7.
Stolz
Nach seiner letzten Beleidigung hatte Hermine sich darauf verlegt, diesen Mann einfach zu ignorieren. Wortlos hatte sie sich herumgedreht und war zur Kasse gegangen. Er war wohl überrascht gewesen, dass sie nun einfach ging, denn sie hatte gehört wie er hinter ihr zischte: "Das war verdammt unhöflich, Mrs. Granger.
Dieser Mann war die Unhöflichkeit in Person, also sollte ihr Abgang ihm nicht sonderlich zu schaffen machen - und falls doch - um so besser!
Hermine legte ihre Bücher auf die Ladentheke und suchte ihr Geld heraus. Als sie in ihren Geldbeutel sah, durchfuhr sie ein Schreck. Dort fand sie jede Menge englische Pfund, doch offenbar hatte sie vergessen, ihr Zauberergeld einzustecken. Wie sehr sie auch in den Münzen wühlte, sie fand nicht einmal ein paar Knuts. Der Mann an der Kasse sah sie schon ungeduldig an und Hermine spürte, wie ihr langsam entsetzlich heiß wurde.
"Nehmen Sie vielleicht ausnahmsweise Muggelgeld?" fragte sie beklommen.
Der Mann schüttelte ungeduldig den Kopf.
Hinter Hermine legte jemand nun einen Haufen Münzen auf die Theke und schob sie dem Kassierer entgegen.
"Ich bezahle für die junge Dame", hörte sie die Stimme von Snape.
Der Mann an der Kasse griff nach dem Geld und gab Hermine mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie die Bücher nun mitnehmen könne.
Hermine griff auch nach dem Stapel Bücher, schob sie dann jedoch entschieden dem Kassierer entgegen und sagte: "Geben Sie dem Mann sein Geld wieder - ich nehme diese Bücher nicht!"
In ihren Ohren rauschte es ganz entsetzlich. Ihr war unangenehm bewusst, dass die Leute im Laden sie entgeistert beobachteten.
Tränen der Wut brannten in ihren Augen. Ihre Fingernägel bohrten sich in das oberste Buch, ohne dass sie es überhaupt bemerkte. Der Verkäufer sagte säuerlich: "Hey, wenn Sie es kaputt machen, dann müssen Sie es trotzdem bezahlen."
Hermine drehte sich jetzt weg, flüchtete in einen der kleineren Gänge und gab vor, sich einen Bildband über schottische ZaubererCottages anzusehen. Sie wollte niemandem zeigen, dass ihr Tränen über das Gesicht liefen. Doch es ging ihr weniger um den Verkäufer. Viel mehr war es Snape, dem sie diese Genugtuung nicht geben wollte - aus eben diesem Grunde war sie auch nicht aus dem Laden gestürmt und hatte ihm damit das Gefühl eines Sieges geben wollen.
Sie hoffte, er würde nun den Laden verlassen - beleidigt - zufrieden über ihre Demütigung - kopfschüttelnd über ihre Undankbarkeit - wie auch immer, er sollte einfach nur gehen!
Und genau das schien er auch geplant zu haben, als er plötzlich nach ihrem Arm griff und sie mit sich zog. Hermine war sich unangenehm bewusst, dass sie wirken musste wie ein bockiges Kind. Der einzige Grund, warum sie mit ihm ging, war der, dass sie endlich der Enge des Ladens und den neugierigen Blicken der Leute entfliehen wollte. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss schlug, entriss Hermine ihm ihren Arm und zischte: "Fassen Sie mich nicht an! Niemals wieder sollen Sie mich berühren - ist das klar?"
Er hob beide Hände zum Zeichen, dass er sie nicht mehr anfassen würde und sagte dann ruhig: "Ich wollte Ihnen nur helfen. Aber ich komme langsam zu dem Schluss, dass Sie eine hysterische Ziege sind, Mrs. Granger. Vielleicht hat Potter Sie doch verdient!"
Plötzlich spürte Hermine Schuldgefühle, weil sie Snapes Hilfe so rigoros und völlig übertrieben abgelehnt hatte - sie hätte ihm das Geld problemlos später wiedergeben können. Es war durchaus nicht unüblich sich Geld von jemandem zu leihen. Doch sie hatte es als Akt der Demütigung empfunden, als er ihr aus der Misere helfen wollte - und zudem stellte sie sich jetzt bereits wieder so unendlich blöd an. Hysterisch - eine Ziege? Ja, vielleicht hatte er Recht - doch sie würde einen Teufel tun, ihm dies zu sagen. Sollte er doch von ihr halten was er wollte. Er würde sie nicht mehr berühren und von jetzt an würde er sie auch sicher in Ruhe lassen. Als er sich nun ohne ein Wort des Abschieds abwandte und die Winkelgasse hinunterging dachte Hermine: 'Ja - verschwinde aus meinem Leben - und aus meinen Träumen!'
Doch so einfach schien der letzte Punkt gar nicht zu sein.
Als sie mit Harry abends zusammensaß, erzählte sie, dass sie in der Winkelgasse gewesen war. Sie wusste, dass er sich darüber freuen würde, dass sie wieder Dinge tat, die für sie typisch und somit letztendlich normal waren. Er hörte ihr interessiert zu und als sie die Grüße von Neville ausrichtete, fragte er nach, ob sie sonst noch jemanden gesehen habe, den sie kannten.
Hermine zögerte kurz, dann sagte sie: "Ja, ich habe Professor Snape getroffen."
Harrys Miene hatte sich fast augenblicklich verzogen, als habe er einen üblen Geruch in der Nase.
"Von allen anderen, die wir aus unserer Schulzeit kennen, musst du ausgerechnet den treffen? Ich hoffe das hält dich nicht davon ab, wieder öfter die Winkelgasse zu besuchen. Hat er denn wenigstens gegrüßt, oder hat er so getan als würde er dich nicht mehr kennen?"
"Doch, doch - er hat gegrüßt..."
Harry lachte
spöttisch auf: "Er weiß mit Sicherheit nicht, dass
wir verheiratet sind, sonst hätte er dich nicht einmal gegrüßt,
wetten?" Hermine schwieg dazu lieber, denn sie wusste es
inzwischen besser. Nicht nur, dass er sie trotz dieser Tatsache
grüßte, er hatte ihr sogar seine Hilfe angeboten und sie
hatte sich mehr als dämlich verhalten. Harry schien in seine
eigenen Überlegungen verstrickt: "Vielleicht hätten
wir doch groß feiern sollen...bereust du unsere Entscheidung,
die Hochzeit nur in kleinem Rahmen zu halten?"
"Ach
Harry - ich finde unsere Entscheidung richtig. Wir waren doch beide
nicht wild auf eine große Feier."
Harry nickte zustimmend und schien einen Moment in der Vergangenheit zu stöbern. Dann sagte er schließlich: "Aber wir hatten uns vorgenommen Professor Dumbledore noch mal zu besuchen und zumindest ihn offiziell über unsere Hochzeit zu informieren. Professor McGonagall sollten wir auch aufsuchen - und jetzt, wo es dir besser geht...", er sah sie fragend an.
Hermine begriff, dass er es als Zeichen von Schwäche auslegen würde, wenn sie jetzt dem Treffen in Hogwarts aus dem Weg gehen wollte, also nickte sie zustimmend - wenn auch mit äußerster Zurückhaltung.
"Lass uns am nächsten Wochenende hinfahren", sagte Harry plötzlich mit einem sanften Lächeln.
Hermine blieb für einen Moment die Luft weg. Harry hatte schon seit Wochen keinen Ausflug mehr mit ihr machen wollen - immer stand seine Arbeit im Vordergrund - und Hermine hatte es auf seltsame Art genossen ganz für sich selbst zu sein.
Als sie mit ihrer Antwort zögerte, wurde Harry sofort aufmerksam. "Gibt es ein Problem?", fragte er nach.
"Nein - es ist nur...ich freue mich, dass du wieder Zeit für so etwas hast."
Er lächelte jetzt und zog sie an sich heran. Sie spürte die Wärme seiner Lippen, als sie sanft ihre Stirn berührten. Er gab ihr einen Kuss darauf und sagte: "Natürlich habe ich Zeit...ich habe dich viel zu oft allein gelassen, aber das wird sich ändern." Und als wolle er ihr beweisen wie ernst es ihm mit dieser Aussage war, widmete er sich ihr für den Rest des Abends mit all seiner Aufmerksamkeit. Seine Küsse fanden nun andere Ziele, als ihre Stirn. Doch hinter eben dieser drehten sich Hermines Gedanken im Kreis. Es war, als flattere ein aufgeregter Vogel in ihrem Kopf umher und würde alle anderen Empfindungen mit der Vehemenz seines Flügelschlags vertreiben.
oooooooooooooooooooooooooooo
Harry war früh erwacht am nächsten Morgen. Hermine wollte keinesfalls seine Bemühungen, sich ihr emotional zu nähern, gefährden. Mit strahlender Miene saß sie am Frühstückstisch und hörte seinen Plänen für das Wochenende zu. "Würdest du unseren Besuch auf Hogwarts ankündigen? Ich muss jetzt los", sagte er schließlich.
Hermine nickte zur Bestätigung und sah Harry nach, der schnell nach seiner Tasche griff und mit einem gehauchten Kuss durch die Tür verschwand.
Die Butter begann bereits in den warmen Sonnenstrahlen zu schmelzen, die auf den Frühstückstisch fielen. Hermine wusste, dass sie längst den Tisch hätte abräumen müssen. Aber sie konnte nicht. Sie saß nur da und ihr Kopf war merkwürdig leer.
Ausgerechnet jetzt, wo ihr letzter Besuch in Hogwarts noch so frisch war, wollte Harry plötzlich den Kontakt dorthin wieder aktivieren. Monatelang hatte er nicht einen Gedanken daran verschwendet, wie unhöflich es von ihnen gewesen war, ihre Hochzeit derart geheimniskrämerisch durchzuziehen. Nur ihre engsten Freunde und Hermines Eltern waren geladen gewesen. Ron und Ginny hatten als Trauzeugen fungiert und eine handvoll Gäste hatte dem Akt immerhin ein wenig Feierlichkeit verliehen. Hermine hatte für diesen besonderen Tag ein Kleid mit langen, spitzenbesetzten Ärmeln gewählt, weil sie die Narben nicht sehen wollte, während sie Harry das Ja-Wort geben würde. Auf eine seltsame Art machte es ihr zu schaffen, dass er ihren nackten Körper nur mit diesen Entstellungen kannte. Vielleicht rief er sich ab und an ins Gedächtnis, wie bezaubernd sie früher ausgesehen hatte - damals, auf dem Ball beim Trimagischen Turnier, als sie noch jung und schön gewesen war. Jung war sie vielleicht immer noch...aber schön?
Inzwischen hatte Hermine immerhin wieder soviel Selbstsicherheit - oder auch Trotz - an den Tag gelegt, dass sie ihrer Umwelt die Narben an ihren Armen zumutete. In den 'Genuss' ihrer restlichen Entstellungen kam nur Harry. Vielleicht war es kein Wunder, dass Hermine keine Leidenschaft empfinden konnte; denn diese hing zu einem Großteil davon ab, wie man sich selbst wahrnahm.
Und jetzt hatte sie diesen wundervollen Mann, der sie trotz allem liebte, auch noch tagelang etwas vorgelogen. Wenn sie am Wochenende nach Hogwarts fahren würden, dann hätte sie ein echtes Problem. Bis dahin waren noch ein paar Tage Zeit, und Hermine musste eine Lösung finden. Natürlich wäre es am einfachsten gewesen, Dumbledore zu bitten, ihren Besuch nicht zu erwähnen - doch dieser würde sich sicher sehr wundern, warum er nichts davon verlauten lassen sollte - und irgendwie bereitete es Hermine ein mehr als ungutes Gefühl, dass er glauben könne, Hermine wollte ihren Kontakt zu Snape vor Harry geheim halten.
'Du willst den Kontakt zu Snape vor Harry ja auch geheim halten - blöde Kuh', giftete Hermines innere Stimme erbarmungslos.
Sie stand wütend auf und räumte den Tisch in einer rekordverdächtigen Geschwindigkeit ab - reinen Tisch machen...das wäre das Beste! Im Falle von Snape und Harry allerdings wäre es wohl eher eine Katastrophe. Also blieb ihr tatsächlich nur, Professor Dumbledore zu bitten, sich nicht anmerken zu lassen, dass dies bereits ihr zweiter Besuch im Schloss seit ihrer Hochzeit war. Sie würde Hedwig mit der Botschaft allerdings erst in der kommenden Nacht losschicken können. Seit sie mit Harry in Muggellondon lebte, ging die Eule dem Leben nach, das eine normale Eule kennzeichnete. Sie schlief tagsüber in einem der angrenzenden Wälder und kam erst nach Einbruch der Dunkelheit zu ihrem Herren, um sich zu vergewissern, dass er keinen Auftrag für sie hatte. Dennoch war es immer schön, wenn der große Vogel sich durch das geöffnete Fenster gleiten ließ und verlangend den Kopf vorstreckte, um gestreichelt zu werden. Da Harry im Ministerium die Eulen der Behörde zur Verfügung standen, hatten sie Hedwigs Dienste kaum benötigt. Da waren nur ein paar unregelmäßige Briefe an ihre Freunde und an Hermines Eltern.
Als Harry am Abend heimkehrte, erkundigte er sich nach Hermines Tag. Sie hatte ihm nichts zu berichten, was von Interesse gewesen wäre - es sei denn, sie hätte eine Zusammenfassung darüber gegeben, welche Bücher sie am Nachmittag gewälzt hatte. Er schien ohnehin sehr müde zu sein und fragte sie gähnend, ob sie schon den Brief an Dumbledore geschickt hätte. Hermine verneinte und wies darauf hin, dass Hedwig sich noch nicht hatte blicken lassen.
"Sie wird schon noch kommen - kann es sein, dass sie immer später auftaucht? Naja, wenn sie sich herbequemt, dann streichle sie von mir - ich gehe jetzt ins Bett. Es sei denn...hattest du noch Pläne mit mir?" Hermine musste über seine Anspielung lachen - normalerweise lief dieses Spiel anders herum - wenn er ihr beim Abendessen mitteilte, dass er für später noch Pläne mit ihr habe, dann wusste sie, dass er ihren Körper besitzen wollte - diesen Körper, von dem sie das Gefühl hatte, dass er längst nicht mehr ihr Eigentum war. Dieser Gedanke rührte nicht so sehr daher, dass sie sich benutzt vorkäme, sondern weil sie das eigenartige Gefühl hatte, dass ihre einstige Schönheit in einer anderen Welt gefangen war. Einer Welt, die ihr unerreichbar schien und die doch einst so nah und wirklich gewesen war.
Eine halbe Stunde nachdem Harry das Zimmer verlassen hatte, tauchte Hedwig endlich auf. Hermine versorgte die Eule nicht nur mit Streicheleinheiten, sondern auch mit den unvermeidlichen Keksen. Dann setzte sie sich hin und schrieb den Brief an Dumbledore, während die Eule mit halb geschlossenen Augen dasaß und wartete.
Als Hermine endlich fertig war, befestigte sie das Schreiben an Hedwigs Bein und sagte: "Freust du dich, die alten Mauern des Schlosses auch mal wiederzusehen? Vielleicht solltest du der Eulerei einen Besuch abstatten - du wirst sicher auf viele Bekannte stoßen."
Hedwig schuhute und Hermine wertete es als Zustimmung, dann strich sie ihr noch einmal über das Gefieder, bevor der weiße Vogel in der dunklen Nacht verschwand.
Hermine saß noch einige Zeit vor ihrer Lektüre, bevor sie spürte, dass ihre Glieder schwer wurden und sie ihrer Müdigkeit Tribut zollte, indem sie sich ein paar Stunden Schlaf gönnte.
Leise ließ sie sich neben Harry sinken und kaum lag ihr Kopf auf dem Kissen, fand sie sich auch schon im Reich der Träume wieder.
Das Schloss lag im Sonnenlicht. Hermine ging neben Harry auf das Schlossportal zu. Ein Mann erwartete sie. Seine schwarze Kleidung verschmolz fast mit der Dunkelheit, die sich in der Halle hinter ihm ausbreitete. Sein Gesicht hob sich hell von der unwirklichen Kulisse ab und seine dunklen Augen strahlten keineswegs eine solche Kälte aus, wie die schattige Halle sie zu verströmen schien, sondern sie funkelten geradezu in einem feurigen Glanz.
"Da bist du ja endlich!" raunte er ihr zu.
Hermine war verwundert, dass er nur sie ansprach, wo sie doch zu zweit gekommen waren. Aber noch etwas kam ihr merkwürdig vor...sollte es nicht ein anderer Mann sein, der sie hier erwartete? Doch ihr Unterbewusstsein schien höhnisch zu fragen, wer außer Snape sie hier wohl erwarten sollte. Ein Blick zu ihrer Seite zeigte ihr, dass auch der Mann neben ihr verschwunden war. Wer war er noch gleich gewesen? Sie wusste es nicht mehr - sie sah nur Snape, der sie jetzt mit ausgestreckter Hand in Empfang nahm. Sie folgte ihm durch die leere Halle. Die Stufen, die sie hinuntergingen kamen ihr fast wie ein Heimweg vor. Als er die Tür zum Kerker aufstieß, trat er einen Schritt zur Seite, um ihr den Vortritt zu lassen. Kaum war sie eingetreten, schloss er die Tür hinter sich und packte Hermine mit beiden Händen. Sie spürte ein wildes Verlangen in sich aufsteigen. Hermine entwand sich ihm nicht, sondern ließ den Kopf willig in den Nacken sinken, als er nach ihrem Haar griff und ihren Kopf zurückzog. Sie spürte, wie seine Zähne sich in das sanfte Fleisch gruben, während seine Hand zielstrebig zwischen ihre Beine wanderte. Hermine stöhnte auf, dann bemerkte sie den Druck, mit dem er sie zu Boden drängte.
"Ich will dich hier...sofort!" hörte sie ihn befehlen.
Wohlige Schauer durchliefen sie, während er ihre Kleidung zur Seite schob und mit seinem Finger dorthin vordrang, wo sie schon mehr als bereit war ihn aufzunehmen. Als er sie auf diese Art erkundete, stöhnte sie nochmals laut auf und wurde dann mit einem energischen: "Hermine - alles in Ordnung...es war nur ein Traum", geweckt.
tbc
