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Ich stürmte die Treppe nach unten, getrieben von meiner Wut. Nicht nur, dass ich die halbe Nacht wegen ihm nicht schlafen konnte, wie konnte er es wagen ohne meine Erlaubnis mein Zimmer zu betreten! Ich riss die Tür zur Bibliothek auf, in der festen Meinung ihn dort anzutreffen. Doch außer der schwarzen Katze war niemand dort, und die sprang ob meines abrupten Eindringens in die Höhe und stellte fauchend alle Haare auf. Drohend stand sie vor mir, aber ich war nicht in Stimmung mir von seinem Schmusekätzchen Angst machen zu lassen. „Ach halt doch die Klappe!" Fuhr ich sie an und tatsächlich zog sie sich, wenn auch unter Protest, hinter den Schreibtisch zurück.

Also hier war er nicht! Ich setzte meine Suche fort. Die Tür zum Keller ließ ich aus, mit Schaudern erinnerte ich mich an das unheimliche Geräusch aus der Tiefe. Ich hatte kein Verlangen, da noch mal runterzusteigen. Blieb nur mehr die Tür zum Speisezimmer und noch drei Andere, die Eingangstür mit Eingeschlossen. Doch die Strich ich als Möglichkeit, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass er sich bei Tageslicht draußen aufhielt. Welche sollte ich zuerst nehmen? Ich wählte das Speisezimmer, aber es war leer. Ich wollte schon gehen, als mir auffiel, dass für eine Person am Tisch gedeckt war und auf dem Teller ein Zettel lag.

Ich nahm das Blatt in die Hand und faltete es auseinander. Die Handschrift war schön und kraftvoll geschwungen. Eine Nachricht von Wylde.

Liebe Miss. Smart!

Zu meinem Bedauern riefen mich dringende Geschäfte fort. Ich bitte Sie weiter mein Gast zu sein. Mich selbst können Sie erst gegen Abend erwarten. Verzeihen Sie mir meine Unhöfflichkeit.

Ihr untertänigster Sebastian Wylde

Er war gar nicht da. Enttäuschung machte sich in mir breit. Ich würde ihn vor dem Abend gar nicht zu Gesicht bekommen. Ich sollte hier bleiben. Genau, dass stand in seiner Nachricht, aber ich musste meinen Chef anrufen und ihm Bericht erstatten. Ob er mir erlaubte noch hier zu bleiben? Ich hoffte es, denn trotz aller Merkwürdigkeiten, wollte ich Wylde unbedingt wiedersehen. Oh Mann, ich war in den Kerl wirklich verschossen.

Rasch Frühstückte ich und lief dann nach oben. Seinen Brief nahm ich mit, romantisch wie ich bin, wollte ich ihn behalten. Ich holte meine Autoschlüssel und Handtasche. Ich sperrte meinen Wagen auf, schwang mich hinters Steuer und startete. Bevor ich losfuhr warf ich noch einen Blick auf das Haus. Mir war so als würde mich jemand beobachten, aber ich konnte niemanden sehen. Vielleicht wünschte ich mir auch nur, dass mich wer – nein nicht wer, sondern er, beobachtet. Ich schalte mich eine romantische Kuh und gab Gas.

Mein Handy hatte ich auf den Beifahrersitz gelegt und immer wieder warf ich einen Blick darauf um zu sehen, ob ich einen Empfang hatte. Doch erst auf der Strasse erschien der erste zögerliche Strich. Sofort bremste ich und hielt an der Seite an. Eilig tippte ich die Nummer vom Büro ein und wartete auf das Freizeichen. Der Praktikant meldete sich, seine Stimmung war auf dem Nullpunkt, man hatte ihm auch heute meine Arbeit aufgehalst und er war damit Hoffnungslos überfordert. Nach ein paar Versuchen gelang es ihm mich mit dem Chef zu verbinden, der mich sofort mit einer Schimpftirade eindeckte, bevor ich zu Wort kommen konnte. Ich nutze die kurze Pause, die er zum Luftschnappen brauchte und erklärte ihm den Stand der Dinge hier vor Ort. Er hörte aufmerksam zu, brummelte noch was von am Ball bleiben ins Telefon und legte auf.

Als nächstes rief ich eine Freundin an und bat sie sich um Ernest zu kümmern. Wie es aussah blieb ich noch auf dem Wyldschen Anwesen. Innerlich machte ich einen Freudensprung. Eine weitere Nacht in seinem Haus, bei ihm. Rasch wendete ich den Wagen und fuhr in rasantem Tempo zurück zum Haus. Dort stand ich unschlüssig bei meinem Auto. Was sollte ich jetzt tun? Wylde war nicht da und würde voraussichtlich erst am Abend zurückkehren. Es war gerade mal halbelf.

Auch wie gestern war heute ein besonders schöner Tag und ich dachte mir ich könnte ein bisschen die Gegend erkunden. Überhaupt so am Haus entlang in den Wald hinein, dort wo in der Nacht Wylde gegangen war. Ich ging über die Einfahrt auf den Wald zu. Zuerst war da nichts zu sehen. Nur dicht beieinander gedrängte Bäume. Doch als ich um das Hauseck bog, offenbarte sich mir ein kleiner Trampelpfad. Sehr schmal und nicht oft genutzt, so wirkte er auf mich. Ohne zu zögern folgte ich dem Weg.

Schon bald war es um mich fast vollkommen dunkel, so dicht standen die Bäume hier. Ein Blick zurück bestätigte meine Befürchtung, dass Haus war nach wenigen Schritten nicht mehr zu sehen. Ich ging dennoch weiter, getrieben von einer inneren Ahnung hier etwas zu entdecken. Immer tiefer ging es in den Wald, vorbei an einem kleinen Bach. Hier lichteten sich die Baumreihen eine Spur und der Platz hatte durchaus was idyllisches. Bis ich das Reh entdeckte. Das Tier war tot. Es sah so aus als würde es am Ufer nur etwas ausruhen, wäre nicht die klaffende Wunde am Hals gewesen. Irgend ein großes Raubtier hatte ihm die Kehle aufgerissen. Fliegen hatten sich zu Hauff eingefunden und labten sich an dem Kadaver.

Mich schauderte und ich wandte mich ab. Das ist das Werk eines Vampirs, flüsterte meine innere Stimme. Was sollte ich tun? Weg gehen und Wylde nie wieder sehen? Das konnte ich nicht. Das wollte ich nicht! Ich ignorierte meine innere Stimme, brachte sie zum Schweigen und folgte weiter dem Pfad. Es ging noch tiefer in den Wald, ich war von Bäumen umschlossen. Nur dieser etwas bessere Trampelpfad war das einzige was sich unerbittlich zwischen den Bäumen hindurchwand. Sollte ich den Weg verlassen, war ich verloren.

Eine Ewigkeit später, ein Blick auf die Uhr bestätigte mir, dass ich seit gut zwei Stunden durch diesen Urwald lief, begannen sich die Bäume zu lichten. Ich trat auf eine Wiese und sah in der Ferne das Dorf Heaven. Auch in der Wiese konnte ich Spuren entdecken und die führten zum Dorf. Wylde war gestern ins Dorf marschiert. Ich eilte den Pfad zurück, doch es war schon spät, als ich beim Haus heraustrat, schon kurz vor vier. Die Sonne neigte sich bereits den Bäumen zu.

Ich ging hinein, um mir was zum Trinken und Essen zu suchen. Doch vor Schreck prallte ich von der Eingangstür beinahe wieder zurück. Direkt dahinter stand Wylde und blickte mich finster an.