arme zogen sich noch etwas dichter um ihren Körper.

Snape sah sie mit stoischer Gelassenheit an. Seine Stimme war ruhig und samtig, als er fragte: "Warum fühlen Sie sich so unwohl? Mache ich Ihnen Angst?"

"Das hätten Sie wohl gerne!" fauchte sie ihn an, "ich habe keine Angst vor Ihnen - Sie sind mir schlichtweg völlig egal!"

Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert: "Warum dann diese tiefen Emotionen? Warum haben Sie den Eindruck, Sie müssten sich vor mir schützen? Warum giften Sie mich an?"

Hermine holte tief Luft, schnaubte und sprang von ihrer Couch hoch.

"Weil Sie scheinbar immer noch glauben, Ihre Meinung ist die einzige, die wirklich zählt. Sie sprechen schlecht über meinen Mann. Sie drängen sich mir regelrecht auf. Sie sind überheblich und selbstgefällig wie früher und glauben mich wie ein Kind behandeln zu können."

"Ich dachte, wir hatten uns bereits darauf geeinigt, dass Sie kein Kind mehr sind", gab er ruhig zurück.

Hermines Entrüstung wuchs durch diese Worte nur um so mehr.

"Ach ja, genau, Sie kamen ja zu diesem Ergebnis, weil ich Brüste aufzuweisen habe. Wirklich sehr intelligent von Ihnen - aber dennoch können Sie scheinbar nicht darauf verzichten, mich spüren zu lassen, wer hier das Sagen hat, nicht wahr, Snape? So schnell können Sie nicht aus seiner Haut - das würde ja auch den Ruf zerstören."

"Ich habe keine Ahnung wovon Sie sprechen", gab er jetzt ungehalten zurück.

"Wovon ich spreche? Das will ich Ihnen sagen - ich spreche davon, welch perverses Vergnügen es Ihnen bereitet, mich dazu zu zwingen ein Wort wie Sexträume auszusprechen. Das ist krank - Sie sind krank!" Er hatte die Unverfrorenheit, auf ihren Ausbruch mit einem selbstgefälligen Lächeln zu reagieren. Hermine spürte, wie der Knoten aus Wut in ihrem Magen sich noch ein Stückchen enger zusammenzog. Snapes Stimme klang amüsiert, als er jetzt sprach.

"Da Sie mich eben wieder mit meinen Nachnamen, ohne den dazugehörigen Titel angesprochen haben, halte ich es für besser, wenn Sie mich ab sofort Severus nennen - Hermine."

Über diesen unerwarteten Themenwechsel irritiert, und über seinen Vorschlag gänzlich schockiert, fand sie erst einmal keinen Atem um ihre Antwort hervorzubringen.

Daher schüttelte sie stumm den Kopf und legte eine gehörige Portion Hass in ihre Augen, was er dennoch nicht zu bemerken schien.

Er wollte gerade weitersprechen, als sie sich endlich in der Lage sah zu antworten und ihm rigoros das Wort abschnitt: "Sie werden mich nicht Hermine nennen! Und ich Sie schon ganz bestimmt nicht...bei Ihrem Vornamen!" Er schien genau diese Reaktion erwartet zu haben und seine Stimme wurde eiskalt und schneidend.

"Gut, dann nennen Sie mich gefälligst Professor! Ansonsten werden Sie mich kennenlernen!" Der Knoten in Hermines Magen schien kurz vor dem Zerreißen.

"War das eine Drohung? Sie sollten jetzt sofort meine Wohnung verlassen - Professor!"

Snape erhob sich so blitzschnell von seinem Sessel, dass Hermine unweigerlich zurückwich, weil sie glaubte, er würde sie angreifen wollen. Statt dessen ging er wortlos zur Tür, öffnete sie und verschwand ohne ein weiteres Wort, wobei er die Tür leise ins Schloss zog. Hermine ließ sich erschöpft auf die Couch sinken und vergrub den Kopf in ihren Händen. Ein Gefühl des Schwindels hatte sie erfasst und ihr wurde klar, dass sie vor lauter Wut nicht einen Gedanken daran verschwendet hatte, herauszufinden, warum er diese Informationen über ihre Träume so vehement eingefordert hatte.

tbc