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Wieder einmal stand ich mit dem Rücken an einer Tür. Ich schluckte. Er schien über irgendwas sehr wütend zu sein. Langsam rückte er näher. Er stützte seine Hände links und rechts von meinem Kopf ab und beugte sich ganz dicht über mein Gesicht. „Ich habe Sie gewarnt! Sie sollten ihre Neugierde bezähmen!" Unerschrocken blickte ich ihm in die Augen, was ein Fehler war. Waren da kleine goldene Punkte um seine Iris? Energisch riss ich mich zusammen. „Und?" „Nun, sind Sie bereit die Konsequenzen zu tragen?" Ich hatte keine Ahnung was er damit meinte und hob meinen Kopf noch eine Spur ihm entgegen. „Natürlich!" Wisperte ich fast schon an seinen Lippen. „Gut!" Sagte er noch, ehe er seinen Mund fest auf meinen presste.

Er zwang meine Lippen auseinander und erforschte das Innere meines Mundes gründlich. Mir wurden die Knie weich und ich hatte das Gefühl den Boden unter den Füssen zu verlieren. Meine Hände drückte ich gegen die Tür um Halt zu finden. Nur durch unsere Münder verbunden, so standen wir da. Abrupt beendete er den Kuss, drehte sich um und ließ mich stehen. Außer mir vor Wut und Leidenschaft, sah ich rot. Wie konnte er es wagen mich so stehen zu lassen.

Mit drei Schritten hatte ich ihn eingeholt. Ich packte ihn beim Kragen seines weißen Hemdes und zog ihn zu mir runter und küsste ihn nun meinerseits. Tief drang ich mit meiner Zunge in seinen Mund vor. Ich spürte, dass es ihn nicht kalt ließ. Schnell riss ich mich los, bevor ich die Kontrolle verlor und ließ ihn stehen. Ich eilte die Stufen nach oben und hatte schon den ersten Absatz erreicht, als mir auffiel, dass er mir folgte. Ich beschleunigte meinen Schritt und lief immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hoch. Er auch, nur wählte er die andere Treppe nach oben.

Mir begann die Jagd zu gefallen, obwohl ich das Opfer und er der Jäger war. Nur wusste ich noch nicht ob ich gefasst werden wollte. Er war viel schneller als ich und doch ließ er mir einen Vorsprung. Er liebte die Jagd, dass konnte ich in seinem Gesicht sehen, als ich mich kurz zu ihm umwand, um festzustellen, wie nahe er schon war. Ich erreichte meine Zimmertür und öffnete sie. Bevor ich sie hinter mir zuschlug, rief ich ihm noch zu. „Komm ja nicht hier rein!"

Das war keine Warnung, sondern eine Herausforderung. Ich wich zurück bis zu meinem Bett, als die Tür aufflog und krachend gegen die Wand schlug. Drohend kam er auf mich zu. Mit einer Hand fasste er nach der Tür und schlug sie seinerseits zu. Ich war gefangen. Heftig ging mein Atem. Dicht vor mir blieb er stehen und sah auf mich herab. Bevor er etwas tun konnte, hatte ich schon meine Hände gehoben und sein Hemd gepackt. Mit einem Ruck riss ich es auseinander und entblößte seine Brust.

Überrascht blickte er mich an. Seine Augen hatten sich verdunkelt. Sebastian fuhr mit den Händen am V-Ausschnitt meines T-Shirts entlang und zeichnete mit den Fingerspitzen die Ränder nach. Plötzlich packte er meinen Ausschnitt und riss das Shirt in der Mitte durch. Ich holte keuchend Luft und meine Brust hob und senkte sich bebend. Unwillkürlich blieb sein Blick an meinem Busen haften. So standen wir voreinander. Ich hob meine Hände und schob sie unter sein offenes Hemd. Zärtlich streifte ich es ihm von den Schultern und ließ es zu Boden gleiten. Meine Hände wanderten über seine Brust, wo ich ausgiebig jeden Muskelstrang und jede Vertiefung berührte. Erst bei seinem Hosenbund angelangt hielt ich kurz inne und sah hoch zu ihm.

Sebastian packte meine Hände und schob sie fort. Dann stieß er mich fast grob auf das Bett und warf sich über mich. Nun übernahm er die Führung. Seine Hände und sein Mund erforschten meinen nur zu willigen Körper. Jede Berührung entlockte mir einen Ausruf der Verzückung. Mit den Lippen wanderte er meinen Hals entlang, zärtlich knabberte er mit den Zähnen an meiner Haut. Vor allem an der heftig pulsierenden Halsschlagader blieb er hängen.

Dann richtete er sich über mir auf und ich konnte seine langen Zähne sehen. Er war ein Vampir, ohne Zweifel und er würde mich jetzt töten. Eigentlich müsste ich doch angesichts dessen Todesangst verspüren, doch nichts dergleichen fühlte ich. Im Gegenteil, ich wollte das er es tat. Ich schloss meine Augen und erwartete den Biss. Die Sekunden verstrichen und nichts geschah, vorsichtig blinzelte ich ihn unter halb geschlossenen Lidern an.

Er rollte mit einem Fluch auf den Lippen zur Seite. „Verschwinde!" Zischte er mich an. Wut und Enttäuschung flammten in mir hoch. „Nein!" Erwiderte ich bestimmt. „Du schuldest mir eine Erklärung!" Sebastian setzte sich auf und blickte auf mich herab. „Ich schulde dir nichts, gar nichts!" Erwiderte er wütend. Er sprang vom Bett und schnappte sich sein Hemd. Wortlos streifte er es sich über. „Sag mir nur eins – Bist du ein Vampir?" Überrascht drehte er sich zu mir um. Ich konnte die Wahrheit in seinen sonst so leeren Augen sehen. Er war ein Vampir! „Bevor die Dunkelheit einsetzt solltest du fort sein!" Sagte er mir mit vollkommen ruhiger Stimme und verließ den Raum.

Ich war so wütend und durcheinander, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ein Dauerzustand in diesem Haus. Ich sprang ebenfalls aus dem Bett und rannte ihm so wie ich war hinterher. Er hatte schon beinahe den unteren Treppenabsatz erreicht. „Ich werde nicht gehen!" brüllte ich hinunter. Sebastian blieb stehen und blickte zu mir hoch. „Dann hast du dein Schicksal besiegelt." Er hob kaum seine Stimme und doch war sie klar und deutlich zu hören. Mir zitterten die Knie von seinen Worten. War ich dazu bereit?

Wortlos kehrte ich in mein Zimmer zurück und hob mein nun nutzloses T-Shirt vom Boden auf. Seufzend sank ich aufs Bett, eine Träne rann über meine Wangen und eine zweite folgte. Irgendwie war mir alles zuviel. Dieses emotionale Rauf und Runter in der letzten Stunde nahm mich ganz schön mit. Was sollte ich tun? Gehen, zurück in mein altes Leben, dass gerade mal einen Tag her ist und mir so weit weg erscheint. Oder in ein neues völlig unbekanntes und unfassbares Leben hier. Oder den Tod.

Ich ging zum Fenster und öffnete die Vorhänge. Die Sonne verschwand bereits hinter den Bäumen, schon bald würde die Dämmerung einsetzen. Einige Wolken zogen über den Himmel und kündeten als schlechte Vorboten, denn schon bald kommenden Regen an. Morgen würde keine Sonne scheinen. Ob das ein Zeichen war? Vampire sehen nie die Sonne, sie ist ihr tödlichster Feind. Ihre Sonne ist der Mond.

Ich zehrte meine Tasche aus dem Schrank und warf wahllos meine Sachen rein. Dann lief ich ins Badezimmer und holte den Rest meiner Sachen. Mit diesen in den Händen setzte ich mich aufs Bett. Sollte ich das wirklich tun, einfach weglaufen? Hier eröffnete sich mir eine völlig neue, wenn auch fremdartige, Welt. Ich ließ meine Sachen, Deo, Haarspray, Haarbürste und Make Up zu Boden gleiten. Wenn ich jetzt gehe, komme ich nie mehr zurück, dass wusste ich.

Ich dachte an mein Leben und was mich erwarten würde wenn ich ging. Da war Ernest und meine Eltern, die ich in regelmäßigen Abständen besuchte. Und natürlich meine Freunde Isabella, Richard, Julia und Georg. Wir unternahmen viel zusammen. Georg und Julia waren ein Paar. Ich selbst war einen Zeitlang mit Richard zusammen, aber es ging nicht gut. Dann gab es auch noch meinen Job, aber den würde ich nicht wirklich vermissen.

Und hier war Sebastian.