6. Kapitel
Winkelgasse
"Warum bist du nicht zu mir ins Büro gekommen?" Harry sah Hermine mit durchdringenden Augen an.
Zwischen ihnen dampfte die Suppe auf dem Tisch, die Hermine schnell gewärmt hatte als Harry endlich heimgekommen war. Er hatte sie noch nicht angerührt, obwohl er Hunger haben musste.
Auch Hermine empfand einen gewissen Widerwillen bei diesen Temperaturen eine heiße Suppe zu essen, doch nach Snapes Besuch war sie nicht in der Lage gewesen sich auf irgendetwas zu konzentrieren, und sei es auch nur auf die Zubereitung eines Essens. Falls er damit bezweckt hatte sie durcheinander zu bringen, dann war ihm diese außerordentlich gut gelungen. Doch eine leise Stimme in Hermines Kopf fragte stetig, warum er so etwas wohl tun sollte. Er hatte sich immerhin auf den Weg zu ihr gemacht. Er hatte Hogwarts verlassen um zu ihr zu kommen. Und er hatte einen Anzug getragen. Allein der Gedanke daran erzeugte inzwischen fast ein schlechtes Gewissen bei ihr, weil sie ihn so schlecht behandelt hatte, denn sie ahnte, dass Tragen von Muggelkleidung eher ungewohnt für ihn war. Doch dieser Mann hatte nicht einmal versucht sich zu rechtfertigen, als sie ihm vorwarf, ein perverses Vergnügen daran zu haben, sie zu erniedrigen. Wozu sollte sie sich also noch weiter Gedanken über ihn machen - er war es nicht wert.
Dennoch hatte sie das Gefühl, dass hinter seinem Besuch mehr gesteckt hatte. Warum hatte sie nicht beizeiten versucht herauszufinden, was der eigentliche Grund war? Warum hatte sie keinen klaren Kopf fassen können? Doch hatte sie das je gekonnt, wenn er sie auf seine abfällige Art behandelt hatte? Hermine wusste, dass sie Harry besser nichts von diesem ungewöhnlichen Besuch erzählte - es war ihre Schuld gewesen, dass es überhaupt soweit gekommen war. Hätte sie keinen Kontakt zu Snape aufgenommen, hätte er mit Sicherheit nicht plötzlich einfach vor ihrer Tür gestanden. Vielleicht war es ein riesiger Fehler gewesen nach Hogwarts zu gehen und ihm von ihren Träumen zu erzählen. Sie hatte sich in die denkbar schlechteste Position begeben, in die man sich einem Menschen wie ihm gegenüber begeben konnte. Was, wenn er jetzt glaubte erneut ein demütiges Opfer für seine Spielchen in ihr gefunden zu haben? Hermine fühlte sich momentan nicht in der Lage einem solchen Gegner die Stirn zu bieten.
Er sollte sie in Ruhe lassen - in ihren Träumen, sowie im echten Leben - einfach nur in Ruhe lassen. "Isst du nichts?" Hermine hatte gar nicht gemerkt, dass Harry inzwischen zu essen begonnen hatte. Seine Brille war etwas beschlagen von dem immer noch warmen Dampf.
"Ich warte nur bis sie etwas abgekühlt ist", gab sie zurück, um ihre Starre zu erklären.
"Miller sagte mir, dass du mich besuchen wolltest. Er war sehr überrascht als ich ihm Abends sagte, dass du dich nicht hast blicken lassen."
Hermine wusste, dass er nicht wirklich eine Antwort erwartete. Sie blickte Harry in die Augen und erkannte Besorgnis darin. Er sah gut aus, ihr Harry. Jung, voller Tatendrang, attraktiv, nicht immer so einfühlsam wie sie es sich wünschte, doch sie machte es ihm auch alles andere als leicht, wie sie voller Selbstvorwurf feststellte. Innerlich schrie sie sich selbst an - warum konnte sie nicht mehr Leidenschaft für ihn empfinden? War es doch ein schrecklicher Fehler den Mann zu heiraten, der all die Jahre ihrer Kindheit wie ein Bruder für sie gewesen war? Sie wusste, dass er sie ehrlich begehrte.
Zu Anfang hatte er frivole Scherze darüber gemacht, dass er ihr nun auch ein paar Dinge beibringen könnte, die sie wohl noch nicht kannte - er meinte dies sei ein gerechter Ausgleich für all den Nachhilfeunterricht, den sie ihm in der Schule gegeben hatte. Doch aus den erotischen Lehrstunden wurde schnell eine Quelle der Unzufriedenheit. Harry war ein sanfter Liebhaber. Er versuchte ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Doch all seine Zärtlichkeit konnte ihr dennoch kein tiefes sexuelles Gefühl entlocken. Es lag an ihr - dachte sie wieder einmal - Harry hatte alles richtig gemacht. Und nun? Nun spielte sie ihm manchmal vor, was er so gerne hören wollte. Dass er dies als Lüge erkannt hatte, hatte er ihr einen Tag zuvor mit seiner Frage nach ihrem Orgasmus zu verstehen gegeben. Kein Orgasmus - kein wildes Verlangen. Dabei wusste sie, dass sie sich selbst sehr wohl Lust verschaffen konnte - dies war ein Trost, wenn er auch nicht sonderlich zu einer erfüllten Partnerschaft beitrug, denn sie hätte ihm dies auf keinen Fall gestehen können - er hätte geglaubt, es läge an ihm - und das tat es nicht - es lag an ihr - nur an ihr.
Harry sprach nun aus, worauf sie schon seit seiner Bemerkung wegen ihres ausgebliebenen Besuchs in seinem Büro wartete.
"Du hast dir wieder die Unfallstelle angesehen. Hermine, das ändert doch nichts. Es ist nun einmal passiert. Inzwischen sind Monate vergangen. Ich kann verstehen, dass du oft daran denkst, aber es sollte weniger werden - deine Erinnerungen sollten langsam verblassen."
Hermine spürte wie ihr Herz sich zusammenzog: "Verblassen? Erst einmal müsste ich eine Erinnerung haben, ehe sie verblassen kann. Verstehst du nicht - ich muss wissen, was genau geschehen ist!"
Harry blieb völlig ruhig und seine Stimme klang, als würde er mit einem trotzigen Kind sprechen: "Wir waren bei verschiedenen Magiern, die versucht haben deine Gedanken zurückzubringen - es hat nicht geklappt. Weißt du was ich glaube, Hermine - es gab gar keine besonderen Gedanken und Ereignisse. Du warst einfach auf dem Weg zum Ministerium, als ein betrunkener Muggel dich angefahren hat - Punkt."
"Du sagst also, dass ich mir alles nur einbilde? Wie hättest du dich gefühlt, wenn Ron und ich damals, als deine Narbe schmerzte, immer gesagt hätten, dass du dir dies alles nur einbildest. So real wie dein Schmerz war, so wirklich ist meiner jetzt."
"Ich wusste damals wer meine Schmerzen hervorrief. Wer ruft sie bei dir hervor? Was ruft sie bei dir hervor? Kannst du das alles nicht ablegen und einfach...ach, ich weiß auch nicht!" Harry klang nun verzweifelt und wütend gleichermaßen.
Hermine sah ihn resigniert an, dann hatte sie die nächsten Worte ausgesprochen, obwohl sie seine Antwort schon genau kannte: "Harry - ich will ein Kind."
"Nein, es ist zu früh. Ich will noch kein Kind. Und du...du musst erstmal mit dir selbst klarkommen - ein Kind wäre eine zu große Belastung."
Hermine schwieg. Ihre Gedanken waren alles andere als freundlich. Der große Harry Potter entschied also wieder einmal für sie beide.
"Ich gehe ins Bett", sagte Hermine leise.
Harry gab keine Antwort - er wusste, dass dies keine Einladung an ihn gewesen war, sie zu begleiten.
Hermine fühlte sich schuldig. Sie sah im Geiste Harry immer noch am Tisch sitzen - die Suppe war schon längst kalt und er fragte sich, warum seine Frau immer verrückter wurde.
Leise begann sie zu weinen. Während ihrer Schulzeit und des Studiums hatte sie immer wieder gesagt bekommen wie intelligent sie sei - die klügste Hexe weit und breit. Was war sie jetzt? Ein hysterisches Wrack, das nur mühsam durch den Tag kam, ohne in haltlose Heulanfälle auszubrechen. Was ihr passiert war, passierte so vielen Menschen - die brachen nicht zusammen. Die hatten nicht das Gefühl etwas unglaublich Wichtiges verloren zu haben.
Sie hatte Lebenszeit verloren, doch sie war nicht gestorben. Was gab es hier also zu trauern? Hermine schloss schnell die Augen als sie bemerkte, dass Harry das Schlafzimmer betrat. Er legte sich neben sie und sie spürte seine Wärme. Es tat gut ihn zu fühlen. Eine Zeit lang hoffte sie, er würde sie berühren, aber nach wenigen Minuten hörte sie seinen Atem regelmäßiger und langsamer werden. Er schlief. Dies war ihr noch lange nicht vergönnt. Erst als der Morgen bereits dämmerte glitt sie in den Traum hinüber.
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Sie badete in einem See. Das Wasser war kühl und umspielte angenehm ihre Haut. Sie spürte, dass sie völlig nackt war. Hermine genoss diese Freiheit. Die Wasseroberfläche spiegelte den blauen Himmel wieder. Plötzlich wurde sie durchbrochen und jemand tauchte vor ihr auf. Es war Snape. Seine Haare strich er mit einer Handbewegung zurück und dann schwamm er ganz dicht an sie heran, so dass sie seinen Körper spüren konnte. Es war ihr nicht unangenehm als sie erkannte, dass er ebenfalls völlig unbekleidet war. Er zog sie noch näher an sich und sie konnte sein Verlangen spüren. Und auch sie war bereit für ihn. Sie wollte ihn in sich spüren. Als sie die Beine um seinen Unterleib schlang, hörte sie ihn plötzlich laut fluchen.
Es dauerte einen Moment bis sie realisierte, dass es nicht Snape gewesen war, der 'Verdammte Scheiße' gesagt hatte. Im selben Moment als sie erkannte, dass es Harry gewesen war, wurde ihr bewusst, dass sie nur geträumt hatte.
Sie blinzelte in die helle Morgensonne und erkannte, wie ihr Mann auf einem Bein hin und her hüpfte, während er den anderen Fuß mit schmerzverzerrtem Gesicht festhielt.
Als er merkte, dass sie ihn ansah, sagte er mühsam: "Entschuldige - ich wollte dich nicht wecken. Ich hab mir den Zeh unter der Tür eingeklemmt - das tut verflucht weh!"
Hermine griff zu ihrem Zauberstab und richtete ihn auf Harrys Fuß. Normalerweise versuchten sie, das Zaubern auf ein Minimum zu reduzieren. Sie hatten sich für ein Leben in Muggellondon entschieden und wollten um keinen Preis auffallen. Doch in der eigenen Wohnung konnte man schon mal Ausnahmen machen, und ein Zauber, der den Schmerz stillte war keine große Sache. Harry dankte ihr kurz und zog sich dann an. Hermine legte seufzend den Zauberstab wieder weg. Wenn sie doch nur einen Spruch für ihren tiefen Schmerz gekannt hätte. Doch für sie schien es kein Heilmittel zu geben. Scheinbar gab es für sie ebenso keine Hilfe gegen diese ewigen Träume von ihrem ehemaligen Zaubertrankprofessor. Und dies wurde langsam wirklich bedenklich. Verwirrt fragte sie sich, wie sie dazu kam so etwas von ihm zu träumen. Natürlich ließen sich Träume nicht steuern, doch selbst ihr verwirrter Geist sollte soviel Anstand besitzen, ihr nicht solch widerwärtige Träume zuzumuten.
Harry war inzwischen fertig und beugte sich über sie, um ihr einen Abschiedskuss zu geben. Sie sah ihm nach, wie er durch die Tür verschwand. Und dann ließ sie sich wieder tiefer unter die Decke gleiten, während sie ihre Beine wie ein Kind an sich zog. Das Gefühl in ihr ließ keinen Zweifel zu. Sie war erregt. Dieser verdammte Traum hatte sie erregt. Hermine zog die Decke über ihren Kopf und wollte sich am liebsten in Luft auflösen. Sie wollte nicht wahr haben was sie da so deutlich spürte, doch es dauerte lange, bis die Welle der Lust sich wieder gelegt hatte.
Als sie am Frühstückstisch saß und die Kaffeetasse in ihren Händen hielt, dachte sie darüber nach, dass sie vielleicht doch endlich Harrys Wunsch nachgeben sollte, und einen Psychologen um Hilfe bitten sollte. Wenn sie jetzt schon Lust empfand wenn sie an Snape dachte, dann wurde es höchste Zeit einen Fachmann zu konsultieren. Doch sie zog es nicht ernsthaft in Erwägung. Vielmehr gedachte sie, ihren verwirrten Geist mit literarischer Nahrung zu versorgen und ihm so die Ausflüge in unangebrachte Träume auszutreiben.
Gegen Mittag schlüpfte sie in Shorts und T-Shirt und steckte ihren Zauberumhang in eine große Badetasche. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte ihr, dass sie aussah wie eine ganz normale Muggelfrau, die auf dem Weg zum Baden war. Doch danach stand ihr wirklich nicht der Sinn. Sie verließ die Wohnung und machte sich auf den Weg zur Winkelgasse. Als sie durch das Loch in der Mauer geschlüpft war, fühlte sie sich gleich besser.
Jeder Besuch hier versetzte sie zurück in ihre Kindheit, die ihr heute so viel besser erschien als ihr derzeitiges Leben. Sie machte sich auf den Weg zu Flourish & Blotts um ihre bestellten Bücher abzuholen. Zudem nutzte sie die Gelegenheit um dort zu stöbern. Sie traf Neville Longbottom, der sich ebenfalls mit Büchern eindeckte. Hermine war froh ihn zu treffen. Obwohl er ein sehr selbstsicherer Mann geworden war, bemerkte sie seine nervöse Freude, sie ebenfalls wiederzusehen. Er berichtete ihr von einem Projekt an dem er arbeitete. Hermine hörte ihm interessiert zu, bis zu jenem Zeitpunkt als Snape den Buchladen betrat. Nie hatte sie ihn hier getroffen - warum also ausgerechnet heute?Hermine verfluchte still ihr Schicksal.
Er hatte die Tür noch nicht einmal hinter sich geschlossen, als ihre Blicke sich kreuzten. Hermine hätte sich selbst verfluchen können, als sie spürte, dass sie rot wurde. Schnell widmete sie sich wieder Neville, der ein wenig irritiert schien, als sie ihn jetzt geradezu verzückt anklimperte.
Sollte Snape doch glauben sie würde mit Longbottom flirten. Alles wäre besser, als wenn er erkannte, dass er sie derart in Verlegenheit gebracht hatte.
Hermine sah geradezu gebannt Neville in die Augen, um ihren Blick unter keinen Umständen wieder zu Snape wandern zu lassen. Doch was immer er in diesem Laden eigentlich gesucht hatte, nun kam er zielstrebig auf sie zu, denn schon nach kurzer Zeit hörte sie seine Stimme: "Guten Tag Mrs. Granger - Mr. Longbottom."
Neville fuhr herum und sah Snape überrascht an: "Professor Snape", murmelte er.
Dieser setzte nun eine bedauernde Miene auf, die so falsch war wie seine entschuldigenden Worte: "Ich störe wohl gerade...jedoch wollte ich vermeiden, dass es mir als Unhöflichkeit ausgelegt wird, wenn ich sie einfach ignoriere, wo ich doch das Vergnügen habe, direkt zwei ehemalige Schüler auf einmal hier anzutreffen...setzen Sie Ihre Unterhaltung einfach fort und beachten Sie mich nicht weiter." Snape machte jedoch keine Anstalten sich zu verabschieden.
Neville sah nun Hermine wieder an und sagte: "Ich muss mich ohnehin langsam auf den Weg machen. Hermine - ich habe mich sehr gefreut dich wieder zu treffen. Richte bitte Grüße an Harry aus. Professor, guten Tag." Damit verschwand er und Hermine kam nicht umhin, ihn für seinen schnellen Abgang zu verfluchen, denn nun stand sie Snape allein gegenüber. Er trug jetzt wieder seinen Umhang, genau wie Hermine, die den ihren vor Durchschlüpfen der Mauer übergeworfen hatte. Snape sah auf die Tasche, in der er zuvor untergebracht gewesen war.
"Wollen Sie schwimmen gehen, Mrs. Granger?" Sie wusste, dass er es spöttisch gemeint hatte, weil eine solche Tasche nicht so recht in die Winkelgasse passte. Doch die Erinnerung an ihren Traum drängte sich wieder auf und sie wurde rot, ohne sich dagegen wehren zu können. Sie spürte seinen Blick, der ihr fast wissend vorkam.
"Ich habe es eilig", sagte sie und ärgerte sich über ihre zitternde Stimme.
"Sie schienen es noch nicht sonderlich eilig zu haben, als sie Zeit für eine Unterhaltung mit Mr. Longbottom fanden - Ihre plötzliche Eile hat doch nicht etwa etwas mit meinem Erscheinen zu tun?"
"Sie halten sich eindeutig für zu wichtig - Sir. Ich habe es nicht nötig mich vor Ihnen zu verstecken!"
Er sah sie gelassen an: "Warum tun Sie es denn dann?"
Hermine war irritiert. Sie versteckte sich doch nicht vor ihm.
Gerade als sie ihm antworten wollte, fragte er in leisem Tonfall: "Haben Sie vielleicht etwas geträumt, was Ihnen Angst vor mir eingejagt hat?"
Nun war sie nahe dran, sich einfach herumzudrehen und zu verschwinden. "Wollen Sie mir davon erzählen?" hakte er nach.
"Nein! Nein, das will ich nicht! Ich meine...es gibt nichts zu erzählen! Seit wann interessieren Sie sich eigentlich so immens für Träume?"
Er schickte ihr ein kaltes Lächeln. "Seit Sie von mir träumen, Mrs. Granger - und Sie das offensichtlich sehr verwirrt."
Hermine wollte gerade antworten, da sie jedoch nicht direkt Worte fand, war sie fast schon dankbar, als ein Schüler sie um Verzeihung bat, damit er zwischen ihnen durchtreten konnte, um ein Buch über Zaubertränke aus dem Regal zu nehmen.
"Das stellen Sie mal schnell wieder zurück!" fauchte ihn Snape plötzlich an. Der Schüler riss überrascht die Augen auf und erkannte wohl jetzt erst seinen Zaubertranklehrer.
Die roten Sommersprossen des Jungen waren inzwischen schon kaum noch zu erkennen, weil der Rest seines Gesichtes eben diese Farbe angenommen hatte.
Er hielt das Buch leicht in die Höhe und stammelte: "Aber ich wollte es nur um einige Dinge nachzulesen...nicht für den Unterricht, Sir."
Snapes Augen blitzten kalt, dann nahm er ein Buch aus dem Regal, das sehr viel älter und unscheinbarer wirkte als das, was der Junge in den Händen hielt. Er streckte es seinem Schüler entgegen.
"Wenn Sie etwas über Tränke lesen möchten, was nicht in den schulischen Lehrbüchern steht, dann sollten Sie eines nehmen, das jemand verfasst hat, der jahrelang praktiziert hat - nicht das von einem Autor, der dank seines einflussreichen Vaters ein miserables Manuskript zu einem Buch ohne faktischen Hintergrund machen konnte."
Der Junge sah sich jetzt das Cover seines Buches an und stammelte erneut: "Aber...das ist im Moment der Bestseller, Sir!"
Snape hielt ihm immer noch das Buch entgegen, das er aus dem Regal gezogen hatte und sagte ungeduldig: "Da können Sie mal sehen, welche Auswirkungen Reichtum und Einfluss auf die Verkäuflichkeit eines Buches haben können; und wie fatal dies unsere Bildung beeinflusst. Also, es ist allein Ihre Entscheidung - wollen Sie einem Blender noch mehr Geld in den Rachen stopfen und seine falschen Erkenntnisse verinnerlichen, oder wollen Sie echte Kunst kennen lernen, die sich durch präzise und schweißtreibende Arbeit entwickelt hat?"
Der Junge sah noch einmal kurz auf sein Buch, auf dessen Cover sich vielversprechend zwei Reagenzgläser gemeinsam in einen Tiegel ergossen, aus dem sogleich vielfarbiger Rauch aufstieg, dann stellte er es, offensichtlich schweren Herzens zurück und griff nach dem Buch, das Snape ihm entgegenhielt.
"Danke", murmelte er leise und ging lustlos Richtung Kasse.
Nun wandte Snape sich wieder Hermine zu. Diese schüttelte ungläubig den Kopf.
"Da haben Sie dem jungen Mann aber ganz toll die Entscheidung gelassen", sagte sie spöttisch.
"Er hatte die Wahl", sagte Snape schulterzuckend.
"Nein, die hatte er nicht! Sie haben ihn ja regelrecht genötigt. Muss eigentlich immer alles nach Ihrem Willen gehen? Können Sie anderen Menschen nicht einfach mal zugestehen, ihre eigene Meinung zu haben?"
Snapes Augenbrauen zogen sich ärgerlich zusammen. "Er hätte einen Fehler gemacht, wenn er das Buch genommen hätte..."
"Jeder hat das Recht seine eigenen Fehler zu machen!" fuhr sie ihn plötzlich an.
Sein Lächeln wurde nun zynisch: "Sie wissen wohl wovon Sie reden, Mrs. Granger. Sie haben immerhin den größten Fehler gemacht, den man sich überhaupt vorstellen kann."
Hermine ahnte schon, dass nichts Gutes dabei herauskäme wenn sie darauf reagieren würde, doch auch wenn sie nicht nachfragte was er damit meinte, so konnte sie nicht verhindern, dass er anfügte: "Sie haben den Fehler gemacht Harry Potter zu heiraten."
tbc
