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Immer noch unentschlossen saß ich auf dem Bett. Es mussten inzwischen Stunden vergangen sein. Draußen war es schon fast ganz dunkel. Ich verspürte großen Hunger, hatte ich doch seit dem Frühstück nichts gegessen. Entschlossen stand ich auf, schnappte mir ein Shirt aus dem Koffer und streifte es über. Ich fuhr mir ein paar Mal mit den Fingern durchs Haar und strafte die Schultern. Ich öffnete die Tür und blickte vorsichtig nach draußen, in der Erwartung das mich Sebastian gleich anspringt. Nichts dergleichen geschah. Der Flur war menschen- und vampirleer.

Ich schaute über das Geländer nach unten, aber auch das Treppenhaus war leer. Tief durchatmend stieg ich nach unten. Zögernd blieb ich vor dem Speisezimmer stehen, die Hand schon fast am Türgriff, als ich von drinnen seine Stimme hörte. „Komm endlich rein!" Ich faste Mut und ging hinein. Sebastian stand im Schatten am anderen Ende des Raumes und blickte schräg zu mir rüber. Ich konnte sein Gesicht nur wage erkennen. „Setz dich! Du musst hungrig sein!" Alles was er sagte klang mehr wie ein Befehl und weckte meinen Widerspruchsgeist. Schon öffnete ich den Mund um ihm zu erklären, was ich von seinem Benehmen hielt. Doch er kam mir zu vor. „Setz dich einfach und hör zu. Ich werde die, soweit es geht, alles erzählen."

Mehr brauchte er nicht zu sagen, ich sprang fast auf den Stuhl, dass entlockte ihm ein Grinsen, aber er war sofort wieder ernst und begann zu erzählen.

Ich kam 1476 auf die Welt. Geboren wurde ich in Louth, damals noch ein sehr kleines Dorf. Ich war der uneheliche Sohn eines Gutsherrn und einer Dienstmagd. Meine Mutter starb bei meiner Geburt und so nahm mich mein Vater auf. Er ließ mich mit seinen legitimen Kindern zusammen aufwachsen. Ich bekam sogar Unterricht. Als ich alt genug war übernahm ich die Pfarrei die zu seinem Gut gehörte. Ich besuchte regelmäßig die Mitglieder meiner Gemeinde und war mit meinem Leben ganz zufrieden. Nach einem meiner Besuche, ich war auf dem Weg Nachhause, es war bereits stockdunkel, aber ich fürchtete mich nicht, entdeckte ich am Wegesrand eine Kreatur. Er war in sich zusammengekrümmt und lag im Sterben wie es aussah. Ich hockte mich zu ihm um ihm den letzten Segen zu spenden, als seine dürre Hand hervorschoss und mich zu ihm nach unten zog. Ich versuchte mich zu befreien, aber er war viel stärker, als er wirkte. Ich spürte seinen ekeligen Atem an meinem Hals und dann seinen schmerzhaften Biss. Laut schreiend riss ich mich los und rannte fort, begleitete von seinem grausamen Kichern. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Schon bald setzte die Verwandlung ein. Ich wusste nicht was mit mir geschah, es tat so weh. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich starb und mein Körper sich dagegen wehrte. Unruhig lief ich im Pfarrhaus umher, getrieben von feurigen Schmerzen und unendlicher Pein. Irgendwann viel ich um und sank in einen todesähnlichen Schlaf. Erst in der folgenden Nacht erwachte ich und stand desorientiert und mit trockener Kehle auf. Ansonsten fühlte ich mich wieder gut. Ich versuchte einen Schluck Wasser zu trinken, erbrach in aber sofort wieder. Dasselbe geschah, als ich ein Stück Brot zu mir nehmen wollte.

Bis dahin glaubte ich, mir durch den Biss eine Krankheit zugezogen zu haben. In gewisser Weise stimmte das sogar. Ich bekam an diesem Abend noch Besuch, ein Mitglied meiner Gemeinde brauchte meinen Beistand und fand bei mir den Tod. Er war mein erstes Opfer. Ungeschickt, aber voller Hunger sprang ich ihn an und riss ihm fast die ganze Kehle auf. Ich schämte mich für meine Tat und begann langsam zu verstehen. Als ich die Spuren verwischte und seinen Leichnam verbarg, wurde mir klar was ich bin….

Seine Worte versetzten mir einen Stich. Ihn so über das Töten reden zu hören, schmerze wie tausend Nadeln auf meiner Haut. Ich konnte es kaum ertragen und doch muntere ich ihn auf fortzufahren.

…..ein Vampir! Dieses Etwas auf der Strasse hat mich zu dem gemacht, dass ich heute bin – ein Geschöpf der Nacht. Am selben Abend verließ ich noch mein Zuhause und ging für immer fort. Ich schlug mich in die Wälder und labte mich an einsamen Pilgern und unvorsichtigen Reisenden. Bei einem meiner nächtliche Überfälle traf ich auf Martha. Ich wollte sie beißen, doch lachend warf sie mich aufs Kreuz und setzte sich rittlings auf mich. Sie war wie ich! Sie nahm mich mit und lehrte mich ein gutes Leben unter Menschen zu führen und dabei nicht aufzufallen. Ich bin 529 Jahre alt. Ich lebe seit dieser Zeit hier, unternahm viele Reisen, war in jedem Land in Europa und durch die modernen Reisemitteln auch schon in Amerika und auf Umwegen in Asien. Doch Zuhause bin ich hier.

Es gibt sehr viele Irrtümer über uns. Wir sind weit weniger als die Geschichten und Märchen erzählen und alles andere als romantische Figuren. Ich töte um zu Leben, auch Menschen. Der einzige Grund warum du noch lebst, ist der, dass man mir unangenehme Fragen stellen wird, weil irgendeiner aus deiner Sippe hier mit Sicherheit auftaucht und das möchte ich nicht riskieren.

Bei seinen harten Worten blieb meine Hand mit der Gabel in der Luft stehen. Ich hatte mittlerweile zu Essen begonnen und dabei seiner Geschichte gelauscht. Ich ließ den Bissen unberührt zurück auf das Teller gleiten, mir war der Appetit vergangen. Ohne ihn anzusehen sprach ich ihn an. „Das war nicht der einzige Grund?" Stille senkte sich über den Raum. All meinen Mut zusammen nehmend sah ich ihn dann doch an. Sein Blick ruhte intensiv auf mir.

„Nein" War alles was er sagte.

Ich nahm die Gabel wieder in die Hand und aß weiter. Nach ein paar Bissen, sah ich ihn an. „Warum bin ich hier?" Er schien auf dies Frage gewartet zu haben. „Mir war langweilig und nebst einer guten Unterhaltung, wäre das eine gute Abwechslung in meinem Speisplan gewesen." Bei seinen Worten überlief mich ein kalter Schauer. „Hast du das schon einmal gemacht?" Er blieb mir eine Antwort schuldig, aber ein Blick in seine Gesicht genügte. Er hatte und nicht nur einmal.

Nun schob ich meinen Teller entgültig von mir, mir war der Appetit vergangen. „Wie viele?"

Gespannt sah ich ihn an, wollte ich die Antwort wirklich hören? Er sah mich an, ruhig, gleichgültig. „All die Jahre? Ich weiß es nicht. Ich habe nicht gezählt." Er trat dicht an mich heran. „Und bevor du fragst, warum nie jemand etwas bemerkt hat. Menschen verschwinden jeden Tag, auch heute noch. Manche tauchen nach ein paar Tagen wieder auf, manche nach ein paar Jahren und manche verschwinden für immer."

Ich erhob mich um ihm direkt in sein schönes Gesicht blicken zu können. „Werde ich für immer verschwinden?"